Einschulung Habt Vertrauen zu Euren Kindern!

Wie verkraften Abc-Schützen den Übergang vom Kindergarten in die Schule, wann schlägt sinnvolle Förderung in Überforderung um? Ein Gespräch mit der Psychologin Elke Wild über die Lernmotivation von Schülern und die Sorgen ihrer Eltern

DIE ZEIT: Frau Wild, Sie erforschen nicht nur die Lernbereitschaft von Schülern, sondern bieten auch eine »pädagogisch-psychologische« Beratung für die Eltern an. Die Schule scheint sehr kompliziert geworden zu sein. Freuen sich Kinder eigentlich noch auf ihren ersten Schultag?

Elke Wild: Ja, die allermeisten Kinder tun das. Sie brennen darauf, ihre Fähigkeiten weiterzuentwickeln, wollen lesen und schreiben lernen – eben all das, was die Erwachsenen ihnen vormachen. Nur eine kleine Gruppe von Kindern findet den Übergang in die Schule schwierig: Kinder beispielsweise, die sozial ängstlich sind und sehr darauf angewiesen sind, ihre gewohnte Umgebung zu haben.

ZEIT: Dennoch sind viele Eltern verunsichert. Sie wissen nicht, ob sie ihr Kind zu viel oder zu wenig fördern, ob wirklich schon Abc-Schützen Englisch lernen sollen. Ist der Leistungsdruck auf Kinder heute zu hoch?

Wild: Den Leistungsdruck erleben zunächst einmal vor allem die Eltern. Kinder sehen das oft sehr viel spielerischer. Wir wissen ja zum Beispiel aus dem Sport, dass schon ganz junge Kinder zu Hochleistungen fähig sind – und dass sie diese auch gern freiwillig erbringen, ganz ohne Druck der Eltern. Aber es kommt natürlich bei all diesen Angeboten auf das jeweilige Kind an. Wird ein Kind überfordert, schlägt die natürliche Lust am Lernen sehr schnell in eine aversive Haltung um.

ZEIT: Wie finden Eltern das rechte Maß?

Wild: Sie sollten sich die Frage stellen: Passt dieses Angebot zu meinem Kind? Und die Eltern sollten den Mut aufbringen, Vertrauen in ihr Kind zu haben. Kinder haben ja einen ganz guten Selbstschutz, sie signalisieren schon, wenn ihnen etwas zu viel wird.

ZEIT: Eltern sollten also weniger auf die Ratschläge anderer Eltern oder auf Bücher hören, sondern mehr auf ihr eigenes Kind?

Wild: Genau. Entwicklungspsychologische Studien zeigen immer wieder, dass es bei der Lernentwicklung von Kindern große individuelle Unterschiede gibt. Das eine Kind fängt schon ganz früh an zu sprechen, das andere spät, beim einen ist der Sinn für Zahlen früher ausgeprägt, beim anderen später. Das sagt jedoch nichts darüber aus, wer am Ende sprachgewandter ist oder besser Mathematik kann.

ZEIT: Das hieße, ein früher Fremdsprachenunterricht muss keine Überforderung sein, und wenn ein Kind schon ab Klasse eins Chinesisch lernen will, kann auch das sinnvoll sein?

Wild: Genau. Wenn das Kind Lust hat zum Lernen, kann das durchaus eine Bereicherung sein. Jede Art von intellektueller Anregung ist sinnvoll, solange man das Kind nicht überfordert.

ZEIT: Fördert die Schule die Lust am Lernen – oder eher nicht?

Wild: Am Anfang fördert sie die Lust eher. Doch wir wissen aus vielen Untersuchungen, dass im Laufe der Schulzeit die Lernmotivation sukzessive zurückgeht. Vor allem am Ende der Grundschule kommt es zu einem Motivationsverlust, der sich in der sechsten und siebten Klasse rasant fortsetzt. Das zeigen Studien in allen Ländern. Allerdings nimmt in Deutschland die Motivation noch schneller ab als in den meisten anderen OECD-Ländern.

ZEIT: Woran liegt das?

