Es hat lange gedauert, bis dieser Aufschwung bei Jan-Peter Brauner in Heinbockel bei Stade angekommen ist. Drei Jahre lang war der 39-Jährige arbeitslos. Die Wende kam im Dezember 2007. Das Arbeitsamt bot ihm einen achtwöchigen Lehrgang über Korrosionsschutz an. Er ging hin. Einige Mitschüler stiegen bald wieder aus oder verhauten die Prüfungen. Nicht Brauner.

Es hat sich gelohnt. Seit März hat er wieder einen Job. Für die Zeitarbeitsfirma SIR Industrieservice kümmert Brauner sich in einem Chemiewerk im niedersächsischen Stade um defekte oder vom Rost bedrohte Rohre, hantiert mit Sandstrahlreinigern, Pinseln und Gaswarngeräten. »Dass ich diesen Job gefunden habe«, sagt der Familienvater, »ist ein Riesenglück.« Auch wenn die Zeitarbeit als besonders unsicher gilt – er glaubt daran, dass er bald dauerhaft eingestellt wird.

Doch Brauner ist spät dran. Der Aufschwung geht zu Ende. Von April bis Juni ist die Volkswirtschaft bereits geschrumpft. Und Kai Carstensen, Konjunkturchef des Münchner ifo Instituts, bezeichnet die Erwartungen der Unternehmen für die nächsten Monate zu Recht als »grottenschlecht«. Andere Experten spekulieren gar über die Gefahr einer Rezession.

Wegen des hohen Benzinpreises seien 50.000 Stellen im Taxigewerbe bedroht, warnt der zuständige Branchenverband. 30000 Stellen könnten im Lastwagenverkehr wegfallen, fürchtet die Transportbranche. Seit sieben Monaten bekommt die Industrie immer weniger neue Aufträge herein. Von Siemens über BMW bis zur HypoVereinsbank bauen Großunternehmen zu Hause Stellen ab. Nun trifft der weltweite Abschwung auch die erfolgsverwöhnten Mittelständler des deutschen Maschinenbaus, deren Auftragspolster zusehends schwindet.

Seit sieben Monaten schrumpft der Eingang an neuen Aufträgen

Wie stark sich die Wirtschaft tatsächlich abkühlen wird, kann niemand genau sagen. In einem stimmen aber alle Prognosen überein: Auch der Aufschwung der vergangenen zwei Jahre am Arbeitsmarkt geht zu Ende. Irgendwann sinken dann die Arbeitslosenzahlen nicht mehr weiter, der Trend könnte sich wenden.

Leiharbeitnehmer wie Jan-Peter Brauner dürfte es zuerst treffen. Denn Unternehmen nutzen die Zeitarbeit, um bei Auftragsschwankungen schnell reagieren und Personal auf- und abbauen zu können. Stürzt Brauner also bald wieder in das gleiche Loch, in dem er als Langzeitarbeitsloser jahrelang feststeckte? Fällt womöglich das ganze Land, wenn der Aufschwung endet, wieder in die gleiche Lähmung zurück, die es vorher befallen hatte?

Oft war während der vergangenen zwei Jahre von einem »Jobwunder« die Rede. Jetzt muss sich zeigen, was davon übrig bleibt. Ob es nur eine Laune der Konjunktur war, bloß eine Episode im ewigen Auf und Ab der Wirtschaft. Oder ob etwas von dem überdauert, was in den vergangenen Jahren erreicht wurde – ein Fortschritt, der im Abschwung zumindest mildernd wirkt.

Für die Bundestagswahl im kommenden Jahr könnte das zur entscheidenden Frage werden. Denn die Arbeitslosenzahlen reagieren mit starker Verzögerung auf die Schwankungen der Konjunktur. Trotz der aktuellen Alarmsignale könnten sie bis zum Herbst noch einmal deutlich sinken. Spätestens Anfang 2009 aber, pünktlich zum Beginn des Wahljahres, wird in den Statistiken deutlich hervortreten, ob eine Trendwende eingesetzt hat. Spätestens dann wird die Debatte darüber neu aufleben, was die Reformen der vergangenen Jahre gebracht haben und was Berlin zum Kampf gegen die Arbeitslosigkeit beigetragen hat.

