Kino
Amerikas Totenmaske
In Christopher Nolans Batman-Film »The Dark Knight« ist der zerrissene Bösewicht Joker die zentrale Figur: Ein weiterer dunkler Held unserer Zeit
Ich bring dich nicht um, dafür macht es zu viel Spaß mit dir«, sagt der Joker in Christopher Nolans The Dark Knight zu Batman – und stellt damit das gesamte Genre des Superheldenfilmes auf den Kopf: Batman (gespielt von Christian Bale) wird zum Stichwortgeber und Handlanger des Joker. Damit ist aus dem nervtötenden Hollywood-Wahn, jeden Superhelden auf Erden auszuschlachten, endlich das erste Meisterwerk entstanden.
Der Hit dieses Sommers, Iron Man mit Robert Downey Jr. in der Titelrolle als hamletartiger Held, ist zwar intelligent gemacht, kommt aber nicht an den Geist des glorreichen Comicstrips heran. The Dark Knight hingegen schon. Hier regiert der Thrill von Anarchie und Chaos, genau wie in den ersten Comics. Ob The Yellow Kid, The Katzenjammer Kids, Krazy Kat oder Bob Kanes Batman – der Comic war ein Angriff auf Seriosität und Kultur. Er war beseelt von dem Verlangen, die geordnete Welt der Wörter wegzufegen und durch eine elementare Bildsprache zu ersetzen. Hinter der ganzen Idee der Bildchen und Sprechblasen steckt das Bestreben, die Dinge aufzusplittern, eine Zickzacklandschaft zu erschaffen, in der es keine Gewissheit, keine Sicherheiten mehr gibt. Es war die Rache des Primitiven und Vor-Schriftlichen an der Bildung, ihren aufgeblasenen Zwangsjacken, ihrem Dünkel und an der blasierten Vorstellung, dass Kultur und Moral Hand in Hand gehen.
The Dark Knight ist ein amoralischer Film, trotz des üblichen Hollywood-Endes, bei dem das aufgepappte Gute scheinbar obsiegt. Aber eben nur scheinbar, denn die Urfratze des Joker liegt noch über den allerletzten Bildern, in denen Batman auf seinem Bat-Bike davonfährt, ein Gejagter – fast sehen wir, wie der Joker ihm auf der Schulter hockt und sich ins Fäustchen lacht. Christian Bale ist der perfekte Batman mit seiner monolithischen Unbekümmertheit und einer traumverlorenen Traurigkeit in den Augen. Er ist ein Playboy, der ohne die tägliche Dosis des Jokerschen Irrwitzes und Chaos nicht leben kann. In The Dark Knight ist Gotham City ein Spiegelbild des Arkham Asylum, jener psychiatrischen Anstalt, in der Batmans Gegenspieler sitzen, und davor sehen wir das Gesicht des Joker. Natürlich haben wir schon andere Joker gesehen, die ein Spiegel von The Dark Knight waren, etwa Jack Nicholson in Tim Burtons Batman (1989). Nicholson mit seinen zuckenden Brauen und der breiten Mundmaske ist gruselig und lustig, doch vergisst man nie, dass er spielt: Nicholson lacht mit, wenn wir über ihn lachen.
Bei Heath Ledger ist das anders. Er ist ein Joker, den es so noch nicht gab. Nicht einmal Batmans makabre, weltumspannende Flügel können seiner Leinwandpräsenz Einhalt gebieten. Von dem Moment an, da sein Gesicht im Trailer des Dark Knight auftauchte, gab es vor diesem Joker kein Entrinnen; der Anblick war so verstörend, weil Heath Ledger von den Toten auferstanden schien, um uns zu verfolgen. Der australische Schauspieler starb vor acht Monaten an einer Überdosis verschreibungspflichtiger Medikamente. Man kann sich seine unruhige, verwirrte Verfassung zur Zeit seines Todes ausmalen – er hatte sich noch nicht richtig von The Dark Knight erholt, der im Sommer 2007 in Chicago gedreht wurde. Die Rolle wirkt, als trüge sie schon den Selbstmord in sich. Ledger spielte den Joker radikal, mit einer schockierenden Dosis von Zerstörung und Selbstzerstörung. Irgendwie ist es nicht verwunderlich, dass er den Joker nicht überlebt hat.