Wild: Das hat verschiedene Gründe. Aus entwicklungspsychologischer Sicht ist festzuhalten, dass Kinder ab etwa zwölf Jahren beginnen, abstrakt zu denken und häufiger soziale Vergleiche anzustellen. Vorher vergleichen sie ihre Leistungen vor allem mit sich selbst und freuen sich, wenn sie sich verbessern. In der Sekundarstufe merken sie dann, dass andere unter Umständen noch besser sind. Das drückt auf das Selbstkonzept und damit auf die Motivation.

ZEIT: Welche Rolle spielen dabei Struktur und Inhalt des Schulunterrichts?

Wild: Leider trägt die Sekundarstufe den Bedürfnissen der Jugendlichen nach Autonomie und dem Erleben eigener Kompetenz sehr wenig Rechnung. Und in Deutschland geht man noch weniger als anderswo auf die Individualität der Schüler ein. Man plant den Unterricht für fiktive Durchschnittsschüler, die es aber gar nicht gibt. Die Folge ist: Die einen Schüler sind überfordert, die anderen unterfordert.

ZEIT: Und andere Länder machen das besser als Deutschland?

Wild: Ja. Studien zeigen, dass es anderen Ländern sehr viel besser gelingt, auf die Verschiedenheiten der Kinder einzugehen. Die Schüler werden eher als Individuen behandelt und dort abgeholt, wo sie in ihrer Entwicklung stehen. Sie können zum Beispiel mit bestimmten Arbeitsmaterialien selbst bestimmen, was sie bewältigen können und was nicht.

ZEIT: Was können Eltern tun, wenn sie erleben, dass ihr schulbegeisterter Erstklässler nach zwei, drei Jahren die Lust an der Schule verliert? Sollen sie eingreifen? Oder müssen sie das der Schule überlassen?

Wild: Nein, gar nicht. In anderen Ländern ist es selbstverständlich, dass Lehrer intensive Elternarbeit betreiben. Man redet im schoolboard miteinander, auf Schulfesten, in Einzelsprechstunden. Allgemein gilt: Je mehr die Eltern vom Schulalltag wissen, je näher sie am Lernen dran sind, desto besser ist es für das Kind.

ZEIT: Und wie unterstützen sie es optimal?

Wild: Die Faustregel ist: So viel Hilfe wie nötig und so wenig wie möglich. Wer seinem Kind die Hausaufgaben vollständig abnimmt, hilft ihm so wenig wie derjenige, der einfach nur das Ergebnis kontrolliert. Man muss die Autonomie des Kindes unterstützen und seine Motivation fördern. Wir hatten mal einen Schüler, der auf die Frage »Lernst du immer allein?« ganz selbstbewusst antwortete: »Ja klar.« Und als wir nachfragten, was er denn tue, wenn er mal nicht weiterkäme, sagte er: »Dann frage ich meine Eltern.« Das ist ideal. Das Kind sollte sich selbst verantwortlich fühlen und einen Erfolg als seinen eigenen Erfolg verbuchen. Aber es soll auch das Gefühl haben, dass die Eltern da sind, wenn sie gebraucht werden.

ZEIT: Immer wieder hört man, die Kinder von heute seien anders als früher, unruhiger, unkonzentrierter. Stimmt das?

Wild: Es gibt keine empirische Evidenz dafür, dass Kinder im klinischen Sinne aggressiver oder hyperaktiver wären. Ich glaube aber, dass die Wahrnehmung für solche Störungen heute sehr viel höher ist. Früher wurde zum Beispiel eine Lese-Rechtschreib-Schwäche vielfach gar nicht bemerkt. Heute wird sie dagegen manchmal überbewertet. Auch wird Auffälligkeit heute schnell einmal als Hyperaktivität eingestuft – dann muss man sich darüber aus pädagogischer Sicht keine weiteren Gedanken machen, sondern kann einfach ein Medikament verabreichen. Das verbaut die Suche nach pädagogischen Lösungen.

ZEIT: Und wie gehen Sie als Wissenschaftlerin praktisch mit Ihren eigenen Kindern um? Hilft Ihnen Ihr Wissen – oder sind Sie mitunter so unsicher wie andere Eltern?

