Bilderbuch Wer braucht einen Kuss?

Ein herzerwärmendes Bilderbuch über die ersten gutenachtkusslosen Nächte

Wer könnte diesen Anblick je vergessen!? Wie weit geöffnete Augen durch Busfenster um Hilfe flehen, wie die winzigen Handflächen sich an Scheiben pressen, um den Eltern ein letztes Mal nahe zu sein, Haut an Glas an Haut! Da ziehen sie hin, die Kleinen, zu ihrer ersten Außenübernachtung, nur von – zugegebenermaßen liebenswerten – Kinderbetreuerinnen begleitet, aber elternlos, verlassen eben. Es geht – darüber sollte man keine Illusion hegen – um den ersten schriftlich unterzeichneten Verrat der Eltern an ihren Kindern, die noch nicht wissen, was ihnen blüht, eine pädagogisch verbrämte Verschickungsmaßnahme, ganz im Sinne Bert Brechts, um die Kleinen auf eine Welt vorzubereiten, die grausam unbehütet sein wird. Natürlich, Abnabelung ist notwendig, Selbstständigkeit sinnvoll, aber um welchen Preis!

Diesmal trifft es Zeo, das kleine Zebra. Auf ins erste Ferienlager! Pflichtschuldigst näht die Mutter in jede Socke und Unterhose, an jeden Waschlappen und Schlappen das Namensschildchen »Zeo«. Wohlgefällig vom Kleinen beobachtet, bis er das Schildchen im Schlafanzug entdeckt – untrügliches Zeichen für drohende einsame Nächte. Gutenachtkusslos! Gutenmorgenkusslos! Doch da kommen die Eltern auf eine Idee, die das Problem aus dem Kindergartenbereich plötzlich in den Olymp der Fantasie, das heißt das Reich der Liebe hebt, das Bilderbuch zu einem Märchen verzaubert. Eine Idee, die zu einem Trend führen wird, nachahmenswert, einfach und vor allem preiswert.

Papa schneidet kleine Papierquadrate aus, Mama schminkt sich die Lippen rot, sie geben sich einen Kuss »und halten dabei ein Blatt Papier zwischen ihre Münder. So entstehen zwei Küsse auf einmal!« Dann zusammengefaltet, in einer Blechdose gesammelt, und fertig ist der Proviant mit Kussbonbons, für jeden Abend und Morgen einer und noch ein paar Reserveküsse für Notfälle, man weiß ja nie.

Wurde bereits erwähnt, dass Zeo ein Zebra ist, gestreift und graunasig, dass der 1947 in Lyon geborene Autor und Illustrator Michel Gay schon in seinem Bilderbuch Seid ihr schon wach? scharf an der Grenze zwischen Kitsch und Realität balancierte? Zebra muss sein, sonst würde das Bilderbuch allzu rührend, wenn da einer im Zug zu weinen beginnt und Zeo ihm eins seiner »Abziehbilder der Liebe« schenkt. Es hilft. Doch mit Folgen. Einer nach dem anderen will ein Kussbonbon, der Placeboeffekt der Liebe wirkt, bis alle Küsse aufgebraucht sind, die Schachtel leer ist und endlich alle schlafen.

Keine Küsse für die kommenden Tage? Sie sind nicht mehr nötig. Zeo hat sie gegen neue Freunde eingetauscht. Das Papier hat seine Schuldigkeit getan.  Konrad Heidkamp

(ab 18. August im Buchhandel)

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 07.08.2008 Nr. 33
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    • Schlagworte Literatur | Kinderliteratur
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