RAF Vom Sterben einer Illusion

Die Fotos der toten Terroristen sind nicht neu. Aber sie wurden verdrängt – denn Täterbilder verstören mehr als Bilder der Opfer

Diese Bilder sind eine Täuschung. Sie täuschen uns über uns selbst. Wir haben diese Bilder schon ganz oft gesehen – und genauso oft wieder vergessen. Das ist das Überraschende an diesem Fund im Nachlass eines Stuttgarter Polizeifotografen. Die Aufnahmen sind entstanden am Morgen nach der Selbstmordnacht der RAF-Häftlinge in Stammheim im Oktober 1977. Aber so weit man weiß, zeigt keines der Fotos etwas grundsätzlich Neues: Der tote Andreas Baader, der sich erschossen hat, ist schon oft abgebildet worden, seine Pistole in der Blutlache war erst im letzten Jahr wieder auf einem Spiegel- Titelbild zum Thema 30 Jahre Deutscher Herbst zu sehen. Und der Künstler Gerhard Richter hat 1988 die Toten von Stammheim in einem Gemäldezyklus gezeigt, die Bilder hingen bereits in Berlin und im Museum of Modern Art in New York. Nein, diese Aufnahmen sind also nicht neu, trotzdem erscheinen sie uns neu, jedenfalls fremd. Sie sind nicht in das visuelle Gedächtnis der Bundesrepublik eingegangen, anders als etwa die Aufnahmen des entführten RAF-Opfers Hanns Martin Schleyer. Wer sie jetzt erneut groß herausstellt, spekuliert auf Voyeurismus. Es ist einfach nur obszön, ohne irgendeinen Grund Menschen in ihrem Blut zu zeigen oder die blauen Lippen von Gudrun Ensslin am Fensterkreuz auszustellen. Viel wesentlicher ist doch eine Frage, die wir uns selbst stellen sollten: Was ist es an diesen Aufnahmen, was ist es an uns, dass wir ihren Anblick so wenig ertragen, dass wir sie immer aufs Neue vergessen?

Die Toten von Stammheim, trotz aller Mythen über ihre angebliche Ermordung, verkörpern zunächst mal den antiheroischen Moment schlechthin. In ihnen verdichtete sich die menschliche Katastrophe ebenso wie die ideologische Niederlage. Das hat auch die linksextreme Szene so gesehen, was man daran erkennen kann, dass sie die Bilder der Toten nie für ihre propagandistischen Offensiven verwendete. Die RAF war ja auch eine Bilderfabrik und hat sich sehr bemüht, ihre eigenen Ikonen zu prägen. Menschen und Waffen, beides diente der RAF als Symbol: der fünfzackige Stern mit der Kalaschnikow natürlich, aber auch die Pressebilder des Häftlings Holger Meins im Hungerstreik. Ausgemergelt wie er war, nutzte ihn die RAF als Märtyrer. Sein Körper sollte an KZ-Insassen erinnern, und die Fotos sollten die angebliche Nähe der bundesdeutschen Behörden zu den Nationalsozialisten dokumentieren.

Gudrun Ensslin dagegen taugte nicht als Märtyrerin. Eine Frau, die sich am Fensterkreuz erhängt hat, das entsprach nicht dem Selbstbild der RAF. Diese Diskrepanz zwischen Selbst- und Fremdbild befeuerte prompt die Mordtheorien. Für die RAF gab Selbstmord kein heroisches Bild ab, zu stark spricht daraus das Motiv eines Menschen, der aufgibt.

Die Toten von Stammheim haben darum nie Heldenstatus erreicht. Was die Linksextremen nicht selbst zur Ikone gemacht haben, ist offensichtlich auch nicht im Gedächtnis der Republik angekommen. Allein schon daran lässt sich ablesen, wie stark die RAF, ihre Unterstützer und ihre geistigen Nachfolger lange Zeit noch die Kontrolle über die eigene Bildpolitik aufrechterhalten konnten.

