China Maos pragmatische Enkel

Studenten in Peking beten weder Parteisprüche nach, noch wollen sie das System stürzen. Sie sind selbstbewusst, kritisch und doch loyal

Liu Cui, 26 Jahre, im engen Spaghettiträger-T-Shirt, nippt an ihrem Latte macchiato und kippelt auf dem Bistrostuhl. »Ich habe nichts gegen vorehelichen Sex«, sagt Liu. Sie sitzt mit zwei Kommilitoninnen im Campus-Café der Pekinger Fremdsprachenuniversität im Kellergeschoss ihres Studentinnenwohnheims. Es ist ein abgedunkelter Ort für Liebespärchen. Männer dürfen nicht mit auf die Zimmer der Studentinnen, aber sie dürfen ihnen hier einen Kaffee bestellen. Der kostet 30 Yuan, umgerechnet drei Euro, ein Preis für Neureiche. Neben Liu glimmt ein künstliches Kaminfeuer – mitten im heißen Pekinger Sommer.

»Wir sind sexuell frei«, sagt Liu, »aber es gibt hier zu wenige Männer.« In ihren Seminaren seien vier Fünftel aller Studenten weiblich. Liu und ihre zwei Freundinnen sagen, sie seien zum ersten Mal im Love-Café, sie hätten alle keinen festen Freund. Sie alle tragen enge Hemden, kurze Hosen, zeigen viel Haut. Ihre Haare sind aufwendig frisiert.

Sie haben wirklich keine Liebhaber?

Sie habe einfach zu viele Verpflichtungen, sagt Liu. Studium, Job, zeitaufwendige Familienbesuche daheim in der Provinz Sichuan – keine Zeit, einfach mal wen kennenzulernen. Oder sind es doch die sozialen Normen, die Tradition, die Unfreiheit, die sie einengen?

Nein, sagen die Studentinnen, die sexuelle Freiheit sei in China angekommen, sie gehöre zur Grunderfahrung ihrer Generation, das könne nicht mehr rückgängig gemacht werden. Das klingt für chinesische Verhältnisse, nach den Jahrhunderten arrangierter Heiraten, wie ein neues Glaubensbekenntnis. Aber wollen die jungen Frauen die neue Freiheit wirklich, oder reden sie sie nur für westliche Ohren schön? Jede neue, hart erkämpfte Freiheit stößt in China auf mehr Hindernisse als sonst wo auf der Welt, weil die Widerstandskräfte der Politik so stark sind.

Und dennoch: Die Olympia-Generation 2008 ist Chinas erste moderne Studentengeneration. Sie hat die Radikalität und Naivität des politischen Protests überwunden, der in China die Jugend des ausgehenden 20. Jahrhunderts prägte. Sie hat den puren Materialismus der Jahrhundertwende überstanden, als mit den ersten wirtschaftlichen Erfolgen Chinas auch die Jugend dem Mammon verfiel. Sie ist angekommen bei einem abgewogenen, sehr politischen, sehr chinesischen Verständnis von Freiheit: Sexuelle Freiheit? Abgehakt. Meinungsfreiheit? Unbedingt. Presse- und Internetfreiheit? Dafür kämpft man. Doch allgemeine politische Freiheit? Nein. Demokratie? Dafür ist es zu früh. Freiheit für Tibet? Auf keinen Fall.

»Du googelst nur, aber verstehst und analysierst nicht«, tadelt der Professor

Die neue Generation will Chinas Widersprüche nicht mehr radikal auflösen, sie will mit ihnen leben und das Beste daraus machen. Ihr Verhältnis zur KP ist distanziert, kritisch und doch loyal. Sie bewundert den Westen und verlangt dennoch entschieden mehr Anerkennung von ihm.

Seit Anfang Juli arbeiten Liu und ihre zwei Freundinnen als Freiwillige für die Olympischen Spiele. Sie tragen jetzt den ganzen Tag lang blaue adidas-Anzüge und absolvieren vorolympische Trainingskurse. Sie zählen zu den Postgraduierten im Fach Englisch der Pekinger Fremdsprachenuniversität und damit zu den 60 besten Englischstudenten Chinas. Sie sind darum auserwählt, während der Spiele hohe Funktionäre des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) von morgens bis abends zu begleiten. Sie sollen China repräsentieren. Ihrem Land ihr Gesicht geben.

Warum machen sie das?

»Ich denke nicht an Patriotismus«, antwortet Zhao Yan, 24 Jahre. Sie teilt im Wohnheim das Zimmer mit Liu. Früher hatte sie langes, glattes, schwarzes Haar, jetzt trägt sie eine dunkelrote Lockenmähne. Sie sagt, sie habe den Freiwilligenjob bei den Olympischen Spielen schon deshalb machen müssen, weil ihre Eltern und Schulfreunde in der Provinz Jilin im Nordosten Chinas sehr stolz auf sie seien. Dabei gehe es den Veranstaltern der Spiele nur um ihre Sprachkenntnisse. Auch ahne sie inzwischen, dass es ziemlich langweilig werden könne, den ganzen Tag einem IOC-Funktionär hinterherzulaufen, doch bei allen Veranstaltungen, an denen er teilnehme, draußen bleiben zu müssen. »Aber noch überwiegt meine Begeisterung für Olympia«, sagt Zhao. Man müsse doch etwas tun, um das neue Peking der Welt zu zeigen.

Das neue Peking? Das sind nicht die futuristischen Olympia-Bauten, auf die jetzt alle Kameras gerichtet sind. Das sind auch nicht die hohen KP-Kader, die mit dem organisatorischen Glanz der Spiele ins Scheinwerferlicht rücken wollen. Das sind sie – die Studentengeneration 2008.

Kaum eine andere Hauptstadt der Welt identifiziert sich traditionell so sehr mit ihren Studenten wie Peking. Sie sind die Besten der großen Nation, seit Menschengedenken. Nur die begabtesten Schüler des Landes gelangten früher an die kaiserlichen Beamtenschulen in Peking. Ihre Namen wurden über die Jahrhunderte hinweg im Pekinger Konfuziustempel auf Steintafeln geritzt. Sie tauchten erstmals in der Moderne auf mit der für das heutige China konstitutiven Revolutionsbewegung vom 4. Mai 1919.

Pekinger Studenten schufen damals die Bedingungen für die Gründung der Kommunistischen Partei zwei Jahre später, 1921. Sie standen ganz unter dem Eindruck der jahrhundertelangen Rückständigkeit des chinesischen Kaiserreichs und begeisterten sich für die neuen Gedanken aus dem Westen. Sie glaubten, für das arme China sei am besten der Kommunismus geeignet. Sie ahnten nicht, wie erfolgreich sie sein würden.

Ein knappes halbes Jahrhundert später gingen sie wieder in die Geschichte ein: mit der Kulturrevolution von 1966. Sie waren die Roten Garden, die den Personenkult Mao Tse-tungs gegen angeblich korrupte Kader und Intellektuelle verteidigten. Sie ermordeten ihre Professoren, sie veranstalteten blutige Hetzjagden auf Maos Kritiker. Sie merkten nicht, wie der alternde Herrscher ihren Idealismus missbrauchte. Sie spürten den Betrug erst, als Mao seine Macht gesichert sah und sie zur Arbeit aufs Land abschob. Sie sollten sich von den Bauern »umerziehen« lassen. Sie kamen von den besten Universitäten und mussten nun jahrelang mit der Hacke arbeiten.

