Internet
Alles umsonst
Ein erfolgreiches Internetangebot aus Amerika bedroht die Zukunft des gedruckten Wortes. Das brauchen wir aber mehr denn je
Kriege wie der in Georgien sind gut fürs (Zeitungs-)Geschäft, Krisen auch, jedenfalls wenn sie sich nicht so endlos hinziehen wie die der SPD. Denn mit dem Neuen (und Gefährlichen) wächst die Neugier und mit ihr die Nachfrage nach Erklärung, Einordnung, Deutung. Aber ansonsten geht das Geschäft nicht so gut. Warum der Zustand unseres Gewerbes Sie, liebe Leser, interessieren sollte, erfahren Sie gleich.
Vorweg die Zahlen: Im zweiten Quartal verloren die deutschen Tageszeitungen 2,2 Prozent der Auflage gegenüber 2007. Es lohnt sich auch, einen Blick nach Amerika zu werfen, da fast alles, was dort entsteht, irgendwann über den Atlantik kommt. Dort geht die Auflage seit Jahren stur um 2,5 Prozent zurück, die Werbeeinnahmen fielen 2007 um fast zehn Prozent, der Börsenwert der New York Times hat sich in sechs Jahren gedrittelt.
Was dräut dann morgen? Nichts Gutes, und ein Grund ist die Huffington Post, die hier als paradigmatisches Beispiel für die nicht so schöne neue Medienwelt herhalten soll. Im Jahre 2005 von der einstigen Millionärsgattin Arianna Huffington in Los Angeles gegründet, enthält die HuffPost kein gedrucktes Wort. Sie ist eine reine Internetzeitung, hat weder Korrespondenten noch Austräger. Sie hat 5,5 Millionen regelmäßige Leser im Monat, und obwohl sie keinen Cent kostet, soll ihr Marktwert 80 Millionen Dollar betragen. Nicht umwerfend. Aber lauschen wir dem dürren Urteil des Medienexperten Andrew Keen im Prospect Magazine (London):
»Wie Google das Informationswesen revolutioniert, YouTube das Fernsehen erschüttert und Wikipedia das Lexikon umgeschrieben hat, ist die Huffington Post dabei, den Markt des öffentlichen geistigen Lebens umzustülpen.«
Wie das? Mit einem genialen Geschäftsmodell: Die HuffPost zahlt nichts – genauso wie die anderen Umstürzler YouTube oder Facebook, die Unmengen an Information von ihren Usern geschenkt bekommen und daraus eine Werbeplattform zimmern. Der normale Verleger entlohnt seine Autoren, Redakteure und Korrektoren. Die HuffPost kommt mit einer Mini-Truppe von 50 Leuten aus, die New York Times hat an die 1000 Redakteure. Logisch, dass die Times bei diesen Fixkosten mit Onlinewerbung nichts verdient, während die HP sechs bis zehn Millionen Dollar kassiert. Den geschenkten Content kriegt sie aus zwei Quellen.
Die eine, das ist das absolut Neue, sind oder waren Huffingtons Promi-Freunde – Norman Mailer, Edward Kennedy, Mia Farrow, Richard Dawkins. Dazu kommt eine Reihe handverlesener Blogger. Alle liefern ihre Meinungen »für lau«, weil sie in der kostbarsten aller Währungen bezahlt werden: mit Aufmerksamkeit. So bleiben sie im öffentlichen Fokus, so gibt es Buchkontrakte, TV-Auftritte, Rednerhonorare. Daran ist nichts Anstößiges; wie einst Rockefeller verschenkt man die Lampen, um es über den Petroleumpreis wieder reinzuholen. Problematisch, ja parasitär wird’s bei der zweiten Quelle: den Links zu fünf Dutzend Zeitungen, Zeitschriften und TV-Anstalten, die ihre Journalisten sehr wohl bezahlen müssen – zum Beispiel die McClatchy-Gruppe (Miami Herald), die gerade 1400 Leute gefeuert hat. Dazu zwei Dutzend berühmter Kolumnisten, die nicht von Arianna H., sondern ebenfalls von ihren Blättern bezahlt werden.
