KurzgeschichtenMaske des Entsetzens

David Foster Wallace ist der Chronist unserer rasenden Depression – seine Kurzgeschichten sind große Literatur von Eberhard Falcke

"Eine dreistufige Rakete in die Zukunft", nannte ihn Don DeLillo. Was literarischen Experimentiergeist und Kühnheit angeht, ist das ein schönes Lob. Noch mehr als die Zukunft zählt für David Foster Wallace aber die Gegenwart. Er begibt sich als Erzähler mitten hinein in die Sprache und die geistigen Zustände unserer Tage. Seine Kurzgeschichten sind Psychopathologien des hyperaufgeklärten Menschen und mündigen Bürgers, der sich zunehmend verliert in den hallenden Räumen medial multiplizierter Quasselei. In Amerika wird er gefeiert, seit ein paar Jahren wächst auch bei uns sein Ruhm. Vielleicht hat es also doch einen gewissen Sinn, wenn der Verlag die hoch konzentrierten Happen des letzten Erzählbandes Oblivion (2004) in zwei Menüs aufgeteilt hat: Fünf Storys erschienen 2006 unter dem Titel In alter Vertrautheit, drei weitere sind nun im Band Vergessenheit zusammengefasst.

Schon die Titelgeschichte ist programmatisch – sie zeigt, wie nahe wir dem Durchdrehen auf höchstem Reflexionsniveau gekommen sind. Randall erleidet gerade eine umfassende Lebenskrise. Jede Nacht beschuldigt ihn seine Frau, ihr mit seinem Schnarchen den letzten Frieden zu rauben. Über den Konflikt und die Therapieversuche berichtet der Held jedoch in reichlich sonderbarer Form. Seine Erzählung ist gespickt mit Fremdwörtern, durchsetzt von Parenthesen, ständig fällt er sich selbst ins Wort und wirft mit Floskeln und Begriffsrequisiten nur so um sich.

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Kurz: ein fürchterlicher Stil. Aber der hat, wie immer bei Wallace, System und Funktion. Die Sprache dieser Zeitgenossen ist von angespannter, fast panischer Nervosität. Trotz einer Fülle von fachsprachlichen Begriffen verrät ihre Rede anstatt Kompetenz nur Unsicherheit. Sie finden weder das rechte Wort noch den richtigen Gedanken. Trotz ihrer enorm ausdifferenzierten Sprache quatschen sie sich nur immer weiter in eine abgründige Verwirrung hinein. Das ist die ebenso satirische wie analytische Diagnose, die Wallace dem Denken und Reden im Banne allumfassender Medialisierung ausstellt.

Die kürzeste Geschichte Der Spiegel der Natur – Eine Kritik der Philosophie kündet vom geschraubten Irrwitz schon im Titel. Der Icherzähler und seine Mutter sind Monster aus den Untiefen der Durchschnittlichkeit. Das Gesicht der biederen Frau ist zu einer schaurigen "Maske blanken Entsetzens" erstarrt, seitdem Schönheitschirurgen an ihr statt kleiner Korrekturen großen Pfusch vollbracht haben. Über die Folgen und über seine Leidenschaft für Giftspinnen räsoniert der Sohn mit größter Bewusstseinsklarheit. Zugleich ist er völlig neben der Spur.

Der Mensch bei Wallace zeigt sich als ungeheuer versiert in allen möglichen selbstreflexiven, medialen, therapeutischen, theoretischen oder fachlichen Diskursen, er ist geübt darin, die bedenklichsten Zeiterscheinungen im Handumdrehen clever zu rationalisieren. Doch die Zeiten sind vorbei, da das noch geholfen hat – zumindest in diesen Erzählungen. Alle bleiben zappelig oder mit manischer Gelassenheit in ihre genau durchschauten Probleme verstrickt.

Die dritte, 130 Seiten lange Story TV der Leiden – The Suffering Channel liefert ein Beispiel, was daraus an Katastrophen des Urteilsvermögens resultieren kann. Sie beginnt mit einem Knalleffekt: "Aber sie sind scheiße." – "Ja, aber gleichzeitig Kunst. Sogar große Kunst. Sie sind im wahrsten Sinne des Wortes atemberaubend."

Der Reporter einer Lifestyle-Zeitschrift versucht, seinem Chef ein Superthema zu verkaufen. Er hat einen Künstler entdeckt, der seinen Darminhalt direkt in skulpturalen Nippes verwandeln kann. Und wider Erwarten – das ist die böse und zugleich lustige Pointe – vermag keiner zu verhindern, dass die Produkte analer Gestaltungskraft dem Publikum auf Glanzpapier als Kunst präsentiert werden. Niemand besitzt noch die nötige Widerstandskraft, weder geistig noch ästhetisch, geschmacklich oder moralisch. Dabei arbeitet in der Redaktion die Blüte des weiblichen Nachwuchses, von den besten Unis, aus tadellosen Familien, mit den edelsten Klamotten. Wallace macht sich einen diabolischen Spaß daraus, zu schildern, wie sich die wohlerzogenen jungen Damen mit dem Thema anfreunden. Zwar wissen wir längst, dass es die extrafeinen Eliten sind, die im Mediengeschäft den größten Trash produzieren. Aber so gut, komisch und ätzend wie David Foster Wallace erzählt davon kein anderer.

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  • Schlagworte David Foster Wallace | Don DeLillo | Erzählung | Kunst | Kurzgeschichte | Sprache
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