Doch 1989 waren die Studenten wieder da. Sie hatten inzwischen Sartre gelesen und die Rockmusik entdeckt. Sie waren erneut von Chinas Rückständigkeit überzeugt, sie begeisterten sich wieder für westliche Ideen, doch diesmal nicht mehr für den Kommunismus, sondern für die Demokratie. Sie gingen auf die Barrikaden, wandten sich zum ersten Mal gegen die KP. Sie demonstrierten unter einem Bild der New Yorker Freiheitsstatue auf dem Tiananmen-Platz mitten in Peking, bis die Panzer der Volksarmee ihre Zelte überrollten. Mit ihrem Mut und ihren Opfern trugen sie zu den weltweiten historischen Umbrüchen von 1989 bei.

Sie waren so vieles und stürmten an der Spitze so vieler Revolutionen im 20. Jahrhundert, nur eines waren sie nie – sie selbst. Sie kämpften für die großen Ideen anderer: 1919 für den Kommunismus, 1966 für den Maoismus, 1989 für die westliche Demokratie. Sie entwickelten keine Studentenkultur, kein eigenes Milieu, bewirkten keinen sozialen Wertewandel wie die 68er-Generation im Westen. Ihr großes Idol der achtziger Jahre, der Rockmusiker Cui Jian, blieb ein einsamer Held. Am Ende des langen revolutionären Jahrhunderts hatten sie den Ruf, nur noch Karrieristen zu sein, denen die Politik egal sei.

Es schien, als sei die alte Bindung zwischen Peking und seinen Studenten in Auflösung begriffen. Doch dann kam 2008, Chinas dramatisches Jahr: erst die Unruhen in Tibet, dann das Erdbeben in Sichuan, jetzt Olympia. Die Ereignisse brachten ein neues, individuelleres Studentenbewusstsein hervor. Es ist nicht mehr von großen Kollektiverfahrungen geprägt, es verlangt von jedem, sich selbst auf die Suche nach mehr Freiheit zu machen.

Es ist Montag, der 12. Mai 2008, in Peking ist der Himmel bedeckt. Zhao Yan und Liu Cui verbringen den Vormittag in der Vorlesung des Amerikanistik-Professors Teng Jimeng. Thema ist die amerikanische Protestkultur der Nachkriegszeit. »Ich betone die Selbstkritik in den USA während der sechziger Jahre, damit die Studenten lernen, anders über das heutige China zu denken«, erklärt Teng. Er entstammt der Protestgeneration von 1989.

Nun lässt er zwei Elitestudenten über den Kultfilm der Anti-Vietnam-Generation Easy Rider und die Musik von Bob Dylan vortragen. Dann referiert Liu über den Film Rambo von 1982 mit Sylvester Stallone, der sich im Geist der Reagan-Ära gegen die Anti-Vietnam-Bewegung richtete. Doch was tut die Studentin Liu? Sie beschreibt Rambo als Friedenskämpfer und Gegner des Vietnamkrieges. Professor Teng kann es nicht fassen. »Rambo als Antikriegsheld – unglaublich ist das! Du googelst nur, aber verstehst und analysierst nicht«, herrscht er Liu an.

»War das etwa ein Prokriegsfilm?«, entgegnet sie verwirrt. »Die sechziger Jahre sind für uns weit weg. Morgen haben wir Prüfung«, versucht ihre Kommilitonin Zhao zu vermitteln. Doch die Prüfung wird ausfallen – wegen des großen Erdbebens von Sichuan. Am Nachmittag um halb drei sitzen Zhao und Liu in ihrem Studentenzimmer und lernen an ihren Laptops, als plötzlich die Erde wackelt, auch in Peking. Ihr Wohnheim ist ein modernes Hochhaus, es schwingt beim Erdbeben mit.

Für sie gab es bisher nur Wirtschaftswachstum ohne Pause

Alarmiert konsultieren sie die Studentenforen im Internet. Sie erfahren vom Epizentrum des Erdbebens in Sichuan, es liegt nur hundert Kilometer von Lius Heimatort Mianzhu entfernt. Sie sind in heller Aufregung. Lius Familie ist telefonisch nicht mehr zu erreichen. Sie verbringen den Rest des Tages vor dem Bildschirm, durchsuchen die Internetforen, chatten mit Sichuan. Sie schalten nicht den Fernseher an, schauen nicht auf die offiziellen Websites der staatlichen Medien. Auf den Gedanken, dass die Regierung relevante Informationen über das Beben herausgeben könnte, kommen sie nicht. Sie kennen von Regierungsseite nur die Zensur. Aber sie vertrauen dem Internet. Es ist schneller als die Zensur. Es liefert an diesem Tag alles, was sie wissen wollen. Durch einen Steckbrief in einem Forum erfahren sie, dass Lius Verwandte unverletzt sind.

»Das Erdbeben in Sichuan ist die größte Katastrophe meines Lebens«, sagt Zhao. Das Ereignis wird sie verändern. Sie wird in den nächsten Wochen viel lesen, sie wird in der Familiengeschichte forschen, vergangene Revolutionen überdenken, eine neue Vorstellung von Nation und Patriotismus entwickeln. Sie wird sagen: »Ich bin stolz auf China.« Doch so weit ist sie jetzt noch nicht. Sie weint die ganze Nacht um die Erdbebenopfer.

Die Studenten früherer Generationen hatten ganz andere Leidensgeschichten. Sie weinten um die vielen Opfer der Kulturrevolution. Sie weinten nach der blutigen Niederschlagung der Studentenbewegung von 1989. Die Studenten heute wissen nichts mehr vom kollektiven, politisch bedingten Leid. Für sie gab es bisher nur Wirtschaftswachstum ohne Pause. Auch deshalb ist das Erdbeben für Lui und Zhao eine neue, erschütternde Erfahrung. Aber ihre Antworten darauf fallen differenziert aus: Lui wird für ihre Verwandten aktiv, Zhao verarbeitet das Ereignis geistig. Keine von beiden beansprucht, recht zu haben.

Noch 1989 war das anders. Stets gab es eine politische Linie, die jeder zu befolgen hatte. Heute glaubt Zhao, auch die obersten Parteiführer seien nur Lernende. »Die chinesischen Führer lernen gerade, ihr Mitgefühl mit den normalen Leuten zum Ausdruck zu bringen«, sagt sie zu den Besuchen von KP-Chef Hu Jintao und Premierminister Wen Jiabao im Erdbebengebiet.

Lou Huanqing – 19 Jahre, breite Schultern, struppige kurze Haare – konnte am Tag nach dem Erdbeben nicht zu Mittag essen, weil eine Kommilitonin gerade vom Tod ihres Vaters erfahren hatte. Sonst zählt Lou, Sohn arbeitsloser Fabrikarbeiter aus der Ostprovinz Shandong, zum Typ des unverwüstlichen Chinesen: immer auf Achse, nie um eine Antwort verlegen. »Man hilft, rettet, hält zusammen, wärmt einander – es ist etwas sehr Humanistisches dabei«, kommentiert Lou, der im zweiten Semester Computerwissenschaften studiert, das Erdbeben.

