Gesundheitswesen Dr. med. Unternehmer
Wirtschaftlicher Druck bringt viele Ärzte dazu, sich besser um ihre Patienten zu kümmern
Man muss nur nach Essen schauen, um einen Eindruck davon zu bekommen, wie das Gesundheitssystem von morgen aussehen könnte. Vor drei Jahren haben die Kliniken Essen-Mitte und das Alfried Krupp Krankenhaus gemeinsam mit niedergelassenen Krebsärzten, Strahlenmedizinern und Radiologen das Ambulante Tumorzentrum Essen (ATZ) gegründet. In einem gemeinsamen Haus bemühen sich seitdem 21 Ärzte und 86 weitere Mitarbeiter um die Patienten: Vom ersten Verdacht über die Operation bis zur Nachversorgung, von der Ernährungsberatung über die Physiotherapie bis zur Begleitung durch eine Sozialarbeiterin. Die Praxen kommen so auf rund 800 Patienten im Quartal.
»Der Qualitätsgewinn für die Kranken ist enorm«, sagt Roland Rudolph, einer von zwei niedergelassenen Onkologen. »Früher stieß ein Krebspatient andauernd auf Mauern.« Nicht zuständig, kein Termin frei, unbekanntes Therapiekonzept, hieß es oft für jene, die von einem Arzt zum anderen unterwegs waren. Im ATZ hingegen kann der Patient je nach Stand der Krankheit umstandslos zwischen ambulanter Betreuung, Tagesklinik oder Station wechseln. »Unsere Patienten haben so viele Probleme, dass sie einen schnellen Zugriff auf sehr viele verschiedene Fachärzte brauchen«, sagt Hansjochen Wilke, onkologischer Chefarzt der Kliniken Essen-Mitte. »Nur wenn wir alle nahe beieinander arbeiten, können wir sicherstellen, dass der Patient die optimale Versorgung erhält.« Trotz der engen Zusammenarbeit sind die niedergelassenen Ärzte des ATZ lediglich Mieter in einem Klinikgebäude. Alle Einheiten sind finanziell getrennt. Zusammengehalten wird das Projekt allein durch das Vertrauen der Partner ineinander.
Gut möglich, dass Patienten in Deutschland solche Modelle der Zusammenarbeit künftig öfter sehen. Denn langsam hält der Wettbewerb Einzug in die Arztpraxen. Weil der Kostendruck sie zwingt, entwickeln niedergelassene Mediziner vielerorts neue Geschäftskonzepte.
Ende 2006 gab es in Deutschland 75.043 Einzel- und 18.513 Gemeinschaftspraxen, in denen insgesamt 132.900 Ärzte arbeiteten, etwas mehr als die Hälfte davon Fachärzte. Die Kassenärztlichen Vereinigungen verteilten an diese Praxen 22,2 Milliarden Euro aus der gesetzlichen Krankenversicherung; die privaten Kassen zahlten für ambulante Leistungen weitere knapp 7,7 Milliarden Euro. Im kommenden Jahr sollen die Honorare für ambulante Behandlungen durch die gesetzlichen Kassen erhöht werden, aber schon jetzt ist klar, dass Streit bevorsteht. Ärzte klagen, dass immer mehr medizinische Leistungen nicht mehr angemessen bezahlt würden. Krankenkassen kritisieren ständig steigende Kosten, die Politik fürchtet steigende Kassenbeiträge. Manche Fachleute warnen, das bisherige System der Gesundheitsversorgung stehe vor dem Kollaps.
Findige Mediziner erproben jedoch längst Methoden, schon jetzt effizienter zu arbeiten. Beispiele finden sich im ATZ in der Großstadt Essen oder in Orten wie Walstedde, einem 1.900-Seelen-Dorf im südlichen Münsterland. Innerhalb von sieben Jahren haben dort dreizehn Kinderärzte und -therapeuten etwas geschaffen, dass es nach offizieller Lesart praktisch nicht geben dürfte: ein Sozialpädiatrisches Zentrum, getragen allein von niedergelassenen Vertragsärzten und Therapeuten.
