Olympia Nur Mut!
Nicht der Westen muss China fürchten, sondern China die Spiele, die es unbedingt haben wollte
Von Kriegen und Katastrophen einmal abgesehen, gibt es nur zwei Ereignisse, die von der Mehrheit der Menschheit mit großem Interesse verfolgt werden – die Olympischen Spiele und die Fußballweltmeisterschaften. Das ist erstaunlich, wenn man bedenkt, wie sehr die Menschen auf diesem Globus in den letzten Jahren zusammengerückt sind. Aber weder die Versammlung der UN noch gar die exklusiven G-8-Gipfel, ja nicht einmal kulturelle Events wie die Life-Aid-Konzerte können den Hauch von Menschheit so vermitteln wie diese Sportereignisse. Genau das wird die Eröffnungsfeier am Freitag in Peking auch inszenieren: eine Welt, ein Traum, alle Länder, alle sportlichen Disziplinen. Bombastisch wird es werden, sicher auch kitschig, aber was macht das schon – der Kitsch ist bis auf Weiteres eben der Minimalkonsens des globalen Geschmacks. Dem utopischen Gefühl – wir sind doch alle Menschen, alle gleich und alle hier – tut das keinen Abbruch.
Das zweite Gefühl, das uns alle bewegen wird, ist nicht groß, sondern kinderklein, dabei nicht totzukriegen, nicht mal durch Doping. Es kommt aus dem Sport selbst, aus der schlichten und erregenden Frage: Wer ist der schnellste Mann der Welt, welche Frau springt am höchsten, welches Land hat die acht kräftigsten Ruderer? Das zweite Gefühl ist die Spannung.
Und das dritte Gefühl? Es dürfte bei diesen Olympischen Spielen – jedenfalls in den westlichen Ländern – das stärkste sein: Beklommenheit. Denn all das kitschig Globale und naiv Sportive, all das Allzumenschliche findet statt in einer Diktatur, inmitten von Zensur und Repression, von Nationalismus und Kollektivismus. Noch dazu handelt es sich – anders als etwa bei der Fußball-WM 1978 in Argentinien – um eine Diktatur von Weltrang. Wie China ist, das geht uns nahe, nicht nur um inhaftierter Menschenrechtler oder vergifteter chinesischer Arbeiter willen, sondern um unserer selbst willen.
Unsere Gefühle werden von der Kommunistischen Partei gekidnappt
Man kann sich natürlich die Frage stellen, ob es überhaupt richtig ist, Olympische Spiele an Diktaturen zu vergeben, doch dafür ist es nun zu spät. Jetzt müssen alle mit den Folgen dieser Entscheidung leben. Und die erste negative Folge für die Zuschauer ist der ungute Eindruck, dass man sich nicht freuen kann, ohne dass die Nomenklatura sich mitfreut; dass man den Sportlern nicht applaudieren kann, ohne allem Drumherum zu applaudieren; dass die eigenen Gefühle bei diesen Spielen von der Kommunistischen Partei Chinas gekidnappt werden.
Dabei geht es um weit mehr als nur die zwei Wochen Olympia. Denn das Argument des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), für die schönen, magischen Spiele müsse man das bisschen Diktatur halt in Kauf nehmen, hat Weiterungen. In Wahrheit ist gemeint: Weil China so mächtig geworden ist, weil zu China Demokratie angeblich nicht so gut passt, deswegen müssen wir das alles hinnehmen, müssen gute Miene zu bösen Spielen machen, möglichst ohne störende Nebengeräusche.
In Deutschland hat sich wegen der Olympischen Spiele eine verbissene Kontroverse zwischen China-Verstehern und China-Kritikern entwickelt. Den Dalai Lama empfangen, und wenn ja, wo? Die Kommunistische Partei Chinas kritisieren, und wenn ja, vor oder hinter verschlossenen Türen? An der Eröffnungsfeier teilnehmen, und wenn ja, mit welchem Gesichtsausdruck? Gegen Menschenrechtsverletzungen protestieren, und wenn ja, welche Sanktionen verhängt dann wohl das IOC? Oder grundsätzlicher: Wie verhalten wir uns gegenüber dem autoritären Regime in Peking?
