Hotel Die Weisheit der Ostsee

In Heiligendamm führt der indische Yogalehrer Vijay Vyas Hotelgäste zu ihrem Selbst

Der Weg zu einem indischen Guru sieht normalerweise anders aus. Er führt nicht über die Wiesen der Hotelanlage von Heiligendamm, wo vor einem Jahr der G-8-Gipfel stattfand. Nicht vorbei an Reihen schwerer Limousinen vor dem Eingang zum Haupthaus. Nicht durch das Erdgeschoss des neuesten Gebäudes der Anlage. Nicht mit dem Lift in den ersten Stock. Nicht gleich nach rechts in die erste Suite.

Dort ist es zunächst einmal vor allem – dunkel. Die Vorhänge sind zugezogen, Kerzen angezündet. Vijay Vyas empfängt seine Gäste mit freundlichen Worten auf Englisch. Seine Stimme ist überraschend hoch und sehr sanft. Sie klingt alt und kindlich zugleich. Jeder setzt sich auf eine der Matten, Vijay Vyas nimmt gegenüber im Lotussitz Platz. Eine Verneigung, ein paar Sätze darüber, dass wir durch Yoga unser Selbst finden können. Dann beginnt er mit drei Atemübungen zur inneren Reinigung, dem Pranayama. Vyas’ Stimme gibt nun klare Anweisungen. Man soll kurz durch das eine Nasenloch einatmen und dann so kräftig wie möglich durch das andere aus. Der Daumen und der Ringfinger halten den jeweils anderen Nasenflügel zu. Zehn-, fünfzehnmal hintereinander. Dann soll man ruhen, »die Stille genießen«.

Die meisten großen Hotels in Deutschland bieten Wellness an, viele auch Yoga und Meditation. Aber nur in ganz wenigen arbeitet ein so angesehener Lehrer wie Vijay Vyas. Nach der Übung sitzen wir zu zweit im Nebenraum. Der Guru, wie manche Gäste des Kempinski Grand Hotel ihn nennen, reicht Tee. Er erklärt die meditative und die medizinische Wirkung des Pranayama und kritisiert in aller Freundschaft, dass sein Gesprächspartner dabei leider mehrfach durch den Mund eingeatmet habe. Wie hat er das gemerkt in der Gruppe, in einem abgedunkelten Raum, über eine Entfernung von etwa sechs Metern? Er spüre das, sagt er und klingt dabei so beiläufig, dass man ihm ohne Weiteres glaubt.

Jetzt, im Helleren, entpuppt sich Vyas als junger Mann. 32 Jahre alt ist er. Und hat doch schon einiges erlebt auf dem Weg an die Ostsee. Er stammt aus Rishikesh in Nordindien, wo Yoga seinen Ursprung genommen haben soll. Er schaffte es an die Universität von Delhi und studierte Biologie. Danach arbeitete er als Pharmareferent für einen Arzneimittelproduzenten. Sein Vater freute sich über den Aufstieg des Sohnes. Doch der war noch auf der Suche. Ein Cousin wies ihn 1999 auf eine berühmte Yoga-Schule in Pune hin, die gerade wieder Schüler annahm. Vijay Vyas fuhr fast ohne Gepäck zum zweitägigen Test – und blieb. In Pune lernte er die diversen Yoga-Arten anhand ihrer Ursprungstexte. Bis heute glaubt er nicht an die eine reine Lehre, die alle glücklich macht. In seinem Yoga sind verschiedenste Techniken vereint.

Nach der Yoga-Schule arbeitete Vyas in einem Kloster, versuchte sich in einem Krankenhaus in Südindien und kam schließlich zurück nach Rishikesh, wo er weiterlernte und in der Nähe noch Psychologie studierte. Schließlich rief ihn das Luxushotel Ananda in the Himalayas in der Nähe seiner Heimat. Dort unterrichtete er unter anderem Melinda Gates, die Frau des Microsoft-Gründers, die gemeinsam mit ihrem Mann die weltgrößte Stiftung führt. Dass sie von seiner Arbeit fasziniert war, ist bis heute Vyas claim to fame, sein Zugang zur Prominenz.