Nun will die HuffPost noch weiter in die kostenlose Aufmerksamkeits-Ökonomie eindringen: überall im Lande, wie zunächst in Chicago, Lokalredaktionen mit einem einzigen Redakteur aufbauen, der unbezahlten Content aus »lokalen Quellen« und von »Bürger-Reportern« bezieht. Eine reich gedeckte Tafel und umsonst? Die Kosten sind in Wahrheit gewaltig. Woher weiß denn der Leser, was sonst noch in der Welt abläuft? Am Dienstag titelte die HuffPost ganz konventionell: »Russland stoppt Militäraktion in Georgien.« Aber es war eine reine AP-Geschichte. Und deren Korrespondenten werden zusammen mit den »richtigen« Zeitungen dahinschwinden. Jedenfalls schließen die amerikanischen Tageszeitungen ein Auslandsbüro nach dem anderen. Wie werden wir dereinst wissen, ob die Huff- Storys richtig oder falsch sind?
Was macht der richtige Journalist? Er trennt das Interessante vom Blöden
Der Medienexperte Andrew Keen: »Derweil das traditionelle Zeitungsgewerbe wegschmilzt, drohen die Medien zum surrealen Kettenbrief digitaler Illusionen und Täuschungen zu werden, wo die Fakten durch Meinungen und die professionellen Nachrichtensammler von durchgeknallten Kommentatoren ersetzt werden.«
Wenn wir nicht mehr wissen, was Sache ist, wie können wir dann gute, also gut informierte Demokraten sein? Der Bürger-Reporter macht’s leider nicht wett. Deren Content, urteilt das Project for Excellence in Journalism, »enthält wenig, was neu oder überprüfbar wäre«.
Was macht denn der richtige Journalist? Er trennt das Interessante vom Belanglosen und Blöden. Er sortiert und wählt aus. Er macht uns neugierig, aber nicht (oder nicht nur) mit der neuen Verlobten von Boris Becker. Seine Daseinsberechtigung ist die Autorität, hinter der sich Kenntnis und Erfahrung verbergen. Bis jetzt lebt die parasitäre Aufmerksamkeits-Ökonomie von den Profis, die von schrumpfenden Zeitungen entlohnt werden. Und wenn die dahingeschieden sind? Dann hätte die Schmarotzerpflanze den Baum umgebracht, und Arianna H. wird uns in ihrem Blog erzählen können, was sie will. Denn wenn es bei minus 2,5 Prozent im Jahr bleibt, wird die letzte Zeitung etwa 2048 im Briefkasten liegen.
Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio
- Datum 26.8.2008 - 10:22 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 14.08.2008 Nr. 34
- Kommentare 3
- Empfehlen E-Mail verschicken | Bookmarks
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:






Sorry, aber hier muss ich Veto einlegen. Dazu zwei Überlegungen: 1. Hauptvorwurf an die Adresse der Huffingon Post ist das Abschreiben. Statt eigene Redakteure Fakten selbstständig recherchieren zu lassen, die Spreu vom Weizen zu trennen und das Resultat als eigene Arbeit zu veröffentlichen, sammelt die HuffPost die Infos im Netz und macht sich somit die von anderen finanzierte Arbeit anderer zu nutze. Natürlich kann (und sollte) man das kritisieren, aber nicht, wenn man es ähnlich macht! Ich bin Fan von Schalke 04 und als solcher lese ich natürlich nach einem Spiel nahezu alles im Netz, was über das letzte Spiel geschrieben wird. In diesem Fall war das letzte Spiel gestern abend, das Hinspiel der Qualifikation zur Champions League. Seltsamerweise ist nahezu alles, was darüber heute morgen im Netz zu lesen ist, nahezu deckungsgleich. Teilweise sind ganze Sätze, ja ganze Absätze identisch. Klar, die Einleitung und der letzte Satz, auch der Titel unterscheidet sich (und auch der nicht immer), aber der Rest? Des Rätsels Lösung ist ganz einfach: Eine Textagentur liefert den fertigen Text, der von der Redaktion nach belieben 1:1 übernommen oder erweitert bzw. abgeändert werden kann. Seit Jahren senken die Redaktionen ihre Kosten dadurch, dass sie eigene Redakteure feuern und fertige Textbeiträge einkaufen, die sie dann leicht modifizieren, um so eine Eigenleistung vorzugeben, die nicht erbracht wurde. Insbesondere die Interntversionen deutscher Zeitungen und Zeitschriften jeglicher Art verfahren im extremen Maße so. Der Vorwurf von Josef Joffe an die HuffPost ist ergo zwar berechtigt, trifft aber die deutsche Zeitungslandschaft ebenso. Es sind die Verlage, die den Weg angelegt und geteert haben, auf dem die HuffPost jetzt erfolgreich fährt. 