Kaffeehäuser : Bye-bye, Starbucks

Der Latte-Gigant schwächelt. Ein Kultur-Bruch zum Guten, meint Josef Joffe

Ein Sommerthema, wiewohl ein ernstes. Es geht um Kaffee, genauer: um Starbucks. Zuerst aber muss der Autor sich outen. Der gehört zu den Menschen, die den Latte-Großkonzern nicht schätzen, weil ihnen das Preis-Leistungs-Verhältnis nicht passt. Zu teuer das Getränk, zu schlicht die Qualität, zu lang die Schlange, zu pseudo die Gemütlichkeit. Diese Menschen können jetzt mit ihrem Frappuccino einen Klacks Schadenfreude genießen.

Denn: Im Juli gab die Kaffee-Kette die Schließung von 600 ihrer 6800 Läden in den USA bekannt. 12000 Angestellte, im Firmenjargon beschönigend »Partner« genannt, müssen dran glauben. Der Kurs der Aktie hat sich in einem Jahr halbiert. Und nun höhnt die New Yorkerin Melinda Vigliotti, die lieber ihren Double-Shot Espresso im kleinen Café nebenan schlürft: »Bye-bye, Starbucks.«

Dieser Koffein-Junkie hat sich schon immer gefragt, warum Leute ein paar Dollar/Euro für ein Heißgetränk ausgeben, das anderswo billiger und besser zu haben ist. Oder im Büro ganz umsonst. Und wieso ist Venti – 20 auf Italienisch – keine Zahl, sondern eine Pappbecher-Größe?

Versuchen wirs mit Pop-Soziologie: Starbucks verkauft keinen Kaffee, sondern ein Erlebnis. In der Schlange zu stehen ist nicht lästig, sondern Selbstbestätigung. Diese Macchiatisten sind doch genauso cool wie ich – nicht wie das gemeine Volk an der Imbisstheke beim Bäcker. Beim Warten kann man anbandeln oder zumindest das Vokabular kulinarischer Pseudo-Sophistication erlernen, etwa Tazo Chai Latte. Oder sich mit seinem Half-Caf und Laptop an einem der Tischchen verkriechen und so tun, als schriebe man die »Great American Novel« beziehungsweise den nächsten Prix-Goncourt-Roman.

Ein guter, das heißt politisch korrekter Mensch ist man auf jeden Fall. »Starbucks hat es sich zum Ziel gemacht, die Welt zu retten«, spöttelt Alex Beam in der Herald Tribune. Zum Beispiel mit einem Wasser namens Ethos, von dem Starbucks-Präsident Howard Schultz behauptet, es »enthalte einen sozialen Auftrag«: gesundes H₂O für die Ärmsten der Welt. Auch werde der Kaffee zu fair trade-Preisen eingekauft.

Lebensgefühl, nicht Inhalt, ist das Produkt. Aber wer die Welt retten will, muss erst einmal die Bilanz in Sicherheit bringen. Leider säuft die nun ab, wie der Aktienkurs zeigt. Warum der plötzliche Niedergang des Hauses Starbucks?

Die Rezession? Die letzte, die nach dem Crash von 2000, hat den Aufstieg von Starbucks nicht bremsen können. Der Trendforscher Jim Caroll wähnt: »Starbucks war eine coole Marke, und die ist plötzlich nicht mehr cool.« Will sagen: Das Lebensgefühl ändert sich, die Karawane der Kaffee-Snobs zieht weiter. Zum nächsten Marketing-Hype.

