Stolz zeigt Bianca Stich auf den Rücksitz ihres roten VW-Busses. "Das sind sie", sagt die 25-Jährige lächelnd. Unscheinbar, zwischen Schränken und verpackt in Luftpolsterfolie, liegen dort vier Rotorblätter, jedes 200 Zentimeter lang, 30 Zentimeter breit und exakt 4,46 Kilogramm schwer. Sie kommen frisch aus der Lackiererei, orange-grau. Stich hat sie konzipiert.

Der Kohlefaserrotor ist das Herzstück des Projektes, an dem die Kieler Maschinenbaustudentin mit zehn Kommilitonen von Uni und Fachhochschule seit einigen Wochen fieberhaft arbeitet. "Baltic Thunder" haben sie es getauft. Ziel ist es, ein Auto zu konstruieren, das ausschließlich von Windkraft angetrieben wird. Der technologische Clou: Es muss gegen den Wind fahren, und das möglichst schnell.

Nächste Woche wird das Kieler Fahrzeug beim Technologiewettbewerb "Racing Aeolus" über den Deich in der niederländischen Stadt Den Helder jagen, gegen die studentische Konkurrenz aus Dänemark, Griechenland und den Niederlanden. Für dieses Ziel schrauben, schweißen und schwitzen die Maschinenbau- und Elektrotechnikstudenten unentwegt.

Sie haben sich in einem geräumigen Keller der Universität Kiel eingerichtet. Zwischen rostigen Fahrrädern, einem ausgedienten Segelboot und staubigen Paletten steht das Gefährt, das sie momentan zwölf Stunden täglich beschäftigt. Es hat drei Räder, zwei hinten, eins vorne, verbunden mit einer akkurat verschweißten Stangenkonstruktion. Überall hängen Kabel und Drähte. Dort, wo der Fahrer sitzen soll, ist ein alter Bürostuhl provisorisch mit Kabelbindern angebracht. Das Holz der Lehne hat bereits erste feine Risse. Es ist ein beliebter Platz.

Knapp über 30 Grad zeigt das Thermometer an diesem Nachmittag. Nur sporadische Windböen, die von der nahen Kieler Förde herüberwehen, sorgen für Abkühlung. Es riecht nach Männerschweiß. Zum ersten Mal werden die angehenden Ingenieure den Rotor auf das Fahrzeug setzen und ihn dem Wind ausliefern. Deswegen warten alle gespannt auf Bianca Stichs orange-graue Fracht. Das Fahrzeug wird damit seine endgültige Form annehmen, fast vier Meter lang, zwei Meter breit, dreieinhalb Meter hoch und spitz zulaufend wie ein Pfeil.

Eigentlich ist das Kieler Windauto ein fahrendes Paradoxon. Es muss einerseits dem Wind Angriffsfläche bieten, um sich seiner Energie zu bedienen. Andererseits fordert hohe Geschwindigkeit eine aerodynamische Form, ein ständiger Balanceakt.

Zwei Teammitglieder haben gerade die letzten Verbindungsschrauben von Rotor und Fahrzeug festgezogen. Jetzt beschleunigt der Wind den Rotor. Die drehende Konstruktion mutet an wie das Innenleben eines überdimensionierten Mixers. Das Funktionsprinzip ist simpel: Über den Rotor wird dem Wind Energie entnommen und in einen Generator gespeist, von wo sie als elektrischer Strom in den Motor fließt, der das Vorderrad antreibt. Weniger als zehn Prozent Energie sollen auf diesem Weg verloren gehen, das ist Nicky Flügger wichtig. Der 29-jährige Elektrotechnikstudent ist eines der "Zugpferde" des Projektes. So bezeichnet ihn sein Kommilitone Stefan Cvenarski.