Glaubt man den Kritikern von der Linken oder großen Teilen der Gewerkschaften, dann hat die Zunahme der Jobs in den vergangenen zwei Jahren nichts mit Politik zu tun. Dann haben Reformen wie Hartz IV nur Angst verbreitet und die gute Konjunktur noch gedämpft. Ohne Reformen hätte alles demnach sogar noch besser sein können. Auf jeden Fall ist nach dieser Sicht die Misere bald wieder so groß wie früher, wenn die Konjunktur erst kippt.

Die härtesten Kritiker bezweifeln ohnehin, dass es überhaupt einen Fortschritt gegeben hat. Die Statistik sei nur geschönt, um das »Märchen von Aufschwung und Vollbeschäftigung« verbreiten zu können, behauptet etwa Kornelia Möller, die arbeitsmarktpolitische Sprecherin der Linken. Andere entgegnen, dass in Wachstumsphasen früher viel mehr Jobs als heute geschaffen worden seien. Diese Argumente halten den Zahlen und Studien nicht stand. Denn auch wenn sich über die genauen Ursachen streiten lässt, ist eines kaum wegzureden: Der Jobboom ist echt, und er hat ein ungewöhnliches Ausmaß erreicht.

Noch nie zuvor waren in der Bundesrepublik so viele Menschen erwerbstätig wie heute: 40,2 Millionen. Und seit langer Zeit waren nicht mehr so wenige Menschen arbeitslos. Ende Juni wurden 3,2 Millionen gezählt, so wenige wie seit 16 Jahren nicht. In weiten Teilen Süddeutschlands sprechen Experten längst von Vollbeschäftigung. Die gilt bei einer Arbeitslosenquote von bis zu vier Prozent als erreicht. Ein Limit, das inzwischen 113 von 440 Landkreisen und kreisfreien Städten in Deutschland unterschreiten – etwa der Landkreis München (Quote 2,9 Prozent), Würzburg (2,6) oder Eichstätt (1,4).

Sogar dort, wo die höchste Arbeitslosenquote der gesamten Republik verzeichnet wird, in der Stadt Görlitz direkt an der polnischen Grenze, trifft man wieder auf Zuversicht. Zwar ist hier jeder Fünfte arbeitslos gemeldet. Aber das ist ein Fortschritt. So wenig Erwerbslose wie heute zählte die zuständige Arbeitsagentur Bautzen in den vergangenen 17 Jahren nicht. Nur kurz nach der Wiedervereinigung waren die Zahlen besser. »Aber damals«, sagt Agenturchef Günter Irmscher, »waren hier 16.000 Menschen in ABM beschäftigt und 80.000 in Firmen mit ›Kurzarbeit null‹. Hätten wir die mitgezählt, hätte die Quote bei 40 oder 50 Prozent gelegen.«

Jetzt mangelt es sogar in Ostsachsen an Fachkräften. Das Arbeitsamt wirbt dafür, dass Pendler zurückkehren. Eine Siemens-Tochter in der Region zahlt Kopfprämien von 4000 Euro für die Vermittlung neuer Mitarbeiter. »Auch wenn die Konjunktur sich abschwächt«, sagt Irmscher, »glaube ich nicht, dass wir hier wieder auf die gleichen Arbeitslosenzahlen kommen wie vor drei oder vier Jahren.« Wettbewerbsfähige mittelständische Betriebe seien entstanden, und die Produktivität der örtlichen Wirtschaft habe zugenommen.

Rot-Grün machte es Firmen leichter, Leute einzustellen

Eine Prognose für das gesamte Land lässt sich aus solchen Beobachtungen nicht ableiten. Doch viele Experten sehen Zeichen für einen grundlegenden Wandel auf dem Arbeitsmarkt, der über einzelne Branchen und Regionen hinausweist. »Wir haben etwas erreicht, was vorher nie gelungen ist«, sagt Holger Bonin vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW), »die Sockelarbeitslosigkeit ist gesunken.« In den vergangenen Jahrzehnten waren auch nach dem stärksten Aufschwung noch mehr Menschen arbeitslos geblieben als im jeweils vorangegangenen Aufschwung. Von Konjunkturzyklus zu Konjunkturzyklus wuchs ein Sockel nicht vermittelbarer Arbeitsloser. Das ist heute anders.

