Ausbildung Auf der Walz

Die Ausbildung zum »Europaassistenten« soll eine alte Tradition wiederbeleben, indem sie junge Azubis für ein Praktikum ins europäische Ausland schickt

Fernweh ist eine eher seltene Krankheit unter deutschen Auszubildenden. Lediglich 1,5 bis 2 Prozent von ihnen nehmen an Austauschprogrammen teil, schätzt das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB). Dabei ist die Wanderschaft eine jahrhundertealte Tradition im Handwerk. In Europa mobil sein – wie das geht, hätten Dombaumeister oder Zimmerleute schon vor langer Zeit vorgemacht, findet Andreas Oehme, Geschäftsführer des Westdeutschen Handwerkskammertages (WHKT), des Zusammenschlusses der nordrhein-westfälischen Handwerkskammern. Deshalb hat der WHKT zusammen mit Berufsschulen und dem NRW-Schulministerium und mit finanzieller Unterstützung der Europäischen Union eine Zusatzqualifikation für Auszubildende entwickelt. In Nordrhein-Westfalen können sich Lehrlinge in Handwerksbetrieben seitdem zum »Europaassistenten« ausbilden lassen.

Die Franzosen kleben ihre Rohre, die Deutschen nehmen lieber Muffen

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So wie Sebastian Hötzel. Der 19-jährige angehende Anlagenmechaniker schaut sich gerade drei Wochen lang im französischen Städtchen Erstein an, wie seine Kollegen dort arbeiten. Die Arbeit ist für den Auszubildenden eigentlich die gleiche wie zu Hause im Betrieb: Heizungs-, Sanitär- und Klimaanlagen bauen, warten und reparieren. Aber es sind eben viele Kleinigkeiten, bei denen er Unterschiede bemerkt. »Die Technik in Frankreich ist total anders«, sagt Hötzel. Zum Beispiel werden Abflussrohre in Frankreich geklebt, während man sie in Deutschland mit Muffen verbindet.

Drei Wochen Auslandspraktikum sind Pflicht für Auszubildende, die sich zwei Jahre lang zusätzlich zur normalen Berufsschule zum »Europaassistenten« ausbilden lassen. »Unser Ziel ist, das Angebot über unseren Zentralverband auf ganz Deutschland auszudehnen«, sagt Andreas Oehme. Auslandserfahrung gewinnt für das deutsche Handwerk an Bedeutung. »Immer mehr Betriebe sind im Ausland aktiv«, sagt Oehme. Auslandsaufenthalte sollen einen festen Platz in der Ausbildung bekommen, statt dem Zufall überlassen zu werden. Dabei soll der »Europaassistent« helfen. »Außerdem wollten wir das Handwerk für leistungsstarke Schüler attraktiv machen.«

Denn teilnehmen können nur Auszubildende mit Abitur, Fachabitur oder einer Empfehlung der Berufsschule, die in einem Handwerksbetrieb lernen – das kann auch eine Ausbildung zu einem nichthandwerklichen Beruf sein. Sie sitzen freiwillig länger in der Schule, verbessern ihre Fremdsprachenkenntnisse, lernen europäisches Wirtschafts- und Warenrecht und erhalten Einblicke darin, wie Leben und Arbeiten in anderen Ländern vor sich geht. Außerdem legen sie eine zusätzliche Prüfung ab.

Schon jetzt benutzt die Hälfte aller Erwerbstätigen einer Befragung der BIBB aus dem Jahr 2006 zufolge bei der Arbeit Fremdsprachen – anderthalbmal so viele wie noch sechs Jahre zuvor. Auch bei den Berufen, für die eine duale oder eine schulische Ausbildung ausreicht, gaben immerhin 40 Prozent der Befragten an, sie benötigten eine Fremdsprache. Vor allem in großen Betrieben und in Firmen des Hotel- und Gaststättengewerbes und der Industrie gehören Fremdsprachen inzwischen zum Arbeitsalltag. 93 Prozent der Befragten brauchen Englisch, jeder Dritte eine zusätzliche Fremdsprache.

Nach drei Wochen Praktikum spricht Sebastian Hötzel natürlich nicht plötzlich fließend Französisch. »Die französische Sprache ist schön, aber sehr anspruchsvoll«, hat er festgestellt. Er hat aber seine Scheu davor verloren. »Ich höre mich ein, viele alltägliche Dinge habe ich schon aufgeschnappt«, sagt er. Außerdem hilft ihm, dass im Elsass viele Menschen Deutsch sprechen. Zu Hause in der Berufsschule hat er Englisch gewählt; das will er weiter festigen.

Gerade Betriebe aus dem Baugewerbe versuchen, die Aufträge, die ihnen in Deutschland fehlen, in anderen Ländern einzuholen; wo die Baukonjunktur zumindest bis vor Kurzem besser lief als hierzulande und wo deutsche Qualität geschätzt wird. In Großbritannien etwa – berichten deutsche Installateure – reicht ein Kurs von wenigen Wochen, um klempnern zu dürfen. Eine Beobachtung, die Andreas Oehme bestätigt: »Wir haben festgestellt, dass die Wertschätzung für unsere handwerkliche Ausbildung im Ausland sehr groß ist.« Manche Teilnehmer des Programms hätten von ihren Gastunternehmen schon konkrete Arbeitsangebote bekommen; sie sollen nach der Abschlussprüfung zurückkehren. »Das Praktikum zeigt den Azubis: Ich kann mit den Kompetenzen, die ich in Deutschland erlerne, überall arbeiten«, sagt Oehme.

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