Er hat sich an diesem Morgen ein schwarzes T-Shirt mit dem bunten Google-Logo übergestreift und sitzt mit seinem Laptop hinter einem Klapptisch auf dem Dreiecksplatz der Peking-Universität. An den grauen Ziegelsteinmauern hinter seinem Tischchen hingen vor 19 Jahren die politischen Wandzeitungen der rebellierenden Studenten. Der Dreiecksplatz war das geistige Zentrum der Revolte, hier stritten die Studentenführer in offener Runde über die Strategie der Bewegung.

Sie repräsentierten eine Ausnahmegeneration, die aufgrund der Schließung aller Schulen und Universitäten während der Kulturrevolution nicht das rigide chinesische Erziehungssystem durchlaufen hatte. Die Kulturrevolution hatte ihnen paradoxerweise ein ganz unchinesisches Freiheitsempfinden eingeimpft. Sie kamen in den achtziger Jahren an die gerade wiedereröffneten Universitäten, lasen Jean-Paul Sartre in Erstübersetzung und sangen den existenzialistischen Protestsong von Cui Jian: »Wir haben nichts.« Das bedeutete nach damals 40 Jahren Volksrepublik: Nichts war erreicht, und nichts war zu verlieren.

Tatsächlich hatte die marktliberale Reformpolitik bis dahin nur auf dem Land stattgefunden und die Großstädte nicht erreicht. Also inszenierten die 1989er ihren Protest als Revolte gegen das System. Doch sie blieben an den Universitäten unter sich, eine kleine Elite. Sie waren am Ende ein leichtes Opfer des Sicherheitsapparats. Der ließ seit 1989 auf dem Dreiecksplatz der Peking-Universität alle studentischen Aktivitäten verbieten. Bis zu diesem Tag.

»Dieser Platz ist ein Symbol der Freiheit«, sagt Lou, »heute kann hier wieder jeder alles machen.« Zum ersten Mal dürfen sich die freien Studentenclubs der Universität dort öffentlich präsentieren. Kein Professor, kein Sicherheitspersonal ist zu sehen. Die Sonne scheint, die Akazien blühen, der Platz ist voller Studenten. Wie im Mai 1989.

Lou wirbt für den Google-Computerclub. Er verteilt Werbegeschenke, Schlüsselanhänger und T-Shirts, die die US-Firma seinem Club kostenlos zur Verfügung stellt. Lou wirkt seriös. Aber er kann auch subversiv. Er demonstriert, wie man im Internet unerkannt auf KP-kritische Websites gelangt – mit dem deutschen Datenschutzdienst Anonymouse.

Lou schwärmt von Anonymouse: Es sei der beste webbasierte Datenschutzdienst, um die Internetzensur in China zu unterlaufen. Mit seiner Hilfe könne man ungehindert alle internationalen Webadressen erreichen. Genau so wollen es die deutschen Datenschützer. »Anonymouse schützt Bürgerrechte international, gerade in totalitären Ländern«, schreiben sie auf ihrer Website.

Lou ist kein Oppositioneller. »Wenn ich mir vorstelle, dass eine Milliarde Chinesen ihren Präsidenten wählen«, sagt er, »kann das nur im Terror enden.« Aber Meinungsfreiheit müsse es schon geben. »Wer von etwas überzeugt ist, will es auch mitteilen und veröffentlichen.«

Bauern mögen Mao noch verehren, nicht ein Jungkommunist wie Zhu

Lou will in die freie Wirtschaft gehen. Der Kommunismus habe sich als Fehler erwiesen, gegen den Kapitalismus hege er keine Bedenken. Er habe bereits in seinen ersten Monaten an der Uni ein kleines Geschäft aufgebaut, er verkaufe Computer an Studenten und richte sie ihnen ein – mit Anti-Zensur-Software.

Doch er ist keiner, der nur materiellen Erfolg will. Damit unterscheidet er sich von denen, die Ende der neunziger Jahre an die Universitäten kamen. Damals wurde das Hochschulwesen in China erstmals im großen Maßstab ausgebaut. In den folgenden Jahren verdreifachten sich die Studentenzahlen. Viele kamen wie Lou aus armen Verhältnissen und wollten ihnen um jeden Preis entrinnen. Ein Studienplatz im Ausland oder ein Job bei einer ausländischen Firma in China – dafür opferte die erste studentische Aufsteigergeneration alles andere.

Lou ist anders. Er liest jeden Tag die New York Times im Internet, er will nicht nur einseitig durch die staatlich kontrollierten chinesischen Medien informiert werden. Er engagiert sich im Computerclub. Und er sucht fieberhaft nach seiner ersten Liebe. »Manchmal fühle ich mich einsam und wünsche mir eine Freundin«, sagt er, »eine Frau, mit der ich weit komme.« Das muss kein Traum bleiben. Lou ist der Typ, der im heutigen China weit kommen wird.

Zhu Xiaoyu – 21 Jahre, Brille, rundlich – will in die Politik gehen. Er ist der Sohn eines höheren Beamten in der Disziplinarkommission der Partei, studiert Internationale Beziehungen im dritten Jahr und ist stolzes Mitglied der KP. Er mimte in einem Rollenspiel den UN-Generalsekretär, als kürzlich an der Peking-Universität ein offizielles Seminar der Vereinten Nationen stattfand. »Wir Studenten von der Peking-Universität«, sagt er, »waren immer die ersten, die dem Land den Weg zu Veränderungen gewiesen haben.« Er klingt, als sei er schon Politiker.

Und doch gibt es Nächte, in denen Zhu die Politik vergisst. Es ist der 26. Juni, kurz vor fünf Uhr morgens in Peking. Zhu trägt das Trikot der deutschen Fußballnationalmannschaft. Er schreit: »Lamu!«, springt von seinem Korbstuhl im Pekinger Nachtclub KTV 17 Miles auf, greift zur halb leeren Bierflasche der Marke Ice und klammert sich daran fest.

Im fernen Wien, im Halbfinale der Europameisterschaft, steht es zwischen Deutschland und der Türkei 2:2. Es ist die 90. Spielminute. Der deutsche Verteidiger Philipp Lahm rennt mit dem Ball in Richtung Tor. Das ist der Moment, in dem Zhu unter gut hundert Studenten, die das Spiel vor der Videowand in Peking verfolgen, als Einziger aufspringt. Wieder schreit er: »Lamu!« So spricht er den Namen seines Idols aus. Und »Lamu« schießt tatsächlich das 3:2 für Deutschland. Zhu fliegt seinen Kommilitonen um den Hals. »Wir haben es geschafft!«, singt er und tanzt im Kreis. Viele jubeln jetzt mit ihm. Keine andere Mannschaft ist bei den Pekinger Studenten so beliebt wie die deutsche.

Zhu bringt einen Toast aus auf die Deutschen, hebt zu einer kleinen Rede an: »Die Deutschen sind immer die Mannschaft mit dem stärksten Willen, die bis zur letzten Minute kämpft, die nie aufgibt. Im Krieg gegen die japanische Besatzungsmacht brauchten wir genau die gleiche Einstellung.«

Das Spiel ist aus, Zhu ist wieder bei der Politik angelangt. Ausgerechnet in der mondänen Kulisse des Karaoke-Nachtclubs erinnert er an die Zwanzigjährigen, die für Maos Bauernrevolution in den vierziger Jahren des 20. Jahrhunderts in den Guerillakrieg zogen. Sie sind längst vergessen und tauchen nur noch in historischen Propagandafilmen auf. Sie waren eine Opfergeneration. Außer Mao und seiner Bewegung hatten sie nichts. Mao war für sie der Kämpfer gegen die japanischen Faschisten, der Theoretiker der Bauernrevolution und der Verfechter der Emanzipation – »die Hälfte des Himmels gehört den Frauen«, formulierte er poetisch.