Derzeit sind eine halbe Million Menschen weniger erwerbslos als am Ende des New-Economy-Booms 2001 und noch knapp eine viertel Million weniger als im Hoch 1995. »Diese Entwicklung«, sagt Kai Carstensen vom ifo Institut in München, »legt nahe, dass mehr hinter den guten Arbeitsmarktzahlen steckt als nur die Konjunktur.« Das ifo Institut, der Sachverständigenrat der Wirtschaftsweisen und das ZEW kommen bei Analysen zu dem Ergebnis: Heute entstehen bei weniger Wachstum mehr neue Jobs als früher.

Zwar will noch kein Experte von handfesten Beweisen sprechen, aber viele sehen »valide Indizien« (Sachverständigenrat) dafür, dass sich die Reformen der vergangenen Jahre auszahlen – Neuerungen, die zum größten Teil noch die rot-grüne Bundesregierung beschlossen hat. Sie versuchte, gleich von vier verschiedenen Seiten Bewegung in den trägen Arbeitsmarkt zu bringen:

Den Unternehmen machte sie es leichter, neue Mitarbeiter einzustellen – etwa indem sie Firmen gestattete, Leiharbeiter länger einzusetzen, und ihnen außerdem den Abschluss befristeter Arbeitsverträge erleichterte.

Den Arbeitnehmern wurden beliebte Schleichwege in den vorzeitigen Ruhestand versperrt – dadurch, dass das Arbeitslosengeld kürzer gewährt wurde und dass Abschläge bei Frührenten eingeführt wurden. Letzteres hatte schon die Regierung Kohl beschlossen, die Regelung trat aber jahrgangsweise erst ab Ende der neunziger Jahre in Kraft. Mit dem Ergebnis, »dass die Arbeitslosigkeit seither in jedem betroffenen Geburtsjahrgang sprunghaft zurückgeht«, wie ZEW-Forscher Bonin sagt.

Den Erwerbslosen sollten die Hartz-Reformen und das viel zitierte Fördern und Fordern neue Wege aus der Untätigkeit weisen. Das zielte besonders auf Hunderttausende Arbeitslose, die gar nicht mehr beim Arbeitsamt gemeldet waren, sondern nur noch zum Sozialamt gingen. Doch die Reform dürfte auch zur Lohnzurückhaltung beigetragen haben, was Gewerkschafter beklagen, viele Experten aber als einen Beitrag zu neuen Jobs begrüßen.

Schließlich setzte die Politik auch bei den Beratern in den Arbeitsämtern an. Nach einem Skandal um geschönte Vermittlungszahlen wurde die einstige Bundesanstalt für Arbeit umgekrempelt und vor allem die Zahl der dort tätigen Jobberater erhöht.

Befristete Jobs werden ebenso leicht gestrichen wie geschaffen

Niemand kann heute präzise sagen, welcher Reformbaustein tatsächlich zur Verbesserung der Lage beigetragen hat. Dass aber auch eher unscheinbare Veränderungen wie der Umbau der Arbeitsverwaltung helfen, das zeigt das Beispiel Biberach. Die Arbeitsmarktlage ist dort seit Langem gut, aber innerhalb der Region Ravensburg war der Landkreis lange das Schlusslicht bei der Erwerbslosenquote. Seit einem Jahr ist das anders. Bei einem Pilotprojekt wurde die Zahl der Vermittler in Biberach noch einmal deutlich aufgestockt. »Als ich bei der Bundesagentur anfing«, erinnert sich die Vermittlerin Birgit Oelmaier, »musste ich mich um bis zu 1200 Kunden kümmern und Gespräche im 15-Minuten-Takt führen.« Heute sind Vermittler für rund 150 Arbeitsuchende zuständig, in Biberach sogar nur für 80 bis 100. »Jetzt kann ich gezielt schauen, welche Stelle oder Qualifizierung zu einem Bewerber passt«, sagt Oelmaier. Inzwischen hat der Kreis seine Nachbarregionen übertrumpft und gehört zu Deutschlands Top-Ten-Regionen mit der niedrigsten Arbeitslosenquote (2,1 Prozent). Auch die Zeit, die jemand hier durchschnittlich arbeitslos gemeldet ist, ging innerhalb von einem Jahr drastisch zurück – von 175 auf 119 Tage.

