Ostsee Da kann man nicht Nein sagen

Ringtausch am Strand, im Leuchtturm, auf der Seebrücke – Rügen ist zur Hochzeitsinsel geworden

Es ist zehn Uhr morgens im Ostseebad Göhren auf Rügen. Leichter Wind, 17 Grad. Ein paar Touristen planschen im Wasser. Auf dem Strand steht ein Hochzeitspavillon, ein luftiges Gebilde aus weißem Zeltstoff, hingeklackst wie ein Sahnehäubchen. Wiebke Schönitz heißt die Braut, auf die nun alle schauen. Im weißen Rüschenkleid, den Arm in die Armbeuge ihres Vaters geschoben, stapft sie durch den Sand, die Augen leuchten.

Bis gestern war nicht sicher, ob die Trauung unter freiem Himmel stattfinden würde. Der Wetterbericht hatte Regen vorausgesagt. Doch heute scheint die Sonne. Vor blauem Meer mit weißer Gischt wartet André, der Bräutigam im hellen Anzug, am Pavillon darauf, dass ihm Wiebke zugeführt wird. Obwohl es sich nur um eine standesamtliche Trauung handelt, ist es Wiebkes Märchenhochzeit, ihr Kleinmädchentraum, ganz in Weiß. Auch ohne den Segen eines Pastors.

Heiraten am Strand – dabei dachte man bislang an Romanzen unter Palmen, in Südafrika, auf Hawaii oder Mauritius. Aber inzwischen schlägt auch Rügen Kapital aus der Sehnsucht junger Paare, den besonderen Moment des Lebens in einer nicht ganz alltäglichen Atmosphäre zu verbringen. Deutschlands größte Insel ist zur Hochzeitsinsel geworden. Ein bisschen Hollywoodflair weht nun auch an der Ostsee, wenn standesamtliche Trauungen am Göhrener Strand oder in einem Prunksaal des Jagdschlosses Granitz vorgenommen werden, auf der Seebrücke im mondänen Sellin, im Schloss Ralswiek oder in der Orangerie Putbus.

»Ruhe und Natur, das ist das wahre Geheimnis«, sagt Gabriele Schost, 55, seit 22 Jahren Standesbeamtin. Sonst sagt sie nicht viel. Die Zeit drängt. Geheiratet wird im 30-Minuten-Takt. Fünf Hochzeiten stehen heute in Frau Schosts Terminkalender: hoch oben auf dem Schinkelleuchtturm am Kap Arkona. Und jede Zeremonie soll einzigartig sein, fast so besonders wie der Leuchtturm, das Wahrzeichen im Norden der Insel. Stolz ragt er in die Schönwetterwolken, der quadratische Koloss aus Backstein.

Das Trauzimmer war einmal die gute Stube der Wärtersleute, heute wacht nur noch die Büste des Architekten Karl Friedrich Schinkel in der Ecke. Auf dem antiken Schreibtisch steht ein Tonschälchen in Fischform, in dem zwei Ringe liegen. Es wird unruhig: Frauen in langen Kleidern und Männer in festlichen Anzügen drängen in das kleine Zimmer, die Stühle reichen nur für zehn. Die Älteren dürfen Platz nehmen, die Schwester der Braut muss stehen. Das Brautpaar thront kerzengerade auf den historischen Hochzeitsstühlen und lächelt schüchtern. Gabriele Schost erhebt sich. Sie strahlt Gelassenheit aus.

Nach der Trauung sagt der Bräutigam: »Man sitzt im Kreis der Familie, und um einen herum diese unendliche Weite. Selbst der kleine Raum kommt einem irgendwie erhaben vor. Alles wirkt sehr besänftigend. Da vergisst man sogar sein Lampenfieber.« André und Ditte Danelius haben sich auf Rügen kennengelernt. Sie ist auf der Insel geboren, er machte dort Urlaub. »Viele Hochzeitspaare verbinden glückliche Erinnerungen mit der Insel«, sagt Gabriele Schost. Manche kennen Rügen aus Kindheitsurlauben mit den Eltern oder von eigenen Reisen. Andere, wie die Strandbraut Wiebke, kommen zum ersten Mal, weil der Ort den Ruf genießt, für die perfekte Hochzeit perfekt zu sein. Viele von ihnen gehören keiner Kirche an und wollen trotzdem in Weiß heiraten. Dieser Widerspruch fällt im entspannten Klima Rügens nicht ins Gewicht.

Bis weit in den Herbst ist der Schinkelleuchtturm ausgebucht. Allein für den Schnapszahlhochzeitstag am 8.8.2008 haben sich 16 Kandidaten angemeldet, und am Ende des Jahres werden Gabriele Schost und ihre Kollegen rund 400 Paare getraut haben – etwa 50 mehr als im vergangenen Jahr. »Schon jetzt haben wir Anfragen für 2010«, sagt Gabriele Schost. Sie fürchtet, dass die Belastungsgrenze der Standesbeamten bald erreicht sein wird. Angefangen hat der Boom mit knapp hundert Paaren, das war Ende der 1990er Jahre. Rasch erkannten die Hoteliers die Gunst der Stunde und warfen die Hochzeitstourismusmaschinerie an: Hochzeitssuiten, Hochzeitsmenüs und Hochzeitsspecials mit dreitägigem Rundum-Sorglos-Paket – die Rahmenbedingungen für das Jawort mit Stil stimmen. Das Cliff-Hotel managt die Hochzeiten auf der Selliner Seebrücke; das Turmzimmer des Hotels Hanseatic in Göhren wird am Wochenende zum Standesamt.