Die heutigen Studenten sind von Mao abgerückt. Bauern und Taxifahrer mögen ihn noch verehren, nicht ein Jungkommunist wie Zhu. Er sagt, alles, was die Partei heute richtig mache, habe sie aus den Fehlern Maos gelernt.

Zhu ist nicht Mao-, sondern Fußballfan und Anhänger der deutschen Nationalmannschaft sowie des FC Bayern München. Er kennt die kompletten Aufstellungen beider Mannschaften aus den vergangenen Jahren auswendig. Als Junge war er Torwart, seither liebt er Oliver Kahn. Er zeigt sein erstes lila-rotes Bayern-Trikot von 1996; Klinsmann spielte noch in so einem. Auf dem Hochbett seines Wohnheimzimmers, das er mit drei Kommilitonen teilt, breitet er ein ganzes Sortiment teils selbst gemachter Bayern-Fanartikel aus. Aber wenn man ihn am Tag nach dem Wiener Halbfinale fragt, was ihm lieber wäre: der deutsche Finalgewinn bei der EM oder auch noch die letzte chinesische Olympia-Goldmedaille im Tischtennis, antwortet er ohne Zögern: die Medaille im Tischtennis. Da gehe es schließlich um die Nation.

Er nimmt die Frage sehr ernst. Hier zeige sich der Unterschied zwischen einem Chinesen und einem Europäer, sagt er. Als Chinese wisse man um die unbewältigten historischen Probleme mit den Nachbarländern, eine asiatische Vereinigung nach europäischem Modell sei unvorstellbar. Als Chinese könne man sich daher nur auf die eigene Nation verlassen. »Aber wenn der chinesische Tischtennisspieler wegen seines Heimvorteils bei Olympia vom Schiedsrichter bevorzugt würde, dann würde ich mir wünschen, dass er verliert«, fügt Zhu hinzu.

»China ist reif für Meinungsfreiheit, aber noch nicht für Wahlen«

Ein merkwürdiger Satz. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat einmal in Washington gesagt, China halte sich an keine Regel. Zhu ist für solche Kritik sehr empfänglich. Sein China soll sich benehmen können.

Zhu sagt von sich, er sei Patriot und Demokrat. Von seiner Parteimitgliedschaft redet er wenig. »Die da oben haben eine andere Logik als wir«, grenzt er sich ab. Demokratie sei für ihn ein universaler Wert. Aber der Westen dürfe China die Demokratie nicht mit Gewalt aufzwingen. China brauche Demokratie und könnte längst demokratischer sein, als es heute der Fall sei, so weit sei die Kritik des Westens berechtigt. Aber China müsse seine eigenen demokratischen Strukturen entwickeln, und zwar so, dass dabei die friedliche wirtschaftliche Entwicklung nicht zerstört werde. »China ist reif für Meinungs- und Pressefreiheit, für die Trennung von Partei- und Regierungsstrukturen«, sagt Zhu, »aber noch nicht für Wahlen und demokratische Machtwechsel.«

Die Studenten von 1989 hätten den Fehler gemacht, zu schnell die Systemfrage zu stellen. Richtig machten es dagegen die Bürger der Küstenmetropole Xiamen, die im vorigen Jahr erfolgreich gegen den Bau einer Chemiefabrik in ihrer Stadt demonstriert hätten. Sie hätten ihre Proteste »Spaziergänge« genannt und auf politische Provokationen bewusst verzichtet. »In Xiamen gelang es den Bürgern zum ersten Mal, mit kreativen Aktionen der Regierung ihren Willen aufzuzwingen«, sagt Zhu. »Das war ein wichtiger Schritt für Chinas demokratische Entwicklung.«

Zhu ist populär an der Uni, sonst hätten ihn Professoren und Studenten beim UN-Seminar nicht zum Generalsekretär gemacht. Er argumentiert. Er redet andere nicht in Grund und Boden, wie es die Studentenführer bis einschließlich 1989 immer zu tun pflegten. Er verkörpert eine neue Parteikultur, auch weil er fast immer Fußballhemden trägt und deshalb alle wissen, dass er sich nicht nur für Politik interessiert. Er zählt zur ersten Studentengeneration, die sich in China auf den Weg durch die kommunistischen Institutionen machen wird, um mehr Demokratie zu wagen.

Doch neben der Mehrheit der Studenten, die bei aller Hoffnung auf Veränderungen irgendwie mitmacht, gibt es auch eine Minderheit, die radikal ausschert. Das ist der Unterschied zu früher, als es eine klare politische Botschaft gab, hinter die sich alle scharten. Heute sind die Forderungen breiter, diffuser, und die Radikalen sind Außenseiter. Einflussreiche Außenseiter, ähnlich wie einst die K-Gruppen unter den 68ern in Deutschland. Sie nennen sich »wütende Jugend«, sie sind mit ihren Kommentaren im Internet stets am schnellsten, sie beleben mit ihren Ausbrüchen die viel gelesenen Internetforen, sie erwecken durch ihre Omnipräsenz im Netz manchmal den Eindruck, ganz China denke nationalistisch.

Doch fragt man nach ihnen an den Universitäten, sind sie schwer zu finden. Alle lesen sie, aber niemand kennt einen wütenden Jugendlichen. Sie sind oft Einzelgänger und bilden nur virtuell eine politische Bewegung. An der Peking-Universität aber haben sie ein kleines Forum: den studentischen Militärclub.

Vor der Sommerpause trifft sich der Club ein letztes Mal auf der grünen Wiese im Park der Universität – auf Bitte der ZEIT . Acht junge Männer aus acht Studiengängen und acht Provinzen. Neben ihnen spielen Studenten Volleyball, Pärchen nehmen ein Sonnenbad. Die acht suchen einen Platz im Schatten blühender Bäume. An anderen Tagen besuchen sie gemeinsam Marinehäfen und Militärmuseen, diskutieren über Kriegsgeschichte und zuletzt über das nordkoreanische Atomwaffenprogramm. Sie wissen jetzt genau, was sie dem deutschen Reporter sagen wollen.

»Die Älteren behaupten, alles im Westen sei gut. Wir sehen das anders, sehen China objektiver, wir leiden nicht mehr an einem Minderwertigkeitskomplex. Wenn wir sehen, dass im Westen gegen China demonstriert wird, dass der Westen sich uns überlegen fühlt, gehen wir dagegen vor.« Li Yuqiao hat das Wort ergriffen, ein 27-jähriger Doktorand der Finanzwirtschaft. Er spricht vom Carrefour-Boykott, als die wütenden Jugendlichen nach der Störung des olympischen Fackellaufs in Paris dazu aufriefen, die in China weit verbreitete französische Supermarktkette zu boykottieren. »Es war eine total spontane Boykottaktion, die sich über Chats und E-Mails verbreitete«, sagt Li. Was er nicht sagt: dass der Protest schnell verebbte und nur hundert Studenten anzog.

