Olympia Achtung, fertig – los!

Heute werden die 29. Olympischen Spiele in Peking eröffnet. Zwanzig Fragen zur Feier, beantwortet von Wang Xiaoshan, Georg Blume und Frank Sieren

1 Wie wird China den Beginn der Olympischen Spiele feiern?

Im neuen Olympiastadion werden am Freitag 160000 Menschen zusammenkommen, Chinesen und Gäste. Nach dem Singen der chinesischen Nationalhymne und dem Hissen der Flagge werden die Sportler ins Olympiastadion einziehen. Dann wird Staatspräsident Hu Jintao die Spiele offiziell eröffnen. Das olympische Feuer wird entzündet werden. Die Feier wird insgesamt dreieinhalb Stunden dauern. Der Ablauf wird so verschwiegen behandelt wie ein Staatsgeheimnis. 50 Minuten stehen dem chinesischen Starregisseur Zhang Yimou (House of Flying Daggers) für eine gigantische Unterhaltungsshow zur Verfügung. Weil sich vor einigen Tagen Journalisten zur Generalprobe einschlichen, weiß man ungefähr, was die Zuschauer erwartet – Akrobatik und Kampfkunst mit mehr als 10000 Schauspielern. Und Feuerwerk. Die Show soll die Geschichte Chinas symbolisieren. Bei der Probe schwebte ein Globus in der Mitte des Stadions, ans Tribünendach wurden Wale projiziert.

2 Der Multimediakünstler Andree Verleger aus Düsseldorf ist der einzige Deutsche, der an der Feier mitgearbeitet hat. Verrät der mehr?

Auch er macht ein Geheimnis daraus. »Ich arbeite mit der Magie des Bildes und der Interaktion von Personen und projiziertem Bild«, sagt er nur.

3 Stimmt es, dass der Hollywood-Regisseur Steven Spielberg auch helfen wollte, aber abgesagt hat?

Ja. Wegen der Unterstützung Chinas für den Sudan, der in seiner Provinz Darfur morden lässt.

4 Wer darf bei der Feier nun zuschauen?

Es wurden 91000 Eintrittskarten ausgestellt. 28000 davon waren nicht verkäuflich. Sie sind reserviert für Funktionäre, Medien-, Verbandsvertreter. Von den übrigen 63000 Karten wurden 26000 in China über Internet, Hotlines und lokale Stellen verkauft, der Rest ging ins Ausland.

5 Hatten Einheimische eine Chance, an Karten zu kommen?

Die Nachfrage überstieg deutlich das Angebot. Zum Schluss bildeten sich lange Schlangen an den Kassen vorm Stadion. Viele Leute hatten sich schon zwei Tage vorher angestellt und in Zelten übernachtet. Einen Abend vor dem Verkauf herrschte auf dem Platz vor dem Stadion Volksfeststimmung. Es wurde gegrillt und getrunken.

6 Wann werden die deutschen Athleten ins Stadion einziehen?

Die Deutschen gehören zu den letzten Nationen, die ins Stadion einziehen werden – als 197. Mannschaft von insgesamt 205. Das liegt daran, dass mit jenen Nationen begonnen wird, die sich auf Chinesisch einfach schreiben. »Deutschland« ist ein recht kompliziertes Schriftzeichen.

7 Kommen alle Sportler zur Feier?

Nein. Für Deutschland nehmen 440 Sportler an den Spielen teil, am Einmarsch ins Stadion nur gut die Hälfte – ähnlich ist das wohl auch bei den anderen Nationen. Viele, die in den folgenden Tagen Wettkämpfe bestreiten müssen, wollen sich schonen. Wie viele Sportler aus Protest gegen Menschenrechtsverletzungen in China der Eröffnungsfeier fernbleiben, ist nicht bekannt.

8 Was würde geschehen, wenn Sportler bei der Feier eine Tibet-Fahne zeigten?

Die chinesische Regierung würde die Sportler entsprechend abmahnen, vielleicht sogar von den Wettbewerben ausschließen. Die Sympathie im chinesischen Publikum hätten sich diejenigen auf jeden Fall verspielt. Die bisherigen Proteste im Ausland sind in China auf großes Unverständnis gestoßen und oft als Beleidigung aufgefasst worden.

9 Welche prominenten Gäste werden erwartet?

Angekündigt haben sich unter anderem die Regierungschefs der G-8-Industrienationen, also auch George W. Bush und Nicolas Sarkozy – nur nicht Angela Merkel und der kanadische Premierminister Stephen Harper. Merkel ließ mitteilen, es sei nicht üblich, dass deutsche Regierungschefs an der Eröffnungsfeier von Olympischen Spielen teilnähmen.

10 Und was macht Angela Merkel am Freitag?

Sie ist offiziell seit zwei Wochen im Urlaub.

