Etwa zur selben Zeit sitzt ein junger Student namens Lutz Thilo Kayser in einem Stuttgarter Hörsaal und lauscht den Vorlesungen des Physikers Eugen Sänger, der noch am Ende des Krieges in Peenemünde in Geheimer Kommandosache mit der Entwicklung eines »Stratosphären-Gleitbombers« beauftragt war. Kayser ist überzeugt, dass eines der Peenemünder Projekte – Codename »Wasserfall« – Grundlage für die Entwicklung einer kommerziell nutzbaren Billigrakete sein könnte. Schon als 15-Jähriger ist er 1954 der Gesellschaft für Weltraumforschung beigetreten; jetzt macht er sich daran, der erste private Raketenbauer der Welt zu werden. Die von ihm 1971 gegründete Technologieforschung GmbH (die 1974 zur Otrag wird) löst anderthalb Jahrzehnte später jene Krise aus, die Helmut Schmidt auf seiner Afrika-Reise in politische Bedrängnis bringt.

Das Modell hat Kayser auf dem Reißbrett schnell entwickelt. Ein ziemlich eckig aussehendes Gefährt, vierzig Meter hoch, acht Meter dick, nicht viel kleiner als ein amerikanischer Raumfahrttransporter, aber erheblich billiger, weil aus 4800 Rohren zusammengeschraubt und mit kostengünstigem Kerosin und Salpetersäure angetrieben.

Kayser findet Sponsoren: Schon 1971 gibt ihm das Bundesforschungsministerium Geld, um eine preiswerte Alternative zur »Europa III B«-Rakete, der späteren Ariane, zu entwickeln. Bald empfiehlt die Welt am Sonntag das Unternehmen zur steuersparenden Geldanlage; neben vielen anderen investieren der Quizmaster Wim Thoelke, der Verleger Ernst Klett und die Erben des Reifenfabrikanten Willy Kaus (Metzeler). Ein Veteran der Peenemünder V2-Versuche steigt in Kaysers Firma ein: Kurt Debus, seit 1962 bei der Nasa und inzwischen Chef des Kennedy Space Center, wird Aufsichtsrat des Start-up-Unternehmens. Was der Otrag (mit Sitz in Neu-Isenburg) jetzt noch fehlt, ist ein Testgelände. Deutschland kommt nicht in Betracht. Kayser erwägt Indonesien, entschließt sich dann aber für den Kongo.

Hier herrscht seit zehn Jahren Colonel Joseph-Désiré Mobutu. Den Kongo hat er in Zaire umgetauft, sich selbst in Mobutu Sese Seko Nkuku wa za Banga, was ungefähr bedeutet: »der allmächtige Krieger, der aufgrund seiner Ausdauer und seines Siegeswillens flammenden Schrittes von Sieg zu Sieg eilt«.

Zwanzig Minuten genügen Kayser, um Mobutu von seinen Plänen zu überzeugen. Der Diktator verlangt fünf bis zehn Prozent des Reinertrages von der Otrag. In dem Vertrag, der in weiten Teilen auf dem Text beruht, mit dem die USA im Jahre 1903 die Kanalzone in Panama annektierten, erhält die Firma praktisch uneingeschränkte Verfügungsgewalt über mehr als 100 000 Quadratkilometer Land, eine Fläche »von der halben Größe der Bundesrepublik«, wie die Gesellschaft stolz verkündet. Die neuen Herren über diesen Teil Afrikas dürfen alle Bewohner nach Belieben um- oder aussiedeln, Hügel und Berge abtragen, Flugplätze, Startrampen und andere Bauwerke errichten. Die deutschen Raketenbauer und ihre Angestellten genießen nicht nur Steuerfreiheit, sondern auch »Immunität gegen jegliche gerichtliche Verfolgung«. Sogar die Haftung für zu erwartende Umweltschäden wird ausgeschlossen.

In Kapani Tonneo, am Rande einer Hochebene südlich des Luvua-Flusses, lässt Kayser einen Flugplatz anlegen und Unterkünfte errichten, macht nach eigener Darstellung die Einheimischen mit Seife und Schuhen vertraut und beginnt mit dem Zusammenbau der Otrag 1, eines Testmoduls aus zunächst nur acht Rohren. Am Morgen des 17. Mai 1977 werden die vier Triebwerke gezündet. Der Probeschuss gelingt: Die Rakete erreicht über zehn Kilometer Höhe und schlägt nach gut zwei Minuten Flugzeit in vier Kilometer Entfernung auf.

Zaires Nachbarländer sind äußerst beunruhigt. Der angolanische Außenminister Paulo Jorge bezeichnet die Aktivitäten der Otrag als »Bedrohung für unseren Staat«. Radio Tanzania spricht von einem »imperialistischen Komplott«. Und in Lagos kommentiert der New Nigerian: »Es gibt keine Garantie, dass Mobutu Sese Seko die Otrag-Rakete nicht mit atomaren Sprengköpfen ausrüstet.« Auf der Anti-Apartheid-Konferenz in Lagos im Sommer 1977 versucht der deutsche Staatsminister im Auswärtigen Amt (und spätere Hamburger Bürgermeister) Klaus von Dohnanyi die vor allem von Sambia und Tansania geäußerten Befürchtungen zu zerstreuen. Es treffe überhaupt nicht zu, finassiert Dohnanyi unverfroren, »dass ein bundesdeutsches Unternehmen in Zaire eine Raketenabschussbasis vorbereite«. Ein eigenartiger Zufall nur, dass der deutsche Außenminister Hans-Dietrich Genscher gerade im Mai auf Staatsbesuch in Zaire weilte und ausgerechnet am Tage des ersten Raketenstarts die entlegene Provinz Shaba besuchte. Als Gastgeschenk überbrachte Genscher dem zairischen Diktator Hilfszusagen über zehn Millionen Mark und sicherte ihm die Unterstützung des Westens zu.