Ausbildung
Zahnlose Elite
Den Topstudenten fehlt es an Meinungsstärke und Mut zum Risiko. Mit gutem Benehmen lässt sich kein Staat machen. Sind wir alle auf dem richtigen Weg? Ein Seitenhieb
Sind wir beim Heranzüchten der Führungskräfte von morgen eigentlich auf dem richtigen Dampfer? Wer selbst einmal künftige Studenten einer privaten Spitzen-Hochschule ausgewählt hat, den beschleichen Zweifel.
Keine Frage, dort kommen gebildete, eloquente, höfliche und sympathische junge Leute zum Zug. Engstirnigen Karrieristen wird, so gut es geht, der Zugang verweigert. Insofern kann Entwarnung gegeben werden.
Zwei Beobachtungen irritieren jedoch: Fragt man erstens einen Kandidaten, der soeben sauber das Für und Wider, sagen wir, der Wehrpflicht dargelegt hat, nach seiner Meinung dazu, dann gerät er ins Schwimmen. Man könne das so entscheiden oder auch so. Und wie würden Sie entscheiden? Mmh, das ist schwierig… Zu viele dieser Nachwuchsakademiker haben zwar Ahnung, aber keine Meinung.
Zweitens wirken viele von ihnen überdressiert in puncto Sozialkompetenz. Keiner redet dazwischen, noch der größte Schwachsinn wird mit interessierter Miene hingenommen; aus Angst, einen Fehler zu machen, hält man sich lieber zurück. Frei nach dem Motto: Tu mir nichts, ich tu dir auch nichts.
Nun nennt man Abteilungsleiter und Minister aber nicht ohne Grund Entscheidungsträger. Führen heißt im Alltag vor allem, Entscheidungen zu treffen. Nicht nur die Argumente zu kennen, sondern daraus eine Meinung abzuleiten, die durchgefochten werden will – das unterscheidet Führungskräfte von noch so gebildeten Spezialisten.
Dem Zeitgeist zum Trotz, ist es dabei keineswegs egal, ob man Studiengebühren einführt oder nicht, Mitarbeiter entlässt oder einstellt, Atomkraftwerke baut oder stilllegt. Es gibt kluge und törichte, gute und böse Entscheidungen.
Und mit gutem Benehmen allein lassen sich kein Unternehmen und kein Ministerium führen. Wer eine als richtig erkannte Idee durchsetzen will, der muss auch Härte zeigen, muss austeilen und einstecken können. Der muss gute Leute fördern und Querulanten ins Abseits drängen. Der muss das Mittel der gepflegten Beleidigung beherrschen. Der muss den Mut haben, ein Risiko einzugehen, Schuld auf sich zu laden und für mögliche Fehler geradezustehen.
Die Spitzen-Hochschulen müssen darauf achten, dass ihre Studenten und Absolventen nicht nur klug und nett sind, sondern auch meinungsstark und mutig.
- Datum 25.3.2009 - 11:32 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 31.07.2008 Nr. 32
- Kommentare 59
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ein Zeichen von Meinungsstärke ist, wage ich entschieden zu bezweifeln. Ansonsten spricht der Kommentar sicher einen wichtigen Punkt an. Allerdings - Etnscheidungen zu treffen, kann man an einer Universität nicht lernen, nur in der "freien Wildbahn".
Die Fähigkeit zur Beleidigung zählt sicher nicht im engeren Sinne zu "Meinungsstärke". Aber wer Entscheidungen trifft ist eigentlich immer auch unqualifizierten Angriffen von Menschen ausgesetzt, die sich durch die Entscheidung benachteiligt fühlen und sich zu qualifizierten Angriffen nicht in der Lage sehen. .Man muss also nicht unbedingt unter der Gürtellinie angreifen können, aber man muss Angriffe unter der Gürtellinie angemessen (manchmal halt auch robust) abwehren können.
