Serbien »Er war für uns wie ein Geist«
Radovan Karadžić ist verhaftet – viele andere Mörder sind noch frei. Ein Gespräch mit dem Srebrenica-Überlebenden Hasan Nuhanović
Die ZEIT: Was waren Ihre Gefühle, als Sie von der Verhaftung Radovan Karadžićs hörten?
Hasan Nuhanović: Ehrlich? Ich war müde nach der Arbeit, ich wollte mich einfach ausruhen, da kommt meine zehnjährige Tochter Nasiha, sie heißt nach meiner ermordeten Mutter, ins Zimmer und sagt: »Papa, sie haben Karadžić festgenommen.« Ich verstand gar nichts. Sie war noch nicht mal geboren, als gegen Karadžić das erste Mal Anklage erhoben wurde. Dreizehn Jahre lang war er verschwunden. Er war für uns alle wie ein Geist. Erleichterung habe ich vielleicht empfunden, aber Euphorie kommt nicht auf, weil er gefangen und nach Den Haag überstellt wurde. Dies hätte alles vor Jahren passieren sollen.
ZEIT: In Sarajewo gab es Freudenfeste, warum sind Sie so zurückhaltend?
Nuhanović: Symbolisch ist es natürlich wichtig, dass Karadžić gefangen wurde, aber ich fürchte, dass die Konzentration auf Karadžić und Mladić die wirklichen Probleme dieses Landes überschatten. Mladić und Karadžić werden fast zum Klischee. Sie schaffen den Eindruck, als ob mit ihrer Verhaftung alle Probleme gelöst wären. Nehmen wir Vladenica, eine alte bosnische Stadt, in der wir lebten, bevor wir nach Srebrenica flohen. Meine Mutter wurde dort ins Gefängnis geworfen und ermordet. Srebrenica ist nicht der einzige Ort, an dem gemordet wurde. Wenn ich nach meinem vermissten Bruder suche, gibt es stets die große Wahrscheinlichkeit, dass ich auf Mörder meiner Mutter oder unserer Nachbarn treffe. Unsere serbischen Nachbarn haben ihre Nachbarn getötet. Wenn man das bedenkt, sind Karadžić und Mladić nicht so wichtig. Viel wichtiger ist, dass diese vielen anderen Mörder und Vergewaltiger vor Gericht gestellt werden, denn ohne Gerechtigkeit gibt es nur Frustration und Unglück.
ZEIT: Diese Frustration – ist das der Grund, warum so viele Bosnjaken nicht zurückgekehrt sind?
Nuhanović: Viele Bosnjaken sind ausgewandert. Ich habe nicht darüber nachgedacht wegzugehen, aber wir müssen hier unsere Stimme tagein, tagaus erheben, jeden Tag daran erinnern, dass diese Vergangenheit aufgearbeitet werden muss. Die Masse ist verzweifelt über den täglichen Lebenskampf, sie überlassen es Aktivisten wie mir. Ein Teil der Bosnjaken ist nicht an dem Thema interessiert. Sie wollen ein normales Leben führen. Leute wie ich sind eine ständige Erinnerung an diese Wunde. Sie mögen uns nicht, weil wir sie am normalen Leben hindern. Sie wollen zuweilen nicht mal mit mir zusammensitzen, oft esse ich allein in der Cafeteria. Und die Serben wollen von meiner Geschichte gar nichts wissen. Mit Serben rede ich nie über die Angelegenheiten des Krieges. Nur so kann ich in meinem Job überleben, wir sind Bosnjaken, Serben und Kroaten, die gemeinsam bei der EU-Polizeimission arbeiten.
ZEIT: Sie sind schon 1996 zurück nach Srebrenica gegangen, weniger als ein Jahr nach dem Massaker. Warum?
Nuhanović: Das war nur für ein paar Stunden. Ich hatte das übermächtige Bedürfnis, herauszufinden, unter welchen Bedingungen meine Familie umgekommen war. Ich hatte die Hoffnung, sie vielleicht in einem versteckten Gefängnis zu finden. Ich habe gefährliche Ausflüge auf die serbische Seite gemacht, jahrelang, nur um irgendetwas zu finden, wenigstens eine vermisste Person zu finden. Ich war in Zvornik im Januar 1996, in der Gegend sind die meisten Massengräber zu finden. Ich musste mit den Serben reden, die höchstwahrscheinlich bei Exekutionen dabei waren. Doch meine Hoffnung schwand, als die ersten Massengräber geöffnet wurden und Hunderte und Tausende Skelette oder eher Einzelteile davon ausgegraben wurden. Wir wussten nicht, wer wer war, weil erst im Jahre 2000 mit dem DNA-Abgleich begonnen wurde. Man hat mir angeboten, das Land zu verlassen, ein neues Leben zu beginnen, ich konnte nicht. Ich muss wissen, was passiert ist. Das geht jetzt schon seit 13 Jahren so. Ich habe jeden nach meinem Bruder gefragt, nach meiner Mutter, meinem Vater.
ZEIT: Und, haben Sie Antworten bekommen?
Nuhanović: Unsere serbischen Nachbarn von vor dem Krieg wichen mir aus, andere taten freundlich und baten mich, meine Mutter zu grüßen, obwohl sie wussten, wie sich herausstellte, dass sie tot war. Ich habe auch irreführende Aussagen zu meinem Bruder bekommen. Ich war bereit, für Informationen zu zahlen. Meine Mutter wurde im Gefängnis ermordet. Dafür fand ich einen serbischen Ohrenzeugen, der in der Zelle neben ihr lag, dessen Namen ich nie nennen werde. Er sagte zu mir: »Hasan, deine Mutter starb wie eine Heldin.« Das Gefängnis war unter der Kontrolle der örtlichen Polizei. Eines Abends hörte er fünf oder sechs Tschetniks im Flur, die brüllten: »Wo ist die türkische Frau?« Serben nennen die Muslime oft Türken. Sie kamen, um sie zu vergewaltigen. Als sie den Schlüssel zu ihrer Zelle herumdrehten, hörte der Zellennachbar das Splittern von Glas. Meine Mutter hatte das Fenster eingeschlagen und sich mit einer Scherbe die Adern aufgeschnitten. Danach wurde sie nie mehr gesehen. Ein Serbe will Geld dafür haben, dass er mir zeigt, wo sie verscharrt wurde. Ein möglicher Verdächtiger im Fall meiner Mutter arbeitet für das bosnische Ministerium für Sicherheit. Damals war er der Chef der Polizeistation. Zwei Jahre lang habe ich gebraucht, den Staatsanwalt zu überzeugen, dass man Untersuchungen gegen ihn einleitet. Er ist immer noch frei. Meinen Vater habe ich in einem Zweitmassengrab (das sind die Massengräber, die die Serben mit den Leichen der ursprünglichen Gräber füllten, um ihre Spuren zu verwischen, Anm. d. Red.) gefunden, ich habe ihn vor zwei Jahren begraben. Von meinem Bruder gibt es keine Spur.
ZEIT: Es gibt Leute, die behaupten, dass nach der Verhaftung Karadžićs mehr Massengräber gefunden werden, weil die Augenzeugen jetzt nicht mehr so viel Angst haben. Stimmt das?
Nuhanović: Die Menschen haben immer noch Angst. Ich werde Ihnen ein Beispiel erzählen. Ich saß neulich in einer Veranstaltung mit dem Präsidenten des Helsinki-Komitees der Republika Srpska, Branko Todorović. Er erwähnte dabei, dass die Polizisten, die das Gebäude bewachten, vor 13 Jahren Kriegsverbrechen begangen hätten. Seit dieser Äußerung ist er untergetaucht. Man bedroht ihn und seine Familie mit dem Tode, wenn er nicht Bosnien sofort verlässt. Das ist unsere Realität: Sie drohen, einen Mann zu töten, der die Wahrheit spricht. Und der Mann ist Serbe! Ich habe große Achtung vor ihm.
ZEIT: Gehört dieser Todorović zu einer Minderheit unter den bosnischen Serben?