Ich bin nicht der Erste, der ihn mit Marlon Brando vergleicht; er hatte viel von dessen Intensität. In Monster’s Ball (2001) und Brokeback Mountain (2005) zerriss er einem das Herz, ganz ähnlich wie Brando als ausgebrannter Boxer Terry Malloy in Die Faust im Nacken (1954). Doch Ledger fehlte Brandos Grausamkeit, Brandos Verlangen, Schmerzen zuzufügen. Und das macht seinen Joker so verstörend. Die Schmerzen, die er zufügt, sind seine eigenen. »Ich bin eine Chaosmaschine«, sagt er. Aber das wahre Chaos rumort in ihm selbst. Ihn im Fummel zu sehen, mit roter Krankenschwesterperücke auf dem Kopf, ist nicht überraschend. Wie Brando besaß er die unheimliche Fähigkeit, männlich und weiblich zugleich zu sein. Das Irritierendste an dem Film ist, dass die Zerstörungswut des Joker offenbar von seiner gestörten Sexualität herrührt, so als wechsle er ständig das Geschlecht. Das war schon in Brokeback Mountain zu spüren, wo der Cowboy, den Ledger spielt, zutiefst verstört darüber ist, dass er einen Mann begehrt.
Doch bei all seiner mephistophelischen Faszination wäre Ledgers Joker nicht sehr weit gekommen ohne Christopher Nolan, einen 38-jährigen Regisseur mit Hang zur dunklen Seite der Dinge. Schon mit Memento (2001), seinem zweiten Film, erwies er sich als kühner, innovativer Regisseur. Es geht um die harte, irritierende und durchaus auch komische Geschichte eines ehemaligen Versicherungsdetektivs, der eine Kopfverletzung erlitten hat und keine neuen Erinnerungen speichern kann. Er sucht den Mann, der seine Frau vergewaltigt und getötet hat, doch seine Suche führt ihn immer nur wieder zurück ins Nichts. Memento ist auch eine Meditation über das Gedächtnis selbst und wie es uns täuscht. Bei Nolan werden wir in einen Nebel hineingeboren, aus dem wir nicht herausfinden; er hetzt uns von der Vergangenheit des Detektivs in dessen instabile Gegenwart und fängt dabei die launisch voranhetzende Zeit ein.
The Dark Knight ist von Memento nicht weit entfernt; beide Filme besitzen denselben vergrübelten Pessimismus. »Ich bin kein Monster«, blökt der Joker, »ich bin nur allen anderen voraus.« Der Film beginnt in einem düsteren Vakuum. Batman hat die meisten Verbrecher Gothams geschnappt, und die Metropole wimmelt nun von Nachahmungstätern, Kaspern, die Batman imitieren und meinen, das Recht selbst in die Hand nehmen zu müssen – kleinen Jokern also. Doch der echte Joker wischt sie beiseite und verwandelt Batmans Revier in ein Irrenhaus.
Ganz wie sein Joker, ist auch Christopher Nolan allen anderen voraus. Er hat einen düsteren Film gedreht, der uns daran erinnert, dass der Comic eine Reproduktion der wirklichen Welt ist, in der nicht Batman, sondern der Joker der neue dunkle Ritter ist – unsere Schurken betören uns, und unsere Helden sind entweder sehr öde geworden, oder sie erweisen sich selbst als Killer von gewissem Reiz. In der Welt nach dem 11. September ist der neue James Bond, Daniel Craig, ein großartiger Rohling. Und die ganze Jason-Bourne-Trilogie mit einem Matt Damon, der direkt aus Memento kommen könnte, handelt von einem Geheimdienstmörder, der sich an wenig mehr erinnert als daran, wie er die eigene Haut retten kann. Wie die besten Filme der letzten Jahre – No Country for Old Men von den Coen-Brüdern, Paul Thomas Andersons There Will Be Blood und David Cronenbergs Eastern Promises – handelt The Dark Knight von mörderischen Männern und der Natur der Gewalt an sich. Nolan hat eine Filmsprache für das sich überstürzende Chaos entwickelt und aus einem Big-Budget-Kracher eine ambivalente, schizoide Geschichte gemacht.
Die Leute strömen in den Film. In den ersten drei Wochen spielte er allein in den Vereinigten Staaten fast 400 Millionen Dollar ein und ist im Begriff, alle Kassenrekorde zu brechen. Heath Ledgers Mega-Joker wurde zum neuen Helden der Nation… und zu ihrer Totenmaske. Vermutlich wird er einen neuen Comicboom und eine Welle weiterer Verfilmungen auslösen. Doch ist zu bezweifeln, ob dabei ein Film herauskommt, der so subtil gearbeitet ist wie The Dark Knight. Es werden nur Nachahmungstäter sein.
