Die Nachricht klang zunächst so unseriös wie die Zeitschrift, in der sie stand: In seiner Ausgabe vom März 1978 veröffentlichte das amerikanische Männermagazin Penthouse zwischen allerlei Atombusen eine Story über »deutsche Cruise Missiles im afrikanischen Busch«. Eine deutsche Firma namens Orbital Transport und Raketen Aktiengesellschaft (Otrag), verriet das Magazin, teste in Zaire, im Reich des Diktators Mobutu Sese Seko, heimlich Mittelstreckenraketen.

Blödsinn, hieß es aus Bonn, Hirngespinste, wüste Verschwörungstheorien. Doch der Penthouse- Artikel zog Kreise, die Gerüchte verdichteten sich. Als im Frühsommer 1978 Bundeskanzler Helmut Schmidt zu einer Reise nach Sambia und Nigeria aufbrach, hatte sich der Fall Otrag zu einem internationalen Skandal ausgewachsen.

Das Raketentestgelände existierte tatsächlich. Am 19. Mai 1978, wenige Wochen vor Schmidts Besuch im benachbarten Sambia, hob eine Rakete mit dem Namen »Otrag 2« von einer Startrampe im Südosten Zaires ab und erreichte nach Auskunft der deutschen Raketentechniker dreißig Kilometer Höhe. Das war zwar noch kein Cruise Missile, aber Grund genug, dass sich der Kanzler in Sambia mit schier ungeheuerlichen Vorwürfen konfrontiert sah: Die Otrag benehme sich in dem riesigen Testgebiet wie ein Kolonialherr; Westdeutschland versuche dort, das Verbot der Raketenrüstung zu umgehen; deutsche Ingenieure planten eine Fortentwicklung von Hitlers »Vergeltungswaffen«. Statt über Entwicklungshilfe musste Helmut Schmidt mit seinen afrikanischen Gastgebern über ein deutsches Rüstungsabenteuer sprechen, für das die Bundesrepublik, der offiziellen Darstellung nach, gar nicht verantwortlich war, da es sich um ein Privatunternehmen handelte.

Anfang der siebziger Jahre gab es nur wenige Länder, die Raketen bauten. Deutschland durfte es nicht. 1955 war die Bundesrepublik der Westeuropäischen Union beigetreten und hatte damit nicht nur auf den Besitz von ABC-Waffen, sondern auch auf die Entwicklung von Raketen verzichtet. Die Welt erinnerte sich noch gut an die ersten ballistischen Raketen der Kriegsgeschichte: Vom Sommer 1944 an hatte Hitlers Wehrmacht die in Peenemünde entwickelte »Vergeltungswaffe« (V1 und V2) vor allem gegen London und gegen Antwerpen eingesetzt. Die Hafenstadt an der Schelde, die bereits durch die Alliierten befreit war, stand noch bis zum März 1945 unter schwerem deutschen Raketenbeschuss. Tausende Menschen starben.

Die Deutschen erhalten volle Verfügungsgewalt über das Land

Die Baupläne der V2 wurden zu einer begehrten Kriegsbeute. Die Siegermächte machten regelrecht Jagd auf Hitlers Raketenkonstrukteure. Einige kamen nach Moskau, die meisten aber in die USA. Hier entwickelte der ehemalige SS-Sturmbannführer Wernher von Braun, der spätere »Vater der bemannten Raumfahrt«, die Redstone, die erste atomare Mittelstreckenrakete. Aber auch andere Staaten wollten Raketen. So heuerte Australien nach Kriegsende 127 Wissenschaftler des NS-Regimes an – darunter mehrere Kriegsverbrecher.

1959 begann eine Gruppe um den Triebwerksspezialisten Wolfgang Pilz mit dem Aufbau einer Raketenstreitmacht in Ägypten. Bereits im Juli 1962 konnte Staatschef Gamal Abdel Nasser auf einer Militärparade die Rakete Al Kahir präsentieren. Mit einer Reichweite von 600 Kilometern stellte sie für Israel eine ernste Bedrohung dar. Der israelische Geheimdienst setzte den »Eichmann-Jäger« Isser Harel auf die deutschen Raketenbauer an. Eine Briefbombe tötete in Pilz’ Büro fünf Ägypter und verletzte seine Sekretärin schwer. Auf israelischen Druck sorgte die Bundesregierung schließlich für den Abzug der meisten Deutschen. Es war das vorläufige Ende des ägyptischen Raketenprogramms – und der diplomatischen Beziehungen zwischen Kairo und Bonn.