Ostsee Was zählt, ist auf dem Platz
Als Kind verbrachte Bjørn Erik Sass jeden Sommer auf dem Campingplatz Grönwohld an der Ostsee. Nun ist er zurückgekehrt – nach 27 Jahren
Diese Ferien auf dem Campingplatz sind eine Rückkehr zu meinem wahren Ich. Dafür brauche ich keine ferne, meerumtoste Küste und keine zerklüftete Bergkulisse. Stattdessen fahre ich kaum dreißig Kilometer aus meiner Stadt nach Norden an die Eckernförder Bucht. Dort habe ich in Grönwohld, zwischen Krusendorf und Noer, einen Wohnwagen gemietet. Einen Wohnwagen mit voll möbliertem Vorzelt auf einem sauber gemähten Stellplatz von ziemlich exakt 120 Quadratmeter Fläche, mit einem sauber ausgerichteten Windschutz aus braun gestreiftem Zeltstoff. Genau hier und genau so habe ich früher einen großen Teil meiner Sommer verbracht. Zehn Jahre wohnte ich von April bis Oktober mindestens an den Wochenenden in Grönwohld, mit meinen Eltern, mit den Schwestern meines Vaters und meinen Cousins, mit meinen Großeltern. Ich bin ein Kind von Dauercampern.
Nun kehre ich zurück, um nachzusehen, ob das Leben im Wohnwagen noch so cool ist wie vor 27 Jahren. So lange war ich nicht mehr auf dem Platz. Vor der Fahrt hat mir meine Freundin Alpenveilchen geschenkt. Zwei rote und eins in Lila, mit Kübel und Blumenerde zum Selbsteinpflanzen. Für sie ist das ein ironisches Spiel mit dem Klischee des spießigen Dauercampers.
»Sach ma, tut das not, dass du dein Gejodel so aufdrehst?«
Nach Grönwohld geht es über eine kleine Bundesstraße, die von Kiel über Strande bis etwa Aschau erst an der Kieler Förde, dann an der Eckernförder Bucht entlangführt. Dies ist der Dänische Wohld, und das zweite Wort wird mit einem sehr langen und sehr offenen o gesprochen, damit man immer wieder das Staunen hört, dass es so nah an einer Großstadt eine so umwerfende Landschaft gibt. Der Höhepunkt kommt, wenn sich zwischen Noer und Krusendorf der Wald zurückzieht und die Felder in Richtung Strand abfallen und man plötzlich aufs Wasser schaut. Gerade rüber liegt das Nordufer der Eckernförder Bucht, rechts öffnet sich das Meer, und wenn die Luft klar ist, sieht man eine Ahnung der dänischen Insel Ærø. Von diesem grandiosen Punkt geht es mit schlagartig viel Feriengefühl eine Piste hinunter.
Das Anmeldehäuschen ist neu. Früher gab es keine elektronische Schranke, keine Hüpfburg und keinen Spielplatz, aber alles andere fühlt sich so vertraut an, als wäre ich nur kurz in Krusendorf einkaufen gewesen. So vertraut und zugleich fremd, weil ich hier keinen Menschen mehr kenne. Bei der Anmeldung mache ich mich an den Platzwart mit der Prinz-Eisenherz-Pisspott-Frisur und seine beiden Kollegen heran. Die wissen, wann hier was geht, wo die Partys steigen. Ich erzähle, wie lange ich schon nicht mehr hier war. Die drei rechnen währenddessen aus, wie viel Kurtaxe ich zahlen muss, wenn ein Tag 1,50 Euro kostet und ich zwei Wochen bleibe. »Dreisatz musst du rechnen«, sagt einer. »Nee, da musst du einfach malnehmen«, sagt der andere. So kommen sie auf 21,50 Euro. Das kommt mir nicht ganz richtig vor, aber ich will mich nicht gleich als Korinthenkacker unbeliebt machen.
Mein Stellplatz D116 liegt direkt am Hauptweg, keine 200 Meter hinter der Einfahrt. Den Wohnwagen habe ich privat gemietet, die Besitzer wohnen selbst nicht mehr auf dem Platz und kommen nur, um zu gucken, ob ich gut angekommen bin und den Wäscheständer gefunden habe. Ich sage der Vermieterin, dass wir früher immer am Wald gewohnt haben. »Am Hauptweg ist es schöner«, meint sie, »da ist mehr los.«
Ich richte mich ein auf D116. Mit seinen 5,70 mal 2,20 Metern bietet mir dieser Wohnwagen verschwenderisch viel Platz: Meine Eltern, meine Schwester und ich lebten früher auf 3,80 Metern, und erst über die Jahre schafften wir es auf 5,20 Meter. Gleich links vom Eingang ist die Rundsitzecke, rechts das Bett, in dem ich dann nachts wie in einer riesengroßen Koje mit vielen Schlafsäcken und Decken liege und höre, wie der Wind am Vorzelt rüttelt, dazwischen Wandschränke, das Bordklo, die Küchenzeile. Die wird aber nicht benutzt. Der Wohnwagen ist die gute Stube, da darf kein Schmutz hinein. Man betritt ihn nur in Socken oder barfuß und als Kind allenfalls zum Schlafen.