11 Wer ist der höchste Repräsentant Deutschlands bei der Feier?

Der deutsche Botschafter Michael Schaefer. Er lebt seit 2007 in China, zuvor hat er in Berlin und Singapur gearbeitet. Schaefer hat sich bisher zu den Anti-Olympia-Protesten nur vage und diplomatisch geäußert. »Nicht das Ausland wird China zu einer neuen Gesellschaft umformen«, sagte er. »Aber der Westen kann helfen. Was China braucht, ist Zeit.«

12 Werden Chinesen die Aufmerksamkeit der Welt nutzen, um auf Missstände in ihrem Land hinzuweisen?

Am Tiananmen-Platz im Herzen der Stadt sind Demonstrationen strengstens verboten. Aber Proteste sind offiziell an drei Orten erlaubt. Man müsse sie fünf Tage im Voraus anmelden, heißt es bei den Behörden. Es kam jedoch bisher nicht zu Protesten, wahrscheinlich werden gar keine Genehmigungen ausgestellt. Ein Antragsteller ist bereits verhaftet worden. Viele Kritiker der Olympischen Spiele sind bereits der Stadt verwiesen worden.

13 Äußern sich die Dissidenten zu Olympia?

Sie werden strenger als sonst bewacht. Aber der ein oder andere findet schon einen Weg, sich Gehör zu verschaffen. Nach allem, was in Peking zu erfahren ist, kritisiert keiner von ihnen die Tatsache, dass die Spiele in China stattfinden. Fast alle sehen in Olympia eine Chance für die politische Öffnung. In der Diskussion um die Internetzensur, die der Westen heftig kritisierte, haben sie eine erstaunliche Meinung: Dass die Zensur zumindest teilweise aufgehoben wurde, empfinden manche als Erfolg – so ernüchtert sind sie schon.

14 Freuen sich wirklich alle Chinesen über Olympia?

Die Begeisterung ist groß, auch für die Sportler. An Doping denkt zurzeit keiner. Die Regierung achtet sehr darauf, keinen nationalistischen Eindruck zu erwecken. Die Zuschauer werden sogar aufgefordert, ausländische Sportler anzufeuern. Auf der Straße hört man aber auch Kritik an den Spielen: Peking profitiere zu sehr, der Rest des Landes zu wenig. Die Spiele seien zu teuer. Die Prachtbauten westlicher Architekten entsprächen nicht dem chinesischen Geschmack.

15 Die Feier findet am 8.8. statt, sie beginnt um 20.08 Uhr. Woher die Begeisterung für die Zahl 8?

Acht spricht man im Chinesischen ähnlich aus wie das Wort für reich werden. Deshalb ist die Acht die chinesische Glückszahl. Vier dagegen ist Chinas Unglückszahl. Sie spricht sich ähnlich aus wie das Wort für Tod.

16 Ist die Eröffnungsfeier überhaupt sicher?

Offenbar schon. Das Attentat von Kashgar mit 16 toten Polizisten am Montag bestätigt die Parteifunktionäre in ihrem Sicherheitswahn. 100000 Militärpolizisten befinden sich im Einsatz. So viel Militär war seit der blutigen Niederschlagung der Studentenrevolte 1989 nicht mehr in der Stadt. An Flughäfen und Bahnhöfen halten Polizisten Reisende auf, um sie von Kopf bis Fuß mit Sicherheitsgeräten abzutasten. Mehrere Hunderttausend Pekinger, darunter viele Rentner, sind als freiwilliges Sicherheitspersonal mobilisiert. Sie bewachen praktisch jede Straßenecke. Viele Bürger nervt das. Alle Veranstaltungen, die dichtes Menschengedränge mit sich bringen können, sind verboten.

17 Der Staat hat vor Olympia eine Kampagne für gutes Benehmen während der Spiele gestartet. Hat sie etwas bewirkt?

Die Chinesen benehmen sich allein aus Ehrfurcht vor der Veranstaltung besser. Alle nehmen sich ein bisschen zurück. Die Autos fahren langsamer. Dennoch sieht man noch viele, die die alten Angewohnheiten nicht abgelegt haben und noch immer beherzt auf die Straße spucken oder sich an der Bushaltestelle nicht anstellen.

18 Das Stadion haben Schweizer Architekten mitgebaut. Hatten sie keine Bedenken, für einen autoritären Staat zu arbeiten?

»Nicht der moralisch denkende Mensch, sondern nur ein Idiot hätte sich dieser Chance verweigert, hätte Nein gesagt. Ich weiß, es gibt Architekten, die nun behaupten, sie hätten nie auch nur daran gedacht, in China zu bauen. Das ist eine weltfremde, auch arrogante Haltung, ohne Kenntnis und Respekt vor der unglaublichen kulturellen Leistung, welche das Land kontinuierlich über die letzten 5000 Jahre erbracht hat und bis heute erbringt.«

Jacques Herzog vom Architekturbüro Herzog & de Meuron, Basel

19 Welche Fernsehkommentatoren werden die Eröffnung begleiten?

Wegen des sechsstündigen Zeitunterschieds beginnt die Liveübertragung bei der ARD bereits um 13 Uhr, sie endet um 18 Uhr. Moderatoren sind Sandra Maischberger und Ralf Scholt. Maischberger sagt über diese Aufgabe, sie sei »der Höhepunkt meiner journalistischen Laufbahn«.