Diese Frage ist falsch gestellt, sie enthält nämlich ein autoritäres Vorurteil gegenüber diesem Wir, gegenüber dem Westen. Denn der verhält sich eben nicht mehr als Wir, er ist vielstimmig geworden, gerade in seinem Verhalten gegenüber China. Anders als zu Zeiten des Kalten Krieges gegen die unselige Sowjetunion hat auch die hohe Politik bei uns die Kontrolle über dieses Wir verloren. Wenn Nicolas Sarkozy sich für die Angriffe gegen die Olympiafackel entschuldigt, macht im Gegenzug der Bürgermeister von Paris den Dalai Lama zum Ehrenbürger, worauf Peking programmgemäß aufschreit und sich wundert, dass der Präsident von Frankreich das erlaubt. Der erlaubt es aber gar nicht, er kann es nur nicht verhindern. Wenn Sarkozy zur Eröffnungsfeier reist, dann bleibt Angela Merkel zu Hause, und wenn die Kanzlerin den Dalai Lama empfängt, dann protestiert ihr Außenminister dagegen, fliegt nach Peking und fügt die Scherben wieder zusammen. Und selbst wenn alle westlichen Politiker einheitlich pro China handeln würden, so würden Hollywood-Schauspieler, Graswurzel-Aktivisten und Journalisten einen Protestzauber entfalten, dass der chinesischen Führung Hören und Sehen verginge.
Die chinesische Regierung macht in diesem Jahr eine erschütternde Erfahrung – sie entdeckt schmerzhaft den Pluralismus. Und sie merkt: Beim globalen Image eines Landes kommt die Macht weder aus Gewehrläufen noch aus den Fabriktoren und schon gar nicht aus dem Propagandaministerium, sondern aus Köpfen von Individuen. Im April musste die KP mit ansehen, wie ihre arme, hilflose Fackel dem Wilden Westen ausgesetzt war. Nun ist es noch schlimmer: Der Wilde Westen ist jetzt da, mitten in Peking, und das mit seinen Soldaten und Polizisten und Internetzensoren scheinbar so starke Regime ist diesem Westen, wenn es um Bilder und Image geht, ausgeliefert. Eben genau deswegen, weil er plural ist, weil er auf kein einheitliches Kommando hört und weil er in Sachen Weltöffentlichkeit und Stimmungsmache den in diesen Dingen etwas ungeübten Kommunisten weit überlegen ist. Prompt machen Chinas Herrscher nun Fehler auf Fehler. Erst sperren sie Internetseiten, dann geben sie nach, aber nur ein bisschen, dann erklären sie den Tiananmen-Platz zur verbotenen Zone und erinnern so noch einmal alle Welt an das Massaker von 1989, als Panzer eine Studentenrevolte niederwalzten.
Wie verhält sich also der Westen zu China? Verschieden! Und diese Verschiedenheit macht der KP die größten Schwierigkeiten.
Die westlichen Länder haben in den letzten Jahren lernen müssen, dass China sehr schnell sehr wichtig geworden ist. (Und sie haben vielleicht immer noch nicht ganz verstanden, dass die Menschen in China das gleiche Recht auf ihren Teil am Kuchen, an der Macht und an der Natur haben wie die im Westen.) Nun muss China lernen, was es heißt, in dieser Welt wichtig zu sein. Die Olympischen Spiele werden diesen Lernprozess beschleunigen, so oder so.
Was wünschen wir uns von den Deutschen? Mehr als Medaillen
Doch könnten diese zwei Wochen mit ihrer Unzahl von konkreten China-Erfahrungen auch im Westen helfen, aus der Polarisierung zwischen Angstbeißerei und Angstbuckelei herauszukommen. Bisher haben hier beide Seiten gegeneinander recht. Die einen mit ihrer Kritik, die Liebedienerei gegenüber China sei getrieben von ökonomischem Opportunismus, die anderen mit ihrem Verdacht, man trage die Nase moralisch deswegen besonders hoch, weil man sich ökonomisch zunehmend unterlegen fühle.
