Bücher über Sterben und Tod haben Konjunktur, ja, manche schaffen es sogar auf Bestsellerlisten, wie eben Randy Pauschs Last Lecture in den USA. Schön und gut, wenn Erwachsene den Tod zum Anlass nehmen, um über das Leben nachzudenken, aber soll man Kindern ein Buch empfehlen, dessen Text auf dem Umschlag lapidar verrät: »Mein Name ist Sam. Ich bin elf Jahre alt. Wenn du das hier liest, bin ich vermutlich schon tot«?

Ja, man soll, denn mit ihrem erstaunlichen Debüt ist der jungen englischen Autorin Sally Nicholls das Paradoxon gelungen, eine Geschichte vom Sterben zu schreiben, die voller Lebensfreude ist.

Eigentlich ist es ja Sam, der uns seine Geschichte in Form eines Tagebuchs erzählt, und zwar so direkt, dass man die Autorin dahinter schon nach wenigen Zeilen vergisst. Ein völlig unerwarteter Effekt, ist doch dem Klappentext zu entnehmen, dass die Autorin ihren Roman in einem Schreibseminar verfasst hat, zu erwarten ist da erfahrungsgemäß ein leicht durchschaubares Konstrukt. Doch keine Rede davon, der erwachsene Leser fragt sich vielmehr, wie es der erst 23-jährigen Sally Nicholls gelingen konnte, sich mit so viel Empathie in die Gefühle und Gedanken ihrer kindlichen Helden zu versetzen. »In Büchern geht es immer um Kinder, die die Welt retten, oder solche, die in der Schule verprügelt werden. Über uns würde ja keiner schreiben.« Höchste Zeit also, dass Sam sich konzentriert an die Arbeit macht, denn viel Zeit bleibt ihm nicht mehr. »Ich muss nie mehr ins Krankenhaus. Das hat Doktor Bill mir versprochen. Weil ich nämlich sterbe.«

Sam würde gerne Forscher werden, falls er gegen alle Erwartung doch erwachsen würde, er mag Tatsachen und hinterfragt alles und jeden. So ist sein Tagebuch eine Sammlung von Fragen und Antworten, von Tatsachen, Listen und Geschichten. »Ich bin richtig gut darin, Sachen rauszufinden. Ich werde Antworten auf all die Fragen finden, auf die man nie eine Antwort bekommt.« Und so stellt er Fragen, wie zum Beispiel: Woher weiß man, dass man gestorben ist?, Wieso lässt Gott Kinder krank werden? oder Wohin geht man, wenn man gestorben ist? Antworten sucht er im Internet und bespricht sie dann mit seinem Kumpel Felix und der klugen Lehrerin Mrs. Willis, die den beiden kranken Jungen zu Hause Unterricht gibt und sie tröstet, wenn sie doch keine Antworten auf ihre Fragen finden.

Der 13-jährige Felix und Sam haben sich im Krankenhaus kennengelernt und sind die besten Freunde geworden. Anders als die Erwachsenen gehen sie ganz unverkrampft mit ihrer Krankheit und dem nahen Tod um und sind fest entschlossen, jede Minute ihrer verbleibenden Zeit ganz bewusst zu erleben. Dazu gehört für Sam, dass er seine Liste Nr. 3 – Was ich gerne möchte – abarbeitet. Ein nicht ganz einfaches Unterfangen, wenn man bedenkt, dass die Liste Wünsche enthält wie »Mit einem Raumschiff starten und die Erde vom Weltall aus sehen« oder »Einen Weltrekord aufstellen«. »Typische Teenagersachen machen, wie rauchen und trinken und Freundinnen haben« sind da noch leicht zu erfüllende Wünsche, einschließlich eines Kusses von Felix’ Cousine Kayleigh, der den armen Sam allerdings mehr verwirrt als beglückt.

Mit scheinbar leichter Hand gelingt es Sally Nicholls, die ganze Palette an Gefühlen von Trauer und Mitleiden, Staunen und Bewunderung bis hin zu Heiterkeit und Freude auszulösen und so die nötige Distanz zu schaffen, um diese schwierige Thematik zu ertragen. Besser kann man Kindern nicht erklären, dass im Leben jede Minute zählt. Hilde Elisabeth Menzel

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