Metropole Architecture sells!

Mitten in der amerikanischen Immobilienkrise erfindet sich New York neu – als spektakuläre Wohnstadt.

Das Wohnen schien die großen Architekten kaum zu interessieren. Sie bauten Bürotürme oder Museen, lauter Großprojekte, die Prestige und Rendite versprachen. Dass auch ein Apartmenthaus avantgardistisch sein könnte, erschien lange undenkbar, vor allem in New York. »Architektur war nie das Thema. Es war die Stadt des Geldes und der Macht. Einige sagen, die Stadt sei auf Habgier gebaut«, sagt Bernard Tschumi, Professor für Architektur an der Columbia University.

Doch nun das: Ausgerechnet in New York, ausgerechnet mitten in der Immobilienkrise, machen sich die angesehensten Architekten der Welt daran, das Wohnen neu zu entdecken. Ein halbes Jahrhundert ist es her, dass Le Corbusier seinen Prototyp eines Wohnhochhauses mit integrierten Gemeinschaftsräumen errichtete, mit einer Ladenstraße, mit Hotel und Restaurant, mit Kindergarten und Turnhalle auf dem Dach. Jetzt erlebt diese Idee des Hauses als Stadt eine Renaissance. So umfasst ein extravaganter Turm von Jean Nouvel, dessen Bau gerade begonnen wurde, ein Schwimmbad mit Innen- und Außenbereich, ein Dampfbad, ein Fitness-Studio und ein Restaurant. Wie bei Le Corbusiers Wohnblock, der unité d’habitation , sind auch hier die Details der Wohnungen, etwa die Küchen, ja sogar die Wasserhähne, speziell für den Bau entworfen. Während jedoch Le Corbusier eine soziale Utopie verfolgte, indem er nichts Geringeres anstrebte als die Veränderung der Gesellschaft, bedienen die neuen New Yorker Wohntürme lediglich das oberste Luxussegment des Immobilienmarkts.

Dennoch, die Entwicklung der letzten Jahre ist erstaunlich. So leben in Lower Manhattan, in der Nachbarschaft von Ground Zero, bald doppelt so viele Menschen wie noch vor sieben Jahren, und in weiteren fünf Jahren sollen es bereits dreimal so viele sein. Auch Prominente wie Leonardo DiCaprio zieht es in diese Gegend, er bezieht einen ökologischen Wohnturm mit Wasseraufbereitungsanlage.

Viele Makler werben in jüngster Zeit mit solchen Finessen. Da sich Wohnraum derzeit schlecht verkaufen lässt, stattet man die Apartmenthäuser mit vielen Extras aus, etwa mit einem Fahrstuhl, der das Auto bis zur Wohnung herauffährt. Das größte Extra aber ist das Gebäude, seine Gestaltung. »Erwerben Sie ein Stück Architekturgeschichte«, stand auf den Einladungskarten zur Eröffnung von Richard Meiers Glastürmen.

Paradoxerweise ist es gerade die Marktkrise, die zum Katalysator für avantgardistische Architektur wird. So ließ sich der Investor, der vom Museum of Modern Art ein Grundstück für 125 Millionen Dollar kaufte, von Jean Nouvel zwei alternative Pläne vorlegen und entschied sich für die spektakulärere. Der Entwurf erinnert an die visionären Architekturzeichnungen der zwanziger Jahre von Häusergebirgen mit abgeschrägten Steilwänden. »Vor zehn Jahren«, kommentierte die New York Times, »hätte jeder, der Hunderte von Millionen in ein Gebäude investiert, unvermeidbar die konservativere Variante gewählt. Aber die Zeiten haben sich geändert. Architektur ist nun eine Form des Marktes.«

Dieser Markt sucht gezielt jene Avantgardepositionen, die lange verachtet wurden, etwa die der Büros von Asymptote, Shigeru Ban oder Ben van Berkel. Auch Bernard Tschumi erhielt eines Morgens einen überraschenden Bauherrnanruf und konnte schließlich an der Lower East Side einen skulpturalen Baukörper realisieren, dessen Gestalt sich in der Wahrnehmung der vorübergehenden Passanten permanent zu verändern scheint.