Dabei gab es durchaus einen Totenkult um die Stammheim-Häftlinge. Bei den Arbeiten für meinen RAF-Film Black Box BRD sind mir immer wieder Leute begegnet, die bewundernd über sie sagten: »Ich hatte den Mut nicht«, in den Tod zu gehen. Aber auch hier lösen die Aufnahmen Abwehr aus. Die Fotos erinnern aus dieser Perspektive an eigenes Versagen: Da haben sich in Gestalt der Häftlinge Leute stellvertretend selbst ans Kreuz geschlagen. Die RAF allerdings war für diese Sichtweise des freiwilligen Leidenstodes zu preußisch und zu deutsch. Sie wollte Helden und nicht Menschen, die sich dem Kampf entziehen.

Doch nicht nur die Täter und Propagandisten der späteren Jahre mochten den Anblick ihrer toten Vorgänger nicht ertragen. Auch für die Davongekommenen, jene Abertausende von damals jungen Leuten, die zumindest zeitweise Sympathie für die RAF aufbrachten, bedeutet der Blick in die Gesichter der Ikonen von einst einen Blick in den Abgrund der eigenen Biografie. Dass sich da stellvertretend für eine linke Bewegung Menschen geopfert haben, war ja auch ein Wendepunkt für viele Sympathisanten, die sich daraufhin abwandten. So markieren die Fotos auf mehreren Ebenen einen Endpunkt, eine Niederlage.

Diese Bilder sind ein Spiegel, zumindest für die Generation, die damals jung war und erschrocken-fasziniert auf die Terroristen der RAF blickte. Und aus diesem Spiegel starrt die Fratze unserer Geschichte mit der RAF zurück. Wenn wir diese Aufnahmen trotzdem immer wieder neu vergessen, dann steht dahinter sozusagen die Negation der eigenen schuldhaften Verstrickung, die nicht nur zum Tod der Opfer, sondern auch zum Tod der Täter führte, denen man gefolgt war.

Ist darum der Blick in diesen Spiegel nicht dringend geboten, vielleicht sogar heilsam? Wenn ich mich in dieser Generation umschaue, glaube ich, dass es dafür immer noch zu früh ist. In meiner Generation erleben im Rückblick viele die RAF als das dunkelste Kapitel der eigenen Geschichte. Ich selbst und viele um mich herum fragen sich heute, auf welch einer merkwürdigen Spur wir damals gekrochen sind. Ich denke da immer an diese Umfrage von 1970, wonach 29 Prozent der 18- bis 30-Jährigen Sympathien für die RAF hatte. Die Bewegung kam also aus der Mitte der Bevölkerung. Bei denjenigen, die studiert haben, kann man den Prozentsatz sicher noch höher ansetzen. Zeitweise war eine ganze Generation involviert.

Natürlich sprechen Bilder eine Sprache, haben eine Botschaft, die über das faktuell Neue hinausgeht. Aber gerade als Filmemacher misstraue ich dem Bild allein. Jeder hat das Recht auf einen eigenen Tod. Nur wenn es ein Erkenntnisinteresse gibt, das über den Tod fortbesteht, ist eine Befassung damit legitim.

Ich gebe an dieser Stelle dem Wort den Vorzug vor dem Bild. Ich finde es richtig, darüber zu schreiben. Man weiß ja, was diese Bilder zeigen. Dafür muss man sie nicht noch einmal zeigen. Vielleicht gerade durch meine Arbeit mit dem Medium Film verweigere ich mich oft der Abbildung per se. Wir werden überschwemmt von Bildern, deren Grusel und Grauen alle Erkenntnis überdeckt. Der Schritt zur RAF-Pornografie ist immer nur ein kleiner.

Gerade bei Bildern aus RAF-Zusammenhängen mündet der Oberflächenreiz des Grauens vor allem in ein Überwältigungsmoment. Dieser Kitzel von Nicht-Hingucken und doch immer wieder Hingucken, blockiert jede weitere Erkenntnis. Je ausgeprägter der Oberflächenreiz ist, umso mehr hält er den Betrachter davon ab, sich mit dem auseinanderzusetzen, was das Bild nicht zeigt, also die Hintergründe und die tieferen Zusammenhänge.

