Bergsteigen

»Man hat keine Wahl«

Wie ist es, seinen Kameraden im Berg lassen zu müssen?

Walter Nones und Simon Kehrer haben Karl Unterkircher am 15. Juli am Nanga Parbat in Pakistan zurückgelassen – er war in eine Gletscherspalte gestürzt. Der britische Extrembergsteiger Simon Yates, geboren 1963, musste sogar das Seil, das ihn mit seinem verunglückten Freund Joe Simpson verband, kappen, um sein eigenes Leben zu retten.

DIE ZEIT: Herr Yates, erinnert Sie der Vorfall am Nanga Parbat an Ihren Unfall von 1985?

SIMON YATES: Nones und Kehrer sind in eine ähnlich katastrophale Lage geraten wie ich damals, allerdings ist es ein anderer Berg, und die Südtiroler waren zu dritt, wir nur zu zweit.

ZEIT: Sie stiegen mit Ihrem Freund Joe Simpson auf den Siula Grande in Peru. Was ereignete sich damals?

YATES: Joe hatte sich beim Klettern ein Bein gebrochen. Also seilte ich ihn Stück für Stück ab. Es war auch für mich sehr gefährlich, meist konnte ich mich nicht richtig verankern. Ohne zu sehen, wie es dahinter weiterging, musste ich ihn über eine Eisklippe hinunterlassen. Ich wartete, dass er Halt finden und sich sichern würde, doch er blieb im Seil. Ich konnte nicht weiter.

ZEIT: Sie hielten sein Gewicht länger als eine Stunde, dann trafen Sie eine Entscheidung: Sie kappten das Seil.

YATES: Wir konnten nicht miteinander kommunizieren, und ich wusste nicht, was ich tun sollte. Es war ein furchtbarer Sturm bei etwa minus zehn Grad. Und langsam, aber sicher zog mich sein Gewicht in die Tiefe, meine Kräfte ließen nach. So blieb mir nichts anderes übrig, als das Seil irgendwann zu kappen.

ZEIT: Was für Ihren Freund den Sturz in die Tiefe bedeutete. Wie fühlten Sie sich?

YATES: Ich sah keine Alternative. Hätte ich das Seil nicht gekappt, wäre ich mit ihm gestürzt. Es gibt kein Lehrbuch für solche Situationen. Wenn ein Unglück passiert, kommt es immer unerwartet. Ich war extrem durcheinander und machte mir Sorgen um Joe. Die ganze Nacht blieb ich allein im Schnee, zunächst wusste ich nicht, was mit ihm passiert war. Erst als ich selbst am nächsten Tag hinabstieg, sah ich, dass er in eine Gletscherspalte gestürzt war. Ich war mir sicher, dass er tot war.

ZEIT: Doch Joe Simpson fiel auf ein Schneepolster, fand einen Weg aus der Gletscherspalte und überlebte. Wie stand er zu Ihrer Entscheidung, das Seil durchzuschneiden?

YATES: Er konnte sie nachvollziehen. Man hat einfach keine Wahl in so einer Situation. Ich hatte alles versucht, hatte mein Leben riskiert, um ihn sicher hinunterzubringen.

ZEIT: Haben Sie heute noch Kontakt zu Joe?

YATES: Nach dem Unfall sind wir Freunde geblieben, wir lebten lange im gleichen Ort. Aber wir sind nicht mehr zusammen auf den Berg.

ZEIT: Die Expedition am Siula Grande blieb trotz des Unglücks nicht Ihre letzte.

YATES: O nein, ein paar Monate später war ich wieder auf dem Berg, genau wie Joe. Hätte die Geschichte ein schlechtes Ende genommen, hätte ich vielleicht aufgehört. Viele Freunde von mir sind am Berg umgekommen. Doch ich mache weiter. Ich brauche diese mentale und physische Herausforderung. Dadurch habe ich das Gefühl, mit der Natur verbunden zu sein. Die Menschen brauchen die Natur. Sie pflegen Gärten oder gehen fischen. Bergsteigen ist eine extreme Form der Naturbegegnung.

ZEIT: Unterkircher hinterlässt eine Frau und zwei Kinder. Sie haben auch kleine Kinder. Versucht Ihre Frau, Sie vom Klettern abzuhalten?

YATES: Nein, nie. Meine Frau klettert selbst. Sie weiß, warum ich das tue und dass ich nicht ohne Berge leben kann.

ZEIT: Waren Sie schon auf dem Nanga Parbat?

YATES: Ja, vor langer Zeit im Winter. Wir sind nur bis auf 6800 Meter gekommen, dann mussten wir umkehren. Der Nanga Parbat ist einer der schwierigsten Berge überhaupt.

Das Gespräch führte Simone Gaul

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Leser-Kommentare

  1. Gute Idee, in diesem Zusammenhang mal Simon Yates zu interviewen – sonst hört man in der Regel eher etwas von Joe Simon, da Yates sich anscheinend ziemlich zurückgezogen hat. Hätte nur ein bisschen länger & detaillierter sein können, das Interview…

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  • Von Simone Gaul
  • Datum 24.7.2008 - 13:03 Uhr
  • Quelle DIE ZEIT, 24.07.2008 Nr. 31
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