Emil Noldes Erinnerungen Mein Leben habe sie sich als Urlaubslektüre eingepackt, hat die Kanzlerin vor ihrer Abreise in die Berge dem Magazin Cicero verraten. Wer wie Angela Merkel Bücher veröffentlicht hat, die den Titel tragen Zum Einfluß der räumlichen Korrelation auf die Reaktionsgeschwindigkeit bei bimolekularen Elementarreaktionen in dichten Medien, und sich bei der Arbeit tagtäglich mit der Reform der Erbschaftsteuer und den Laufzeiten von Atomkraftwerken herumschlagen muss, erhofft sich von der Ferienlektüre Urlaub vom Ich. Was im Falle einer deutschen Bundeskanzlerin bedeutet: Urlaub von Deutschland. Also: Nolde. Schöne Bilder, ein großes Malerleben, dachte sich da Angela Merkel wahrscheinlich, und auf keiner Seite muss man an den Koalitionsausschuss denken.

In Wahrheit jedoch hat die Kanzlerin geistigen Sprengstoff in ihren Koffer gepackt. Denn die in diesem Frühjahr im DuMont Verlag erschienene Neuauflage von Noldes Mein Leben versucht zwar, die Geschichte des Buches zu verschleiern. Doch wenn im Klappentext zu lesen ist: "Die interessante Editionsgeschichte erläutert Martin Urban in seinem Nachwort", dann ist dieses gönnerhafte "interessant" an Zynismus kaum zu übertreffen. Denn der 2002 gestorbene Urban schreibt zwar tatsächlich in seinem Nachwort aus dem Jahre 1976, das der Verlag unverändert nachdruckte, es gebe von Nolde "Parolen des Antisemitismus". Aber, so beruft sich Urban dann auf Walter Jens, man müsse den Maler vor dem Autor in Schutz nehmen, denn "der Maler Nolde" könne durch seine Bilder "den Ideologen eindeutig widerlegen". Dies ist zum einen eine sehr abenteuerliche Definition von Moral und Ästhetik. Denn folgte man ihr, könnte man leider auch genau andersherum sagen, dass der "Ideologe Nolde" durch seine Schriften den "Maler Nolde" eindeutig widerlege. Schwerer wiegt aber, dass die verstörendsten Passagen des Ideologen Nolde dem Leser komplett vorenthalten werden. Die Neuauflage von Mein Leben folgt in dem Teil Jahre der Kämpfe jener bereinigten Fassung, die Nolde nach Kriegsende eigenhändig hergestellt hat und die nach seinem Tode 1958 veröffentlicht wurde – absurderweise als "zweite, erweiterte Auflage".

Zwei Beispiele zu den Streichungen: Nach seiner ersten Begegnung mit einer jüdischen Sammlerin im, wie Nolde es nennt, "heiligen deutschen Reiche" notiert der Maler 1934: "Juden haben wenig Seele und Schöpfergabe. Juden sind andere Menschen, als wir es sind." Um dann wenige Seiten später feierlich zu erklären: "Durch ihre unglückselige Einsiedlung in die Wohnstätten der arischen Völker und ihre starke Teilnahme in deren eigensten Machtbefugnissen und Kulturen ist ein beiderseitig unerträglicher Zustand entstanden."

Nirgendwo im Buch findet sich ein Hinweis auf diese Sätze aus der Ursprungsfassung. Die "interessante" Editionsgeschichte von Noldes Erinnerungen wird durch diese mutlose, ahistorische Neuauflage leider auf traurige Weise fortgesetzt. Zusätzlich hat man die Autobiografie mit vielen farbigen Bildern versehen, statt einer textkritischen Ausgabe also ein halbes Bilderbuch vorgelegt. Das hilft jedoch nicht, ebenso wenig der Hinweis von Martin Urban im Nachwort, Nolde habe viele Jüdinnen mit "innig beseeltem Gesicht" gemalt, und er sei von den Nazis später verfolgt worden. Dieses verzweifelte Bemühen, ja kein schlechtes Licht auf den Helden der norddeutschen Landschaftsmalerei fallen zu lassen, vergrößert nur das Unbehagen über Noldes Denken, das sich in seinen Schriften äußerte – und über seinen Opportunismus, der ihn diese Passagen nach dem Kriegsende streichen ließ. Noch im Jahre 2000 fehlte in der Hamburger Kunsthalle bei der großen Nolde-Ausstellung im Lebenslauf im Eingangssaal der Hinweis auf Noldes Mitgliedschaft in der deutschen NS-Organisation in Dänemark – die Schilderungen seiner Opferrolle hatten allen Raum eingenommen. Bei Nolde offenbart sich die Naivität der deutschen Sehnsucht nach dem Entweder-oder. Weil Nolde später Opfer der Nazis war, darf er vorher kein geistiger Täter gewesen sein. Deshalb auch werden die Stellen, die Siegfried Lenz in seiner Deutschstunde den nationalsozialistischen Verblendungen von Nansen alias Nolde gewidmet hat, gerne überlesen. Doch erst wenn man Noldes Persönlichkeit in ihrer ganzen kruden Widersprüchlichkeit akzeptiert, kann man, wie etwa bei Gottfried Benn geschehen, seiner Kunst wirklich gerecht werden.

Noldes Mein Leben ist also ein Palimpsest, ein großes Lehrbuch für deutsche Gemütsgeschichte und deutsche Verdrängungsgeschichte. Wahrscheinlich hat sich Angela Merkel doch genau die richtige Urlaubslektüre mitgenommen.