Es war wie in den Jahren zuvor, nur größer und prächtiger. Eine Staffel von neun Alpha-Jets malte die Farben der Trikolore in den blauen Himmel von Paris. Danach defilierten 4000 Vertreter aller Waffengattungen, an der Spitze Blauhelmsoldaten, die Champs-Élysées hinunter zur Place de la Concorde, vorbei an der Ehrentribüne, wo Staatspräsident Sarkozy an die vierzig Staats- und Regierungschefs, die Teilnehmer des Mittelmeergipfels, um sich versammelt hatte. Zehntausende säumten den Prachtboulevard. Der Abend wurde beschlossen mit einem Open-Air-Konzert vor dem illuminierten Eiffelturm und dem traditionellen Feuerwerk an der Place du Trocadéro.

Seit 1880 ist der Quatorze Juillet französischer Nationalfeiertag – und er ist immer mehr zum Ritual erstarrt. Kaum etwas erinnert heute noch an jenen denkwürdigen 14. Juli 1789, als das Volk von Paris die Bastille stürmte. Die ehemalige Festung, die zu einem Staatsgefängnis umgewandelt worden war, galt als Inbegriff des Despotismus. Hier hatte Voltaire gesessen, und hier waren viele echte oder vermeintliche Feinde des Staates und der Kirche verschwunden. Allerdings hatte der französische König Ludwig XVI. in den siebziger und achtziger Jahren des 18. Jahrhunderts erwogen, die Bastille als Gefängnis abzuschaffen, und die Bastille-Stürmer fanden denn auch nur noch sieben Gefangene vor. »Man hat ja noch lange nach dem Sturm auf die Bastille verzweifelt versucht, die Verliese zu entdecken mit den dort angeketteten Gefangenen, doch was man fand, war eine Druckerpresse, die man erst als Folterinstrument qualifizierte, um dann festzustellen, dass sie bei einem aufmüpfigen Drucker konfisziert worden war«, erzählt Gudrun Gersmann, seit 2007 Direktorin des Deutschen Historischen Instituts in Paris, das unweit der Place de la Bastille sein Domizil hat. Und sie fügt hinzu: »Dieser 14. Juli konnte nur deshalb zu dem nationalen Ereignis schlechthin stilisiert werden, weil er auf der Rezeption eines Mythos beruhte.«

Doch historische Umbrüche wie der von 1789 bedürfen der Mythen und Symbole, um die revolutionären Energien zu mobilisieren und auf ein Ziel zu lenken. Schon den Zeitgenossen war bewusst, dass nach dem 14. Juli nichts mehr war wie zuvor. »Auf diese Weise, Mylord, hat sich die größte Revolution der bisherigen Geschichte vollzogen«, schrieb der englische Botschafter Lord Dorset am 16. Juli aus Paris an den Duke of Leeds. Und der englische Arzt Edward Rigby, der sich als Tourist hier aufhielt, berichtete drei Tage später nach Hause: »Ich bin Zeuge der außerordentlichsten Revolution gewesen, die vielleicht jemals in der menschlichen Gesellschaft stattgefunden hat.«

Als Ludwig XVI. am Abend des 14. Juli vom Sturm auf die Bastille erfuhr, empörte er sich: »Aber das ist eine Revolte!« Doch der Berichterstatter, der Großmeister der Garderobe, Duc de La Rochefoucauld-Liancourt, korrigierte: »Nein, Sire, das ist eine Revolution!« Kaum ein Geschichtsbuch hat sich den Wortwechsel im königlichen Schlafgemach entgehen lassen, obwohl es keinen sicheren Beleg dafür gibt, dass er stattgefunden hat. Aber die Anekdote passte einfach zu gut, weil sie die welthistorische Zäsur von 1789 auch im Wandel der politischen Sprache sinnfällig machte.

Bis in die frühe Neuzeit hinein bedeutete »Revolution« (von lateinisch revolvere – zurückrollen) noch keine politische Umwälzung, sondern eher das Gegenteil, die ewige Wiederkehr des Gleichen. In diesem Sinne hatte etwa Kopernikus das Wort in seinem Werk De revolutionibus orbium caelestium verwendet, um eine kreislaufförmige Bewegung zu beschreiben, die zu ihrem Ausgangspunkt zurückführt, aber nicht in Neues mündet.

Ebendies aber macht den Kern des modernen Revolutionsbegriffs aus, wie er sich nach 1789 durchgesetzt hat. Seither verbindet sich damit die Erfahrung eines dramatischen Wandels in Politik und Gesellschaft, von Institutionen und Mentalitäten. Nicht mehr Altes, Abgelebtes soll wiederhergestellt, sondern der Bruch mit dem Bestehenden radikal vollzogen werden. Dies geschieht mit dem Anspruch, eine neue, gerechtere Ordnung zu schaffen und so dem geschichtlichen Fortschritt auf die Sprünge zu helfen – am prägnantesten zusammengefasst im populären Schlachtruf der Französischen Revolution: »Liberté, Égalité, Fraternité«.

Revolutionen kommen nie aus heiterem Himmel, sie bereiten sich lange im Schoße der alten Gesellschaft vor. Zumeist ist es die Unfähigkeit der Herrschenden, durch rechtzeitige Reformen das politische und gesellschaftliche System zu erneuern, die revolutionäre Umwälzungen unvermeidlich macht. Im Frankreich des Ancien Régime zeigte sich diese Reformunfähigkeit am deutlichsten auf dem Gebiet der Finanzpolitik. Der Versuch der Krone, die enorme Staatsverschuldung durch Abbau der Steuerprivilegien zu verringern und damit den Staatsbankrott abzuwenden, stieß auf den erbitterten Widerstand der privilegierten Stände – des Adels und der hohen Geistlichkeit. In dieser Situation blieb dem König nichts anderes übrig, als die Flucht nach vorn anzutreten und – erstmals seit 1614 – die Generalstände für Anfang Mai 1789 nach Versailles einzuberufen.