In ihrem Kern ist die Geschichte der RAF bis heute geteilt in Täter- und Opferbilder. Wenn wir an die anderen Bilder denken – die Bilder der Überfälle an Straßenkreuzungen, die Bilder von Hanns Martin Schleyer –, dann sind diese Motive eingegangen ins kollektive Denken der Republik. Warum tat sich die bundesrepublikanische Gesellschaft mit der Betrachtung der Opfer des Terrors leichter? Auch diese Bilder waren in den ersten Jahren stark vom Ruch der Obszönität umgeben – es ging schließlich hier um einen angemessenen Umgang mit den Opfern und ihren Angehörigen.

Und doch war der Charakter dieser Aufnahmen ein grundlegend anderer. Gerade der Fall Schleyer war auch in dieser Hinsicht ein Wendepunkt. Als vermeintlich oder tatsächlich involvierter NS-Täter ist er sozusagen stellvertretend für die neue Republik gestorben. Das Entsetzen über das Grauen dieser Tat ist für ganz unterschiedliche Teile der Gesellschaft zugänglich gewesen. Da war das Erschrecken über Täter, die einen Menschen tot in einem Kofferraum abstellen. Daraus wurde rasch ein allgemein akzeptiertes Symbol für die Unmenschlichkeit des »roten Terrors«. Studenten, die sich ihrer Distanz zur RAF vielleicht nicht immer sicher gewesen waren, trafen sich in dieser universellen menschlichen Abscheu womöglich mit konservativen Bürgern ebenso wie mit den von ihnen sonst verachteten Vertretern der Staatsorgane. Das Bild von Schleyers Tod hat zwei Hälften der Gesellschaft zusammengebracht: die, die immer schon dagegen waren, und die, die womöglich eine Vergangenheit klammheimlicher Freude hinter sich hatten. Deshalb ist dieses Bild ein Wendepunkt, neben den Aufnahmen der Geiselbefreiung aus der entführten Lufthansa-Maschine 1977 in Mogadischu.

Über Opferbilder, das scheint mir der fundamentale Unterschied, ist leichter gesellschaftliches Einvernehmen im Urteil herzustellen als über Täterbilder. Täterbilder beschwören stets disparate Empfindungen herauf, sie fördern die multiple Zerrissenheit einer Gesellschaft in ihrer Zeit herauf. Täterbilder sind eben immer auch Generationenbilder.

Sowenig man die RAF und den Nationalsozialismus vergleichen kann, so sehr kann man trotzdem sagen, es gibt Parallelen in der Bereitschaft der Bundesdeutschen, ihrer jeweiligen Vergangenheit ins Gesicht zu blicken. Auch nach 1945 gab es bestimmte Bilder, die die Deutschen nicht ertragen wollten oder konnten, Bilder, die vorhanden sind – und die doch keiner recht wahrhaben will.

In der Generation meiner Eltern zum Beispiel weigern sich manche bis heute, bestimmte Filme anzusehen, sich mit bestimmten Bildern konfrontieren zu lassen, weil das immer die Konfrontation mit dem eigenen Versagen und die eigene Schuldverstrickung involviert. Das geht bis zu dem Argument: Ich habe ein Recht auf Verdrängung. Schaut man sich genauer an, wer in welcher Weise sich hat verstricken lassen, dann stellt man fest: Gerade Bilder, die unsere bewussten Abwehrstrategien so hartnäckig unterlaufen, lösen oft Flucht-, Verdrängungs- und Abspaltungsprozesse aus.

Und ich bin sicher, auch nach 1945 gab es eine größere Toleranz gegenüber Opfer- als gegenüber Täterbildern. Zumindest in den ersten zwanzig Jahren nach 1945 wollte kaum ein Deutscher die verfügbaren Bilder der Nazischergen, die ja durchaus veröffentlicht wurden, näher betrachten. Man wollte die Täter nicht anschauen, weil man sich selber nicht ins Gesicht blicken wollte. Über das Leiden der Opfer war dagegen womöglich ein unkritischerer, auch unpolitischerer Konsens leichter möglich.

