Biografie Ich sah ihn, und mein Herz stand still Seite 3/3

Über das Jurastudium, das Helmuth James von Moltke nach seinem Abitur am Potsdamer Realgymnasium 1925 begann, teilt diese Biografie so gut wie nichts mit. Das ist kein Zufall, denn auch seine Studien betrieb er eher nebenbei. Stattdessen widmete er sich lieber den vielen Attraktionen, welche die Metropole Berlin in ihren vermeintlich »goldenen Jahren« bot. Und er interessierte sich, zum Wohlgefallen seiner Mutter, immer mehr für Politik. Schon früh knüpfte er Kontakte zu amerikanischen Journalistenkreisen, zu Edgar Mowrer und dessen Frau Lilian, vor allem aber zu Dorothy Thompson, der Starautorin unter den Auslandskorrespondenten.

Später engagierte er sich für eine von Breslauer Professoren und Studenten ins Leben gerufene Initiative, die Löwenberger Arbeitsgemeinschaft, deren Ziel es war, Menschen unterschiedlicher sozialer, politischer und konfessioneller Herkunft zum Dialog zusammenzubringen. Das sollte auch der Grundgedanke des Kreisauer Kreises werden, und tatsächlich tauchen hier schon manche Namen auf, die später im Widerstandskreis eine Rolle spielten: die Studenten Horst Einsiedel und Carl Dietrich von Trotha, ein Vetter Moltkes, der Staatsrechtler Hans Peters, der Pädagoge Adolf Reichwein.

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Noch wichtiger war freilich, wie Köhler zeigt, die Begegnung mit Eugenie Schwarzwald, der bekannten Wiener Pädagogin und Sozialreformerin, die im Berliner Schloss eine Gemeinschaftsküche eingerichtet hatte. Hier aß auch Helmuth James zu Mittag, und hier lernte er 1926 »Fraudoktor«, wie sie von ihren Freunden genannt wurde, kennen. Sie lud den neunzehnjährigen Jurastudenten für den Sommer in ihr Ferienhaus Seeblick am Grundlsee ein, wo Jahr für Jahr eine Runde interessanter Menschen unterschiedlicher Profession und Nationalität zusammentraf – Künstler, Schriftsteller, Journalisten, Schauspieler, Wissenschaftler.

Am Grundlsee war es auch, wo Helmuth James von Moltke und die achtzehnjährige Freya Deichmann, Tochter eines Kölner Bankiers, sich im August 1929 zum ersten Mal begegneten. »Ich sah ihn, und mein Herz stand still«, zitiert der Autor aus einem Gespräch, das er im Januar 2006 mit der inzwischen 95-Jährigen geführt hat. Bei Helmuth James, so erfahren wir nun, war es nicht Liebe auf den ersten Blick, denn er hatte zu diesem Zeitpunkt nur Augen für eine Schauspielerin, Daisy d’Ora. Doch nach seiner Rückkehr schrieb er Freya einen Brief, in dem er ihr für ihre Gesellschaft dankte und die Hoffnung aussprach, »daß ich in der Lage sein werde, Sie einmal in aller Intensität zu lieben, denn was ich jetzt empfinde, ist nur ein Beginn, der Anfang einer Entwicklung, die alles aus mir zu machen imstande ist«.

Der Anfang einer Entwicklung – und das Ende dieser Biografie. Zwar wird noch beschrieben, wie es dem zum Generalbevollmächtigten für Kreisau bestellten jungen Juristen 1929/30 gelang, das in schwere Nöte geratene Gut vor dem Zugriff der Gläubiger zu retten, wie er anschließend seine Ausbildung fortsetzte und mit dem nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten obligatorischen »Referendarlager« 1933/34 abschloss – doch damit bricht das Buch ab, und man spürt auf den letzten Seiten, wie die Kräfte des Autors schwinden.

Was er aber bis hierhin geleistet hat, ist beeindruckend. Vor unseren Augen entsteht das Bild einer bereits erstaunlich reifen Persönlichkeit – vielseitig interessiert an Literatur und Kunst, aufgeschlossen für liberale Politik, sensibel für soziale Probleme, wie sie sich etwa in der Nähe von Kreisau im Elend der Arbeiter im niederschlesischen Kohlerevier zeigten. Kurzum, ein vielversprechender junger Deutscher, der im Unterschied zu den meisten Akademikern seiner Generation gegen die Versuchungen des Nationalsozialismus gefeit war.

Die Kunst des Biografen, hat Christian Meier einmal bemerkt, bestehe darin, »sich den Helden vom Leibe zu halten«. Köhler hingegen bleibt seinem Helden immer ganz nahe, und man mag einwenden, dass er die Einfühlung gelegentlich zu weit getrieben hat – bis hin zu der Marotte, die Mitglieder der Familie mit ihrem Vor- oder Rufnamen anzureden. Doch dieser Einwand wiegt nicht schwer angesichts der Vorzüge, welche die ganz auf die Innenperspektive gerichtete Erzählung mit sich bringt. Wir verstehen nun besser, warum Helmuth James von Moltke zu dem werden konnte, der er werden sollte: einer der wenigen wirklichen Lichtfiguren des deutschen Widerstands gegen Hitler.

 
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