Es ist ganz still hier oben. Nur die Klimaanlage summt. Der Blick aus dem Panoramafenster im 29. Stock reicht über die Dächer von New York bis zum Central Park. Die weißen Pferdekutschen, die zwischen den Bäumen am Eingang auf Kunden warten, sehen von hier oben aus wie Spielzeug. Tritt man dicht ans Fenster, kann man fast senkrecht in die tiefe Häuserschlucht hinabschauen. Hier oben, im Büro von John Paulson, beschleicht den Besucher das Gefühl, dem Himmel weitaus näher zu sein als der Welt dort unten.

Und das Gefühl ist vielleicht gar nicht so falsch. John Paulson, 52 Jahre alt, ist einer von denen, die man die neuen Herrscher der Finanzmärkte nennt, einer jener Master of the Universe, die mittlerweile so viel Geld wie eine Bank bewegen. Paulson ist ein Hedgefonds-Manager. Er verwaltet seit Ende des vergangenen Jahres 30 Milliarden Dollar. Mehr Geld hat kaum ein anderer Fonds auf der Welt, mehr Macht auch nicht.

Welchen Einfluss dieses Geld haben kann, verdeutlichen derzeit die Preise für Öl, Getreide oder Soja. Dass sie steigen, hat viele Gründe. Die wachsende Bevölkerung sorgt dafür, auch der Boom des Biosprits. Aber diese Ursachen wirken eher langsam und stetig. Hedgefonds dagegen setzen mit geballter Macht auf solche Trends, sie verwandeln einen ruhig anschwellenden Fluss in einen reißenden Strom. Sind Hedgefonds Teufelswerk? Wem nutzen sie? Handeln ihre Manager nach der Devise Nach uns die Sintflut"? Und wie viel Macht hat eigentlich dieser John Paulson?

Durch die dicken Glasscheiben seines Büros sieht man zwei Männer in schwarzen Anzügen vorbeihuschen. Die meisten der 55 Mitarbeiter von Paulson & Co sitzen in der Mitte der Büroetage vor jeweils mindestens zwei bis drei Computerbildschirmen und verfolgen ruhig die Börsenkurse. Sie tragen Anzüge und erinnern eher an Studenten einer Eliteuniversität als an hemdsärmelige Geldjongleure. An den Wänden hängen Bilder des amerikanischen Künstlers Alexander Calder, auf einem Rahmen klebt noch die Versteigerungsnummer des Auktionshauses Sotheby’s. Paulson, heißt es, komme gleich. In wenigen Minuten ist Börsenschluss an der Wall Street.

Paulson trägt einen blauen Nadelstreifenanzug, der nirgendwo auch nur eine Falte wirft, ein weißes Hemd, Einstecktuch und goldene Manschettenknöpfe mit seinen Initialen: JP. Gemeinsam mit seinem Pressesprecher betritt er den Raum und setzt sich auf einen der schweren Lederstühle. Er ist der neue König der Hedgefonds-Manager, im vergangenen Jahr, zu Beginn einer der größten Wirtschaftskrisen, hat er den höchsten Gewinn gemacht, der in der Geschichte der Hedgefonds je erzielt wurde – 15 Milliarden Dollar, 3,7 Milliarden davon gingen an ihn.

Paulson hatte nicht an das amerikanische Märchen stetig steigender Immobilienpreise geglaubt. Die Abertausend Hypotheken, die im blinden Vertrauen darauf sogar an Menschen ohne regelmäßiges Einkommen vergeben wurden, machten ihn stutzig. Er setzte auf den Crash des Hypothekenmarktes – und behielt recht. Während immer mehr Amerikaner nun ihre Häuser verlieren, macht Paulson den Gewinn seines Lebens.

Der neue König ist leicht gebräunt und frisch rasiert, die Augenringe sieht man nur, wenn er seine schwarze schmale Brille absetzt. Hinter ihm liegt ein langes Wochenende – eines, an dem das amerikanische Finanzsystem bedrohlich wackelte, weil die Investmentbank Bear Stearns Bankrott angemeldet hat. Auch Paulson hat seine Gelder dort, über Bear Stearns wickelte er die Käufe und Verkäufe für seinen Fonds ab. Das ganze Wochenende hat er in Meetings verbracht, Besprechungen am Telefon geführt. Bis klar war, sein Geld ist sicher: JP Morgan übernimmt Bear Stearns, und die amerikanische Notenbank hilft beim Kauf.

Dass Paulson den ehemaligen amerikanischen Notenbankchef Alan Greenspan vor Kurzem als Berater eingestellt hat, hat an jenem Wochenende wahrscheinlich nicht geschadet. Nicht ohne Grund nennt man ihn an der Wall Street schon "den anderen Paulson". Denn mancher hat das Gefühl, dass der Hedgefonds-Paulson fast so viel Macht wie der US-Finanzminister Henry Paulson hat.

Als John Paulson einem Interview zustimmte, waren seine Bedingungen seitenlang. So wenig wie möglich sollte über seine Privatsphäre und seinen Immobilienbesitz gesprochen werden. Nun sitzt er da, ein Glas Wasser vor sich, und sagt gar nichts. Das Aufnahmegerät zeigt später an, dass er nach der ersten Frage quälende 30 Sekunden lang schwieg. Erst als sein Pressesprecher die Frage wiederholt, räuspert er sich. Mehr nicht. Ein Banker erklärt hinterher, solches Verhalten sei bei Bear Stearns Methode gewesen, um Kandidaten bei Vorstellungsgesprächen zu irritieren. Manchmal seien die Banker aus dem Raum gegangen und hätten den Bewerber gebeten, die Fenster zu öffnen, weil es so warm sei, wohl wissend, dass die Fenster nicht zu öffnen waren. Auch Paulson liebt diese Spiele. Als er endlich zu sprechen beginnt, steht einem der Schweiß auf der Stirn.

Wie viel Risiko er für seine Spekulation auf den Hypothekencrash eingegangen sei? Die Antwort formuliert Paulson wie jede der folgenden langsam, sehr langsam. Dabei korrigiert er sich nicht oder sucht nach einem Wort. Er spricht so, wie ein Chirurg arbeitet, jeder Schnitt muss sitzen.

"Das Risiko war sehr limitiert. Im schlimmsten Fall hätten wir ein Prozent unseres Investments verlieren können. Für den Fall, dass unsere Vorhersage stimmte, war der Gewinn jedoch nach oben offen." Paulson erläutert, wie er seine Investition abgesichert hat, und so, wie er das erklärt, klingt es wie eine todsichere Sache. Wie solche Sachen hinterher eben immer klingen. Natürlich musste die Internetblase platzen, natürlich waren die Hypotheken überteuert. Natürlich musste sich der Markt so und so verhalten. Und doch verhält sich der Markt immer wieder anders als angenommen. Paulson hatte wohl auch Glück.

Sind also Hedgefonds-Manager die Glücksritter der neuen Zeit? Draufgänger, die die Stabilität der Weltwirtschaft aufs Spiel setzen? Paulson würde das weit von sich weisen. Stattdessen sagt er so unterkühlt, wie ein Michael Schumacher früher über das Risiko beim Formel-1-Fahren sprach: "Der Schlüssel zu einem guten Portfolio ist, dass die Wetten auf einen fallenden Kurs mit denen auf einen steigenden gut ausbalanciert sind."