Gleichzeitig spielte für die sukzessive Konfrontation der Deutschen mit ihrer eigenen Komplizenschaft im »Dritten Reich« die Wucht unabweisbarer Fotodokumente natürlich eine enorme Rolle. Die Ausstellung zur Mitschuld der Wehrmacht an den Massenmorden während des Russland-Feldzuges bezog ihre Wirkung wesentlich aus neuem oder aufwendig präsentierten Fotomaterial.

Die Geschichte so mancher linken Ikone dagegen wird heute noch durch einseitige und positive Fotoauswahl bestimmt. Die Heldenikonografie eines Che Guevera etwa lebt von der extrem selektiven Verfügbarkeit biografischen Bildmaterials. Wie Che im Busch sitzt, in die Kamera lächelt und das Gewehr auf dem Rücken hat – das bedient bis heute Sehnsüchte und Klischeebilder vom Befreiungskampf einer Guerilla, die sicher keine makellos weiße Weste hatte. Von Che Guevara gibt es ja auch Berichte, wonach er Gegner mit der Pistole regelrecht hingerichtet haben soll. Wenn man den Täter unmittelbar beim Töten sieht und das Opfer zeigt, dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass die Identifikation in sich zusammenbricht. Würde ein solches Foto auftauchen, dann wäre das womöglich das Ende des Kults um Che Guevara.

Protokoll: PATRIK SCHWARZ

 
Leser-Kommentare
  1. Bravo, dass die Täter hier endlich mal wieder "Täter" genannt werden. Ich glaube aber nicht, dass die Bilder der toten Mörder verdrängt wurden, außer von denen, die ihnen in irgendeiner Weise nahe standen. Die Angehörigen der Opfer und alle Gegner der toten Mörder jedoch schauen sich die Bilder in der begründeten Hoffnung an, dass diese Täter um Gottes willen niemals von den Toten auferstehen mögen. Die Bilder der Leichen Hitlers und anderer Verbrecher wie Stalin, dessen Leiche jahrelang als sowjetmausoleale Mumie verehrt werden musste, erwecken nicht gruseligen Schauer, sondern den ästhetischen Reiz, sie durch Draufspucken zur Kunst zu erheben. Wohl gemerkt, die Bilder, nicht die Leichen. Drop-art war vor 50 Jahren, jetzt ist spit-art! Und wer erinnert sich nicht der Filmreportage, in der live die Erschießung des Mörders Ceausescu und seiner Hexe gezeigt wurde? Warum sollte man das verdrängen? Mancher würde diesem Film gar einen "Oscar" für die beste Dokumentation und einen zweiten für die besten Nerven eines Kamermannes verleihen wollen. Und warum? Ganz einfach: Im Märchen siegt das Gute über das Böse - zum Glück manchmal sogar im wirklichen Leben. Das Märchenbuch ist die wahre Bibel des Kindes. Dazu gehören auch Bilder, seien sie gemalt oder fotografiert. Auch die, wie Hänsel und Gretel die Hexe in den Ofen schieben.   

  2. Die RAF war ja auch eine Bilderfabrik und hat sich sehr bemüht, ihre eigenen Ikonen zu prägen. Menschen und Waffen, beides diente der RAF als Symbol: der fünfzackige Stern mit der Kalaschnikow natürlich, aber auch die Pressebilder des Häftlings Holger Meins im Hungerstreik. [Hervorhebung von mir.]

    Von einem „Terroristendeuter“ würde ich nicht nur erwarten, daß er das <a target="_blank" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Rote_Armee_Fraktion>Symbol der terroristischen Vereinigung</a> kennt, über die er berichtet, sondern daß er auch schon mal davon gehört hat, daß es gerade eines der ungewöhnlichen Details bezüglich der RAF war, daß sie eben keine Kalaschnikow im Logo hatte.^_^J.