Nicht alle Reformen, die sich in diesem Aufschwung auszahlen, wirken jedoch im Abschwung gleichermaßen positiv. Befristete Jobs und Zeitarbeitsstellen zum Beispiel werden ebenso leicht gestrichen wie geschaffen. »Die zusätzliche Flexibilität geht in beide Richtungen«, sagt Wolfgang Franz, Arbeitsmarktexperte im Sachverständigenrat. Immerhin waren von 1,4 Millionen neuen Stellen, die zwischen 2005 und 2007 entstanden sind, knapp 400.000 in der Leiharbeit. Sie sind besonders gefährdet, wenn die Konjunktur kippt.

Oft fehlen Bewerber mit einem Schulabschluss

Auch darin sehen nicht alle Experten einen Nachteil. »Wenn Unternehmen so flexibler auf einen Abschwung reagieren können, hilft das, schlimmere Krisen zu vermeiden«, glaubt Jochen Kluve, Arbeitsmarktexperte beim Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung. Außerdem könnten sie bei wieder anziehender Konjunktur dann auch schneller neue Mitarbeiter einstellen. Insgesamt währe eine Flaute auf diese Weise kürzer, und die Gefahr, dass die Langzeitarbeitslosigkeit wachse, nehme ab.

Trotzdem kann auch das geschehen. In jedem Fall startet Deutschland aber aus einer besseren Position als früher in den drohenden Abschwung. So muss der Staat seine Ausgaben nicht wie beim vergangenen Mal gleich drosseln, wenn das Wachstum nachlässt. Zudem ist das Niveau der Arbeitslosigkeit deutlich geringer als früher vor der Schwächeperiode. Und auch auf individueller Ebene gehen viele ehemals Erwerbslose nun mit besseren Voraussetzungen in die wirtschaftlich trüberen Zeiten. Etwa eine halbe Million Menschen, die langzeitarbeitslos waren, haben in diesem Aufschwung eine Arbeit gefunden. Und viele von ihnen haben neue Qualifikationen erworben.

So wie Jan-Peter Brauner, der vor seinem Einsatz im Chemiewerk Sicherheitsvorschriften büffeln und den Umgang mit gefährlichen Chemikalienrückständen erlernen musste. Das wichtigste Training aber ist sein Job selbst. Forscher tun sich schwer damit, den Nutzen vieler Förderprogramme nachzuweisen. Eines aber zeigen alle Studien: Wer in einem Job reale Arbeitserfahrung sammelt, erhöht seine künftigen Beschäftigungschancen erheblich.

Wie es am Arbeitsmarkt in den kommenden Monaten weitergeht, hängt zuallererst von der Konjunktur ab. Doch Reformen können eine Trendwende verschärfen oder sie abschwächen. »Im Moment geht leider vieles in die falsche Richtung«, kritisiert Holger Bonin vom ZEW. »Das Arbeitslosengeld wird wieder länger gezahlt, die Altersteilzeit soll länger gelten als vorgesehen, dazu kommen Mindestlöhne, die alle Bemühungen, Geringqualifizierte in Jobs zu bringen, konterkarieren.« Auch bei der Zeitarbeit wird über neue Beschränkungen nachgedacht. Beinahe alles, was zum Rückgang der Arbeitslosigkeit beigetragen hat, steht wieder infrage. Bonin kann das nicht verstehen. »Man möchte der Politik laut zurufen: Lasst doch bitte die Reformen wirken, die ihr beschlossen habt!«

Aber wie untätig kann eine Regierung bleiben, wenn gleichzeitig eine Bundestagswahl und eine Wirtschaftsflaute näher rücken? Einmal abgesehen von Konjunkturpolitik, verbleiben eine Reihe unerledigter Reformaufgaben. Denn trotz aller Erfolge hat dieser Aufschwung doch offengelegt, wo selbst ein »Jobwunder« in Deutschland noch immer an seine Grenzen stößt. Mancherorts ist die Arbeitslosigkeit noch hoch, andernorts niedrig: Da liegt es nahe, dass der Staat die Mobilität fördert. Obwohl noch immer drei Millionen Menschen Arbeit suchen, klagen Firmen allerorten, dass sie keine Fachkräfte finden – Ingenieure, Schlosser, Schweißer. Manchmal fehlen auch nur Bewerber mit einem Schulabschluss und guten Deutsch- und Mathekenntnissen. Bildung bleibt daher das wichtigste Thema beim Bemühen, die Arbeitslosigkeit dauerhaft zu senken.