Vielleicht mag das ein wenig daran liegen, dass in letzter Zeit zunehmend "Freiheit" mit einer Erweiterung der Moeglichkeiten gleichgesetzt wurde? Denn Entscheidungsfreiheit herrscht, wenn ich die Moeglichkeit habe zu tun was ich will. Die Voraussetzungen fuer den ersten Teil, die Moeglichkeiten, haben die westlichen Gesellschaften (oder zumindest das obere Drittel der westlichen Gesellschaften) geschaffen. Dennoch scheinen sehr viele Jugendliche auch aus meinem Bekanntenkreis dabei ein Problem mit dem zweiten Teil, dem freien Willen, entwickelt zu haben.Wenn man so ueberlegt, so scheint der zugrundelegende Fehler die historische Annahme zu sein, dass ein jeder Mensch ueber einen unbedingten freien Willen verfuegt. Die psychologischen und neurologischen Entwicklungen der letzten Zeit jedoch scheinen zu zeigen, dass unsere Persoenlichkeit und Charakter zu einem guten Teil von externen Einfluessen abhaengen; um vom Strafprozess zu borgen: Von der Sozialisation der (Entscheidungs-)Taeter.Aber ist das jetzt ein Problem der ([Spitzen-]Hoch-)Schulen wie das Artikelende nahelegt? Nicht wirklich. In der Politik findet man gar keine Richtung in dieser Hinsicht (ein wenig von den Gruenen abgesehen) - die Linken [und lustiger Weise die FDP] wollen die Moeglichkeiten bzw. Sicherheiten weiter ausbauen, ohne sich um das Problem zu kuemmern dass Viele nicht mehr wissen wie, warum und ob Sie diese Moeglichkeiten nutzen sollen, die "Konservativen" wollen etwas erhalten was es nicht (mehr) gibt bzw. was in der heutigen Welt teilweise nicht mehr nuetzlich ist.In der Wirtschaft haben die Analysten, Berater, Risikomanager und sonstige "Entscheidungshelfer" Hochkonjunktur, die heisse Kartoffel wird meist so lange hin- und hergeworfen bis jeder Matsch an den Haenden kleben hat. Der Kulturbetrieb hat sich schon lange von jeglichem Deutungsanspruch verabschiedet und lebt einerseits von der meist sinnfreien Erforschung der Moeglichkeiten (ja, ihr "Tabubrecher" seid gemeint) oder von der Vorspiegelung einer "guten alten Zeit" bzw. alternativen Realitaet und der (hof-)naerrischen Wiederspiegelung der Umstaende.So, und was ist die richtige Ideologie die vermittelt werden muesste? Wir haben z.B. verschiedene Deklarationen der Menschenrechte, jedoch nie eine der Menschenpflichten verabschiedet. Wie will man dies politisch durchsetzen, ohne dass der Kompromiss zahnlos ist? Und wie will man diese Ideologie vermitteln, ohne dass dem Missbrauch Tuer und Tor geoffnet wird?
In globalen und sehr unsicheren Umbruchzeiten ist es besser, nur die Möglichkeiten zu erforschen als sich auf eine - vielleicht auf die falscheste aller Perspektiven, das ist die Weiter-so-Perspektive - festzulegen. Besonders wenn es in Wissenschaft und Öffentlichkeit keine Theoriegrundlage gibt, die die zukünftigen Verhältnisse (= Weltordnung, Akzelerationsordnung) richtig verhersagbar machte, ist das sehr klug. Unter denjenigen, die diese Theoriegrundlage als eine Art Geheimtheorie sich erarbeitet und erprobt haben, machten sich die Forschen, Mutigen usf. nur lächerlich. Sie beweisen nur, dass sie ihr Schiffchen auf den Eisberg zusteuern.
Die Theorielücke ist eine Angelegenheit der Evolutionsprozess- und Chaosphysiker. Das ist meine Meinung. Die Nicht-Physiker, dh. Politiker, Politikberater, Wirtschaftsbosse, Geisteswissenschaftler, Theologen usf., können nur verlieren, wenn diese Theorielücke geschlossen wird. Viele Spitzenvertretern in der Wirtschaft verfügen über die Theorie, aber sie schweigen. Aus Machterhaltgrüngen.
Für mich habe ich diese Theorielücke mit einer 'Steuerungssystemtheorie des Evolutionsprozesses' geschlossen. Zu meiner Überraschung ist 'Parsifal'-Regisseur Herheim in seiner Inszenierung in Bayreuth dem wahren und hinreichenden Evolutionsprozessmodell sehr nahe gekommen.
