Diese Maria Augusta von Trapp muss eine unglaubliche Frau gewesen sein. Widerborstig, sprunghaft als junges Mädchen, oft fröhlich, aber unfähig, sich unterzuordnen. In späteren Jahren zielstrebig, hartnäckig und beneidenswert gut darin, immer wieder von vorn zu beginnen. Im Alter oft launisch, herrschsüchtig, laut. Aber großherzig. Eine Matriarchin, die mit eiserner Hand ihre Familie zusammenhielt. Bilder aus ihren letzten Jahren zeigen »die Baronin« mit weißem Haar, Kopftuch und dem Gesicht einer Tiroler Bergbäuerin. So also sah sie aus, die Frau, die neben Sissi die bekannteste Österreicherin sein dürfte, obwohl sie hierzulande kaum einer kennt.

Maria Augusta von Trapp wurde 82 Jahre alt und starb im März 1987 in Vermont, USA. Das Haus aber, in dem sie die entscheidenden Jahre ihres Lebens verbrachte, das steht in Salzburg. Jetzt wird es zu einem Hotel. An diesem Wochenende kommt der Erzbischof, um es einzuweihen.

An diesem Wochenende werden auch die Salzburger Festspiele eröffnet. Pierre Boulez wird ein Konzert der Wiener Philharmoniker dirigieren, die erste Opernpremiere wird natürlich ein Mozart sein, Don Giovanni; und über den Domplatz werden wieder die »Jeeederrmann!«-Rufe hallen. Das, global betrachtet, wichtigere Ereignis aber wird die Einweihung des Hotels Villa Trapp sein. Es hat auch mit Musik zu tun, indirekt jedenfalls. Denn viele Menschen in der Welt denken bei Österreich und Salzburg nicht zuerst an Mozart, sondern an Maria von Trapp, die Maria aus The Sound of Music. Rund eine Milliarde Menschen haben diese Musicalverfilmung seit 1965 gesehen. Kein Kinofilm über echte Personen war je so erfolgreich. Österreichische Politiker erzählen immer wieder gern, wie man im Ausland Edelweiß, Edelweiß zu ihrer Begrüßung spielte, die rührselige Leitmelodie des Films, weil man es für die Nationalhymne hielt.

Freilich: Auch bei der Einweihungsfeier des Hotels Villa Trapp am Freitagabend wird der eigens gegründete Villa-Trapp-Kinderchor Edelweiß, Edelweiß singen. Die Notenblätter von der Probe liegen angestaubt zwischen dem Werkzeug der letzten Handwerker, die noch schnell Türen spachteln, Badezimmermöbel montieren und die alten Holzstufen im Treppenhaus abschleifen.

Nur etwas mehr als fünf Wochen blieben den Neu-Hoteliers Marianne Dorfer und Christopher Unterkofler nämlich für den Umbau, seit die bisherigen Bewohner der Villa, die Missionare vom kostbaren Blut, ausgezogen sind. Immerhin aber hinterließen sie eine intakte Kapelle im ehemaligen Schlafzimmer der Trapps im ersten Stock. Dort können künftige Gäste des Hotels auch heiraten, mit Rundumservice inklusive Visagistin und weißem Seidendirndl, und anschließend in der 70 Quadratmeter großen Hochzeitssuite einziehen.

»Wir wollen«, sagt Christopher Unterkofler, »uns ganz auf die wirkliche Geschichte der Familie Trapp konzentrieren, nicht so sehr auf The Sound of Music.« Trotzdem haben er und Marianne Dorfer nicht nur die »Wort-Bild-Marke Villa Trapp« schützen lassen, sondern sich auch das Recht gesichert, ihr Hotel als »The Original Sound of Music Family Home« zu vermarkten. Schließlich verzeichnet die Stadt Salzburg schon jetzt jedes Jahr 1,2 Millionen Übernachtungen von Touristen, die nur kommen, um die Schauplätze ihres Lieblingsfilms zu sehen.