Die Clubmitglieder sind alle keine KP-Mitglieder. »Niemals«, sagen sie. Man müsse nicht zuerst der KP beitreten, um etwas fürs Vaterland zu tun. Aber sie sind geschulte Debattierer. Kein Argument wird wiederholt, kein Vorwurf ausgelassen. Die USA umzingelten China mit ihren Militärbasen, China sei dagegen machtlos. Doch militärische Stärke sei nicht allein ausschlaggebend. »Wer den Krieg am Ende gewinnt, entscheidet sich oft durch andere Dinge.« Schon Konfuzius habe gesagt, wenn ein Land keine starken Feinde habe und nicht gut regiert werde, sei es zum Ruin verdammt. Doch China sei politisch stabil und messe sich an den USA. Folglich sei die strategische Lage nicht schlecht. Auch zeige die Dämonisierung Chinas nur, dass der Westen Angst habe.

Und Tibet? »In Tibet machen die Amerikaner Realpolitik. Sie reden über die tibetische Unabhängigkeit, um China anzugreifen – aus keinem anderen Grund«, sagt der Chemiedoktorand Zhang Yongyi, 26 Jahre, im weißen T-Shirt mit »I love China«- Logo. Die Menschenrechtskritik des Westens sei eine andere Art der Invasion. Niemand könne von einem Entwicklungsland wie China die gleichen Menschenrechtsstandards wie in den reichen Ländern verlangen. Nur ein toter Indianer sei ein guter Indianer, hätten die Amerikaner bei ihrer Landnahme gesagt. Dagegen gehe China in Tibet heute human vor. China modernisiere Tibet, wie der Westen bei der Kolonisierung China modernisiert habe. Was gebe es daran von westlicher Seite auszusetzen?

Am Abend geht der Club in ein kantonesisches Restaurant. Der Alkohol fließt, der Ton wird emotionaler und aggressiver. »Bisher haben wir nur Japaner und Amerikaner gehasst, aber die Deutschen verehrt. Schade, dass das jetzt vorbei ist«, sagt ein junger Student, als über den Empfang des Dalai Lama bei Bundeskanzlerin Angela Merkel gesprochen wird. Später nehmen die Studenten die inneren Feinde ins Visier. Die Olympischen Spiele böten ihnen eine Chance, sich zu zeigen. Man erwarte Attentate und Proteste von tibetischen und uigurischen Separatisten und Mitgliedern der Falun-Gong-Sekte. »Sie können sich zeigen, um dann ausgerottet zu werden«, hetzt der Student und zeigt ein anderes, hässliches Gesicht der Olympia-Generation 2008.

Doch man muss davor nicht erschrecken. China hat seine erste pluralistisch funktionierende Jugend. Für Ying Jieru sind die wütenden Jugendlichen alle Spinner. Ying, im schulterfreien kurzen Kleid mit weißen Pünktchen, ist der Star der diesjährigen Graduiertenfeier an der Peking-Universität. In der »Jahrhundertaula« steht sie am 28. Juni auf der Bühne, 2000 Studenten schreien und weinen. Ying singt mit Sopranstimme: »Das Leben, das wir kannten, musste sich ändern. Nichts konnte uns aufhalten. Erinnerst du dich an die schönen Tage?« Ein bekannter taiwanesischer Schlager mit der gleichen Wirkung, wie sie die Folkmusik der frühen sechziger Jahre im Westen hatte. Ying feuert zum Mitsingen an, schwingt Beine und Hüften. Sie klettert von der Bühne, fällt ihrem Freund um den Hals, umarmt ihn lange. Wie sie sich fühle? »Feierlich, sentimental, stolz, nachdenklich«, haucht Ying, 22 Jahre.

Sie hat an der berühmten Business School der Peking-Universität graduiert, der Hochburg der chinesischen Lehre vom freien Markt. Ihre Anstellung in Shanghai bei der Hongkong and Shanghai Banking Corporation (HSBC), dem bilanzstärksten Unternehmen der Welt, hat sie bereits sicher. Sie sagt: »Wir waren 30 Frauen und acht Männer in unserem Kurs. Die Männer vertrödeln ihre Zeit mit Computerspielen. Wir Frauen kommen weiter.«

Nach der Abschlussfeier hat sie ein paar Tage frei, bevor ihre Arbeit in Shanghai beginnt, und geht mit ihrem Freund ins Kino. Trägt Rock, Pullover und Schuhe mit rosa Schleife, kauft Nivea-Creme und neue Unterwäsche im riesigen neuen Einkaufszentrum Oriental Plaza am Tiananmen-Platz. Das Kino liegt neben westlichen Designerläden im Erdgeschoss. Sie und ihr Freund wählen den US-Blockbuster Ironman. »Ein lächerlicher Film«, sagt Ying hinterher beim Eis bei McDonald’s. »Aber was ich brauche, muss nicht gut sein. Ich muss mich dabei entspannen können. Ich lebe sonst nur unter Druck.«

Vor zwei Jahren hat sie den Yogaclub der Peking-Universität gegründet. Sie hat sich nebenbei mit indischer Kultur beschäftigt. Über den Dalai Lama sagt sie: »Es war für mich eine große Überraschung, von seinem Einfluss im Westen zu erfahren. Wir Chinesen kennen ihn nicht mehr und können uns gar kein Urteil über ihn bilden.«

Sie glaubt, dass die Gewalt in Tibet vermieden worden wäre, wenn von dort genügend Reporter berichtet hätten. Stattdessen habe man den ganzen Unsinn im Internet lesen müssen, die wüsten Beschuldigungen der Parteikader und extremistischen Studenten. Besser sei es jetzt, sich privat Gedanken zu machen. Den Vorwurf des Dalai Lama, die Chinesen begingen in Tibet einen kulturellen Völkermord, hält Ying für übertrieben. »Der Dalai Lama soll sich Peking anschauen: Die Zerstörungen hier sind doch viel schlimmer als in Lhasa.«

Sie macht sich Sorgen um Olympia. Der Streit zwischen China und dem Westen, der mit den Unruhen in Tibet begonnen habe, könne weitergehen. Die Chinesen seien so starrsinnig: Sie wollten jetzt unbedingt den Erfolg der Spiele, weil sie nicht im Traum damit gerechnet hätten, dass so viele im Westen gegen sie sein würden. »Olympia ist ein Traum für uns. Wenn du den Traum verletzt, verletzt du in China viele Menschen«, sagt Ying. Nun befänden sich China und der Westen in einer Situation, in der beide Verlierer seien. »Wir hören die freundlichen Stimmen aus dem Westen nicht mehr, und umgekehrt ist es genauso.«

Sie und ihr Freund reden bis tief in die Nacht hinein. Sie bestellen Orangensaft und Tee. McDonald’s hat 24 Stunden geöffnet. Irgendwann sind sie die einzigen Gäste. Sie diskutieren über die Studentenbewegung von 1989. »Unmöglich, dass sich so etwas wiederholt«, sagt Ying. »Na klar, weil du heute einen Freund und das Internet hast«, antwortet ihr Partner.

Die sexuelle Freiheit und die unkontrollierbare Netzöffentlichkeit – sind das die Waffen der Generation 2008? Jedenfalls treten Chinas Studenten heute selbstbewusst auf. Sie beten keine Parteisprache nach. Sie erheben keinen Wahrheitsanspruch. Sie reden nur für sich. Sie zeigen Gefühle. Sie stellen das Private über das Politische, sind aber nicht unpolitisch. Sie diskutieren gern mit Westlern. Sie sind die Ersten, denen Politik und Armut nicht den Weg verstellen, die etwas mehr Luft zum Leben haben.