Mein Vorzelt hat eine eigene Küchenzeile mit Vier-Flammen-Herd und Ofen und großem Kühlschrank und Spüle mit fließendem Wasser. Meine Mutter würde heulen, wenn sie das sähe, die musste das Wasser noch mehrmals täglich im Kanister vom Waschhaus zum Wohnwagen schleppen. Helfen konnte ihr leider niemand. Männer haben auf Campingplätzen selbst unheimlich viel zu tun. Es gibt ja keinen Stellplatz, den man nicht noch verbessern könnte. Ich schaue mir den von gegenüber an. Da stehen tatsächlich Gartenzwerge. Was wird nun aus meinen Alpenveilchen? Ich beschließe, sie verrecken zu lassen.
Und um mir selbst zu zeigen, dass ich kein bisschen spießig bin, räume ich meine Klamotten nicht in die Schränke, ich lasse alles im Vorzelt fallen, sobald ich es nicht mehr brauche. Das macht so gute Laune, dass ich Musik von Cecilia Bartoli einschalte. Ich habe die Sonnenbrille noch nicht aufgesetzt, da kommt der Campingkamerad vom übernächsten Stellplatz an meinen Windschutz: »Sach ma, tut das not, dass du dein Gejodel so aufdrehst?« Nein, Entschuldigung, natürlich nicht. So viel weiß ich noch von früher: Wehe dem, der die Platzruhe stört!
Also schaue ich ohne Musik den Hauptweg hinunter. Und jeder Passant schaut zu mir. Damit das nicht peinlich wird, grüßt man. Gerade gegenüber Fremden wird dabei ein entschiedener Duktus in die Stimme gelegt. Das erwirkt den sofortigen Gegengruß, signalisiert aber auch, dass Plaudern nicht erwünscht ist.
Ich schlüpfe in meine Badelatschen und ziehe los, um etwas zu essen zu kaufen. Es gibt einen Laden auf dem Platz, er gehört Paco, genau wie die Eisdiele und das Bistro. Hier bekam ich früher ein Caramac oder Brauner Bär für die Mark, die ich mir beim Rasenmähen, Autowaschen oder Maulwurfplattmachen verdient hatte. Brauner Bär und Caramac gibt es nicht mehr. Und als Grillgut nur Wurst oder Nacken. Camper lieben Nacken. Ein Biologe erklärte mir mal das Geheimnis: Bei der Schweinekeulung schießen sämtliche Stresshormone in den Nacken. Bleiben da, werden mariniert, bis der Dauercamper kommt und sie alle aufisst.
Am zweiten Tag mache ich mich auf die Suche nach unserem alten Familienstellplatz. B1 hieß er. Aber die Stellplätze am Waldrand haben alle Schilder mit C-Nummern. »Welchen Platz sind Sie denn?«, ruft mir eine ältere Dame aus ihrem Vorzelt zu. Sie hat beobachtet, wie ich hier suchend und sinnend durch die Gassen ging, das fand sie verdächtig. Ich erkläre mein Anliegen. »Hier ist C. War auch immer C«, sagt sie. Irgendwann stehe ich dann tatsächlich vor einem Schild mit der Nummer B1.
Der Platz sieht ganz anders aus, als ich ihn in Erinnerung hatte. Damals war er ein Eckgrundstück. Wenn man von dort in Richtung Feld und Wald schaute, kam eine kleine, für uns riesenhohe Brennnesselwildnis. Durch die hatten meine Cousins und ich Geheimgänge geschlagen, in die ich flüchtete, wenn es wieder Birnen, Bohnen und Speck gab. Die Nesseln sind weg. Gerodet, um Raum für noch einen Stellplatz zu schaffen. Auch an Wicken erinnere ich mich. Die hatte mein Vater zwischen die Brennnesseln und unser Grundstück gepflanzt, dem Urwald abgetrotzt. Wir waren die Siedler am Rande der Zivilisation. Rechts von den Wicken lief ein Graben an B1 vorbei. Den gibt es noch. Früher wucherte er aber hübscher, weil phosphathaltige Dünger noch beliebter waren. Dieser Graben war der Amazonas für unsere Big Jims und Doctor Steels. Morgens legte ich meine Waffen an, das Gewehr aus einer besonders dicken Vorzeltstange, Beil und Messer, Pulverhorn und Proviantbeutel, und kletterte im Wald auf einen Baum und wartete auf meine Cousins. Die wohnten alle nur ein paar Plätze weiter.