Die Dinge werden wieder überschaubar. Bekanntlich geht die Entwicklung vom Primitiven, zum Komplizierten und dann zum Genial-Einfachen. Hat man das Evolutionsprozess-Modell erkannt und wird es in den demokratischen Institutionen diskutiert, wird die Persifal-Rolle zukünftig überflüssig. Eine nachhaltig gelingende Gesellschaft zu organisieren ist dann ein Kinderspiel. In der nächsten Weltordnung des Schöpferischen werden keine Vormachtstrukturen mehr aufkommen können.
In globalen und sehr unsicheren Umbruchzeiten ist es besser, nur die Möglichkeiten zu erforschen als sich auf eine - vielleicht auf die falscheste aller Perspektiven, das ist die Weiter-so-Perspektive - festzulegen. Besonders wenn es in Wissenschaft und Öffentlichkeit keine Theoriegrundlage gibt, die die zukünftigen Verhältnisse (= Weltordnung, Akzelerationsordnung) richtig verhersagbar machte, ist das sehr klug. Unter denjenigen, die diese Theoriegrundlage als eine Art Geheimtheorie sich erarbeitet und erprobt haben, machten sich die Forschen, Mutigen usf. nur lächerlich. Sie beweisen nur, dass sie ihr Schiffchen auf den Eisberg zusteuern.
Die Theorielücke ist eine Angelegenheit der Evolutionsprozess- und Chaosphysiker. Das ist meine Meinung. Die Nicht-Physiker, dh. Politiker, Politikberater, Wirtschaftsbosse, Geisteswissenschaftler, Theologen usf., können nur verlieren, wenn diese Theorielücke geschlossen wird. Viele Spitzenvertretern in der Wirtschaft verfügen über die Theorie, aber sie schweigen. Aus Machterhaltgrüngen.
Für mich habe ich diese Theorielücke mit einer 'Steuerungssystemtheorie des Evolutionsprozesses' geschlossen. Zu meiner Überraschung ist 'Parsifal'-Regisseur Herheim in seiner Inszenierung in Bayreuth dem wahren und hinreichenden Evolutionsprozessmodell sehr nahe gekommen.
Die Dinge werden wieder überschaubar. Bekanntlich geht die Entwicklung vom Primitiven, zum Komplizierten und dann zum Genial-Einfachen. Hat man das Evolutionsprozess-Modell erkannt und wird es in den demokratischen Institutionen diskutiert, wird die Persifal-Rolle zukünftig überflüssig. Eine nachhaltig gelingende Gesellschaft zu organisieren ist dann ein Kinderspiel. In der nächsten Weltordnung des Schöpferischen werden keine Vormachtstrukturen mehr aufkommen können.
richtig erkannt, ich gratuliere.Nur leider ist bei Menschen die Evolutionstheorie nicht anwendbar, weil die angebliche "Vernunft" kontraproduktiv wirkt.
Wer studiert spezialisiert sich auf eine Fachrichtung, besonders bei den Naturwissenschaften. Warum soll nun ein solcher Student jetzt eine Meinung zu allem und jedem haben? Das Studium ist jedenfalls nicht dafür da diese Meinungen zu bilden. Das passiert, wenn überhaupt, durch eigenen Antrieb und privates Interesse des Studenten. Es gibt bei den Studenten eben politisch aktive und politisch passive Menschen wie bei Menschen jedes anderen Bildungshintergrunds auch.
Das Studium ist jedenfalls nicht dafür da diese Meinungen zu bilden.
Das passiert, wenn überhaupt, durch eigenen Antrieb und privates
Interesse des Studenten. Es gibt bei den Studenten eben politisch
aktive und politisch passive Menschen wie bei Menschen jedes anderen
Bildungshintergrunds auch..Nach meinem Verständnis ist es gerade der "Punkt" des Artikels, dass es unter der "potentiellen zukünftigen Elite" zu wenige gibt, die über ihr Fachwissen hinaus "aktiv" sind, und dass von denen, die sehr wohl Kompetenzen und Fachwissen jenseits ihres Studiums besitzen, zu wenige das vorhandene Faktenwissen reflektieren, um ihre eigene Sicht, ihre eigene Meinung zu entwickeln. Eine solche "Universalität" (oder nennen wir es "fundierte, reflektierte Allgemeinbildung") wäre, und da gebe ich dem Autor Recht, für Menschen in wichtigen Entscheidungspositionen eigentlich notwendig.