Zhao Yan ist ein stiller Typ. Sie sucht ihren eigenen Weg. An diesem Samstagmorgen trägt sie Jackett und Jeans, dazu rot-weiße Basketballturnschuhe. Sie ist mit Bus und Bahn durch Peking gefahren, um an einer Veranstaltung des Studentenclubs ihrer ehemaligen Universität teilzunehmen. Dort war sie die beste Englisch-Absolventin. Sie betritt den Hörsaal, wird begrüßt und umringt. Doch die Veranstaltung des Studentenclubs langweilt sie. Es geht offizieller zu, als sie dachte. Als der Universitätspräsident zu einer typischen Propagandarede anhebt, verlässt sie fluchtartig den Saal.

Zhao verehrt Konfuzius, er habe ihre Familienwerte geprägt, sagt sie

Sie geht durch den Uni-Park, zeigt auf das schäbige Holzfenster ihrer alten Studentenwohnung, entdeckt ein Café, das es früher noch nicht gab, und bestellt einen Latte macchiato. Er kostet hier nur zehn Yuan, umgerechnet einen Euro. Das Café hat nur vier Stühle.

Sie habe in letzter Zeit viel über die Vergangenheit nachgedacht, sagt Zhao. Und sie habe ihre Großmutter befragt, die sei Arbeiterin in einer Fabrik gewesen, doch sie habe nur Schweigen geerntet. Jetzt lese sie Autobiografien von Verfolgten der Kulturrevolution. »Das hat für mich viel mit Selbsterkenntnis zu tun.« Sie glaube inzwischen, dass die Kulturrevolution eine politisch manipulierte Bewegung gewesen sei, im Gegensatz zur 4.-Mai-Bewegung von 1919. Mit der 89er Revolte habe sie sich noch nicht befasst, das komme noch.

Sie sagt, das Jahr 2008 habe ihr schon viel abverlangt. Die Unruhen in Tibet, das Erdbeben, der Streit um den Fackellauf und die Spiele – das alles einzuordnen sei nicht einfach.

»Ich bin stolz auf China«, sagt Zhao, »aber ich habe auch großen Respekt vor der westlichen Zivilisation.« Die industrielle Revolution, die westliche Philosophie, das ökologische Denken, die Menschenrechte – das alles seien Konzepte, die auch für China bedeutend seien. Als Chinesin aber blicke sie auf 5000 Jahre Geschichte zurück. Sie verehre Konfuzius, der ihre Familienwerte geprägt und sie den Respekt vor der Weisheit gelehrt habe, nicht etwa vor der staatlichen Autorität, wie es im Westen oft missverstanden werde. Sie sei überzeugt, dass sich die guten westlichen und die chinesischen Werte nicht widersprächen und dass es die Aufgabe ihrer Generation sei, sie zu versöhnen.

Aber eines aus den Gesprächen wolle sie noch korrigieren. »Vorehelicher Sex ist für mich doch noch eine sehr ernsthafte und schwierige Entscheidung«, sagt Zhao. Da ergehe es ihr anders als ihrer Zimmerkollegin Liu Cui.

 
Leser-Kommentare
  1. Lieber Autor, es ist schön, dass Sie die Zeit genommen haben, ünber die chinesische Kultur und übder das Leben der chinesischen Studenten geschrieben haben. Über den Inhalt Ihres Reportes möchte ich hier nicht kommentieren, da es Ihr Recht und Freiheit ist, Ihre politische Meinung ohne Bedenken zu äußern.
    Stellen Sie sich aber vor, was Sie sagen würde, wenn ich  einen Report über das Leben der deutschen Studenten zusammenfassen mit dem Titel: "Hitles pragmatische Enkel".  Würden Sie noch wie bei Ihrer Kommentar so ruhig bleiben? Ich glaube nicht. Aber warun nicht?
     

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    Wie, Sharepoint? Sie und die junge Generation stehen nicht mehr zu Mao? Und vergleichen ihn gar mit Hitler? Wie kann es da sein, dass seine überlebensgroße Ikone immer noch am Tor des Himmlischen Friedens hängt?
    Lassen Sie mich raten: Weil sich niemand traut, die erste Hand zum Abhängen des Bildes auszustrecken, nicht?
    Am Brandenburger Tor hängt übrigens kein Hitler-Bild. Nicht mal die Quadriga oben drauf lenkt er!

    Wie, Sharepoint? Sie und die junge Generation stehen nicht mehr zu Mao? Und vergleichen ihn gar mit Hitler? Wie kann es da sein, dass seine überlebensgroße Ikone immer noch am Tor des Himmlischen Friedens hängt?
    Lassen Sie mich raten: Weil sich niemand traut, die erste Hand zum Abhängen des Bildes auszustrecken, nicht?
    Am Brandenburger Tor hängt übrigens kein Hitler-Bild. Nicht mal die Quadriga oben drauf lenkt er!

  2. Der Kritiker  (Shareoint) wolte provozieren oder hat die Aussagen nicht verstanden Gerade in der Gegenwart, wo tägliche Beschimpfungen und Beleidigungen über China in den Medien präsent sind, ist es wohltuend, von kompetenten junge Chinesen deren Ansichten, Sorgen und Nöte zu erfahren.Wer voreingenommen, mit dem Blickwinkel eines Beherrschers der Demokratie oder arroganter Politiker wie MERKEL über China urteilt, wird an diesen Wahrheiten wenig Gefallen finden. Warum werden dem chinesischen Volk ihre Erfolge klein geredet und immer auf  fehlenden Menschenrechte verwiesen, wo doch auch in Deutschland die Demokratie nicht fehlerfrei gestaltet ist.Deutsche Überheblichkeit besteht darin, anderen (hier China) vorzuschreiben, wie die Demokratie zu gestalten ist.  Der arrogante Bush hat die Bezeichnung "Schurkenstaaten" benutzt und übersehen, wie in seinem Land Menschenrechte (siehe Guantanamo) verletzt werden. Wer in der Welt den Frieden will, darf nicht als Weltgendarm auftreten und ständig Noten über andere Länder verteilen.

    • Anonym
    • 11.08.2008 um 13:39 Uhr

    Ihr Report müßte dann eher 'Hitlers pragmatische Ururenkel' heißen. Sofern Sie das Bedürfnis verspüren - schreiben Sie ihn - ich glaube kaum, daß es darauf so abblockende Reaktionen gäbe wie auf jede Frage nach der jüngeren Geschichte Chinas und der Person Maos. Der Grund hierfür liegt in einer sehr kritischen Reflektion der jüngeren deutschen Geschichte, die hier jeder mindestens einmal in der Schule behandelt hat und auch in dem radikalen Bruch des Systems nach Beendigung des 2.Weltkriegs. Ich halte den offenen Umgang mit den grauenvollen Auswüchsen des 3.Reichs für absolut richtig und für mich persönlich für unabdingbar. Verbrechen wie der Holocaust darf es nie mehr geben und n.m.M. ist nur die Aufklärung über die Mechanismen von Faschismus, Nationalismus und Hurrapatriotismus, über die katastrophale  Unterdrückung Andersdenkender, Andersaussehender, Andersreligiöser geeignet, um eine Wiederholung zu verhindern. Wie Sie alle paar Tage den Medien entnehmen können, gibt es hier nach wie vor zu tun - die breite Mehrheit aber hat die Lektion gelernt.Soweit ich das richtig verstanden habe, konnte sich die KPCH nicht in so grundlegender Weise von Mao distanzieren, da sie andernfalls ihre eigene Existenz in Frage stellen würde. Welcher Weg zur Bewältigung der Vergangenheit der bessere ist, wird wohl auch erst künftige Geschichtsschreibung feststellen können. Vielleicht führt ja auch eine langsame Distanzierung und Veränderung zu langfristig ähnlichem Ergebnis - ich weiß das nicht.Mich würde sehr interessieren, was Sie inhaltlich von den Darstellungen von Georg Blume halten. Ich habe mich über das Dossier sehr gefreut, da ich darin meine Vermutung bestätigt sehe, daß es in China weit pluralistischer zugeht, als mancher hier sehen möchte.