Solche Zentren müssen bislang von den Krankenkassen speziell zugelassen werden und sind meist Krankenhäusern angegliedert. Josef Weglage und Andreas Sprinz, Gründer und Geschäftsführer der Haus Walstedde GbR, nennen ihr Unternehmen deshalb schlicht Gesundheitszentrum für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene.
Vordergründig ist das Zentrum lediglich eine Ausgabengemeinschaft. Es gibt einen gemeinsamen Empfang, gemeinsame Wartezimmer, ein Bistro für die Eltern, falls eine Untersuchung einmal länger dauern sollte. Material wird zusammen eingekauft, die Betriebskosten für das Bauernhaus und ein inzwischen hinzugekommenes zweites Gebäude werden geteilt, ein Gärtner, ein Callcenter, die Putzfrau aus einer Kasse bezahlt.
- Datum 27.08.2009 - 15:50 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 14.08.2008 Nr. 34
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Gesundheitszentren bieten sicher ökonomische Vorteile, allerdings auch gravierende Nachteile für uns Patienten:- Der Hausarzt als Vertrauensperson für meine Anliegen fällt weg.- Ein Gesundheitszentrum, das nach wirtschaftlichen Kriterien arbeiten muss, also gewinnorientiert, behandelt keine Patienten mehr, sondern Kunden. Und der beste Kunde aus ökonomischer Sicht ist der gesunde Kunde.- Bis zu welchem Krankheitsgrad sind Kunden in diesem System ökonomisch tragbar?- Echte Heilung kann aus meiner Sicht in Gesundheitszentren nicht stattfinden, weil für Heilung auch menschliche Beziehung wichtig ist.Mit ist das bisherige Hausärzte-Modell viel lieber, den Trend zu Gesundheitszentren halte ich für sehr gefährlich, zumal es darauf hinausläuft, dass am Ende Aktiengesellschaften diese Zentren tragen. Ein Modell, das aus den USA kommt.Ich will das nicht haben!
Ärzte zieht es zunehmend in Praxen mit ausschließlich privatversicherten "Kunden", bei der Bezahlung nach Case Index-Punkten, die den bürokratischen Aufwand ungenügend mit einbeziehen, ist diese Entwicklung kein Wunder, da sich die Bürokratie nur in einer Gruppe einsparen lässt.Was auf freie Ärzte zutreffen mag, trifft jedoch in Krankenhäusern nicht zu. Hier gelten weiterhin die alten Hierarchien, die Ärztestreiks haben wenig gebracht, ihr eigentlicher Sinn, die unmenschlichen und für Patienten gefährlich langen Dienste (Stichwort "Kunstfehler"), wurde in der Realität verfehlt. Chefärzt knallen ihre Betten voll, ohne Rücksicht darauf, dass die Hälfte der Belegschaft im Urlaub ist und unter vier Überstunden pro Tag wird sowieso kein Arztbrief fertig.Bevor die in den angesprochenen Arztzentren konzentriert angegangene Arbeitsteilung nicht in den Kliniken ankommt (Blutabnahmeschwestern, Kodierkräfte, Vermeidung von Redundanzen z.B. in der Dokumentation), sehe ich für das Gesundheitssystem schwarz. Nicht gerade hilfreich aus der Sicht eines Ingenieurs ist die sehr aufopfernde Haltung der meisten Ärzte, wenn in der Industrie alle paar Monate gestreikt wird für ein paar Euro mehr, meinen die meisten Ärzte noch, es sei ein Dienst an den Menschen - dass andere sich an dieser Naivität eine goldene Nase verdienen bringt mich immer wieder auf die Palme, mich als Patient, der im Notfall einen frischen, motivierten Arzt brauch, der nicht mitten in der Reanimation einschläft oder die Dosis eines Medikaments verwechselt.
Ich möchte nur auf das Döllein-Dossier (auch Döllein-Brief) verweisen. Mit jeder Suchmaschine leicht zu finden und überaus lesenswert. Der entsprechende Autor hat alles Wesentliche beleuchtet.
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