Craig Small ist jetzt bipolar. Das jedenfalls verkündet die Aufschrift auf seinem Polohemd, das so pechschwarz ist wie die Sommernacht draußen vor dem Düsseldorfer Flughafengebäude. Doch in Wirklichkeit ist die Botschaft noch ein frommer Wunsch, denn bisher hat Craig nur den Südpol überflogen, fünf Jahre ist das her. Der Nordpol steht erst heute auf dem Programm. Deswegen wartet der Amerikaner mit 147 anderen Passagieren an diesem Freitag um kurz vor fünf an Gate C 40 auf das Einsteigen zum Flug LT1111. Auf dem Bildschirm am Flugsteig ist denn auch verheißungsvoll "North Pole" als Zielort genannt, obwohl das Flugzeug nirgendwo landen soll außer am Abend wieder in Düsseldorf.

Unter den Wartenden sind einige wie das Rentnerehepaar aus Stuttgart, die bloß die Arktis aus der Luft erleben wollen: "Wir haben das im Fernsehen gesehen und wollten mal selbst mit." Die übrigen Passagiere aber haben mit der Erde wenig zu schaffen. Sie sind Himmelsbeobachter, eine besondere Klientel. "So verrückt wie die sind sonst nur noch Vogelkundler", meint einer der Veranstalter von der Deutschen Polarflug, die seit 2007 Sightseeing-Flüge zum Nordpol anbietet.

Viele kommen von weit her. Eine Australierin ist aus Sydney 25 Stunden nach Düsseldorf geflogen, nur um von hier aus einen weiteren, zwölfstündigen Flug anzutreten. Auch Craig, der 61-jährige Astronom aus New York, scheut keine Kosten und Mühen, in aller Welt mit eigenen Augen und Kameras totalen Sonnenfinsternissen nachzujagen. "Ich habe schon 25 davon gesehen, heute wird es die sechsundzwanzigste sein", verkündet er aufgeregt, "damit gehöre ich zur weltweiten Top Five der Eklipsenjäger." Drei- bis fünftausend Euro haben er und andere Himmelsgucker auf diesem Flug für zwei Plätze auf der sonnenzugewandten Seite ausgegeben, einen direkt am Fenster für sich selbst, den daneben für ihre Ausrüstung. "Wir haben letzte Nacht alle Fenster der Maschine von außen per Hand polieren lassen und auch von innen für guten Durchblick gesorgt", versichert der Mitveranstalter Manuel Kliese.

Himmelsbeobachter verstehen keinen Spaß, wenn es um Präzision geht, das wissen alle Verantwortlichen an Bord nur zu genau. Mehrere Vortreffen zwischen den Piloten und Fachleuten fanden statt, denn heute geht es um Sekunden. Und zwar um jene gut 170 Sekunden, in denen auf der Position 8224' nördlicher Breite und 1842' östlicher Länge die totale Verfinsterung der Sonne durch den Mond mitzuerleben sein wird und das Flugzeug sich 220 Kilometer nördlich von Spitzbergen in genau 12000 Meter Höhe im Kernschatten des Mondes bewegen soll. Dieser Ort am Himmel über dem Packeis liegt mehr als vier Flugstunden nördlich von Düsseldorf und muss um genau 11.43 Uhr und 0 Sekunden erreicht werden, damit das Ereignis optimal verfolgt werden kann. Flug LT1111 bedeutet deswegen auch für den Flugkapitän Wilhelm Heinz und seinen Ersten Offizier Josef Willems eine Herausforderung, haben sie es doch diesmal nicht mit einer Art fliegender Kaffeefahrt ins ewige Eis zu tun, sondern mit exakter Wissenschaft.

Der Professor läuft andauernd mit Kneifzange und Klebeband ins Cockpit

Dass sie das keinen Moment vergessen, dafür sorgt schon Glenn Schneider. Der Astronomie-Professor und Nasa-Mitarbeiter aus Tucson/Arizona ist ein Guru der Szene und sieht mit seinen längeren, etwas wirren Haaren und der riesigen Brille auch so aus. "Glenn ist professioneller Sternengucker und begeisterter Amateur zugleich", berichtet Craig Small voller Ehrfurcht. Was Schneider sagt, ist auch heute an Bord absolutes Gesetz, dem sich sogar der Pilot weitestgehend unterwirft. Die Himmelsbeobachter sind regelrecht süchtig nach dem Anblick der verfinsterten Sonne. "Das ist immer so spektakulär, dass man es kaum glauben kann", schwärmt Craig.

Um 6.07 Uhr rollt der nur halb gefüllte Airbus A330 der LTU zur Startbahn, die Mittelplätze wurden nicht verkauft, um genug Platz zu haben. Am Horizont geht glutrot die Sonne auf, noch völlig ungetrübt durch einen Schatten. In Düsseldorf wird man am Vormittag, sollte es klar bleiben, gerade mal 18 Prozent an Verfinsterung sehen können – "kleiner als ein Viertel eines Bissens", sagen die Astronomen. Der 200 Kilometer breite Pfad der völligen Verfinsterung kann auf dem Boden heute nur in einer einzigen Großstadt beobachtet werden, in Nowosibirsk. "Und da ist es meist bewölkt", sagt Craig. Dieses Problem werden die Astronomen am Himmel kurz vor dem Nordpol nicht haben. Um 6.08 Uhr erhebt sich der Airbus von der Startbahn, bald wird über Dänemark das Frühstück serviert. Glenn Schneider isst nichts und fällt stattdessen durch seltsames Verhalten auf. Er hantiert mit Kabeln, Kameras, Saugnäpfen, Laptops und merkwürdigen Apparaten. Auf einem normalen Flug würden die Mitreisenden sich ernsthaft Gedanken machen, was der Mann vorhat, zumal er mit allerlei Utensilien vom Klebeband bis zur Kneifzange dauernd wie selbstverständlich ins Cockpit läuft. Doch an Bord von LT1111 ist alles anders, und Professor Schneider hat offenbar Narrenfreiheit.