Achmed Mansur ist das Gegenteil eines coolen Journalisten. Und gerade jetzt, das merkt man ihm an, stimmt etwas nicht. Unruhig wandern seine Augen in der Lobby eines Berliner Hotels umher. Er ist gerade auf der Durchreise, und nun hat er sein Handy im Taxi liegen gelassen. Das Gerät ist ihm egal, es sei ein altes Ding, sagt er. »Nur schade um die Telefonnummern.«

Was für eine Untertreibung! Sein Telefonverzeichnis ist ein Schatz, denn der Ägypter Mansur ist der wohl bekannteste Fernsehmoderator der arabischen Welt. In seiner wöchentlichen Sendung Bi la Hudud – » Ohne Grenzen« – saßen alle Regierungschefs der Region, die mutig genug waren, sich seinen Fragen zu stellen, dazu viele Oppositionelle und noch mehr Radikale. Achmed Mansur ist beliebt, weil er seine Meinung sagt. Er hat ein feines Gespür für die Stimmung seiner Zuschauer. Viele der Mächtigen in der arabischen Welt fürchten ihn deswegen. Achmed Mansur ist Mr al-Dschasira, sein parteiischer Ansatz ist das, was den erfolgreichen Nachrichtensender aus Qatar von der Konkurrenz unterscheidet. Besonders wenn es um den Krieg im Irak geht, der nach offizieller Diktion ja schon lange zu Ende ist. Aber al-Dschasira hat immer mehr getan, als über die Kämpfe zu berichten. Al-Dschasira ist Partei in dieser Auseinandersetzung, und Achmed Mansur könnte man als Sargnagel des US-Krieges bezeichnen. Das hört sich pathetisch an, aber es passt zu seiner Arbeitsweise.

Seine Berichte aus dem Irak haben den Krieg direkt beeinflusst

»Sagen Sie, nach fünf Jahren Krieg im Irak, wie steht es mit dem Widerstand?«, fragt der 45-jährige Mansur seinen quasi unsichtbaren Studiogast Ibrahim al-Schimeri. Das Triumphblitzen in den Augen des Gesprächspartners ist nicht zu sehen, denn al-Schimeris Gesicht ist verpixelt, aus Sicherheitsgründen. Ibrahim al-Schimeri ist Sprecher der Islamischen Armee im Irak, der größten Anti-US-Kampfgruppe. »Dem Widerstand geht es Gott sei Dank besser denn je: Wir haben eine militärische Strategie, ein politisches Programm und sind in einem Dachverband aller Widerstandsgruppen organisiert«, sagt al-Schimeri. Die Sendung lief pünktlich zum fünften Jahrestag des Falls von Bagdad. Der Termin konnte nicht besser gewählt sein, gerade hatte sich in Washington US-General David Petraeus zu den Kämpfen im Irak geäußert. Er sprach von Erfolgen der US-Armee.

Große Hoffnungen setzt Washington in das sogenannte Aufwachen: Im vergangenen halben Jahr haben sich viele sunnitische Kampfgruppen den USA angeschlossen, um zusammen gegen einen gemeinsamen Feind zu kämpfen: das Terrornetzwerk al-Qaida. Auch Teile der Islamischen Armee in Irak sollen, so wird berichtet, ins US-Lager gewechselt und dafür mit neuen Waffen ausgestattet worden sein. »Das stimmt nicht«, sagt al-Schimeri, als Mansur ihn danach fragt, »wir haben nur eine neue Taktik, aber das Ziel bleibt gleich: Wir kämpfen gegen die Besetzung unseres Landes.« Er verweist auf neue Erfolge im Kampf gegen die US-Armee, nachzulesen auf der Website seiner Organisation, die Monat für Monat die blutigen Anschläge gegen US-Ziele vermeldet.

Achmed Mansur hat Übung darin, der offiziellen Version Washingtons über die Ereignisse im Irak zu widersprechen. Seinen größten Auftritt hatte er im April 2004. Zum ersten Jahrestag des Falls von Bagdad schickte al-Dschasira seine Stars zur Bestandsaufnahme. Mansur sollte aus Falludscha berichten, einer Hochburg bewaffneter Gruppen wie der Islamischen Armee. Auf dem Weg nach Falludscha erfuhr Mansur, dass vier Sicherheitsleute der Firma Blackwater von einer aufgebrachten Menge gelyncht wurden. Die US-Armee rückte an, riegelte die Stadt ab und begann sie zu beschießen. Als einziger Journalist berichtete Mansur aus der hartnäckig verteidigten Stadt. Tag und Nacht sendet al-Dschasira in diesen Tagen live, und TV-Sender in aller Welt übernehmen seine Bilder. Mansur zeigt in seinen Berichten nicht nur das Leiden der Zivilbevölkerung. Er zeigt auch, dass die mächtige US-Armee am Widerstand der Iraker scheitert. Am 9. April muss der US-Repräsentant in Bagdad, Paul Bremer, einen einseitigen Waffenstillstand verkünden. Der irakischen Regierung werden die Kämpfe zu grausam, die Lage ist zu aussichtslos. Die irakischen Kämpfer feiern den Waffenstillstand als Sieg. »Bei den Kämpfen um Falludscha im April 2004 haben die USA die erste große Niederlage im Irak erlitten. Das war der Anfang vom Ende«, sagt Mansur.

Distanz und Neutralität sind für den Journalisten Mansur keine journalistischen Tugenden, das zeigte sich auch in Falludscha. »Hinterher haben Freunde zu mir gesagt: Achmed, es ist ja verständlich, dass dich die Erlebnisse emotional mitgerissen haben. Aber das, was du da gemacht hast, war zu emotional«, erzählt er rückblickend. »Aber ich halte nichts von neutraler Berichterstattung. Die ist unmöglich. Es gibt sie nicht!« Es sei die Aufgabe des Reporters, parteiisch zu sein. »Parteiisch für die Schwachen, für die Menschlichkeit. Wer die Verbrechen nicht als solche benennt, macht sich mit den Verbrechern gemein« – so fasst er seine Reporterphilosophie zusammen. Aber hat er nicht live aus Falludscha zum Dschihad aufgerufen, zum Heiligen Krieg? Nein, wenn seine Zuschauer das so verstanden hätten, dann sei das ein Missverständnis. Seine Botschaft sei nur gewesen, dass man den Schwachen beistehen solle. Und die kam an.