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    Oh, "gyokusai", Sie sind ein wahrhaft großer Kenner der RAF. Aber mal ehrlich: Glauben Sie, dass es die Hinterbliebenen der Opfer der RAF-Mörder interessiert, ob das Gerät im RAF-Stern eine Kalaschnikow, eine UZI oder irgendeine andere MP ist? (entfernt. Bitte verzichten Sie auf persönliche Angriffe. Die Redaktion/jk)ferdinand fauch 

    Oh, "gyokusai", Sie sind ein wahrhaft großer Kenner der RAF. Aber mal ehrlich: Glauben Sie, dass es die Hinterbliebenen der Opfer der RAF-Mörder interessiert, ob das Gerät im RAF-Stern eine Kalaschnikow, eine UZI oder irgendeine andere MP ist? (entfernt. Bitte verzichten Sie auf persönliche Angriffe. Die Redaktion/jk)ferdinand fauch 

  3. Oh, "gyokusai", Sie sind ein wahrhaft großer Kenner der RAF. Aber mal ehrlich: Glauben Sie, dass es die Hinterbliebenen der Opfer der RAF-Mörder interessiert, ob das Gerät im RAF-Stern eine Kalaschnikow, eine UZI oder irgendeine andere MP ist? (entfernt. Bitte verzichten Sie auf persönliche Angriffe. Die Redaktion/jk)ferdinand fauch 

    Antwort auf "RAF Logo"
  4. In einem Artikel, in dem es gerade um die Bildsprache im Umfeld der RAF und die Ikonenhaftigkeit von Bildern geht, dürfen Leser hinsichtlich dieser Bildsprache und Ikonenhaftigkeit ein gewisses Maß an journalistischer Genauigkeit erwarten. Darüber hinaus ist Ihr immenser Tritt in die Tränendrüse nicht nur kein Argument, sondern würde, zu Ende gedacht, auch jeden Versuch einer Analyse — diesen Artikel eingeschlossen — von vorneherein unmöglich machen, da keine Diskussion, schon gar nicht über Bildsprache und Ikonenhaftigkeit, jemals in einer „adäquaten“ Relation zu den Opfern zu stehen vermag. 

    • Akram
    • 07.08.2008 um 0:00 Uhr

    Heute verdienen die Täter mit Biographien, Fernsehauftritten, Filmen usw ihr Geld. In manch anderen Ländern ist es verboten, dass verurteilteTäter mit mit ihren Taten Geld verdienen. Auch z.B. Aust bezahlt mitarbeitende Täter für seinen Film. Verlage verdienen und zahlen an die Täter. Das heißt nicht, dass ich etwas gegen Aufarbeitung habe. Aber manche Filme werden wieder zur bezahlten Selbstdarstellungs- und Rechtfertigungsbühne für die Täter. Wenn ich die erniedrigenden  Bilder der entführten und toten RAF Opfer sehe, verspüre ich tiefste Abneigung gegen die Täter, aber auch gegen diejenigen, die diese Bilder veröffentlichen. Die Unmenschlichkeit, der Sadismus der Täter spricht durch diese Bilder . Sie zeigen mir, dass es den Terroristen nie um eine bessere Welt ging. Es ging immer nur um sie selber.
    Trotzdem möchte ich keine weiteren Bilder der toten Terroristen sehen. Manche fühlen dabei evtl sogar noch Genugtuung . Ich fühle nur  Trauer um diese an sich selber Gescheiterten . Was mir wichtig ist, dafür gibt es keine Bilder. Es ist das kollektive Schweigen der Täter. Nur mit der Offenlegung aller Taten durch die Täter (und Behörden) kämen wir einer Versöhnung näher. Nicht durch oberflächliche Reueforderungen oder Reuekundgebungen , Spielfilme, Täterbiographien, politische, künstlerische, philosophischen Diskussionen usw. Fotos, Filme, Biographien usw bleiben in Banalität stecken.
    Das Schweigen hat in Deutschland Geschichte. und die Jugend möchte ihre eigene Geschichte schreiben. Hoffentlich eine bessere als die Nazigeneration und ihre Kinder
     
