Sachbuch Wir Abendländer
Wenn wir sterben, bleiben wir tot: Richard Rorty ironisiert in »Philosophie als Kulturpolitik« den Hochmut der Vernunft
Es klingt bitter, aber es ist so: Für Philosophen interessiert sich kein Mensch mehr. Gefragt sind sie nur, wenn die halbe Welt bereits in Schutt und Asche liegt oder alles »zusammenzubrechen scheint«. Aber sonst? Der Sturm hat sich gelegt. Die großen Kontroversen sind vorüber, den Rest findet man nicht mehr »spannend«. Die Intellektuellen sind pragmatisch geworden und huldigen dem Common sense. Er lautet: Statt heiligen Wahrheiten hinterherzujagen, sollten wir uns damit abfinden, dass wir »Tiere einer Spezies sind, die sich im Laufe ihrer Entwicklung selbst erfindet«. Und wenn wir sterben, dann bleiben wir auch tot. Damit verliert das Unendliche seinen Reiz und mit ihm auch die Philosophie. Ist das schlimm? Nein, etwas Besseres als die schwindende Bedeutung der Philosophie kann der Menschheit gar nicht passieren. Für »Philosophen, die diese Entwicklung für richtig halten«, gibt es sogar einen hübschen Trost: »Sie dürfen sich mit einer gewissen Wehmut an ihrer eigenen, stetig zunehmenden Bedeutungslosigkeit erbauen.«
Diese Sätze stammen – ausgerechnet – von Richard Rorty, dem verehrungswürdigen, im vergangenen Jahr gestorbenen amerikanischen Philosophen, von dem unter dem abschreckenden Titel Philosophie als Kulturpolitik posthum eine Aufsatzsammlung erschienen ist. Rorty war ein Fall für sich. Je eindringlicher er den Bedeutungsverlust philosophischer Wahrheiten begrüßte, desto populärer wurde sein eigenes Denken. Denn während der Philosoph mit der linken Hand seine Disziplin entzauberte, machte er mit der rechten seinen Leser ein Angebot, das so verlockend war, dass dieser es kaum ausschlagen wollte. Rortys Vorschlag, unterbreitet in dem Buch Kontingenz, Ironie und Solidarität, bestand, grob gesagt, in einer Art Zwei-Welten-Lehre. Sie sollte den unsinnigen, gut zweihundert Jahre alten Streit zwischen Aufklärern und Romantikern beenden und beiden zu einem friedlich-schiedlichen Beisammensein verhelfen.
Diese Zwei-Welten-Lehre geht so: Wir, die Insassen der Moderne, sollten aufhören, uns über Freiheit, Fortschritt und Demokratie zu mokieren, das sei reaktionär und ein sinnloser Aufstand gegen die Aufklärung. Andererseits: Wenn wir gute Demokraten sind, dann spräche nichts dagegen, in unserem Herzen erfinderische Romantiker zu sein. Frank und frei könnten wir im imaginären Museum der Philosophie-Geschichte ein und ausgehen und uns aufs Schönste neu erfinden. Kurzum, Rorty gab Entwarnung und beruhigte die Alarmisten. Intellektuelle Snobs wie Nietzsche oder temporäre Nazis wie Heidegger dürften wir zur privaten Selbsterhellung durchaus studieren und daraus existenzielle Funken schlagen. Nur eines sollten wir besser bleiben lassen: Ihre Bücher als politische Anweisung zu verstehen, denn für die Politik seien andere Denker zuständig, zum Beispiel der amerikanische Pragmatist John Dewey.
Tatsächlich glaubte Rorty, die Bewohner eines liberalen Gemeinwesens, die im Herzen wilde Romantiker und im Kopf demokratische Bürger sind, trügen dieses Doppelleben mit Fassung oder noch besser: mit Ironie. Denn Ironie ist Fanatismusvermeidung. Ein Ironiker weiß, dass man jede Sache auch anders betrachten kann. Er sucht keine ewigen Wahrheiten, sondern belastbare Vorschläge zur Verbesserung der Welt. Rorty nennt das Fortschritt.