Anne Maria Jagdfeld erinnert sich, dass Yoga mit ihm »das absolute Highlight« ihres Urlaubs im Ananda war. Sie betreibt ein Kaufhaus in Berlin und ist verheiratet mit dem Immobilienfinanzier Anno August Jagdfeld, der treibenden Kraft hinter dem umstrittenen Luxusprojekt von Heiligendamm, das zusätzlich zum Sechssternehotel künftig auch teure Wohnungen in den benachbarten Villen umfassen soll. Die Reichen unter sich in diesem Badeort nahe Rostock, während die Gegend ringsum unter Arbeitslosigkeit und Abwanderung leidet – an diesem Gegensatz haben sich die Kritiker von Anfang an gerieben.

Vijay Vyas war auf dem Sprung in ein Hotel in Kuala Lumpur, als Frau Jagdfeld ihn kennenlernte. Sie fragte ihren Guru, ob er nicht lieber nach Heiligendamm kommen wolle. Ostdeutschland schien ihm verlockend: eine Gegend, in der Spiritualität lange unerwünscht war und der er Energie bringen könnte. Nach einem Bewerbungsgespräch per Telefon brach er auf. 2005 war das, und der Anfang war schwer.

»Ich habe mich innerlich enorm weiterentwickelt«, sagt Vyas dazu. Die ersten beiden Jahre hatte er fast nur Kontakt mit seinen Kunden. Einige kannte er noch aus dem Ananda, sie kamen seinetwegen an die Ostsee. Nach der Arbeit blieb er allein in seiner Angestelltenwohnung 500 Meter die Straße hoch. Die meisten hätten ihn gleich gemocht, sagen Hotelangestellte, doch er sprach kein Deutsch, und ausgehen ist teuer in Heiligendamm. Die Lokale der Einheimischen sind zwar nur 15 Autominuten entfernt. Bloß – Vyas war mehrfach durch die Führerscheinprüfung gefallen; erst kürzlich hat er bestanden. Am Anfang wollte sein ehemaliger Chef aus dem Ananda ihn zurückholen. Doch er blieb und lernte, »wie man allein glücklich ist«. Heiligendamm als eine Art Kloster, wer hätte das gedacht?

Der Yogi verschweigt nicht, dass er sich das Arbeiten in Heiligendamm anders vorgestellt hatte. Er dachte, um ihn herum würde das Hotel schnell ein Ayurveda-Zentrum aufbauen, wie er es von zu Hause kennt. Stattdessen läuft sein Yoga neben anderen Entspannungsangeboten. »Das Hotel nutzt noch nicht genug, was ich weiß«, sagt er. Verlängert hat er seinen Vertrag nun trotzdem. Ein bis zwei Jahre will er noch bleiben und danach vielleicht ins Hotel Adlon nach Berlin wechseln, auch ein Jagdfeld-Projekt. Anne Maria Jagdfeld baut ihm noch eine andere Brücke. »Sein Bruder Sanjay, ebenfalls ein Yoga-Lehrer, will jetzt auch nach Deutschland kommen«, erzählt sie. »Wenn das klappt, könnten beide zwischen Heiligendamm und dem Adlon Day Spa pendeln.«

Information: Heiligendamm

Yoga:
Die Hatha-Übungen des Yogameisters Vijay Vyas werden morgens (geeignet für Anfänger) und abends (mit Yogapositionen, eher etwas für Fortgeschrittene) abgehalten. Darüber hinaus werden verschiedene Meditationstechniken wie Zen und Mantra sowie Aqua Yoga angeboten. Eine persönliche Yogastunde kostet 95 Euro für maximal zwei Teilnehmer. Meditation (50 Minuten) wird mit 80 Euro und Yoga plus Meditation (90 Minuten) mit 120 Euro berechnet. Gäste, die nicht im Hotel wohnen, können den Meister ebenfalls buchen

Unterkunft:
Kempinski Grand Hotel Heiligendamm, Tel. 038203/7400, www.kempinski-heiligendamm.com . DZ ab 220 Euro, Suiten von 305 bis 1375 Euro

Auskunft:
Tourist-Information Bad Doberan-Heiligendamm, Tel. 038203/62154, www.bad-doberan.de

 
Leser-Kommentare
  1. Yoga gibt es für jeden Geldbeutel. In teuren Wellness-Hotels, in VHS oder Fitness-Zentren, oder auch in günstigeren Yoga Seminarhäusern...Von Vijay Vyas habe ich zwar noch nicht gehört (obgleich ich schon von vielen indischen Meistern gehört habe); er scheint aber ganz klassisches gutes Yoga zu vermitteln.

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