Martenstein Trauern in zwei Schichten

Unser Kolumnist wähnt sich schwer krank und überlegt zur Sicherheit schon mal, wer die Rede auf seiner Beerdigung halten soll

Wochenlang war ich mir vollkommen sicher, dass ich Krebs habe. Abgeschlagenheit, hin und wieder Fieber, stechende Schmerzen in der Lunge und noch andere Symptome, über die ich hier nicht sprechen möchte. Die Ärztin machte sich ebenfalls ihre Gedanken, wiegte den Kopf und überwies mich zu einem Lungenspezialisten. Bis zu dem Totalcheck vergingen acht Wochen, weil ich Kassenpatient bin. Als Privatpatient wäre ich wahrscheinlich sofort drangekommen.

Ich war jahrelang Privatpatient. Aber dann bin ich wieder zurückgewechselt, mit Hilfe eines Tricks, weil alle Bekannten sagten, dass man von der Privatversicherung mies behandelt wird, wenn man erst einmal alt ist und in der Statistik ein Kostenfaktor. Man soll, sagten die Bekannten, um Gottes willen bloß rechtzeitig wieder zurück. Um aber überhaupt alt zu werden und dann von der Privatversicherung mies behandelt werden zu dürfen, braucht man offenbar die Privatversicherung, denn acht Wochen Unterschied sind beim Fortschreiten einer schweren Krankheit sicher von Bedeutung.

Erstaunlicherweise bin ich relativ gelassen gewesen. Früher oder später muss man da sowieso durch. Die wichtigsten Dinge sind erledigt. Ich weiß nicht, ob und wie lange ich diese Haltung beibehalten hätte, aber erst einmal hatte ich sie. Ob einem in der Zeit, die man ablebensbedingt verpasst, großes Glück oder großes Unglück widerfahren wäre, weiß man nicht. Ich habe mir sogar schon vor der Diagnose Gedanken über meine Beerdigung gemacht, über die Musik und die Leute, die ich einlade. Nicht alle, die als Gäste infrage kämen, harmonieren miteinander. Vielleicht sollte man in zwei Schichten trauern. Es darf auf keinen Fall am Essen und am Wein gespart werden, es darf geraucht werden, aber welches Restaurant nehme ich? In den mir hoffentlich verbleibenden Monaten wollte ich einige Adressen ausprobieren, am besten gefällt mir eine Mischung aus gediegener Küche und lässigem Ambiente.

Ich habe auch darüber nachgedacht, wer die Grabreden hält. Wenn man von jemandem gebeten wird, seine Grabrede zu halten, kann man das kaum ablehnen, da war ich in einer echten Machtposition. Ich habe, was die professionelle Rede betrifft, zwischen vier oder fünf Personen geschwankt, darunter dem Chefredakteur der ZEIT und Hellmuth Karasek, beide sind gute Redner. Bei Giovanni di Lorenzo wäre die Rede genauer ausgefallen, stellenweise vielleicht auch kritisch, was ein Licht der Souveränität auf den Verstorbenen wirft, bei Karasek lustiger, ein oder zwei Lacher tun so einer Veranstaltung durchaus gut. Dann dachte ich, es sei vielleicht besser, jemanden zu nehmen, der weniger bekannt ist, mich aber besser kennt, andererseits, wenn man nicht daran gewöhnt ist, öffentlich zu sprechen, bedeutet so etwas viel Stress, es wäre menschenfreundlicher, einen geübten Redner zu bitten.

Ach, es war so ein bezaubernder, sonniger, die Welt streichelnder Tag, als ich zu dem Check ging, ich dachte, die Sonne ist überhaupt eine der allerbesten Sachen im Leben, man muss im Leben einfach nur möglichst oft in der Sonne sitzen. Als ich nach vielerlei Pusten, Blutherzeigen und Verrenken die Botschaft erhielt, dass ich mich mit meiner Gesundheit um eine Lizenz als Profiboxer bemühen könnte, Lungenwerte wie ein junges Pferd, da war ich beschämt wegen der Leichtfertigkeit, mit der ich die Sonne und all das andere aufzugeben bereit gewesen wäre. Trotzdem, es war gut, das alles gedanklich einmal durchzuspielen, die Gästeliste habe ich in ein Kuvert getan und in den Küchenschrank gelegt.

 Zu hören unter www.zeit.de/audio

 
Leser-Kommentare
    • Colon
    • 09.08.2008 um 10:13 Uhr

    Zwischen kleinen Säulen aufgestellt, kommt so mancher Text zu Ehren, der besser dem Nachlassverwalter irgendwann, zwischen zwei Tagebuchblättern oder unter einem Konvolut unveröffentlichter, halb vollendeter, vom Autor zu Unrecht für das Feuer bestimmter Kolumnen, aufgefallen wäre.Jahrelang stand die Kladde im Berliner Schrank, direkt hinter einer Hunderter-Packung ältlicher Kamillenteebeutel. Entdeckt, kündet der Text vom Geheimnis des Autors, jener milden, aber deutlich spürbaren, anhaltenden Verstimmtheit. - Keiner hätte es je geahnt. Der Verstorbene war kein Pornograph. Aufatmen bei den lebenslang unerhörten und vom Autor schmählich verachteten Liebhabern seiner kurzen Formen.  So aber, ist diese einmalige Gelegenheit für dissertierende Seminaristen der germanistischen Fakultät, jener glückliche Lorbeer für Zufallsfinder, die wunderbare Möglichkeit zum Bildwechsel bei der trauernden Nachwelt, für immer dahin.  Der Autor legte schon zu Lebzeiten, all´ seine Rechnungen offen. GrüßeChristoph Leusch

  1. einen Mann der leichten Feder traut man es nicht zu,ist es eine kleine Midlifecrisis oder schon depressionsähnlicher Zustand?die üblichen altersbedingten Zipperlein führen seine Gedanken geradewegs ins Jenseits und lassen ihn Vorsorge treffen,möglicherweise stehen auch die Erben schon in den Startlöchern,weit gefehltdie alte Weisheit kam wieder zum tragen"totgesagte leben länger" Gesundheit !

  2. So sehr ich mich auch darüber freue, dass Ihre Liste noch nicht benötigt
    wird, so bin ich doch beeindruckt von Ihrer nüchternen und gut organisierten
    Herangehensweise. Allerdings bitte ich Sie dringend, noch einen weiteren Punkt
    auf die Liste im Küchenschrank zu setzen. Sie müssen natürlich Ihre Nachfolge
    rechtzeitig regeln, weil irgendjemand Ihre trauernden Leser auffangen muss. Wie
    Sie den Rest Ihres Nachlasses verteilen ist mir im Prinzip egal, obwohl mir Ihr
    Küchenschrank gut gefällt. Aber wenn es Ihnen nichts ausmacht, hätte ich gern Ihre
    Kolumne im Zeit-Magazin. Dafür würde ich auch versprechen, auf Ihrer Beerdigung
    keine Rede zu halten. Vielen Dank!

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  • Quelle DIE ZEIT, 07.08.2008 Nr. 33
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