 

»Die Gustl hat uns alle mitgerissen, auch die Bravsten«

Die wahre Geschichte der Familie Trapp beginnt noch vor dem Ersten Weltkrieg, als der österreichisch-ungarische Marineoffizier Georg von Trapp eine junge Engländerin heiratet, Agathe Whitehead. Die beiden passen zusammen: Er befehligt ein U-Boot, ihr Vater erfand den Torpedo. Als der Krieg ausbricht, zieht die Familie von der Adria ins Salzburgische. Österreich verliert den Krieg und damit auch den Zugang zum Meer. 1922 stirbt Agathe von Trapp und lässt ihren Mann, den Kapitän ohne Boot, mit sieben Kindern zurück. 1926 sucht er eine Hauslehrerin. Ins Haus kommt Maria Augusta Kutschera, 21 Jahre alt, aus Tirol stammend, früh verwaist, in Wien von einem brutalen Vormund aufgezogen, ausgebildete Lehrerin und Novizin in der Benediktinerinnenabtei Nonnberg unterhalb der Salzburger Festung. Ihr Einzug in die Villa Trapp muss wie ein Naturereignis gewesen sein.

In einem Seniorenheim etwas außerhalb von Salzburg lebt die 90-jährige Dorothea Rákóczy, eine wunderbare alte Dame mit lebhaften Augen. Sie erinnert sich noch genau an »die Gustl«, die im Internat auf dem Nonnberg Mitte der zwanziger Jahre ihre Erzieherin war. »Sie hatte ein fantastisches Gespür für Kinder.« Wenn keine Nonne in der Nähe war, dann rutschten die Mädchen auf dem Hintern übers Treppengeländer und die Gustl voran. »Abends sang sie mit uns wunderschöne Volkslieder zur Klampfe«, erzählt Dorothea Rákóczy. Am Tag spielte sie mit den Mädchen Räuber und Gendarm. »Sie hat uns alle mitgerissen, auch die Bravsten.«

Diese, sagen wir, unkonventionelle junge Frau also kommt in die Villa Trapp, versucht das Vertrauen der sieben Kinder zu erringen – und heiratet schon im darauffolgenden Jahr, im November 1927, den 25 Jahre älteren Georg von Trapp, der sich immer noch gern »Baron« nennen lässt, obwohl der Adel in Österreich mit der Monarchie abgeschafft wurde. Jetzt ist sie die Baronin. Man lebt herrschaftlich in der Villa mit dem großzügigen Park drum herum. Man gibt Feste, musiziert, beschäftigt Hauspersonal.

Nach der Emigration der Trapps nistet sich Himmler in der Villa ein

Eine andere Salzburgerin, Irmgard Wöhrl, kann von diesen goldenen Jahren berichten. Ihre Großmutter Johanna Raudaschl war 1931 die Köchin der Familie Trapp. Bis ins hohe Alter habe die Oma von der Zeit bei der Frau Baronin erzählt. Im vergangenen Jahr hat Irmgard Wöhrl die besten Rezepte ihrer Großmutter als Kochbuch mit biografischen Notizen herausgegeben, auf Deutsch und auf Englisch, beide Male mit dem Titel The Sound of Cooking. Erst jetzt, kurz vor der Eröffnung des Hotels, kann sie die Villa Trapp betreten. Sie steht in der modernen Edelstahlküche und sagt doch ergriffen: »Hier also hat die Oma gekocht«, steigt dann über die Dienstbotentreppe hinauf in den zweiten Stock und versucht sich vorzustellen, in welchem der Mansardenzimmerchen die Großmutter gewohnt haben mag.

Schon wenige Jahre nach der Hochzeit müssen die Trapps selbst in den niedrigen Zimmern unterm Dach hausen. 1934 geht die Bank pleite, bei der der Baron sein Vermögen angelegt hat. Sie entlassen die Hausangestellten, vermieten ihre Beletage. An einem Luxus aber halten sie fest: Sie gehen nicht in die Kirche, sondern lassen sich die Messe in ihrer Hauskapelle lesen. So kommt – vertretungsweise – zu Ostern 1935 der junge Priester und Kirchenmusiker Franz Wasner in die Villa. Er hört die Familie singen, ist begeistert von ihren Stimmen, überredet sie zur Gründung eines Ensembles namens Salzburger Kammerchor Trapp und gegen den Widerstand des peinlich berührten Barons auch zu bezahlten Auftritten.

