Shaba ist Schauplatz des Ost-West-Konflikts – und der Krieg ist hier kein kalter, sondern ein heißer. Hier haben die Führer der Provinz mit Hilfe belgischer und amerikanischer Agenten den ersten frei gewählten Ministerpräsidenten des Kongo, Patrice Lumumba, ermorden lassen, den man im Westen kommunistischer Sympathien verdächtigte. Während die Deutschen am »größten Überland-Raketenübungsgelände der westlichen Welt« (Otrag-Prospekt) bauen, bekriegen sich in Shaba Kämpfer des Front National de la Libération du Congo (FNLC) und die Armee Mobutus, der vom Westen als Verbündeter im »Kampf gegen den Kommunismus« hofiert wird. Als Kayser und seine Leute im Mai 1978 den zweiten Raketentest vorbereiten, ist der Krieg in Shaba vollends entbrannt. Tausende von Menschen fliehen in die Nachbarländer, und angesichts der Erfolge des FNLC steht ein Eingreifen westlicher Truppen auf der Seite des Diktators unmittelbar bevor. Die ganze Invasion der Rebellen sei von der DDR ferngesteuert, schreibt die britische Wochenzeitung The Observer – und diene vor allem dazu, die westdeutschen Raketentests zu stoppen.

Als in der Nacht auf den 20. Mai 1978 die nächste Otrag-Rakete dreißig Kilometer Höhe erreicht, haben wenige Stunden zuvor belgische Fallschirmjäger und französische Fremdenlegionäre in Shaba ein Blutbad unter Rebellen und Zivilisten angerichtet. Die »mit starker Hand geführte Intervention« ist nach Auffassung der französischen Zeitung Le Monde auch auf die Anwesenheit der Otrag im Nordosten Shabas zurückzuführen, da »diese Basis für den Fall errichtet wurde, dass die strategischen Militärstützpunkte des Westens im Indischen Ozean verloren gehen«. Dies erkläre auch, »warum die Bundesrepublik von den Franzosen, Belgiern und Amerikanern zu den Beratungen hinzugezogen wurde«.

Nach dem zweiten Raketentest in Kapani Tonneo – von der sowjetischen Nachrichtenagentur Tass wird das Gelände inzwischen als »Nato-Stützpunkt« bezeichnet – ist es für die Regierung in Bonn endgültig zu spät, die Sache herunterzuspielen. Niemand glaubt noch an die offiziellen Beteuerungen, dass die Deutschen für Mobutu im rein privaten und völlig friedlichen Auftrag tätig seien. Die Otrag sei eine »staatlich subventionierte Firma«, schreibt die amerikanische Zeitschrift Foreign Policy, und vor den UN nennt der US-Diplomat Andrew Young die Raketentests ein »treibendes Motiv« für die Einmischung der DDR im Süden Zaires. Außenminister Genscher zeigt sich besorgt: »Der außenpolitische Schaden ist so groß, daß in jedem Fall etwas unternommen werden muß.« Wenige Tage vor dem Staatsbesuch von Kremlchef Leonid Breschnew in Bonn erlässt die Bundesregierung die »36. Veränderung zur Änderung der Ausfuhrliste«. Damit ist von sofort an jede Lieferung einer Rakete und jeder Export von Einzelteilen genehmigungspflichtig.

Den Nachbarn Zaires genügt das nicht. Die angolanische Regierung weigert sich nach wie vor, mit Deutschland Botschafter auszutauschen, solange die Raketenversuche in Shaba weitergehen. Zwar beteuert Bundeskanzler Schmidt in Nigeria vor der Presse, dass bei der Otrag »die Gefahr eines Mißbrauchs ihrer bisherigen Erzeugnisse für militärische Zwecke nicht gegeben ist«. Aber man glaubt ihm einfach nicht. Schmidts Gastgeber in Sambia und Nigeria nageln ihn immer wieder auf das Thema »Peenemünde in Zaire« fest. »Ich könnte dem Kerl den Hals umdrehen«, sagt Helmut Schmidt über Lutz Kayser. Um den Druck auf Mobutu zu erhöhen, bittet der Bundeskanzler den französischen Präsidenten Valéry Giscard d’Estaing, in der Sache Otrag zu intervenieren, was dieser gern tut, schließlich handelt es sich um unerwünschte Konkurrenz für die eigenen Raketenbauer.

Aber so einfach lässt sich der Diktator von seinen Großmachtträumen nicht abbringen. Beim dritten Startversuch will Mobutu selbst dabei sein. Laut Vertrag prangt auf der Rakete das Hoheitszeichen Zaires; Kayser und seine Leute überlegen, daneben ein Konterfei des Staatschefs anzubringen. Hundert Kilometer Höhe soll die Rakete dieses Mal erreichen. Aber der Versuch schlägt fehl. Weil ein Ventil versagt, dreht der Flugkörper gleich nach dem Start ab und schlägt nach wenigen Sekunden im Busch ein. Wenige Monate später wird die Otrag-Basis in Shaba geschlossen, obwohl Kayser in einem letzten Versuch der Beschwichtigung angeboten hat, die Raketentests von den UN beaufsichtigen zu lassen.

Lutz Kayser ist bis heute davon überzeugt, dass Kanzler Schmidt dem zairischen Staatschef millionenschwere Militärhilfe in Aussicht gestellt hat, damit dieser den eigentlich unkündbaren Vertrag auflöst. Ganz von der Hand weisen lassen sich diese Vermutungen nicht: Nach dem Rausschmiss der Ortrag 1979 erhält Mobutus Armee bundesdeutsche »Entwicklungshilfe« in Form von Fahrzeugen und einem elektronischen Grenzsicherungssystem.

Das ist das Ende der »deutschen Cruise Missiles im afrikanischen Busch«, aber nicht das Ende der Otrag. In Libyen interessiert sich bereits ein anderer Diktator brennend für deutsche Raketentechnik. Muammar al-Gadhafi offeriert Kayser und seinen Kollegen ein neues Testgelände 600 Kilometer südlich der Hauptstadt Tripolis. In Tawiwa führt die Otrag am 1. März 1981 den nächsten Testflug durch. Technisch ein Erfolg, politisch ein Desaster: Offiziell beendet die Firma ihre Arbeit in Libyen schon 1982 wieder. Kayser gibt an, vom libyschen Militär »enteignet« worden zu sein. Libyen setzt die Entwicklung von militärisch nutzbaren Raketen fort – mit Unterstützung ehemaliger Otrag-Mitarbeiter.