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    Ich kann Ihnen meiner Lebenserfahrung gemäß bestätigen, dass China, die jüngere chinesische Generation, bereist aus dem Schatten der Kulturrevolution und aus dem Schatten der Vergagebheit rausgegagen ist.  China ändert sich jederzeit, zum Gunsten der chinesischen Bevölkerung. Das China ist nicht mehr das China vor 10 Jahren. Leider muss ich auch festellen, dass im chinesischen Schatten das Deutschland fest geblieben ist, mit eigener Aroganz und mit eigenem "Betonkopf" (das Wort habe ich von Ihnen geliehen).  Wann kann das Deutschland sich an die Änderung der Welt anpassen?

    Sehr geehrte Anke, vielen Dank für Ihren sehr lesenswerten Kommentar zum interessanten Artikel. Erlauben Sie mir dennoch einen - zusätzlichen - Einwurf zu Ihren Kommentar. Die von Ihnen dargestellte Auseinandersetzung mit dem faschistischen Regime und dem Verhalten der Deutschen nach WW II hat nicht so unmittelbar begonnen, wie Sie das suggerieren. Die ersten Jahre nach WW II waren davon geprägt, dass die Allierten Druck zur Entnazifizierung ausgeübt haben. Ich habe kürzlich eine interessante relativ frische Dissertation an einer deutschen Universität über die "Entwicklung der diplomatischen Beziehungen Deutschlands zu Spanien bis 1953" (?) gelesen. Da kann man unter anderem lesen, dass von den damaligen deutschen Aussenpolitikern trotz der Einwände der Alliierten großer Wert auf die Aufnahme von Beziehungen zur faschistischen Franco Diktatur gelegt wurde. Man ging davon aus, dass (Franco)-Spanien ja Deutschland nach wie vor sich verbunden fühlen müsse, schon "wegen der Unterstützung durch die Legion Condor". Das ist nur ein Ansatz, der mir persönlich zu denken gibt. Leider kann ich Ihnen kein exaktes Titel der Dissertation geben, ich habe sie in einer "unbedeutenden" kleinen Unibücherei weit ab von Ihrem Umfeld gefunden, ich denke, falls Sie Interesse haben, finden Sie das Titel über die Suchmaschine Ihrer Uni (vorausgesetzt, es wird dort Geschichte oder Politikwissenschaft gelehrt) oder unbedingt bei der deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt. Ich will damit sagen, man sollte den chinesischen "jungen" Intellektuellen Zeit lassen sich mit ihrer eigenen Geschichte auseinanderzusetzen. Die deutschen Studenten haben ja auch erst 1968, 23 Jahre nach WW II damit angefangen.
    Mit freundlichem Gruß
    Jesús

    Sie sind eine der wenigen Deutschen, die in Zeitforen über China ausgewogener, neutraler und nachdenklicher kommentieren.
    In Ihrem Kommentar sollte eigetnlich "Hitler´s Urenkel" heissen. So lange war es auch wieder nicht.
    Ich bin nicht sehr von Ihrer folgenden Behauptung überzeugt,  "ich glaube kaum, daß es darauf so abblockende Reaktionen gäbe". Neulich habe ich im Zeitforum einen als "einen der H´s Enkel" bezeichnet, weil ich einfach sauer darauf war, dass er dauernd die chinesischen Forumkommentatoren treue KP-Angehoerige oder ähnlichs nannt. Meine Verspottung wurde sofort von unser lieben ZEIT-Redaktion entfernt. Naja, egal.
    Mit Ihrer These, "da ich darin meine Vermutung bestätigt sehe, daß es in China weit pluralistischer zugeht, als mancher hier sehen möchte.", stimme ich absolut überein, weil ich eine ähnliche Beobachtung in China gemacht habe.

    Ich kann Ihnen meiner Lebenserfahrung gemäß bestätigen, dass China, die jüngere chinesische Generation, bereist aus dem Schatten der Kulturrevolution und aus dem Schatten der Vergagebheit rausgegagen ist.  China ändert sich jederzeit, zum Gunsten der chinesischen Bevölkerung. Das China ist nicht mehr das China vor 10 Jahren. Leider muss ich auch festellen, dass im chinesischen Schatten das Deutschland fest geblieben ist, mit eigener Aroganz und mit eigenem "Betonkopf" (das Wort habe ich von Ihnen geliehen).  Wann kann das Deutschland sich an die Änderung der Welt anpassen?

    Sehr geehrte Anke, vielen Dank für Ihren sehr lesenswerten Kommentar zum interessanten Artikel. Erlauben Sie mir dennoch einen - zusätzlichen - Einwurf zu Ihren Kommentar. Die von Ihnen dargestellte Auseinandersetzung mit dem faschistischen Regime und dem Verhalten der Deutschen nach WW II hat nicht so unmittelbar begonnen, wie Sie das suggerieren. Die ersten Jahre nach WW II waren davon geprägt, dass die Allierten Druck zur Entnazifizierung ausgeübt haben. Ich habe kürzlich eine interessante relativ frische Dissertation an einer deutschen Universität über die "Entwicklung der diplomatischen Beziehungen Deutschlands zu Spanien bis 1953" (?) gelesen. Da kann man unter anderem lesen, dass von den damaligen deutschen Aussenpolitikern trotz der Einwände der Alliierten großer Wert auf die Aufnahme von Beziehungen zur faschistischen Franco Diktatur gelegt wurde. Man ging davon aus, dass (Franco)-Spanien ja Deutschland nach wie vor sich verbunden fühlen müsse, schon "wegen der Unterstützung durch die Legion Condor". Das ist nur ein Ansatz, der mir persönlich zu denken gibt. Leider kann ich Ihnen kein exaktes Titel der Dissertation geben, ich habe sie in einer "unbedeutenden" kleinen Unibücherei weit ab von Ihrem Umfeld gefunden, ich denke, falls Sie Interesse haben, finden Sie das Titel über die Suchmaschine Ihrer Uni (vorausgesetzt, es wird dort Geschichte oder Politikwissenschaft gelehrt) oder unbedingt bei der deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt. Ich will damit sagen, man sollte den chinesischen "jungen" Intellektuellen Zeit lassen sich mit ihrer eigenen Geschichte auseinanderzusetzen. Die deutschen Studenten haben ja auch erst 1968, 23 Jahre nach WW II damit angefangen.
    Mit freundlichem Gruß
    Jesús

    Sie sind eine der wenigen Deutschen, die in Zeitforen über China ausgewogener, neutraler und nachdenklicher kommentieren.
    In Ihrem Kommentar sollte eigetnlich "Hitler´s Urenkel" heissen. So lange war es auch wieder nicht.
    Ich bin nicht sehr von Ihrer folgenden Behauptung überzeugt,  "ich glaube kaum, daß es darauf so abblockende Reaktionen gäbe". Neulich habe ich im Zeitforum einen als "einen der H´s Enkel" bezeichnet, weil ich einfach sauer darauf war, dass er dauernd die chinesischen Forumkommentatoren treue KP-Angehoerige oder ähnlichs nannt. Meine Verspottung wurde sofort von unser lieben ZEIT-Redaktion entfernt. Naja, egal.
    Mit Ihrer These, "da ich darin meine Vermutung bestätigt sehe, daß es in China weit pluralistischer zugeht, als mancher hier sehen möchte.", stimme ich absolut überein, weil ich eine ähnliche Beobachtung in China gemacht habe.