Der Rest der Geschichte ist rasch erzählt, zumal sie auch schon bald nicht mehr in der Salzburger Villa spielt. Maria und die sieben Kinder treten mit ihren Volks- und Kirchenliedern im Rundfunk auf, gewinnen einen Volkssängerwettbewerb der Salzburger Festspiele und erhalten eine Einladung zu einer Tournee nach Amerika. Was sich gut trifft, denn bei den Nazis, die 1938 in Österreich die Macht übernehmen, haben sie sich schon unbeliebt gemacht mit ihrer Weigerung, Hitler ein Geburtstagsständchen zu singen. Georg von Trapp will nicht wieder U-Boot-Kommandant werden, und Rupert, der älteste Sohn, hat eine Stelle im Krankenhaus abgelehnt, weil er dort einen jüdischen Arzt ersetzen sollte. So reist die ganze Familie mit inzwischen neun Kindern in die USA – und kehrt nie mehr zurück.

 

Während sich in ihrer Salzburger Villa ausgerechnet Heinrich Himmler einnistet, von Kriegsgefangenen eine hohe Mauer um den Park errichten lässt und von seinem abhörsicheren Büro im ersten Stock aus den Holocaust organisiert, ziehen The Trapp Family Singers in ihren Dirndln und Trachten quer durch die USA und später rund um die Welt. Sie lassen sich in den Bergen von Vermont nieder. 1947 stirbt Georg von Trapp, 1948 beginnt Maria Auguste von Trapp, die abenteuerliche Geschichte ihrer Familie in Büchern zu erzählen. Sie werden zur Grundlage für zwei deutsche Filme, diese wiederum inspirieren Richard Rogers und Oscar Hammerstein 1959 zu dem Broadway-Musical The Sound of Music, das 1964 mit Julie Andrews in der Rolle der Maria verfilmt wird.

Dass das Drehbuch die tatsächliche Chronologie gerafft hat (so mischen sich in die Hochzeitsglocken für Maria und den Baron die Schritte der einmarschierenden Wehrmacht), dass die Familie im Film zu Fuß quer durch Österreich in die Schweiz flüchtet: geschenkt. Entscheidend war, dass alle Außenaufnahmen damals in Salzburg und Umgebung gemacht wurden, mit Hubschrauber und allem Pipapo. So erschuf der Film jene Alpenglühen- und Edelweißästhetik, mit der sich Österreich bis heute gern schmückt. Diese atemberaubenden Bilder zur herzergreifenden Geschichte mögen den Erfolg von Sound of Music erklären: Er kassierte fünf Oscars, löste Vom Winde verweht als erfolgreichsten Film ab und blieb es sieben Jahre lang.

Annmarie Nunn aus London und ihre beiden Töchter haben den Film x-mal gesehen. Jetzt stehen sie auf dem Mirabellplatz unter einem makellos blauen Salzburger Himmel und freuen sich auf »The Original Sound of Music Tour, daily 9.30 a.m. and 2 p.m., only in English«. Vier Stunden lang werden sie von Drehort zu Drehort gebracht, sehen den Leopoldkroner Weiher, wo Julie Andrews mit ihren sieben Filmkindern aus dem Ruderboot fallen musste. Im März! Zweimal hintereinander! »Poor little Gretl!« wird Trudi, die Reiseleiterin mit den lustigen Zöpfen unter ihrem Strohhut, rufen und später im Park von Hellbrunn I am sixteen singen, einen der Gassenhauer des Films, während die Nunns sich vor dem Gartenpavillon fotografieren, in dem die entscheidenden Liebesszenen von Sound of Music gedreht wurden. Dann geht es weiter in den »Lake district«, ins Salzkammergut also, nach Mondsee, wo die Hochzeit gefilmt wurde, und nach St. Wolfgang, wo die Frau des Busunternehmers einen Souvenirladen betreibt. Drei voll besetze Busse schickt Stefan Herzl heute vormittag auf die Reise, zwei werden es am Nachmittag sein. 40 Prozent der Salzburger Tourismuseinnahmen kommen von Sound of Music- Fans, und Stefan Herzl ist einer von denen, die am besten an dem Kult verdienen. Seit 1971 bietet er seine Touren an. Am Ende bekommt jeder Teilnehmer ein Tütchen mit Edelweißsamen.