Jerome Charyn ist Außerordentlicher Professor für Film an der American University in Paris. Sein neuer Roman »Citizen Sidel« erscheint im Herbst bei Rotbuch
Aus dem Englischen von Eike Schönfeld
- Datum 16.12.2008 - 09:35 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 14.08.2008 Nr. 34
- Kommentare 15
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(Anmerkung: Bitte versuchen Sie, Ihre Kritik mit etwas mehr Inhalt zu füllen. Die Redaktion/jk)
Vorab: ich habe den Film noch nicht gesehen. Aber die Rezension klingt doch deutlich nach einem bereits gut beackerten Stereotyp. Umso weniger versteht man die hysterische Begeisterung des Rezensenten. Hätte er einfach nur gesagt: "der Film ist sehr unterhaltsam, Punkt" hätte er sicher glaubwürdiger gewirkt. So wirkt das ganze ein wenig dünkelhaft aufgeblasen.
Muss man einen Film, der es nötig hat, im Titel bereits das Adjektiv "Dark" zu bemühen, wirklich so ernst nehmen ? Wir wissen doch alle, dass die Welt ihre dunklen Ecken hat, und dass manches furchterregend Dunkle plötzlich ganz anders aussieht, wenn ein bisschen Licht der Einsicht darauf fällt. Der Rezensent sieht es aber offenbar als besonders geniale Leistung an, dass die Macher des Films wie die Macher des Comics (wieder einmal) an den Urängsten der Zuschauer vor dem Unbekannten (dem "Chaos") rühren.
Und dass soll eine "Reproduktion der wirklichen Welt" sein ? Dazu fehlen doch sicher noch ein paar winzige Aspekte. Was also ist so spektakulär neu an dem Film ? Bestimmte Stilmittel vielleicht ? Oder etwa nur, dass einer der Hauptdarsteller während der Dreharbeiten verstorben ist ? Diese Fragen lässt der Rezensent unbeantwortet, und er scheint auch nicht dazu imstande zu sein, sie zu beantworten, weil er sich von der Verführungskraft des Chaos in seinem Kopf hat hinreißen lassen. "Sprich endlich Klartext" möchte man ihm eingeben.
Ich werde mir den Film ansehen, aber ich werde mich entweder unterhalten fühlen, oder auch nicht. Halbgare Analysen werden ich dabei aber wohl nicht durchführen.
Glaubs mir, der Film ist der Hammer. Habe ihn hier schon vor ein paar Wochen im Ausland gesehen. Und habe seit längerem keinen Film gesehen, auch noch einen Blockbuster, der die Erwartungen dermaßen erfüllt, aber gleichzeitig nicht simpler Mainstream, sondern extrem düster ist. Lass dich überraschen od1!
Habe ihn am Montag in Irland im Kino gesehen und kann luc_bxl nur zustimmen.Beginnend beim Plot über den in der Tat grossartigen Heath Ledger bis hin zu der Tatsache, dass alles, was real gefilmt werden konnte, real gefilmt wurde, statt beim Computergrafikoverkill mitzumachen... Ein sehr guter Film.---
StGB §328, Absatz 2.3:
Mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe wird bestraft, wer eine nukleare Explosion verursacht.
...Schlechter Artikel. Den Inhalt des ersten Kommentars habe (zwangsläufig) nicht gelesen, stimme ihm aber von der Überschrift her zu. Einerseits ich es doch ziemlich gewagt, Ledgers Persönlichkeit in die Filme Brokeback Mountain und Batman hinein zu interpretieren und von daher Rückschlüsse auf seinen Selbstmord zu ziehen. Außerdem sei der Film "nicht weit von Memento entfernt"?? Die gelieferte Begründung überzeugt nicht wirklich.
Ich kann den Film trotzdem sehr empfehlen. Die schauspielerische Leistung Ledgers überzeugt, ebenso wie sein Bösewicht - der im Vorfeld seiner Schandtaten anscheinend sowohl Dürrenmatts "alte Dame", als auch Lektüre zur Spieltheorie konsumiert hat. Ansonsten enthält der neueste Teil manch guten Dialog, die kreative Schaffung einer 30 Millionen-Einwohner-Stadt sowie witzige, aber auch makabere Einfälle (etwa ein magischer Bleistifttrick). Mehr sei aber nicht verraten.
(entfernt. Bitte achten Sie auf Ihre Wortwahl. Die Redaktion/jk)außer der Figur des Jokers und einiger anderer Charaktere die einigen Einblick in die menschliche Psyche bieten aber das doch leider nur oberflächlich. ``Joker´´ bleibt unmenschlich ,zu unausgeleuchtet,zu unverständlich; es gibt nur wenige Hinweise darüber, wie es dazu kam dass aus ihm wurde was er ist, bei weitem nicht genug ; - so bleibt er eine leicht übermenschliche Kraft, die mit einer super Intelligenz ausgestattet der Welt das Chaos bringen will - aber warum ?...
