Biografie Ich sah ihn, und mein Herz stand still

Jochen Köhler hat ein ungewöhnlich einfühlsames Buch über den jungen Helmuth James von Moltke, die Lichtgestalt des Widerstands gegen Hitler, geschrieben

Innerhalb des deutschen Widerstands gegen Hitler nimmt Helmuth James Graf von Moltke einen herausragenden Platz ein. Anders als etwa Claus Schenk Graf von Stauffenberg, der neuerdings zum Nationalheiligen schlechthin stilisiert wird, war er ein kompromissloser Gegner des Nationalsozialismus von Anfang an. Im Krieg war er der führende Kopf des Kreisauer Kreises, jener Widerstandsgruppe, die in intensiven Diskussionen ein großes Programm zur Neuordnung Deutschlands für die Zeit nach Hitler entwarf. Und er hat mit seinen Briefen an seine Frau Freya, die erst 1988 publiziert wurden, ein Zeugnis von bleibendem Rang hinterlassen.

Dennoch gibt es bisher keine Biografie, die seiner Bedeutung gerecht würde. Das Buch von Günter Brakelmann, das zum 100. Geburtstag Moltkes am 11. März 2007 erschien, ist zwar solide gearbeitet, doch fehlt ihm jeder Glanz (ZEIT Nr. 11/07). Umso neugieriger ist man nun auf den neuen Versuch, den Jochen Köhler unternommen hat. Mit diesem Buch hat es eine besondere Bewandtnis. Ursprünglich sollte es auch zum 11. März 2007 erscheinen, doch dann gab es statt der versprochenen großen Biografie nur einen Vorabdruck in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, und wenige Monate später, im Juni, erfuhr man, dass der Autor gestorben war, ohne das Manuskript zum Abschluss gebracht zu haben.

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Köhler war, als er starb, bis zum Jahr 1933/34, also dem Beginn des »Dritten Reiches«, gekommen. Die entscheidenden Jahre, den Weg Moltkes in den Widerstand, sein Wirken im Kreisauer Kreis, schließlich das Ende, Haft, Prozess und Hinrichtung 1944/45 – all das hatte er nicht mehr ausführen können. Dennoch hat sich der Verlag nun entschlossen, das Fragment zu veröffentlichen. Im Vorwort wendet sich Rowohlt-Chef Alexander Fest direkt an die Leser: Wenige Bücher habe er sich »so hartnäckig gewünscht wie dieses«. Denn Jochen Köhler sei »ein Schriftsteller von außerordentlicher Begabung« gewesen. Er habe geschrieben »wie niemand sonst«, und jede Seite zeige »sein unvergleichliches Talent«.

Dass ein Verleger das Werk eines – zudem kaum bekannten – Autors in so überschwänglichen Tönen anpreist, ist eher unüblich, und man fragt zunächst, ob hier nicht des Guten zu viel getan wurde. Doch dann beginnt man zu lesen und stellt rasch fest: Alexander Fest hat nicht übertrieben. Wir haben es in der Tat mit einem ungewöhnlichen Stück biografischer Literatur zu tun, und zwar vor allem aus zwei Gründen.

Erstens: Jochen Köhler hat mehr als zwanzig Jahre an diesem Buch gearbeitet. Er ist so sorgsam wie kein Biograf bisher allen Lebensspuren Helmuth James von Moltkes nachgegangen, hat unzählige Gespräche mit Angehörigen und Bekannten der Familie geführt – die meisten sind inzwischen gestorben. Was sie ihm erzählten, steht in keinen Dokumenten und bereichert unser Bild in vielerlei Beziehung. Vor allem aber gelang es ihm, das Vertrauen Freya von Moltkes zu erwerben, der hochbetagt in Norwich, Vermont, in den USA lebenden Witwe von Helmuth James. Sie hat ihm bereitwillig die Schatullen ihres Privatarchivs geöffnet. Darin fanden sich unter anderem die Briefe von Mutter Dorothy an ihre Eltern in Südafrika, die Köhler las und aus dem Englischen übersetzte, noch bevor sie 1999 in Auszügen von Beate Ruhm von Oppen veröffentlicht wurden (Ein Leben in Deutschland 1907–1934, Verlag C. H. Beck). Diese Briefe sind die wichtigste Quelle zur Biografie des jungen Moltke und bilden den Grundstock von Köhlers Fragment.

Ein ganzes Universum an Stimmen, Lauten, Gerüchen, Farben

Zweitens: Der Autor, von Haus aus kein gelernter Historiker, bedient sich einer biografischen Methode, die sich nicht den strengen Kriterien der Wissenschaft unterwirft, sondern sich zu ihrer Subjektivität bekennt. Er umschreibt diese Methode mit dem auf den ersten Blick befremdlichen Ausdruck »Ins-Leben-Starren«. Gemeint ist damit: Wenn der Biograf den Protagonisten seiner Erzählung im Spiegel der historischen Zeugnisse nur lange genug fixiere, wenn er sich in ihn hineinversenke, seine Gedanken und Gefühle zu »lesen« verstehe – dann könne er ihn gewissermaßen wieder zum Leben erwecken. Das verlangt allerdings nicht nur viel Einfühlungsvermögen, sondern auch historische Einbildungskraft, und über beides verfügt der Autor in ganz erstaunlichem Maße.

Am schönsten bewährt sich die Methode der einfühlenden Imagination in der Darstellung der ersten Lebensjahre Helmuth James von Moltkes. Köhler versteht es, die versunkene Welt von Kreisau, in die der erstgeborene Sohn des Gutsbesitzers Helmuth von Moltke und seiner südafrikanischen Frau Dorothy hineinwuchs, wiederauferstehen zu lassen. »Sie trugen ihn in seinem ersten Sommer in eine Umgebung hinein, die ihr Eigenleben hatte(…). Die Natur war vielgesichtig, die Landwirtschaft hart und ihr sehr nah, die Formen der Arbeit entsprachen dem Leistungsvermögen von Ochs, Pferd, Esel. Auf dem Hof lagerte viel herum. Roggen, Klee, Heu, Raps, Flachs, Hopfen, Kartoffeln, Rüben. Mit Karren und Leiterwagen wurden das Brennholz, die Feldfrüchte und der ungedroschene Weizen auf bestimmte Plätze des Hofes gebracht, dort gesägt, gedroschen, anderswie bearbeitet, sortiert und fortgeschafft, so zur Zuckerfabrik und zur Textilfabrik in der Nähe. Dabei halfen Werkzeuge, die Stellmacher und Schmied in der Mitte des Hofes richteten, schliffen und pflegten, Hacken, Sensen, Gabeln, Schaufeln. Hufeisen im Feuer, auf dem Amboß und zischend in Wasserkübel, brenzlig riechend auf den Huf des Pferdes genagelt. Das Sensenblatt auf dem Dengeleisen ergab von April bis Oktober jeden Abend einen rhythmischen Grundton.«

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