Das Studium ist jedenfalls nicht dafür da diese Meinungen zu bilden.
Das passiert, wenn überhaupt, durch eigenen Antrieb und privates
Interesse des Studenten. Es gibt bei den Studenten eben politisch
aktive und politisch passive Menschen wie bei Menschen jedes anderen
Bildungshintergrunds auch..Nach meinem Verständnis ist es gerade der "Punkt" des Artikels, dass es unter der "potentiellen zukünftigen Elite" zu wenige gibt, die über ihr Fachwissen hinaus "aktiv" sind, und dass von denen, die sehr wohl Kompetenzen und Fachwissen jenseits ihres Studiums besitzen, zu wenige das vorhandene Faktenwissen reflektieren, um ihre eigene Sicht, ihre eigene Meinung zu entwickeln. Eine solche "Universalität" (oder nennen wir es "fundierte, reflektierte Allgemeinbildung") wäre, und da gebe ich dem Autor Recht, für Menschen in wichtigen Entscheidungspositionen eigentlich notwendig.
Die Fähigkeit zur Beleidigung zählt sicher nicht im engeren Sinne zu "Meinungsstärke". Aber wer Entscheidungen trifft ist eigentlich immer auch unqualifizierten Angriffen von Menschen ausgesetzt, die sich durch die Entscheidung benachteiligt fühlen und sich zu qualifizierten Angriffen nicht in der Lage sehen. .Man muss also nicht unbedingt unter der Gürtellinie angreifen können, aber man muss Angriffe unter der Gürtellinie angemessen (manchmal halt auch robust) abwehren können.
Aber in dem Artikel war durchaus von Beleidigung (wenn auch gepflegter - wie geht das eigentlich?) als aktivem Vorgehen die Rede.
Ich möchte den Beobachtungen von Th. Kerstan beipflichten. In den letzten 10 Jahren meiner Berufstätigkeit (Unternehmensberater) haben, nach meiner Beobachtung, diese Art der diplomatischen, konzilianten Diskussionsführung, mit ebensolcher anschließender Entscheidungsfindung stark zugenommen. Sicherlich haben meine Vorkommentatoren mit ihren theoretischen Betrachtungen Recht, jedoch führt diese Art der Diskussion und Entscheidung zu einem dahindriften und unbestimmten gleiten, das eben auch keine Widerstände weckt. Diese vermeintliche neue Elite ist so stromlinienförmig und teamfähig, dass einfach gar kein Widerspruch aufkommt. Immer nur Konsenz bringt nichts wirklich neues, kreatives, innovatives hervor. Es gibt einfach nicht die Zivilcourage in einer komplexen, schwierigen Situation eine Entscheidung zu treffen, oder eine Meinung zu äussern, und dann zu seinem Fehler zu stehen. Es fehlt mir die Erkenntnis, dass es unmöglich ist, alles richtig zu entscheiden. Es fehlen mir die Typen die auch mal das Risiko eingehen, daneben zu liegen. Nur so kann es Entwicklung und Fortschritt geben. Sich aneinander zu reiben und auch mal Widerstand zu leisten. Doch dazu muss zuerst mal einer aufstehen und seine Meinung klar und kompromislos äussern, bzw. eine klare Entscheidung treffen.
wer ist heute noch in der Lage Risiko zu tragen, geschweige denn persönliches Risiko für seine Handlungsweise übernehmen zu wollen. Daran krankt die gesamte Gesellschaft, ausnahmslos in allen Facetten des täglichen Lebens erkennbar, am meisten jedoch im beruflichen Umfeld zu Hause.In der Tat, denen die das Sagen haben plausibel erklären zu wollen, was eigenes Fehlverhalten ausmacht, können Sie am aktuellen Stand des Parteiauschlußverfahrens in Sachen Clement ausmachen. In der wirtschaftlichen Linie betrifft dies gerade die Köpfe von Pierer, Piech und Ackermann. Die Liste derer ließe sich ohne größere Schwierigkeiten fortsetzen.debrasseur
Aber in dem Artikel war durchaus von Beleidigung (wenn auch gepflegter - wie geht das eigentlich?) als aktivem Vorgehen die Rede.
Gepflegte Beleidigung?Wissen Sie, einem gebildeten Menschen fällt so was nicht schwer!;-)Zetti
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