Die Angst ist unbegründet. China ist ein Land im kritischen Übergang: Es steht an der Schwelle, da ökologische Zerstörung ernste ökonomische Folgen hat; es steht an der Schwelle, da die Globalisierung der Exportnation auch zur inneren Pluralisierung führt und damit in scharfen Gegensatz zur Einparteienherrschaft tritt. Natürlich muss der Westen hoffen, dass das riesige Land diese Übergänge gut und rasch hinbekommt. Aber sich davor fürchten, dass sich Chinas exponentielles Jahrzehnt einfach so fortsetzt, das muss man nicht. Das Bruttoinlandsprodukt eines Chinesen beträgt 2500 Euro im Jahr, das eines Deutschen 40000 Euro. Es wird also noch ein Weilchen, ein Jahrhundert oder so, dauern, bis die 1,2 Milliarden Chinesen mächtiger sind als die 0,8 Milliarden US-Amerikaner, EUler und Japaner. Die Welt entwickelt sich nicht exponentiell, sondern dialektisch. Kommunisten müssten das wissen. Kapitalisten auch.
Und was wünschen wir uns von den deutschen Athleten? Ein paar schöne Medaillen. Und etwas Zivilcourage gegenüber der KP und dem IOC. Wenn es dann wegen etwas mehr Mut etwas weniger Gold geben sollte – auch gut.
- Datum 06.08.2008 - 09:02 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 07.08.2008 Nr. 33
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Nun ich glaub China wird an den Oylimpischenspielen schon eine Menge lernen, auch wird man in Zukunft warscheinlich beutlich bessser mit den Medien umgehen deren Gesetzmäsigkeiten man erst noch richtig begreifen muss. Auch hoffe ich das die Spiele auch in China viele Protzesse geschleunigen und die Chineses grad an den vieles Diskusionen die sie auf ein mal führen müssern lernen, was es heist wichitg zu sind und sich die besten Beispiele herauspicken. So könte der demokratesiertungs Protzess deutlich beschleunigt werden, leider könnte china auch einsehen das ihm zwar ein Stück von den Kuchen zusteht, das steht aber auch den Afrikanischen Länder zu und sie kriegen es auch nicht. Auch könnte china auch lernen wie Demokratien Folter tollereiren könne und auch ihre Militärgefängnisse bauen und nutzen ohne gross aufzufallen. Ich will hoffen das sich China zum besseren entwikelt für sih selbst und für andere.
Sehr geehrter Herr Ulrich, leider finde ich Ihre Argumentation von vorne bis hinten unredlich. Sollten denn die Olympischen Spiele per se nicht unpolitisch sein? Kritik an anderen Systemen als unseren ok - wenn man denn das unsrige für so gut befindet, und meint, dass daran die Welt genesen sollte. Doch halte ich es für unzulässig, die Spiele dafür zu instrumentalisieren. Wie ich die Meinung des IOC verstehe, geht es nicht darum, ein bißchen Diktatur in Kauf zu nehmen, es geht darum, bei den Spielen die Politik außen vor zu lassen. Sie scheinen zu bedauern, dass das Wir im Westen vielstimmig geworden ist: Lese ich da zwischen den Zeilen, dass Ihnen ein bißchen Meinungsdiktatur da gar nicht so unlieb wäre? Sie meinen, wenn NGOs und Journalisten einen Protestzauber entfalten würden, würde der Chines. Führung Hören und Sehen vergehen (im Konjunktiv): Ich lese einen Protestzauber (im Indikativ) und ich habe den Eindruck das die Chinesen immer noch ganz gut hören und sehen können. Und so dumm sind sie auch nicht, als dass sie nicht wüßten, dass der Pariser Bürgermeister zum Ehrenbürger ernennen kann, wen er will. Aber Protest dagegen ist doch ganz legitim; wir