Wie der Niederländer Rem Koolhaas gelangte Tschumi vor allem durch theoretische Schriften zu Ruhm. Während Tschumi die Bewegung der Menschen im Raum thematisierte, setzte sich Koolhaas in seinem legendären Buch Delirious New York mit der Stapelung von unterschiedlichen Nutzungen in Hochhäusern auseinander. Sein erster Hochhausturm in den USA soll nun ebenfalls ein Wohnbau sein. Die geplanten drei übereinandergestapelten und versetzt angeordneten Baublöcke müssen zwar das statische Problem von aufwendigen Auskragungen bewältigen, triumphieren aber in ihrer buchstäblichen Verrücktheit. Mit spektakulären Panoramablicken hofft der Investor, die Käufer sogar nach New Jersey, auf die andere, unattraktivere Flussseite locken zu können.

Natürlich gab es auch früher schon einige Hochhäuser, die nicht nur durch ihre Höhe, sondern auch in der Gestaltung herausragend waren. Doch waren es meist Bürogebäude und meist mit immer gleichen Grundrissen. Manche der neuen Bauten versuchen das monotone Raster zu überwinden. Nicht selten kommt es allerdings vor, dass die Architekten kaum mehr als die Hüllen entwerfen, als Bekleidung für konventionelle Wohnungen. Frank Gehry macht das in einem Entwurf sogar zum Thema: Für den 76-geschossigen Beekman Tower unweit von Ground Zero hat er ein geschwungenes Gewand aus Edelstahl entwickelt, dessen Faltungen wie eine leichte Haut wirken und durch Ausbuchtungen weite Blicke in viele Richtungen erlauben.

Auch wenn sich die Architekten vom sozialen Anspruch ihrer Vorfahren verabschiedet zu haben scheinen – die neue Skyline ist doch der bleibende Ausdruck unserer Zeit. Sie zeugt von einer Wiederentdeckung, von einer neuen Lust am Verrückten, auch von sozialer Verdrängung. Vor allem aber kündet sie davon, wie schwungvoll New York die schwerste Krise seiner Geschichte überwindet.

 
Leser-Kommentare
  1. Gut, dass der Autor sagt "Auch wenn sich die Architekten vom sozialen Anspruch ihrer Vorfahren verabschiedet zu haben scheinen" - der Streit um den Umgang mit Diktaturen - hier primär von von Gerkan / Ingenhoven vorangetrieben, das Interview letzte Woche im SPIEGEL mit Jacques Herzog -  mit Pierre de Meuron Erbauer des Pekinger Olympia-Stadions  (http://www.spiegel.de/spi... ) - das macht doch schon sehr deutlich, dass es da grundverschiedene Ansätze und Ausgangspunkte gibt. Man reagiert auf den Markt und dessen Anforderungen - aber man versucht diese Möglichkeiten auch weiter auszureizen. Gerade die hier genannten Tschumi, Kohlhaas und Nouvel sind sehr viel cleverer als linear denkende Menschen vermuten - sie sind eben Farbe bekennende Chamäleons - und auch der gleichfalls in einem Nebensatz erwähnte Shigeru Ban hat bereits Notunterkünfte für Erdbebenopfer etc. konzipiert. Der Markt für sozialen Städtebau - aber mit durchaus architektonisch hochwertigen Konzepten - er ist erst im Entstehen begriffen. Die hier vorgestellten architektonischen Konzepte jedoch sind meistens schon ein paar Jahre alt - was nichts über ihre Qualität sagen soll.

    • Zack34
    • 04.08.2008 um 22:29 Uhr

    ... Hochhaus in der Mitte möchte ich jedenfalls nicht "wohnen", da verm. nicht besonders "zukunftsträchtig"....MfGZack34

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