Es war am Mittwoch, dem 17. August 1938, vor genau siebzig Jahren, als sich im Schweizerischen Bundeshaus in Bern die zuständigen Minister und Polizeidirektoren aus 23 Kantonen versammelten, um eine Situation zu diskutieren, die es in der Schweiz so noch nie gegeben hatte. Die Männer erschienen auf Einladung von Heinrich Rothmund, dem Chef der Eidgenössischen Fremdenpolizei und einflussreichsten Beamten des Justiz- und Polizeidepartements. Seinem Büro waren äußerst alarmierende Berichte von der Grenze zugegangen: Täglich flohen jüdische Menschen aus dem ans Deutsche Reich »angeschlossenen« Österreich ins Land. Sie kamen zu Dutzenden oder in kleinen Gruppen. Sie meldeten sich bei den Grenzbeamten, von denen sie in der Regel zurückgewiesen wurden. Sie schlichen nachts über abgeheute Wiesen, durch Getreidefelder und Wälder, kletterten über Berge, durchschwammen den Rhein. Oft wurden sie auch von SS-Männern direkt an eine unbewachte Stelle geführt und unter schwersten Drohungen über die Grenze gejagt.

Rund tausend Flüchtlinge aus Österreich, berichtete Rothmund im Bundeshaus, seien innerhalb kürzester Zeit illegal in die Schweiz gelangt, nachdem bereits im März – unmittelbar nach dem »Anschluss« – drei- bis viertausend legal ins Land gekommen waren, die nur zum Teil nach Frankreich weitergeschickt werden konnten. Obwohl für Staatsbürger des ehemaligen Österreichs seit April eine Visumspflicht galt und das Visum den jüdischen Gesuchstellern meist verweigert wurde, obwohl die Schweizer Regierung immer wieder bei den deutschen Behörden gegen die Abschiebung von Juden protestierte, nahm die Zahl der Flüchtlinge jeden Tag zu. Die Frage, über die jetzt gesprochen werden müsse, sagte Rothmund, sei »eine der schwierigsten« überhaupt.

Nachts hört man Schreie bis ins Dorf hinein

Dem Fremdenpolizeichef ging es darum, seine Kollegen in den Kantonen auf eine allgemeine Grenzsperre einzustimmen. Diese Maßnahme sollte zunächst nur für jüdische Flüchtlinge aus Österreich gelten, für jene also, die von den Nazis am brutalsten verfolgt und systematisch zur Auswanderung genötigt wurden. Später sollte die Sperre, entsprechende Pläne lagen Rothmund bereits vor, auf alle Juden des Reichs ausgedehnt werden. Es stellte sich nur das Problem, dass auch ein Schweizer Grenzwächter ohne entsprechende Papiere zwischen Juden und »Ariern« nicht unterscheiden konnte.

Heinrich Rothmund war seit 1919 Chef der Fremdenpolizei. Er wollte sein Land vor »Überfremdung« schützen; seit fast zwanzig Jahren kämpfte er gegen die »Verjudung der Schweiz«, wie er selber einmal sagte. Man könne die Vertriebenen hier »ebenso wenig brauchen wie in Deutschland«, hatte er Ende Juni dem deutschen Gesandten erklärt. Etwas über vier Millionen Einwohner zählte die Schweiz zu jener Zeit, davon waren 18000 Juden, also eine winzige Minderheit.

Bei den kantonalen Polizeifunktionären stießen Rothmunds Phobien jedoch auf Resonanz, und während der Polizeichef sich selber in der Diskussion des heiklen Themas vorsichtig zurückhielt, war es ausgerechnet der ehrenamtliche Präsident der Schweizerischen Flüchtlingshilfe – im Hauptberuf Polizeidirektor des Kantons Zürich –, der als Erster eine bessere Abschottung der Grenze forderte. Die meisten Anwesenden schlossen sich diesem Begehren an.

Ein Beamter am Tisch allerdings widersprach. »Die Rückweisung der Flüchtlinge geht schon aus Erwägungen der Menschlichkeit nicht. Wir müssen viele hereinlassen!«, sagte er laut Protokoll und erzählte von »herzbewegenden Szenen« an der Grenze. Der Mann hieß Paul Grüninger. Er war Polizeikommandant von St. Gallen, einem Kanton direkt an der Grenze zu Österreich. Ein halbes Jahr später wurde der Hauptmann wegen der Rettung von einigen Hundert, vielleicht mehreren Tausend Flüchtlingen abgesetzt.