Es schien nur eine harmlose Frage, und selbst Fachleute vermochten ihre Brisanz mit bloßem Auge kaum zu erkennen. Doch die Frage hatte es in sich, und noch immer wirkt sie wie eine Glut, die stets aufs Neue hitzige Kontroversen entfacht. »Athen gegen Jerusalem?« hieß die Provokation, mit der Johann Baptist Metz vor Jahrzehnten die katholische Kirche aus ihrem eschatologischen Schlummer riss und so heilsam in Unruhe versetzte, dass die Ausläufer noch heute, zum Beispiel in Papst Benedikts Enzyklika Deus Caritas Est, zu spüren sind.

»Athen gegen Jerusalem.« Der Münsteraner Theologe versuchte zu erklären, warum das Christentum an Kraft verloren und seine radikale Botschaft zu einer therapeutischen Heimatreligion ermäßigt hatte. Warum interessiert sich die Kirche mehr für die Erlösung der Schuldigen als für die Gerechtigkeit gegenüber den unschuldig Leidenden? Warum tut sie sich mit schuldigen Tätern leichter als mit unschuldigen Opfern? Und warum trat sie so oft im triumphalistischem Purpur vor die Welt und spendete den Mächtigen ihren Segen?

Metz’ Antwort lautet: Weil die Kirche das Christentum halbiert hat. Sie hat ihre jüdischen Wurzeln verleugnet und will nicht wahrhaben, dass Christus der gefolterte und der gekreuzigte Jude ist. Indem die Kirche das Christentum als Synthese zwischen dem »Glauben« Israels und dem »Geist« Athens begreift, reduziert sie den jüdischen Anteil auf den bloßen »Glauben«. Sie schlägt das »Denkangebot« aus, das Israel dem Christentum mit auf den Weg gab: Die memoria passionis, das Eingedenken von geschichtlichem Leid, von Unrecht und Gewalt.

Damit hatte Metz, der sanftmütige Feuerkopf, die Melodie angeschlagen. Er will kein anderes Christentum; er will das Andere im Christentum, die Erinnerung an das verdrängte jüdische Erbe, das dem griechischen Geist diametral gegenübersteht. Denn während das Denken Athens, die platonische Anamnesis, »zeitenthoben« um Urgestalten vor aller Geschichte kreise, gedenke die jüdische Erinnerung der Opfer in der Geschichte. »Jerusalem« fragt nach dem Schicksal Unschuldiger; »Athen« fragt nach zeit- und geschichtslosen Mustern.

Aus dieser scharf geschnittenen Gegenüberstellung ergibt sich eine veritable Provokation. Weil sich die katholische Kirche, mehr noch: weil sich die gesamte westliche Ratio vom leidvergessenen griechischen Denken habe anstecken lassen, wurde sie taub gegenüber dem »Aufschrei der Unschuldigen«, der »Autorität der Leidenden«. Metz lässt keinen Zweifel daran: Die Geschichte des Abendlandes wäre weniger grausam gewesen, wenn das jüdische Gottesgedächtnis, die Revolte gegen die »Normalität« von Herrschaft und Gewalt, nicht unterdrückt worden wäre – wenn nicht nur Athen und Rom, sondern auch Jerusalem die »geistige Landschaft Europas bestimmt« hätten.

Bekanntlich nimmt Metz recht unbekümmert den Titel Neue Politische Theologie in Anspruch, was ihm zahlreiche, mit stoischer Geduld ausgeräumte Missverständnisse eingebrockt hat. Aber es hilft ja nichts, und Metz streitet es auch gar nicht ab: Sein Denken antwortet auch auf die antidemokratische »Politische Theologie« des Staatsrechtlers Carl Schmitt, die in katholischen Kreisen eine peinliche Karriere machte, für Metz aber kaum anderes darstellt als die Kernspaltung des Glaubens. Schmitt habe die jüdische Moral aus dem Christentum entfernt und die Erbsündenlehre verabsolutiert. Weil der Mensch nun einmal schlecht sei, bedürfe es einer Diktatur, die das Böse niederhalte bis zum Jüngsten Tag.

Metz löst die Theologie aus der Schmittschen Engführung mit der Politik, ohne sie vollständig vom politischen Feld zu entfernen. Der Theologe »blickt auf die Welt«, aber er kann ihr die Botschaft nur antragen und »Compassion« einklagen. Compassion ist für Metz das einzige friedensstiftende Moment und bedeutet: Erst in dem Augenblick, wo sich ein jeder das Leiden des Feindes vorstellt, gibt es Aussicht auf Frieden. Oder um ein unbequemes Beispiel zu nennen: Erst dann, wenn Israelis und Palästinenser wechselseitig ihre Leidensgeschichte anerkennen, wird der Nahe Osten zur Ruhe kommen.

Metz’ Theologie ist rein appellativ und vertraut allein auf die Macht anamnetischer Vernunft. Wider Willen öffnet sie damit einem heimtückischen Agenten der Neutralisierung Tür und Tor, dem Verschleiß der Wahrheit durch deren Selbstwiederholung. Metz hat auf diese Gefahr klug reagiert. Er hat seinen Einspruch nicht abgemildert, sondern ihn diagnostisch erweitert. Aus seinen Texten spricht auch die Furcht vor einer Moderne, die sich als Experiment ungezügelter Lebenskräfte versteht und alles in die Tat umsetzt, was ihr (gen)technisch möglich ist. Metz ist der »atmosphärische Nietzsche« nicht geheuer, jene Sucht nach rücksichtsloser Selbststeigerung, die nicht mehr nach gut und böse fragt, nach gerecht und ungerecht, sondern die Gegenwart als Naturschauspiel genießt, »unschuldig, trauerfern, leidvergessen«.

Auch darin entdeckt Metz einen Überschuss an »Athen«, einen neomythischen Glauben an Macht und Größe, Sieg und Niederlage, überhaupt an das Recht des Stärkeren. Dagegen setzt er noch einmal das Erbe Israels. Die Religion, die abgespaltene, aber vitale Gestalt des abendländischen Geistes soll Einspruch einlegen gegen die moderne Selbstermächtigung, und das heißt: Erinnerung an die mystische Gottesrede, Solidarität mit den Opfern und unbedingtes Festhalten an der Person, an ihrer Schuldfähigkeit »als der Würde der Freiheit«.

Bisweilen ist Metz, der in diesen Tagen achtzig Jahre alt wird, vorgeworfen worden, er beschränke seine Christologie auf eine Anklage gegen die Negativität einer verkehrten Welt. Das ist ein seltsamer Vorwurf. Wie sollte er einen Theologen treffen, an dessen Botschaft alle empirische Vernunft zuschanden wird und dessen »Eingedenken ungesühnten Leidens« nur von einem Glauben getragen sein kann – vom Glauben an die wiedergutmachende Macht des Erlösergottes?