Als Randy Pausch am 18. September vergangenen Jahres seine letzte Vorlesung hielt, liefen vielen der 400 Zuhörer Tränen über die Wangen. In der Reihe "Last Lecture" sollen Professoren an der Carnegie Mellon University in Pittsburgh so tun, als sprächen sie das letzte Mal vor Publikum – über die ganz großen Fragen und Erkenntnisse. Doch der Computerwissenschaftler Pausch musste nichts simulieren. Er begann seine Vorlesung mit den Bildern einer Computertomografie, die zehn Tumore in seiner Leber zeigten. Pausch war todkrank, Bauchspeicheldrüsenkrebs, der hatte schon Metastasen gestreut. Die Ärzte gaben Pausch noch höchstens ein halbes Jahr. Am Freitag voriger Woche ist Pausch im Alter von 47 Jahren gestorben.

Randolph Frederick Pausch, 1960 in Baltimore geboren, war bis zu seiner Vorlesung ein bekannter Professor für Videospiele und Virtuelle Realitäten an einem der renommiertesten Computerlabore. Heute ist er noch mehr: weltberühmt. Seine letzte Vorlesung war auf Video aufgezeichnet und ins Internet gestellt worden, dort sahen sie bis heute zehn Millionen Zuschauer. Für mehr als sechs Millionen Dollar erstand der Verlag Hyperion die Rechte. Das Buch verkaufte sich in Amerika fast drei Millionen Mal und schaffte es auch in Deutschland auf die Bestsellerlisten (deutscher Titel: Last Lecture – Die Lehren meines Lebens). Das Magazin Time kürte Pausch zu einem der 100 einflussreichsten Menschen der Welt. Und US-Präsident George W. Bush schickte Pausch einen Brief, in dem er ihm für seinen tapferen Kampf gegen den Krebs dankte.

Er sah gesund aus und machte vor den Zuschauern Liegestütze

Das Video der Vorlesung ist bis heute auf YouTube zu sehen, und jeder Zuschauer versteht schnell, warum Pausch sein Publikum so begeistern konnte. An jenem 18. September 2007 ließ wenig darauf schließen, dass Randy Pausch krank war. Er sah frisch und gesund aus in seinem Poloshirt mit einem Mickey-Maus-Bild darauf – jünger als die 46 Jahre, die er damals alt war. "Sorry, dass ich nicht hinfällig aussehe", sagte er grinsend. "Und um ehrlich zu sein, ich bin wahrscheinlich besser in Form als die meisten von euch." Er ließ sich auf die Hände fallen und begann Liegestütze vor dem lachenden Auditorium zu machen. Pausch hatte etwas von dem Elan des Schauspielers Robin Williams in dem Film Der Club der toten Dichter, diese Fähigkeit, mit seiner Begeisterung alle anzustecken, und er erinnerte an den jungen Bill Gates. Ein Mann des Fortschritts und der Fantasie, hatte er eine Software mitentwickelt, die es sogar Schülern ermöglichte, 3-D-Animationen zu erschaffen.

Nachdem er im Hörsaal die Bilder seiner Tumore gezeigt hatte, waren die Themen Krebs und Tod für ihn erschöpft. Auch über Religion und Glauben wollte er nicht sprechen. "Obwohl", schränkte er ein, "ich muss doch zugeben, dass ich so etwas wie eine Sterbebett-Einkehr gehabt habe." Er, der eingefleischte PC-Fan, habe sich wenige Wochen zuvor seinen ersten Mac gekauft. Das Publikum brach in Gelächter aus, und keiner der Zuhörer wusste wohl, ob er sich gerade Tränen der Trauer oder der Freude aus den Augen wischte. Pausch hatte sich entschlossen, in seiner letzten Vorlesung über Kinderträume zu sprechen und darüber, wie man sie wahr werden lassen könne. Träume seien ein Schlüssel zum erwachsenen Lebensglück.

Einmal Kapitän Kirk sein. Auf einem Jahrmarkt Plüschtiere gewinnen. Einen Artikel für ein Lexikon schreiben. Schwerelosigkeit erleben. Für Disney arbeiten. In der National Football League spielen. Was er aus den Erfolgen und Misserfolgen seines Lebens gelernt hatte – davon sollte die Vorlesung handeln. In knapp anderthalb Stunden gab Pausch seine Antwort auf die Frage: Was ist ein gutes Leben? Manche seiner Ratschläge klingen sehr einfach: "Beschwere dich nicht, arbeite einfach noch härter. Zeichne dich durch irgendetwas aus."

Es sind Ratschläge, die er seinen Kindern geben möchte, wenn sie sie einmal brauchen und ihn nicht mehr fragen können. Er habe versucht, sich selbst in eine Flaschenpost zu zwängen, schreibt er in seinem Buch, damit diese eines Tages in die Hände der Kinder gelange: sein Vermächtnis. "Wäre ich Maler, hätte ich gemalt, wäre ich Musiker, hätte ich Musik komponiert. Aber ich bin Professor, also habe ich eine Vorlesung gehalten."

Er schwamm mit Delfinen, um im Gedächtnis zu bleiben

Er erzählt von einem Football-Coach, der ihn nach einem Spiel zusammengestaucht hatte. Danach sei er entmutigt gewesen. Bis ein älterer Schüler kam und ihm sagte, wie froh Pausch über die Kritik sein könne. Der Coach kritisiere nämlich nur jene nicht mehr, die er aufgegeben habe. Es sind Anekdoten wie diese, die man Kindern erzählen könnte, wenn sie weinend aus der Schule nach Hause kommen; es sind solche Geschichten, die den Reiz des Buchs ausmachen.

In seinem Internettagebuch berichtete Pausch unterdessen über den Fortlauf der Krankheit. Einmal entschuldigte er sich dafür, dass er wochenlang nichts geschrieben hatte. Er sei damit beschäftigt gewesen, eine Antwort auf die Frage zu finden, welche Erinnerung ein Mann an einen Vater haben könnte, den er als Fünfjähriger zuletzt gesehen hat. Was konnte Pausch Außergewöhnliches tun, damit wenigstens der älteste Sohn ihn als Vater im Gedächtnis behielte? Seine Tochter Chloe war noch ein Baby, sein anderer Sohn Logan zwei Jahre alt. Pausch fuhr mit seinem fünfjährigen Sohn Dylan für ein paar Tage nach Orlando im US-Bundesstaat Florida, um mit Delfinen zu schwimmen.

In der ersten Reihe des Auditoriums saß während Pauschs Vorlesung seine Frau Jai. Am Tag zuvor war ihr 41. Geburtstag gewesen, und ihr Mann hatte ihn im Flugzeug zur Uni in Pittsburgh verbracht. Die Familie war nach der Krebsdiagnose von Pittsburgh nach Virginia gezogen, in die Nähe von Jais Eltern, der besseren Unterstützung wegen. Jai war gegen die Vorlesung gewesen, denn sie wusste, was das bedeuten würde: Randy würde tagelang am Schreibtisch sitzen, Tage, die ihr und der Familie hinterher fehlen würden. Wenn er seinen Kindern unbedingt etwas hinterlassen wollte, fragte sie ihn, warum nahm er es nicht auf DVD auf? Aber Randy wollte zeigen, dass auch ein verwundeter Löwe noch brüllen kann. Wenn er es schaffte, sein Publikum an den richtigen Stellen zum Lachen und Klatschen zu bringen, so dachte er, dann könnten seine Kinder sehen, wer er wirklich war: ein Mann, der etwas zuwege bringt, auch wenn es ihm schlecht geht. Einer, der das Leben liebt. kerstin kohlenberg