Die picklige Babysitterin drohte, einen von uns zu küssen. Ich versteckte mich
Omas Wohnwagen stand ungefähr hundert Meter entfernt. Das war die erste Adresse der Familie. Dort sahen wir zusammen Musik ist Trumpf und Ritterfilme, Opa baute uns Schwerter und Schilde und Flitzebögen und zog den Dartpfeil aus Thomas’ Kehlkopf. Inzwischen ist Opa tot, und zwei meiner Cousins sind tot. Wären sie hier, wir könnten unsere Schlachten sofort weiterschlagen. Am hinteren Feldrand, in Richtung Krusendorf, wächst immer noch diese Schilfart, die man mit der Wurzel rausreißen kann. Dann hing ein dicker Klumpen Dänischer-Wohld-Erde dran, das gab großartige Keulen. Mitten im Feld steht auch noch unsere alte Lieblingseiche. Unter der wäre mir einmal beinahe etwas Schreckliches passiert: Die dicke, picklige Babysitterin meines jüngsten Cousins drohte, einen von uns küssen. Wir rannten kreischend weg, ich versteckte mich stundenlang zwischen Futterrüben und schlich erst nach Hause, als es vollkommen dunkel war.
Heute gehe ich im Hellen, und ich wundere mich, wie klein der Campingplatz ist. Die 16 Hektar durchquere ich in wenigen Minuten. Aber vielleicht kommt einem alles wieder groß vor, wenn man nur lang genug bleibt. Ich bemerke, dass viele Campingkameraden kaum einen Weg zu Fuß gehen. Sie fahren. Am liebsten Klapprad, das Basismodell aus den siebziger, achtziger Jahren. Damit eiern sie zum Brötchenholen, zur Müllentsorgung und zum Klo, es wird wenig getreten und viel gerollt. Ich verstehe nicht, warum die nicht wenigstens richtige Fahrräder nehmen. Gerd aus Hamburg erklärt es mir: »Klapp ist beweglicher. Du kommst leicht rauf aufs Rad und gut um die engen Kurven, und schön bequem sitzt du auch.« Bequem ist ganz wichtig für Camper.
Ich pflanze meine Alpenveilchen ein. Es fühlt sich gut und richtig an
Bald wünsche ich mir auch ein Klapprad. Schon am zweiten Tag bekomme ich von den Badelatschen Blasen an den Zehen. Dann regnet es ein paar Tage durch, die Adiletten werden nass, das scheuert noch mehr, und aus den Blasen werden Schwielen. Im schlechten Wetter bricht der Satellitenempfang des Fernsehers zusammen. Ich kriege einen Lagerkoller. Verfluche meine Idee, so Ferien zu machen. Dann aber erinnere ich mich, wer ich bin: Ich bin ein Kind von Dauercampern. Das gibt mir Haltung auch in dieser schwierigen Situation.
Ich mache Ordnung im Vorzelt. Räume meine Klamotten endlich in die Schränke. Nehme meinen Blumenkübel, fülle ihn mit Erde und drücke die empfindlichen Knollen meiner Alpenveilchen sacht hinein. Und es fühlt sich gut und richtig an. Einmal hängt mein Handtuch zum Trocknen über dem Windschutz. Mein Vermieter, weiß der Teufel, wie er das gesehen hat, kommt und erklärt mir, wo der Wäschetrockenständer ist und wie ich ihn aufbaue und wie schlecht das für den Windschutz ist, wenn Sachen daraufhängen und ihn aus der Form bringen, und er bleibt so nett und guckt so unglaublich traurig dabei. Ich verstehe ihn.
Als ich anfange, die Enge gemütlich zu finden, hört der Regen auf. Im weiß-gelb gestreiften Festzelt neben dem Campingplatzeingang gibt es eine Feier für Helmut. Helmut war mein Nachbar. Wäre mein Nachbar gewesen. Ich kannte ihn nur von den Fotos an der Rezeption und an den Sanitärgebäuden. Ich hatte mich über diese Bilder gewundert. Und darüber, dass jeder, der den Hauptweg hinunterging, noch länger auf mein Nachbargrundstück starrte als auf mich. Erst als ich die Blumenbouquets vor dem leeren Hasenstall sehe, verstehe ich. Helmut ist tot. Er starb nebenan in der Rundsitzecke seines Wohnwagens, zwei Tage bevor ich kam. Es wird eine sehr schöne Trauerfeier. »Er starb lächelnd«, sagt meine Vermieterin. Ich gehe an die Hecke, die unsere Grundstücke trennt, und stelle Helmut meine Alpenveilchen hin.
Information Grönwohld
Camping:
Krohnshörn, 24229 Schwedeneck, Tel. 04308/189972,
www.groenwohld-camping.de
Preise:
Für eine Übernachtung zahlen Erwachsene 3,60 Euro. Ein Stellplatz für den Wohnwagen kostet pro Nacht 3,60 Euro, für das Zweimannzelt 3,10 Euro. Die Wohnwagenmiete mit Vorzelt, Küche und Inventar etwa bei A. Passoter (Tel. 0431/323335,
www.wohnwagenvermietung-kiel-eckernfoerde.de
) beträgt pro Tag 49 Euro plus Kurtaxe
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- Datum 06.08.2008 - 09:31 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 07.08.2008 Nr. 33
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