Die Religion ist ein lebensgefährlicher Stoff
Wie leichthändig er die dicken Mauern philosophischer Weltgebäude nach hohlen Stellen abklopfte; wie elegant Rorty philosophische Wahrheiten auf kleiner Flamme weich kochte und sie unterm Äthergeist einer sanften Ironie verdampfen ließ – das brachte viele Philosophen zur Weißglut und provozierte manch legendären Wutausbruch. Auch sein Verständnis von Religion war nicht das, was Theologen glücklich macht, denn für Rorty waren Ewigkeitswahrheiten ein lebensgefährlicher Stoff, von dem man besser die Finger lässt. Die Religion bringe amerikanische Präsidenten um den Verstand und verwandele anderenorts islamische Gläubige in fundamentalistische Killer. Für Rorty war es so sicher wie das Amen in der Kirche: Die Zukunft gewinnt man nur, wenn man die Suche nach Ewigkeit aufgibt.
Wer nachlesen will, wie federnd und elegant Rorty sein Florett führte, dem sei diese Aufsatzsammlung empfohlen. Die Lektüre ist allerdings nicht ohne Risiko. Rortys Aufsätze sind thematisch weit gefächert, man könnte auch sagen: ziemlich disparat. Die Leichtfüßigkeit seiner makellosen Sprache täuscht über den Schwierigkeitsgrad dieses scharfsinnigen Denkers hinweg und ist harte Kost für ein Publikum, das an den Seifenblasen von Philosophie-Entertainern Gefallen findet. Und die schwebende, von Joachim Schulte wunderbar in die Übersetzung gerettete Ironie lässt gern vergessen, dass Rorty eben eines nicht war: ein Relativist, der sich über »heilige Wahrheiten«, zum Beispiel über die Menschenrechte, hinwegsetzt, weil diese sich als universelle Wahrheit nicht begründen lassen.
Der Westen sagt viel zu oft: »Ich vernünftig, Du Jane«
Es stimmt, Rorty, der unmissverständlich Linksliberale, war ein amerikanischer Patriot, wie es ihn wohl nur in den Vereinigten Staaten gibt. Aber er war nicht das, was Renegaten und Neocons hierzulande gern aus ihm gemacht hätten – ein militanter Postmoderner, der den UN die kalte Schulter zeigt und für seinen Präsidenten geistig in die Schlacht zieht. Rorty sagt eben nicht: »Andere Länder, andere Sitten.« Im Gegenteil, es gab für ihn nichts Schlimmeres als Grausamkeit und Unfreiheit. Aber Rorty wollte dem westlichen Universalismus, der diese Grausamkeit und Unfreiheit bekämpft, die Arroganz ausreden, die Anmaßungen der Vernunft und damit jede Geste von Macht.
In einem Aufsatz über Solidarität in der Weltgesellschaft fragt Rorty, warum der westliche Universalismus in der nichtwestlichen Welt so wenig Freunde findet. Warum sind viele Menschen so »unvernünftig« und wollen unserer fabelhaften abendländischen Rationalität nicht nacheifern? Rorty sagt es recht hemdsärmelig mit einem Satz des Philosophen Ian Hacking: Weil der Westen den Angehörigen anderer Gesellschaften mit dem Satz begegnet »Ich vernünftig, Du Jane.« Doch die Rationalität, auf die sich der Westen stolz beruft, existiert für Rorty nicht. Es gibt für ihn keine transkulturell gültigen moralischen Aussagen, keine abstrakte Autorität namens Vernunft. Anders als Jürgen Habermas glaubt er nicht daran, es gebe eine »kontextfreie gültige Vernunft«, die wir nur anrufen müssen, damit sie uns den Weg weist und »irgendwelche Verfügungen erlässt«. Die Verfügungen der Vernunft, die in Majuskeln am Himmel der Weltgesellschaft zu lesen sind, haben wir zuvor selbst hinaufprojiziert.