Erklären kann den Ansturm niemand so richtig. Rügen ist eben Rügen, erschwinglicher als das noble Sylt und trotzdem mondän genug für feierliche Anlässe. Mit seinen Farben Grün-Blau-Weiß ist es ein besonderer Glücksfall im Inselmeer. Das Grün der Alleen und Schilfgürtel. Das Blau der See und Seen. Das Weiß der Kreidefelsen, der Villen in den Kaiserbädern und der Strände, über denen freitags die Wölkchen der Brautkleider schweben.

Nicht alle wollen nur standesamtlich heiraten. Auch Pastor Andreas Rüß hat schon viele Paare getraut. Ebenfalls vor allem Touristen. Nur wenige Einheimische holen sich seinen Segen. Denn in der Gemeinde im Norden rund um Kap Arkona gehören lediglich zehn Prozent der Einwohner der evangelischen Kirche an. Die Mehrzahl der Gottesdienstbesucher sind Sommergäste. Trotz der Schwierigkeit, die Rügener zu missionieren, fühlt sich Pastor Rüß am rechten Platz. Das wusste er schon, als er hier vor acht Jahren landete: »Ich stand auf dem Deich, habe übers Meer geschaut und war angekommen.«

Knapp zwanzig Minuten sind es vom Schinkelturm zur Uferkapelle Vitt. Das Kap ist autofrei. Man geht zu Fuß auf dem Hochuferweg, um eine Kurve, einen sanften Hügel hinab. Dann liegt sie da wie gemalt, die weiß verputzte Kapelle unter ihrem Reetdach, auf der Spitze ein schlichtes Kreuz. »Hier hat sich die Geschichte vom Berg und dem Propheten abgespielt, nur umgekehrt«, sagt Rüß.

Er erzählt von den Fischern aus Vitt im 18. Jahrhundert, die an einem Spätsommertag den Gottesdienst schwänzten. Sie hatten nämlich die Heringsschwärme entdeckt, die im Wasser vorüberzogen. Da beschlossen sie, den langen Weg zur Pfarrkirche von Altenkirchen nicht auf sich zu nehmen und lieber die Boote klarzumachen. Deshalb musste der Pfarrer nach Vitt kommen. Er hielt seine Predigten an der Steilküste ab, bis vor knapp 200 Jahren die Uferkapelle gebaut wurde.

So kehrte die alte Ordnung zurück: Nun suchen wieder die Gläubigen ihre Kirche auf. Wie das Ehepaar aus Brandenburg, das heute nachholt, was es vor 25 Jahren versäumt hat. Pünktlich zur silbernen Hochzeit lässt es sich in der Uferkapelle trauen. Allerdings etwas anders, als es in der Kirche oder am Göhrener Strand üblich ist: ohne Brimborium und weißes Kleid. Keine große Gesellschaft wie auf dem Leuchtturm: nur das Paar und die engste Familie. Und natürlich die Touristen, die Zaungast spielen.

Information Rügen

Anreise:
Mit dem Auto auf der Ostseeautobahn A20 bis zur Abfahrt Stralsund/Insel Rügen. Dann über den vierspurigen Autobahnzubringer (B96) und die Ortsumgehung Stralsund. Mit der Autofähre von Stahlbrode über den Strelasund nach Glewitz. Mit der Bahn in vier Stunden von Hamburg oder Berlin nach Bergen auf Rügen

Unterkunft:
Hotel Hanseatic, Nordperdstraße 2, 18586 Ostseebad Göhren, Tel. 038308/ 515, www.hotel-hanseatic.de . Hochzeitshotel mit Wellnessbereich, hervorragendes Frühstücksbüfett. DZ ab 99 Euro. Das Hotel informiert auch über standesamtliche Trauungen am Strand

Heiraten:
Die Tourismuszentrale Rügen ( www.auf-ruegen-heiraten.de ) gibt eine Hochzeitsbroschüre mit Informationen über die Außenstellen der Standesämter sowie eine Auswahl an Kirchen heraus

Auskunft:
Tourismuszentrale, Tel. 03838/807780, www.ruegen.de

 
Leser-Kommentare
  1. "Obwohl es sich nur um eine standesamtliche Trauung handelt, ist es Wiebkes Märchenhochzeit, ihr Kleinmädchentraum, ganz in Weiß. Auch ohne den Segen eines Pastors."

    hä?

    "Viele von ihnen gehören keiner Kirche an und wollen trotzdem in Weiß heiraten. Dieser Widerspruch fällt im entspannten Klima Rügens nicht ins Gewicht."

    was?
    entschuldigung, aber was will die autorin damit eigentlich sagen?
    weisses hochzeitskleid ist nur bei kirchlichen trauungen erlaubt?
    das ist derartiger unfug, dass ich das nicht recht glaube kann -- allerdings lassen sich diese beiden albernen sätze beim besten willen nicht anders deuten.
    als ich das heute auf papier gelesen habe, habe ich mich ernsthaft gefragt, ob es mit der zeit nun endgültig zuende geht.

    • Anonym
    • 31.10.2008 um 22:28 Uhr

    [entfernt, bitte nutzen Sie diese Seite nicht als Werbeplattform/ Redaktion; svb]

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service