``Batboy´´ bleibt äusserst flach. Da hat sen Diener(Michael Caine) noch mehr Tiefe. Der Rest der Figuren ist nicht weiter der Rede wert -Gary Oldman's Figur ist in Ordnung aber nun wirklich nichts spezielles, bleibt uninterssant und der Bürgermeister und seine Aktionen sind auch nur oberflächlich und irgendwie bloss theoretisch nachvollziehbar … -
Was ist der Punkt ? was will der Film ? soll er herkömmlicher Krimistreifen mit drolligen Kostümen oder doch Forum für die Konfrontation zweier Superhelden sein ? -
weder das eine noch das andere trifft zu; der Film ist viel zu unbestimmt darin, was er wirklich sagen will. -
``Joker´´ ist bei weitem das beste daran - Schade ist sein Charakter nicht etwas tiefer erklärt ,hergeleitet und nachvollziehbar - das hätte dem Film Tiefe gegeben ; So aber bleibt er leider doch ziemlich oberflächlich und sticht kaum hervor.
Schade eigentlich-
Da hatte es Ang Lee doch weit besser gemacht damals mit seinem Hulk anno 2003
-
deren Hauptfigur wurde ausreichend ausgeleuchtet mit Rückblenden in die Kindheit gar-
so hatte man genug Information um sich identifizieren zu können mit der Figur .-
In dem ihm vom Drehbuch zugestatteten Rahmen wäre Heath Ledger's Performance dennoch durchaus eines Oskars würdig.
@795marNein, dem kann ich so insgesamt nicht zustimmen.Der Film ist weitaus düsterer und abwegiger als alles was ich bisher an Mainstream-Kino (und Batman ist notgedrungenermassen Mainstream) gesehen habe.Was den Joker betrifft - ich hätte es ehrlich gesagt furchtbar stereotyp und mainstreamig gefunden, wenn einem zwischendurch immer wieder Erklärungen/Rückblenden/whatever geboten worden wären, im Versuch, den Joker zu erklären.Das hätte dem Joker in diesem Film gar nicht gut getan, denn es ging eben auch darum, dass er sich den üblichen Erklärungsmustern entzieht. Er spielt sogar mit dem Drang, Erklärungen zu finden, indem er den Menschen wechselnde Erklärungen für sein Grinsen liefert. Eben diese Rätselhaftigkeit und diese Tiefe des Charakters machen den Joker in The Dark Knight interessanter als er jemals sein könnte, wenn man seine schwere Kindheit oder wasauchimmer serviert bekäme.---
StGB §328, Absatz 2.3:
Mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe wird bestraft, wer eine nukleare Explosion verursacht.
Habe ihn am Montag in Irland im Kino gesehen und kann luc_bxl nur zustimmen.Beginnend beim Plot über den in der Tat grossartigen Heath Ledger bis hin zu der Tatsache, dass alles, was real gefilmt werden konnte, real gefilmt wurde, statt beim Computergrafikoverkill mitzumachen... Ein sehr guter Film.---
StGB §328, Absatz 2.3:
Mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe wird bestraft, wer eine nukleare Explosion verursacht.
@795marNein, dem kann ich so insgesamt nicht zustimmen.Der Film ist weitaus düsterer und abwegiger als alles was ich bisher an Mainstream-Kino (und Batman ist notgedrungenermassen Mainstream) gesehen habe.Was den Joker betrifft - ich hätte es ehrlich gesagt furchtbar stereotyp und mainstreamig gefunden, wenn einem zwischendurch immer wieder Erklärungen/Rückblenden/whatever geboten worden wären, im Versuch, den Joker zu erklären.Das hätte dem Joker in diesem Film gar nicht gut getan, denn es ging eben auch darum, dass er sich den üblichen Erklärungsmustern entzieht. Er spielt sogar mit dem Drang, Erklärungen zu finden, indem er den Menschen wechselnde Erklärungen für sein Grinsen liefert. Eben diese Rätselhaftigkeit und diese Tiefe des Charakters machen den Joker in The Dark Knight interessanter als er jemals sein könnte, wenn man seine schwere Kindheit oder wasauchimmer serviert bekäme.---
StGB §328, Absatz 2.3:
Mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe wird bestraft, wer eine nukleare Explosion verursacht.
nun also der Batman von Burton mit Danny deVito als the Penguin ist weit düsterer -
nun also der Batman von Burton mit Danny deVito als the Penguin ist weit düsterer -
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