Damit wird die Lage recht ungemütlich. Wenn es keine kontextfrei gültige, für alle einsichtige Vernunft gibt, dann bleibt »loyalen Abendländern« nur eine einzige Möglichkeit, den Mitgliedern anderer Kulturen zu begegnen: die behutsame Überredung. Genau das ist Rortys Rezept. Er will anderen Kulturen westliche Errungenschaften »antragen« und »vor Augen führen«. In diesem Verfahren ist die Vernunft nicht mehr eine letztgültige Quelle von Autorität; sie ist lediglich der Prozess, Übereinstimmung in wichtigen Dingen herbeizuführen. »Ich glaube, dass die Rhetorik, die wir benutzen, wenn wir versuchen, alle anderen dazu zu bringen, uns ähnlicher zu werden, mehr ausrichten könnte, wenn wir uns mehr ethnozentrisch gerierten und weniger Bekenntnis zum Universalismus ablegten.«
Das heißt für Rorty: Wir sollten einem Fremden nicht länger als jemandem begegnen, der einen »überlegenen Gebrauch von seinen universellen Fähigkeiten macht, sondern als Erzähler, der von einer lehrreichen Geschichte zu berichten weiß«. Wenn wir eine Gemeinschaft des »Vertrauens zwischen uns und den anderen aufbauen«, könnten wir »Nichtabendländer besser von den Vorteilen eines Beitritts zu dieser Gemeinschaft überzeugen« und sie dazu bewegen, sich die »westlichen Errungenschaften« zu eigen zu machen: »Die Sklaverei abschaffen, religiöse Toleranz praktizieren, Frauen ausbilden…«
Diese Sätze stammen ersichtlich aus der Zeit vor dem Irakkrieg, ehe ein von neokonservativen Intellektuellen angespornter US-Präsident das Ansehen der »westlichen moralischen Führungsmacht« ruiniert und dem sendungsbewussten Universalismus ein schwarzes Kapitel hinzugefügt hat. Seitdem hat die Kombination aus »Washington Consensus«, U. S. Army und Demokratie-Export in der Welt nicht mehr viele Freunde. Und seitdem ist auch die Erfolgsgeschichte, die Rortys Erzähler anderen Kulturen »antragen« will, nicht attraktiver geworden. Welche Erzählung will er erzählen? Anders gefragt: Könnte es sein, dass nach dem Drama der amerikanischen Selbstentzauberung nur noch die alten, von Rorty beargwöhnten abstrakten Ideale übrig bleiben – nebst den schwachen globalen Institutionen, die sie verteidigen?
- Datum 07.08.2008 - 15:15 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 07.08.2008 Nr. 33
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Natürlich gibt es keine moralische Letztbegründung im strengen Sinne, wie sollte sie auch konkret aussehen? Aber eine Art von letztgültiger, nicht mehr hintergehbarer moralischer Grundlage existiert doch, nämlich der Humanismus, da dessen Alternative schlicht der Antihumanismus wäre, den man vernünftigerweise nicht wollen kann. Denn der Antihumanismus schlüge auf den ihn wollenden bzw. ausübenden Menschen zurück, was dieser wiederum nicht gut wollen kann, weil ihm dadurch Schaden zugefügt würde. Wer kann schon vernünftigerweise wollen, dass ihm Schaden entsteht durch ein Verhalten, welches er selbt gebilligt hat? In diesem Sinne ist dann doch der Versuch, die "Vernunft" endgültig aus dem philosophischen Spiel zu nehmen, zum notwendigen Scheitern verurteilt.
Und das ist gut so!
Denn auch die schönste Ironie vermag Vernunft nicht zu ersetzen...
Man versuche nur mal, nicht vernünftig zu handeln, sondern ironisch!
rheinelbe
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