Wild:(lacht) Mal so, mal so. Womit ich mich, ehrlich gestanden, sehr schwergetan habe, war die Entscheidung: Wie viel Fremdbetreuung kann ich meiner kleinen, nicht mal zweijährigen Tochter zumuten? Da habe ich dann wieder die Literatur gewälzt. Und als ich jetzt zum ersten Mal länger von ihr weg war, hat es mich schon sehr umgetrieben. Das Kind musste zu den Großeltern, und ich hatte ein sehr schlechtes Gewissen. Aber letztendlich waren das meine Sorgen – dem Kind ging es dort wunderbar.

Das Gespräch führten Sabine Etzold und Ulrich Schnabel .

 
Leser-Kommentare
  1. Ein Interview, das all denen, die sich wirklich für die Situation der Schulkinder interessieren, wichtige Fragen und hilfreiche Antworten liefert. Danke, Frau Wild.

  2. da muss sogar der Experte im Handbuch nachschlagen, wieviel "Fremdbetreuung" im  Stadium "zwei Jahre" zumutbar ist.Es wird aus dem Artikel jedenfalls klar, dass die Handbücher "Kevin 2.0: Advanced Child Tuning"verbessert werden müssen, um individueller auf die verschiedenen Kevin-Modelle eingehen zu können.

  3. Es ist in Ordnung, wenn Eltern sich am Geschehen der Schule beteiligen und den Alltag der Schule beeinflussen. Aber dass Lehrer sich erdreisten intensive Elternarbeit zu leisten, ist eine Frechheit. Es ist schon schlimm genug, dass Lehrer sich viel zu viel in die Privatsphäre der Familien hineindrängen, sich einzubilden sie müssten auch noch die Eltern erziehen, geht eindeutig zu weit. Ich kann ganz und gar nicht feststellen, dass Lehrer eine bessere Erziehung, ein besseres Verhalten, einen besseren Charakter hätten als die übrigen Menschen, ich kann auch ganz und gar nicht feststellen, dass Lehrer es im Allgemeinen mit den Kindern besser meinen als Eltern. Warum um alles in der Welt sollte Lehrern ein Einfluss auf die Eltern eingeräumt werden? Ich wiederhole also: Eine Zusammenarbeit zwischen Eltern und Lehrer sollte im Interesse der Kinder gefördert werden. Aber nicht in dem Sinn dass Lehrer das Familienleben beeinflussen, sondern dahingegend dass Eltern den Alltag in der Schule beeinflussen! Ich bin mir sicher, dass das im Ausland auch so verstanden wird.

  4. In der neuen Ich-kann-Schule würde man das ganze Problem gar nicht so von außen nach innen angehen, da fühlt man sich ein und denkt bereits von innen nach außen. Wie gut es einem Kind-Kind oder Lehrer-Kind oder Eltern-Kind - sie alle sind ja Kinder, auch wenn wir das stets übersehen - mit seiner Entwicklung geht, das hängt davon ab, wie gut alle mit seinen TALENTEN umgehen und wo sie die ENERGIE hineingeben. In der Du-musst-Schule stecken wir alle Energie in die sog. Lese/RechtschreibSCHWÄCHE, in der IKS steckt man sie selbstverständlich in die Lese/RechtschreibSTÄRKE - und so wachsen eben dort die Schwächen und hier die Stärken. Dieses einfache Prinzip bedienen schon kleinste Kinder mit Freude, denn: "Wenn ich (Schüler) mit deinen Talenten besser umgehe als du, dann mögen sie mich und folgen mir lieber als dir (Lehrer)." Wer es im Buch des Lebens sehen lernt, der ist nicht mehr (so) auf jene Bücher angewiesen, in denen einiges aus dem Buch des Lebens bestensfalls abgschrieben steht. Ich grüße herzlich.Franz Josef Neffe, DCI

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  • Quelle DIE ZEIT, 07.08.2008 Nr. 33
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  • Schlagworte Schule | Bildung | Bildungspolitik | Lernen | Kindergarten
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