  3. Ich kann Ihnen meiner Lebenserfahrung gemäß bestätigen, dass China, die jüngere chinesische Generation, bereist aus dem Schatten der Kulturrevolution und aus dem Schatten der Vergagebheit rausgegagen ist.  China ändert sich jederzeit, zum Gunsten der chinesischen Bevölkerung. Das China ist nicht mehr das China vor 10 Jahren. Leider muss ich auch festellen, dass im chinesischen Schatten das Deutschland fest geblieben ist, mit eigener Aroganz und mit eigenem "Betonkopf" (das Wort habe ich von Ihnen geliehen).  Wann kann das Deutschland sich an die Änderung der Welt anpassen?

    Antwort auf "Verehrter Sharepoint,"
  4. Sehr geehrte Anke, vielen Dank für Ihren sehr lesenswerten Kommentar zum interessanten Artikel. Erlauben Sie mir dennoch einen - zusätzlichen - Einwurf zu Ihren Kommentar. Die von Ihnen dargestellte Auseinandersetzung mit dem faschistischen Regime und dem Verhalten der Deutschen nach WW II hat nicht so unmittelbar begonnen, wie Sie das suggerieren. Die ersten Jahre nach WW II waren davon geprägt, dass die Allierten Druck zur Entnazifizierung ausgeübt haben. Ich habe kürzlich eine interessante relativ frische Dissertation an einer deutschen Universität über die "Entwicklung der diplomatischen Beziehungen Deutschlands zu Spanien bis 1953" (?) gelesen. Da kann man unter anderem lesen, dass von den damaligen deutschen Aussenpolitikern trotz der Einwände der Alliierten großer Wert auf die Aufnahme von Beziehungen zur faschistischen Franco Diktatur gelegt wurde. Man ging davon aus, dass (Franco)-Spanien ja Deutschland nach wie vor sich verbunden fühlen müsse, schon "wegen der Unterstützung durch die Legion Condor". Das ist nur ein Ansatz, der mir persönlich zu denken gibt. Leider kann ich Ihnen kein exaktes Titel der Dissertation geben, ich habe sie in einer "unbedeutenden" kleinen Unibücherei weit ab von Ihrem Umfeld gefunden, ich denke, falls Sie Interesse haben, finden Sie das Titel über die Suchmaschine Ihrer Uni (vorausgesetzt, es wird dort Geschichte oder Politikwissenschaft gelehrt) oder unbedingt bei der deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt. Ich will damit sagen, man sollte den chinesischen "jungen" Intellektuellen Zeit lassen sich mit ihrer eigenen Geschichte auseinanderzusetzen. Die deutschen Studenten haben ja auch erst 1968, 23 Jahre nach WW II damit angefangen.
    Mit freundlichem Gruß
    Jesús

    Antwort auf "Verehrter Sharepoint,"
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    dass der totale Umbruch mit der Verganghenheit und die tiefgreifende Vergangenheitsverarbeitung beganen erst ab 1968.

    dass der totale Umbruch mit der Verganghenheit und die tiefgreifende Vergangenheitsverarbeitung beganen erst ab 1968.

  5. Sie sind eine der wenigen Deutschen, die in Zeitforen über China ausgewogener, neutraler und nachdenklicher kommentieren.
    In Ihrem Kommentar sollte eigetnlich "Hitler´s Urenkel" heissen. So lange war es auch wieder nicht.
    Ich bin nicht sehr von Ihrer folgenden Behauptung überzeugt,  "ich glaube kaum, daß es darauf so abblockende Reaktionen gäbe". Neulich habe ich im Zeitforum einen als "einen der H´s Enkel" bezeichnet, weil ich einfach sauer darauf war, dass er dauernd die chinesischen Forumkommentatoren treue KP-Angehoerige oder ähnlichs nannt. Meine Verspottung wurde sofort von unser lieben ZEIT-Redaktion entfernt. Naja, egal.
    Mit Ihrer These, "da ich darin meine Vermutung bestätigt sehe, daß es in China weit pluralistischer zugeht, als mancher hier sehen möchte.", stimme ich absolut überein, weil ich eine ähnliche Beobachtung in China gemacht habe.

    Antwort auf "Verehrter Sharepoint,"
  6. dass der totale Umbruch mit der Verganghenheit und die tiefgreifende Vergangenheitsverarbeitung beganen erst ab 1968.

    Antwort auf "Kommentar #3"
    • Anonym
    • 11.08.2008 um 15:34 Uhr

    das Wort schenke ich Ihnen - das ist auch in Englisch hübsch : blockhead...;-)Ich glaube, daß gar kein Land noch das gleiche ist wie vor 10 Jahren.
    China bewegt sich viel schneller als Deutschland, insofern ist es
    ganz klar, daß wir uns im Schatten und auch weniger bewegen. China hat
    aber auch noch eine Menge aufzuholen, bis Wohlstand und gesellschaftliche
    wie institutionelle Entwicklung auf ähnlichem Niveau wie in Deutschland sind. Bitte glauben Sie auch nicht, daß hier alle neidisch wären oder
    Angst vor China hätten - die aufgeklärteren Menschen wünschen sich mehr
    Gerechtigkeit auf der ganzen Welt und sind sich der Tatsache, daß wir
    hier in großem Reichtum leben, wohl bewußt. Wie sich Deutschland an die Änderungen der Welt anpassen wird? Keine
    Ahnung. Hängt sehr davon ab, welche Sie meinen. Bitte benennen Sie die genauer, ja?-Ressourcenknappheit?
    Die Deutschen sind nicht so schlecht im Umweltschutz und immerhin
    gibt es hier schon seit gut 30 Jahren ein Bewußtsein darüber, daß
    gespart+geteilt werden muß. Bleibt leider oft theoretisch oder wie nach dem Sprichwort 'Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht naß' - wir arbeiten daran. -Imperialismus und Kriege führen? Damit sind
    wir vergleichsweise zurückhaltend. -Globalisierung, offene Märkte,
    Integration von Zuwanderern? Da gibt es noch viel zu tun. Auf jeden
    Fall.
    Was ich Ihnen auch sagen kann - viele hier sind neu- und
    wißbegierig - wußten Sie, daß die Deutschen Reiseweltmeister sind?
    Reisen ist ja nicht die schlechteste Art, den Horizont zu erweitern -
    buchstäblich. Auch solche politisch unbedeutenden Vorlieben und Eigenschaften tragen letztendlich zu Veränderungen bei.

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  • Quelle DIE ZEIT, 07.08.2008 Nr. 33
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