Nuhanović: Es besteht die Neigung, den Genozid von Srebrenica als ein lokales Ereignis zu verharmlosen. So verkündete der Premier der Republika Srpska, Milorad Dodik, einen Tag nach den Gedenkfeierlichkeiten, dass der Massenmord von einigen wenigen Einzeltätern in Srebrenica begangen worden sei. Indes, der Massenmord war keineswegs lokal begrenzt, die meisten Massengräber liegen außerhalb der Grenzen des Gemeinwesens von Srebrenica, in Ostbosnien.
ZEIT: Sie haben ein dickes Buch über das Versagen der UN in Srebrenica geschrieben und doch betont, dass die Serben nicht die Einzigen seien, die angeklagt werden müssten. Wie meinen Sie das?
Nuhanović: Nun, ganz offensichtlich sind die Serben die Mörder, aber die anderen taten, was sie nie hätten tun dürfen, sie beschützten die ihnen Anvertrauten nicht. Lassen Sie es mich mit einer Metapher sagen. In der Batteriefabrik, auf dem Stützpunkt des DutchBat, waren wir wie auf einem Schiff, das uns in das befreite Territorium bringen sollte. Stattdessen erklärte uns der Kapitän des Schiffes zu blinden Passagieren. Sie warfen uns über Bord und sagten: Schwimmt zu der Insel der Freiheit, auch wenn hier Haie sind. Vielleicht töten sie euch, vielleicht auch nicht. Die Schuld der Haie, der Mörder, müssen wir doch nicht diskutieren, die der Niederländer schon. Insbesondere im Licht eines anderen Vorfalls ziemlich ähnlicher Art, in den die kanadischen Blauhelme involviert waren.
ZEIT: Meinen Sie die Operation Sturm in Kroatien?
Nuhanović: Das war Teil der Operation, mit der die Kroaten Knin zurückerobern wollten. Mehr als tausend Serben suchten Schutz auf dem Stützpunkt der UNPF. Die kroatischen Truppen umzingelten den Stützpunkt und forderten die Herausgabe von Männern, die sie irgendwelcher Kriegsverbrechen bezichtigten. Der kanadische Oberst des Bataillons verbot den Kroaten, den Stützpunkt zu betreten. Er tat genau das Gegenteil dessen, was sein niederländisches Gegenüber ein paar Tage zuvor in Srebrenica getan hatte. Und dabei war Knin weder eine entmilitarisierte noch eine Sicherheitszone. Beides traf aber auf Srebrenica zu.
ZEIT: Was brauchen die Opfer außer finanzieller Hilfe am meisten?
Nuhanović: Die Anerkennung ihres Schmerzes. Nehmt uns in die Mitte, und umarmt uns mit unserem Schmerz. Etwas wie der Holocaust Day in Israel wäre das richtige Symbol in unserem Land. Für drei Minuten kommt das ganze Land zum Stillstand in der Erinnerung an die Toten. Ich habe an Kofi Annan geschrieben, dass man vielleicht am 11. Juli die Flagge über dem UN-Gebäude am East River auf halbmast setzen könnte. Ich habe nichts gehört. Wie kann man von den Serben erwarten, dass sie sich mit ihren Taten auseinandersetzen, wenn nicht einmal die Niederlande und die internationalen Organisationen es tun? Bis heute haben sich die Niederlande nicht für das Versagen ihrer Soldaten bei den Opfern entschuldigt. Mladić und Karadžić könnten ablenken von den Tausenden Kriegsverbrechen, die von den Serben wie den internationalen Organisationen toleriert worden sind.
ZEIT: Sie sind auf dem Wege nach Washington, warum jetzt?
Nuhanović: Ich bin vom Holocaust Museum eingeladen worden. Sie wollen meinen Augenzeugenbericht des Genozids auf Video aufzeichnen. Ich werde einen Vortrag halten über die Probleme unseres Landes.
Das Gespräch führte Christine Brinck
- Datum 08.08.2008 - 19:51 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 07.08.2008 Nr. 33
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