2. Das ausgedünnte Redaktionsnetz hat bereits dazu geführt, dass bestimmte Informationen nicht mehr vor Ort gegengecheckt werden können. Natürlich sind Blogger und Privatredakteure kein Ersatz für ausgebildete Fachleute, die , wie Joffe schreibt, eben das "Interessante vom Belanglosen und Blöden" trennen können, aber: Sie sind vor Ort! Filtern muss dann halt der Konsument, sprich der Leser. Dafür aber erhält er Informationen aus erster Hand. Damit leisten diese Menschen etwas, was die Zeitung heute leider nicht mehr leistet, aber für sich in Anspruch nimmt. Fakt ist, den eigenen Ansprüchen können viele Medien aus Kostengründen nur beschränkt entsprechen. Das ist unter den Rahmenbedingungen, unter denen die Verlage heute arbeiten müssen, durchaus nachvollziehbar (und selbstredend bedauerlich), führt aber eben dazu, das die ungefilterte Information von Menschen vor Ort als Quelle mangels Alternative gerne genommen werden. Und führt dazu, dass es für Regierungen, selbst solche, die diktatorisch und ohne jegliche Rücksichtnahme agieren, verdammt schwer wird, Dinge geheim zu halten oder zu vertuschen. Glaubt denn wirklich jemand, dass wir im China Ende des letzten Jahrhundert erfahren hätten, dass die Fernsehbilder zur Eröffnung der Olympischen Spiele manipuliert waren? Nein, nur weil das Internet auch eine globale Kontrollfunktion erfüllt, erfahren wir die Dinge direkt von denen, die sie heute nicht mehr vertuschen können. So behalten sie zumindest die Interpretationshoheit.Ich folge den Schlussfolgerungen von Josef Joffe nur sehr ungern, weil mir eine Zukunft ohne Zeitung Angst macht. Dennoch teile ich sie: Wir befinden uns auf einer Abwärtsspirale. Sinkende Auflagenzahlen führen zu weniger Einnahmen, führen zu weniger Redakteuren und somit zu mehr Platz, in die "Bürger-Reporter" stoßen können und werden. Und somit leidet natürlich die objektive Qualität der Berichterstattung und das fordert vom Leser/User/Konsumenten zusätzliche Qualifikationen, die er zumindest derzeit noch nicht hat. Er muss nun die Spreu vom Weizen trennen, das Belanglose vom Wichtigen. Und er muss "erlesen", was Fakt und was Meinung ist. Wenn schon viele deutsche Journalsiten hier keine Trennung machen (können), wer will das von "Bürger-Reportern" verlangen?Nur: Wer immer dies kritisiert, muss halt auch erwähnen, dass die Verlage selbst diese Entwicklung einleiteten oder zumindest massiv unterstützten, dadurch, dass sie bereits ohne Druck, aus Gewinnmaximierunginteressen heraus, Qualität opferten, ihr Redaktionsnetz ausdünnten und begannen, den Brei der anderen umgerührt und neu gewürzt als eigene Wortpampe zu vermarkten.Jetzt laut "Haltet den Dieb" zu rufen ist schlichtweg bigott!(Text bereits gebloggt auf www.politisierer.de)
Es grenzt schon an eine Peinlichkeit, dass dieser Artikel auf der Aufmacherseite der ZEIT gedruckt wurde. Statt Selbstmitleid zwischen den Zeilen zu verstecken sollten Sie lieber offen kommunizieren, dass die etablierten Verlage den Einstieg ins Internet gänzlich verpennt haben und jetzt von Existenzängsten geritten werden - das zeigt sich nicht zuletzt in der rauschhaften Shoppingtour des Holtzbrinck-Verlages quer durchs Internet. Wachen Sie endlich auf und begegnen Sie den Herausforderungen des neuen Zeitalters nicht mit Selbstmitleid, sondern mit Innovationen! Alles andere ist nur peinlich.
Ja... und? Was gedenkt der kluge Herr Joffe als Lösung gegen den technologischen Fortschritt vorzuschlagen, um sich weiterhin die Pfründe zu sichern? Das ist eine merkwürdig perspektivearme Lobbyarbeit in eigenen und des BDZV Diensten.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren