Grundschulsystem Die Schule ist eine Baustelle
Einschulung, Unterrichtsformen, Schuldauer – an den Grundschulen verändert sich vieles zugleich. Eine Übersicht
Von wegen geruhsam unterrichten – die Grundschulen sind in permanentem Umbau. Allenthalben werden Schulzeiten, Einschulungsregeln und Unterrichtsformen verändert, Eltern können sich kaum noch darauf verlassen, dass bei der Einschulung ihres zweiten Kindes dieselben Regeln wie beim ersten gelten. Anbei die wichtigsten Umbauarbeiten auf der Baustelle Grundschule:
Die erste Veränderung brachte die verlässliche Grundschule . Die Anfangs- und Endzeiten des Unterrichts wechseln heute nicht mehr je nach Stundenplan von Tag zu Tag. Stattdessen gibt es eine Kernzeit – meist von 8 bis 13 Uhr –, in der die Eltern ihre Kinder betreut wissen. Zurzeit sind viele Bundesländer außerdem dabei, ihre Grundschulen auf den Ganztagsbetrieb umzustellen; allein Nordrhein-Westfalen hat rund 2000 Ganztagsgrundschulen eingerichtet.
Deutschland hatte lange Zeit die ältesten Abc-Schützen Europas. Im Schnitt wurden die Kinder hierzulande mit 6 Jahren und sieben Monaten eingeschult. Inzwischen haben mehrere Bundesländer die Einschulung vorverlegt. Den größten Schritt tat Berlin, das den Stichtag vom 30. Juni auf den 31. Dezember verschoben hat. Damit gehen bereits Kinder in die Schule, die fünfeinhalb Jahre alt sind. In Ausnahmefällen gilt sogar der 31. März als Stichtag. Zugleich ist es schwerer geworden, ein Kind wegen fehlender Schulreife später anzumelden.
Der jahrgangsübergreifende Unterricht soll den unterschiedlichen Kenntnissen, mit denen Kinder in die Schule kommen, besser gerecht werden. So können Erstklässler, die bereits über Lese- und Rechenkenntnisse verfügen, zusammen mit den Zweitklässlern Aufgaben lösen – und mit ihnen eventuell schon nach einem Jahr in die dritte Klasse wechseln. Leistungsschwächere Kinder können dagegen als Zweitklässler Stoff der ersten Klasse nachholen.
Fremdsprachen werden heute in der Grundschule vermittelt. In fast allen Bundesländern steht Englisch ab Klasse drei auf dem Stundenplan, in Baden-Württemberg bereits ab Klasse eins. Der Unterricht verläuft meist spielerisch und ohne Noten.
Umstritten ist die Verlängerung der Grundschulzeit von vier auf sechs Jahre, die der schwarz-grüne Senat in Hamburg beschlossen hat. Befürworter dieser Reform argumentieren, dass solch eine längere Schulzeit in vielen anderen europäischen Ländern üblich und erfolgreich sei. Die frühe Selektion der deutschen Schüler, die bereits nach vier Jahren auf verschiedene Schulen verteilt werden, bringe dagegen viele Bildungsverlierer hervor. Kritiker der Reform – vornehmlich aus Gymnasien – befürchten einen Leistungsabfall guter Schüler und verweisen auf eine entsprechende Studie in Berlin, wo die Grundschule schon heute sechs Jahre dauert.
Wirklich belastbare Argumente im Streit um die Verlängerung der Grundschulzeit sind allerdings rar. Die Berliner Studie, auf die sich die Kritiker berufen, ist stark umstritten. Dennoch wurde in Hamburg schon reagiert. Um etwaige Lerndefizite auszugleichen, sollen in der Hansestadt, anders als in Berlin, auch in der Grundschule Fachlehrer aus den weiterführenden Schulen eingesetzt werden. Solche Details machen deutlich: Ob und wie sinnvoll eine Reform ist, hängt nicht nur von deren Grundidee, sondern auch von den Bedingungen und Umständen ihrer Umsetzung ab.