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Kommentare

74 Kommentare Seite 1 von 10 Kommentieren

Eine gute Nachricht

Zwei Monate reiste ich im Frühjahr dieses Jahres quer durch Spanien. Und auch dort musste ich feststellen, gleich ob in Madrid, Barcelona oder Sevilla (dort ist es besonders auffällig), dass sich diese immer gleichen, langweiligen Starbucks - Filialen in den vergangenen Jahren wie Kopfläuse im Kindergarten ausgebreitet haben. Dabei stößt mir nicht einmal so sehr der Kaffee auf oder die von oben aufoktroyierte "Persönlichkeitsoffensive" (jeder wird nach dem Vornamen gefragt und geduzt), sondern das Unternehmenskonzept, das da lautet:"Schaffen wir den allseits beliebten Einheitskaffe von Seattle bis Seoul!"Starbucks ist Ausdruck einer kulturellen Verflachung, genauso wie McDonald's, Burger King usw. Das Ziel ist, die kulinarische Vielfalt (aus ökonomischen Gründen natürlich) weltweit zu liquidieren - ein Ziel, dem sie an vielen Orten schon bedenklich nahe gekommen sind.... Die kulinarische Verflachung ist übrigens nur ein Aspekt der kulturellen Gleichmacherei, so lässt sich diese (z. B.) ebenso auf dem Musiksektor beobachten, wobei eine angloamerikanische Musikindustrie einen "Welthit" nach dem anderen fabriksmäßig produziert. Traurig.Dass Starbucks nun die Luft ausgeht, ist jedoch erfreulich.     

Qualität

Es wird statt Kaffee eine Lebenseinstellung verkauft, sagt der Verfasser wenn ich ihn richtig verstanden habe. Das gilt mittlerweile für fast jedes Produkt. Vielleicht als Ersatz dafür, dass wirkliche und nachhaltige Qualität für den Durchschnittsverdiener immer weniger bezahlbar ist.
Das Geheimnis vom McD Kaffee ist m. E. die Temperatur ist. Er ist heiss aber nicht zu heiss und das verhältnismäßig lange, lässt sich wunderbar zum Burger konsumieren und ist danach immer noch nicht kalt. Aber dort nur Kaffee trinken?
Kaffee frisch gebrüht, Kakao mit Milch und geschlagener Sahne, Milchshakes die ihren Namen verdienen. Vielleicht traut sich ja mal einer oder eine. Insofern dürfen die Lifestylehändler der heißen Luft ruhig vom Markt verschwinden. 

starbuck go home !

besonders hier aus paris sollten die verschwinden, sowas von pothässlich brauchen wir hier nicht !
ich habe diese läden in seattle entdeckt, wo sie auch hinpassen. wie gross war meine überraschung nach meiner rückkehr in paris : ja wie die wanzen haben die sich hier ausgebreitet und verschandeln mir mein liebes schnuckeliges paris ! 
Ferika75

Schadenfreude als Kritik ?

Kaffee als Lebenseinstellung ? Kaffee ist doch nicht die einzige Ware die als Fetischisiertes gehandelt wird.Diese Eigenschaft hat doch jede Ware, logischer weise. Denn ansonsten wäre ein Markt-Monopol nicht zu erreichen , geschweige denn eine Wirtschaftsform wie die gegenwärtige denkbar.Das nur als kurzer Abriss so von wegen Starbucks als Marke usw. Genau, als eine von ungefähr 123871923781923782137 "Trendprodukten" wie Volvos und Vinyl.Mein Kritikpunkt ist aber eigentlich ein anderer.Der Artikel löst bei mir den Eindruck einer regressiven Kapitalkritik aus.Dort wird sich gefreut , dass eine Firma zu Grunde geht, die einfach das gemacht hat, was für freie Märkte wesentlich ist : ein Konzept zu perfektionieren, welches Gewinn abwirft.Mir scheint es als ob das gute alte deutsche Café  mit dicken Sahnetorten und allgemeinem Kohl-ismus vermisst wird und wieder zurück getauscht werden soll gegen Mondänität, die Starbucks, da global, unweigerlich ausstrahlt.Das was hier an Starbucks kritisiert wird , "corporate identy", "friendlship in buisness", "Unglaubwürdigkeit", "Preis-Leistung" usw. sind Inhalte einer nicht vollständingen Kritik an den Umständen die jene genannten Punkte nötig machen.Es gibt kein richtiges Kaffee-trinken im Falschen.