20 Wie wird das Wetter am Freitag?

Es soll ein wolkiger Tag werden. Die Regenwahrscheinlichkeit bei der Eröffnungsfeier beträgt 41 Prozent. Laut Pekinger Morgenpost haben Meteorologen vor, drohenden Regen mit Hilfe von Silberjodidraketen zu unterbinden, sollte er die Eröffnungs- oder Schlussfeier bedrohen. Pekinger Meteorologen sagen einen eher feuchten, heißen August voraus. Zwei bis drei Taifune könnten die Küstenstädte treffen, insbesondere den Austragungsort der Reitwettkämpfe, Hongkong. Statistisch sollte es an jedem dritten Tag in Peking regnen. Das wäre immerhin gut gegen Smog. Seit nur noch die Hälfte aller Autos fahren dürfen und die meisten Fabriken abgeschaltet sind, ist der Himmel beinahe blau.

 
Leser-Kommentare
  1. Weil jetzt bestimmt gleich wieder das übliche China-Bashing losgeht, mal als Anregung für eigene Gedanken ein lesenswerter Telepolisartikel:http://www.heise.de/tp/r4...Merke:Auch die "Freie Welt" foltert - nur nicht so oft.Auch die "Freie Welt" zensiert - nur nicht so viel.Blindheit ist der Ursprung aller Arroganz

  2. Beijing, ich drücke Dir die Daumen! Viel Erfolg mit dem Olympischen Spiel!

  3. Das Olympische Spiel wird trotz dem westlichen Neid, Angst und zahlreichen Beleidigungen offiziell eröffnet. 104 staatlichen Delegationen werden an der Eröffnung in Beijing teilnehmen.

  4. Ich bin so aufgeregt, als ein im Ausland lebender normaler chinesischer Bürger freue ich mich so sehr auf die Spiele. Gib Gas, Beijing!

  5. Eine Olympiade abhalten zu koennen ist Ruhm, daraus ein besser China zu hoffen ist Traum.
    Man fechtet mit Erz politsche Feinder mit aller poltischer Mittel an, aber stoerte nicht seine Hochzeit.
    Moege ein erfolgreich Olympiade, fuer China, auch alle Sportler Lieber in der Welt.
    http://kommentare.zeit.de/user/runzheim/beitrag/2008/08/07/ruhm-und-traum
    sieht fern, schreibe

  6. SPRITZENSPORT
    Gut gepasst hätte bei der Eröffnungsfeier der Massentanz um eine riesige Spritze.
    Die "olympischen" Spiele snd eine Karikatur der ursprünglichen Idee. Das Geld hätte man lieber für andere Zwecke ausgegeben. Positiv zu werten ist, dass die Selbstdarstellung eines diktatorischen Regimes wohl nicht glücken wird. Ansonsten kann man nur allen Beteiligten vor Ort wünschen, dass die Luft nicht zu dick wird.
    rheinelbe

  7. Frage, die Frage Nummer 21, ist für mich: Wer, ausser mir, boykottiert die "Spiele" noch?

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    Zumindest in meinem Bekanntenkreis tendiert das Interesse stark gegen Null.Einige Meinungen:Wer beim Dopen negativ ist, war bestimmt nur schlauer.Das ganze ist eine grosses Kommerz-Event.Olympia bewegt sich inzwischen auf dem Niveau von "Wetten das" oder "Deutschland sucht den Superstar"Diese Olympiade ist eine Diktatur-Promotion - ähnlich wie 1936

    Zumindest in meinem Bekanntenkreis tendiert das Interesse stark gegen Null.Einige Meinungen:Wer beim Dopen negativ ist, war bestimmt nur schlauer.Das ganze ist eine grosses Kommerz-Event.Olympia bewegt sich inzwischen auf dem Niveau von "Wetten das" oder "Deutschland sucht den Superstar"Diese Olympiade ist eine Diktatur-Promotion - ähnlich wie 1936

  8. Zumindest in meinem Bekanntenkreis tendiert das Interesse stark gegen Null.Einige Meinungen:Wer beim Dopen negativ ist, war bestimmt nur schlauer.Das ganze ist eine grosses Kommerz-Event.Olympia bewegt sich inzwischen auf dem Niveau von "Wetten das" oder "Deutschland sucht den Superstar"Diese Olympiade ist eine Diktatur-Promotion - ähnlich wie 1936

    Antwort auf "Die wichtigste"

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  • Quelle DIE ZEIT, 07.08.2008 Nr. 33
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