Unterwegs Man zeigt wieder Daumen
Der Potsdamer Student Martin Jähnert will das Trampen attraktiver machen – der Umwelt zuliebe. Autostopper sollen ihre eigenen Haltestellen bekommen
DIE ZEIT: Herr Jähnert, Sie sind Tramper-Aktivist. Ist diese Reiseform nicht längst überholt?
MARTIN JÄHNERT: Oh nein. Trampen passt ideal in eine Zeit, in der alle Welt über Klimaschutz diskutiert. Wir werben um eine neue Zielgruppe – Leute, die denken: Tue ich der Umwelt mal was Gutes und lasse meinen eigenen Wagen stehen.
ZEIT: Sie fordern sogar, dass Tramper in Potsdam eine eigene Haltestelle erhalten sollen.
JÄHNERT: Unser Vorbild sind die Niederlande. Dort gibt es »Liftershalte«. Das sind Haltebuchten, an denen ein blaues Schild mit einem gereckten Daumen steht. So etwas wünschen wir uns auch für Deutschland.
ZEIT: Warum reicht es denn nicht, sich einfach an den Straßenrand zu stellen?
JÄHNERT: Eine Bucht macht das Trampen sicherer. Die Autos können besser anhalten. Außerdem soll es ein Wartehäuschen geben. Das ist nicht nur komfortabler, sondern macht es auch leichter, an Regentagen eine Mitfahrgelegenheit zu finden. Wenn man tropfnass am Straßenrand steht, nimmt einen kein Autofahrer mit. Der Schutz vor Wind und Wetter ist entscheidend, um weitere Kreise ans Trampen heranzuführen.
ZEIT: Glauben Sie wirklich, dass auf einmal Geschäftsleute den Daumen rausstrecken, nur weil es eine Haltestelle gibt?
Jähnert: Ja. Man muss doch nur in die Niederlande schauen. Dort werden die Liftershalte auch von Leuten mit Krawatte und Aktentasche genutzt.
ZEIT: Ist Trampen nicht eher eine Reiseart für junge Leute mit sehr viel Zeit?
JÄHNERT: Nicht unbedingt. Trampen lässt sich gut kalkulieren. Man sollte aber einen Puffer einplanen. Am Anfang braucht man im Schnitt 20 Minuten, bis man mitgenommen wird. Das Umsteigen geht schneller: Man lässt sich an einem Rastplatz absetzen und spricht dort einen Fahrer an. 100 Kilometer pro Stunde ist beim Trampen realistisch. Ich bin mit meiner Frau sogar zu unserer Hochzeit getrampt. Und wir kamen pünktlich. Ein Netz von Haltestellen könnte die Reise noch erleichtern. Dann weiß man gleich, wo man sich am besten platziert.
ZEIT: Und wie wahrscheinlich ist es, dass die Haltestelle in Potsdam auch wirklich eingerichtet wird?
JÄHNERT: Gerade beschäftigt sich die Stadtverordnetenversammlung mit der Idee. Und die hiesigen Grünen haben die Haltestelle in ihr Wahlkampfprogramm aufgenommen. Sie haben erkannt, dass sich Potsdam so als junge, hippe Stadt darstellen kann.
ZEIT: Geht es beim Trampen nicht eher ums Geldsparen als um Hipness?
JÄHNERT: Das ist oft nur der Einstieg. Man ist knapp bei Kasse oder ärgert sich über die hohen Benzinpreise und denkt sich: Reise ich eben mal per Anhalter. Überzeugten Trampern aber geht es um mehr. Das ist eine Lebensform. In Litauen etwa gibt es eigene Clubs. Die Tramper tragen Vereinsdress und machen Wettbewerbe: Wer trampt am schnellsten von Vilnius nach Lissabon? Auch bei uns entwickelt sich derzeit eine Tramper-Szene.
ZEIT: Was gibt es denn beim Autostopp so Besonderes zu erleben?
JÄHNERT: Man spricht mit Menschen, die man sonst nie kennengelernt hätte. Und sie erzählen oft sehr offen über ihr Leben. Sie wissen ja, dass sie einen nie wiedersehen. Ich habe zum Beispiel mal einen Ungarn kennengelernt, der mir von seinen Einsätzen als Hubschrauberpilot erzählt hat. Oder einen niederländischen Autoschieber, der mir erklärt hat, wie das so ging mit dem Fahrzeugklauen in Deutschland. Trampen bringt eine Win-win-Situation. Der Fahrer bringt mich ein Stück weiter, ich revanchiere mich mit einem guten Gespräch.
ZEIT: Werden Tramper also eher von Einzelfahrern mitgenommen?
JÄHNERT: Ja. Allein im Auto sitzen – das ist doch verschwendete Lebenszeit. Ich spreche an Raststätten am liebsten Geschäftsleute an. Die fahren oft Mercedes oder Porsche. So kommt man schnell voran und sitzt bequem im Lederpolster.
ZEIT: Was muss ich denn beachten, wenn ich schnell einen Fahrer finden will?
JÄHNERT: Man sollte ein sauberes T-Shirt anziehen. Und am besten als Pärchen trampen. Dann erinnern sich die Leute an ihre Jugendliebe und halten an. Auf Raststätten lautet mein Tipp: Polen ansprechen. Die sind superfreundlich, fahren weit und nehmen einen fast immer mit. Jeder Tramper sollte zwei, drei polnische Begrüßungsfloskeln kennen.
ZEIT: Ist es nicht gefährlich, sich zu Wildfremden ins Auto zu setzen?
JÄHNERT: Man sollte immer ein Handy dabeihaben. Gleich nach dem Einsteigen schickt man der Mutti eine SMS mit dem Autokennzeichen. Das kann man dem Fahrer ruhig mitteilen. So signalisiert man: Jemand kümmert sich um mich. Ich selbst bin in meinem Leben etwa 40000 Kilometer getrampt und immer unbeschadet angekommen. Natürlich ist Trampen nicht ungefährlich. Aber es soll ja auch niemand seinen Verstand zu Hause lassen.
Interview: Cosima Schmitt
- Datum 06.08.2008 - 14:04 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 31.07.2008 Nr. 32
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Die Idee des Studenten M. Jähnert (bzw. seine Versuche zur Übertragung der niederländischen Idee auch auf Deutschland) sind sehr zu begrüßen.
Man kann und sollte diesen Beitrag zu besserer Ökologie u n d Ökonomie jedoch noch umfassender sehen: Trampen ist nur eine der vielen Formen des Mitfahrens. Konkret: auch für Mitfahrer, die gewillt sind, nicht nur zur Unterhaltung des Fahres sondern auch zu seinen Benzinkosten etwas beizutragen, wären feste Treffpunkte/"Haltestellen" eine gute Sache.
Die Idee Treffpunkte für Tramper einzurichten halte ich für sehr sinnvoll. Wir bauen gerade ein ähnliches Netz für Mitfahrgelegenheiten im Internet auf: Unter www.hopping.de kann jeder Nutzer die besten Treffpunkte für eine Stadt oder eine Route suchen und auch eigene anlegen und diese mit anderen teilen. Ich gehe davon aus, dass die Bedeutung von solchen alternativen Mobilitätskonzepten in Zukunft steigen wird. Sie sind günstig, flexibel und schonen die Umwelt.Ich freue mich über Feedback und Kommentaren zu unserer Idee und wünsche Herrn Jähnert alles Gute!
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