     

  5. interessant wäre übrigens auch eine ikonologische einordnung des schleyer-bildes, das als geradezu archetypisches symbol für die opfer des modernen terrorismus in deutschland ins kollektive gedächtnis eingegangen ist. schleyer, den daimler-chef e.reuter einst als 'in der wolle gefärbten nazi' bezeichnet hat, war nationalsozialist der ersten stunde, ss-offizier und glühender antisemit. er war bis 1945 leitender funktionär einer organisation, die u.a. für die 'arisierung' von wirtschaftsunternehmen und die rekrutierung von sklavenarbeitern in der tschechslowakei zuständig war und residierte in der zwangsenteigneten villa einer in auschwitz ermordeten jüdin. und er vollzog, wie so viele, bruchlos den übergang zum 'demokratisch gesinnten' nachkriegskarrieristen. eine rekonstruktion des prozesses, der aus einer, gelinde gesagt, widersprüchlichen persönlichkeit wie schleyer das widerspruchsfreie sinnbild des opfers terroristischer gewalt gemacht hat, gäbe sicher einigen aufschluss über den vergangenheitsbezug der deutschen gesellschaft (nicht nur der 70er jahre). welches bild besetzte heute die ikonologische stelle des entführungsfotos, wäre schleyer nicht von ideologisch bornierten linksterroristen ermordet worden, sondern 'opfer' der tschechischen résistance geworden.

  6. Dass diese Bilder nicht im kollektiven Gedächtnis hängeggeblieben sind, könnte auch damit zu tun haben, dass es eben doch nicht soooo viele Beteiligte - und sei es nur emotional Beteiligte - gibt, wie der Autor meint. Bereits den ein paar Jahre später Geborenen ist die RAF herzlich egal: Bestenfalls ein Rudel Krimineller mit wirren politischen Ansichten. Warum sollten wir uns um deren Ende groß scheren?
    Die 68'er, so heterogen, ja chaotisch diese Bewegung in ihrer Gesamtheit gewesen sein mag, haben es geschafft, die Gesellschaft nachhaltig zu beeinflussen. Die RAF nicht. Versunken und vergessen - das ist der Geschichte Fluch...

  7. Für Veiel kann es nur Selbstmord gewesen sein, er behauptet:

    "Da haben sich in Gestalt der Häftlinge Leute stellvertretend selbst ans Kreuz geschlagen."

    Veiel verrät aber dem Leser nicht, wie das technisch geht. Ebensowenig wie die offizielle BRD-Selbstmordversion erklären konnte, wie es technisch möglich war, dass Baader sich so von hinten in den Kopf schoss, dass zwischen Kopf und Mündung 30-40 cm Distanz war. Die Bilder vom Tod in Stammheim werden von den Linken nicht verdrängt, Erich Fried zum Beispiel ließ sich zu diesem Gedicht inspirieren:

    Zum Beispiel hat Andreas Baader
    Um vorzutäuschen
    Dass er ermordet wurde
    Seinen berühmten Selbstmord
    nicht nur begangen indem er sich
    hinterlistig
    so ins Genick schoss
    dass die Kugel zur Stirn heraustrat
    (noch dazu mit der rechten Hand
    obwohl er Linkshänder war)

    sondern er hat
    laut Befund des Ballistikexperten
    des Bundeskriminalamtes
    diesen Schuss aus einer Entfernung

    von dreißig bis vierzig
    Zentimetern zwischen der
    Mündung
    der Pistole und
    seinem Hinterkopf abgegeben.

    Das soll ihm mal einer nachmachen
    Da kann man nur sagen
    der Terrorismus
    hat einen langen Arm.

    Vielleicht ließe sich Fried, wenn er noch lebte, von veiel zu einem Gedicht anregen, wie sich ein Märtyper selbst ans Kreuz schlägt!

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  • Quelle DIE ZEIT, 07.08.2008 Nr. 33
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