In der Villa Trapp wird inzwischen das Mobiliar angeliefert, denn natürlich ist von der Originaleinrichtung der Trapps nichts mehr vorhanden. Der frische weiße Kies knirscht unter den Reifen des Lieferwagens. Die Möbel kommen aus den Neuen Wiener Werkstätten, sind zeitlos elegant, aus edlen Hölzern gezimmert und fügen sich gut in die drei Suiten und elf Zimmer, die alle ganz verschieden geschnitten sind. Da ist das Himmelbett für die Hochzeitssuite, da ist der große Esstisch für den Frühstücksraum, da kommt das eigens entwickelte Villa-Trapp-Sofa, das es auch (wie das Villa-Trapp-Dirndl und das Villa-Trapp-Törtchen) im Online-Shop der Villa zu kaufen gibt.

Denn die Villa Trapp wird nicht nur ein Hotel sein. Man wird auch einfach zum Kaffeetrinken kommen können oder für die kleine Ausstellung in der Lobby oder zum Villa-Trapp-Dinner mit dem Villa-Trapp-Kinderchor. Nur die Idee, auf einem Rundweg im Park Schautafeln zur wirklichen Geschichte der Familie Trapp aufzustellen, mussten die Neu-Hoteliers begraben. Die Nachbarn fürchteten ein »Disneyland« im beschaulichen Villenstadtteil Aigen.

Irgendwie hat es auch mit Aigen und mit den Nachbarn zu tun, dass das Hotel an diesem Wochenende zwar eingeweiht, aber noch nicht eröffnet wird. Wohnen wird man dort erst im Herbst können. Denn auch wenn der Erzbischof und die Landeshauptfrau und der Bürgermeister und wer weiß, wer noch zum Festakt kommen: Um das Hotel zu eröffnen, brauchen Marianne Dorfer und Christopher Unterkofler eine weitere Genehmigung des Salzburger Magistrats. Und dort ist erst einmal Sommerpause. Der Adel hatte seine Zeit. Nun waltet die Bürokratie.

Information: Die Villa Trapp

Anreise:
Per Bahn oder Auto; Flüge mit Lufthansa und Austrian Airlines von Düsseldorf und Frankfurt, mit Tuifly von Berlin-Tegel, Hamburg, Hannover und Köln-Bonn

Unterkunft:
Hotel Villa Trapp, Traunstraße 34, A-5026 Salzburg, Tel. 0043-662/630860, www.villa-trapp.cc ; EZ ab 105 Euro, DZ ab 200 Euro, Suiten von 205 bis 740 Euro

Literatur:
»The Sound of Cooking«
Leben und Rezepte der Trapp-Köchin Johanna Raudaschl, herausgegeben von Irmgard Wöhrl; Colorama Verlag, Salzburg 2007; 120 S., 29,50 Euro, www.the-sound-of-cooking.at

DVD »Die Trapp-Familie/Die Trapp-Familie in Amerika«
2004; bei Amazon 20,95 €

Maria Augusta Trapp: »Die Trapp-Familie«
Bertelsmann Verlag, Gütersloh 1960; antiquarisch erhältlich

Tour:
»The Original Sound of Music Tour« wird angeboten von Salzburg Panorama Tours, kostet 37 Euro für Erwachsene und 18 Euro für Kinder und startet täglich um 9.30 und um 14 Uhr vom Mirabellplatz. www.panoramatours.com

Auskunft:
Österreich Werbung, Tel. 01802-101818, www.austria.info