Jede Veränderung, auch diese Grundregel gilt, kostet Zeit, Geld und ist nur dann erfolgreich, wenn die Lehrer dafür gewonnen werden. Das zeigt sich am Beispiel des jahrgangsübergreifenden Unterrichts. Er bietet große Chancen – verlangt den Lehrern aber auch viel ab. Sie müssen dabei Schüler mit einem Altersunterschied von bis zu drei Jahren und einem großen Leistungsgefälle unterrichten. Das verlangt nach Differenzierung. Idealerweise finden sich immer wieder neue Lerngruppen zusammen. Mal lösen die stärkeren und schwächeren Schüler jeweils eigene Aufgaben, mal helfen sie sich gegenseitig. Um allen Schülern gerecht zu werden, unterrichten die Lehrer teilweise zu zweit. Wenn es allerdings schlecht läuft, führen solche Klassen zurück zum alten »Abteilungsunterricht«: Anstatt zu mischen, teilt der Lehrer die Schüler einfach in zwei Gruppen und widmet sich mal dieser und mal jener.
Die Pädagogen, auf die es letztlich bei allen Reformen ankommt, werden auf ihre neuen Aufgaben oft nur wenig vorbereitet. Das gilt für die flexible Eingangsphase ebenso wie für den Fremdsprachenunterricht. Die wenigsten Grundschullehrer haben zum Beispiel Englisch studiert, sondern allenfalls eine Fortbildung absolviert. Werden die Schüler von ausgebildeten Englischlehrern unterrichtet, das zeigt eine Hamburger Studie, so lernen sie mehr.
- Datum 07.08.2008 - 12:16 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 07.08.2008 Nr. 33
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Diese Diskussion findet immer noch auf einem erbärmlichen Niveau statt. Es geht immer noch nur um den Umbau und die Fortentwicklung jener äußeren Unterrichtsvollzugsanstalten, die wir bisher schon nur immer aufwendiger am Leben vorbeiperfektioniert haben. Was fehlt, ist das Loslassen der alten Schablonen und ein neuer, souveräner Denkansatz.
Die neue Ich-kann-Schule hält dieser immer noch perfekter konstruierten Du-musst-Schule den Spiegel vor: Statt Unterrichtsvollzug gemeinsames Lernen aller beteiligten. Statt Orientierung an den Schwächen Stärkung der geschwächten Stärken. Statt ErDRÜCKung mit DRUCK ErZIEHung mit SOG-Wirkung. Statt Perfektionierung der Schablonen hoch interessiertes Hervorrufen der TALENTE. Es geht nicht nur darum, WAS wir tun und WIE wir es tun; viel entscheidender ist, IN WELCHEM GEISTE wir es tun: Was du beherrschen willst, musst du bedienen lernen. Wie fühlt sich das an, wenn ein Mädchen in der 2.Klasse über seine Lehrerin sagen / denken kann: "Wenn ich mit deinen Talenten besser umgehe als Du, mögen sie mich und folgen mir lieber als Dir."? Ich grüße herzlich.
Franz Josef Neffe, DCI
Ich hoffe, der Artikel beruft sich nicht auf Vollständigkeit. Es gibt noch sehr viel mehr Neuerungen oder Veränderungen in Grundschulen. In Rheinland-Pfalz gibt es beispielsweise eine neue Grundschulordnung bezüglich der Leistungsbewertung (statt bisher 8 bis 10 Diktaten jetzt noch 3 Diktate etc.). Warum schreiben Sie nicht über integrative Förderung oder über die zunehmende Anzahl von Schwerpunktschulen und deren Konzept? Die Liste an Neuerungen und Veränderungen lässt sich beliebig fortsetzen. In vielen Bundesländern gibt es übrigens Englisch oder Französisch ab der 1.Klasse und das schon eine Weile...Wenn schon eine Übersicht, dann bitte vollständig!
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