wollen doch Demokratie und Vielstimmigkeit? Außerdem sollten wir nicht denken, dass die Chinesen erst jetzt "schmerzhaft den Pluralismus" entdecken. Damit leben die schon länger als Sie glauben machen wollen. Sie haben allerdings wirklich ein Problem mit dem globalen Image. In den Köpfen der westlichen Individuen steckt nämlich westliche Propaganda, die im Westen der Chines. Propaganda in der Tat überlegen ist. Aber nur im Westen. Haben Sie Interviews mit in China lebenden Chinesen gelesen? Da kommt die westliche Propaganda nicht an, und bei aller Kritik am Regime, der Mehrheit ist ihrer Führung gegenüber loyal. Die westliche Kritik an China ist besserwisserisch, demütigend und entbehrt der Achtung und Respekt. Und wird als sehr kränkend empfunden. - Sie werden sagen, weil sie keinen freien Zugang zu den Medien haben. Welchen Zugang haben wir denn zu chinesischen Medien? Wissen wir denn, mit welchen Problemen die sich rumschlagen? Ich unterstütze es, wenn im Westen terroristische und rechtsradikale Seiten gesperrt sind. Und ich respektiere, wenn die Chinesen Seiten sperren, die ihrer Meinung nach den Frieden im Land bedrohen. Wir regen uns auf, wenn Sportler, die erklärtermaßen ihr Athletenvisum für politische Agitation mißbrauchen wollen, keine Einreise erhalten. Wenn ich in die USA Einreise, muss ich auch erklären, dass ich keine terroristischen Aktionen plane. Und jeder Asylbewerber hier muss sich jeder politischen Tätigkeit enthalten. Das ist ok, jeder Staat hat das Recht, seine Integrität zu schützen. Wollen wir wirklich die Chinesen zu "Demokratie" zwingen? Wollen wir ein zweites Bosnien in potenzierter Form? Dass noch viel passieren muss, wird Ihnen jeder Chinese zugeben. Aber sollte man nicht auch mal wirklich anerkennen, dass die es schaffen, dass ein vielsprachiges und heterogenes Völkergemisch in diesem Staat halbwegs friedlich und ohne große Hungernöte und ohne Ethnozid (siehe Afrika, Bosnien, Afghanistan, Irak) lebt? Trauen Sie sich wirklich zu, das besser zu machen? Der Westen hat doch da ein paar Baustellen in Irak und Afghanistan, wo wir noch beweisen können, wie friedlich und glückseeligmachend die Demokratie ist. Und Hand aufs Herz: Wären die Spiele in USA oder in Europa: würden Sie sich nicht dagegen verwahren, wenn China die Spiele für Proteste gegen Guantanamo benutzen würde? Und gegen Waffenexporte der Deutschen? Und gegen weitere Schweinereien unserer verlogenen, heuchlerischen Demokratie? Lassen Sie uns runtersteigen vom hohen Ross. Ich wünsche mir ein bißchen Respekt und Achtung gegenüber anderen Kulturen und lassen wir die Politik bei den Spielen außen vor. Es grüßt Sie Moritz
Seit wann sind die Olympischen Spiele ein "unpolitisches Ereignis"? Gerade die chin. Parteikader benutzen ja die OS ja offensichtlich zur Durchsetzung der eigenen, politischen Ziele - und zwar gänzlich ohne Hemmungen.
Seit wann sind die Olympischen Spiele ein "unpolitisches Ereignis"? Gerade die chin. Parteikader benutzen ja die OS ja offensichtlich zur Durchsetzung der eigenen, politischen Ziele - und zwar gänzlich ohne Hemmungen.
Seit wann sind die Olympischen Spiele ein "unpolitisches Ereignis"? Gerade die chin. Parteikader benutzen ja die OS ja offensichtlich zur Durchsetzung der eigenen, politischen Ziele - und zwar gänzlich ohne Hemmungen.
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