Mehr grün geht nicht: Berlin, eine Straße im Grunewald. Hildegard Knef hatte hier ihr Haus, die deutsche Fußballnationalmannschaft während der letzten Weltmeisterschaft ihr Hotel. Rostroter Backstein unter dichtem Baumbestand, wer hier wohnt, ist aus dem Gröbsten raus. Joschka Fischer ließ sein neues Heim im Sommer 2006 renovieren, dann zog er ein. Im Souterrain befindet sich das Büro von Joschka Fischer Consulting. Der Rest des Hauses ist privat, worauf ein türkischer Hirtenhund namens Benno temperamentvoll achtet. Fischer wartet an einem Tisch auf der Terrasse, die Buche inmitten seines Gartens schätzt er auf mehr als hundert Jahre. Dann zeigt er auf das Nachbarhaus keine zehn Meter entfernt. Während der Weltmeisterschaft hatte sich dort Bild eingemietet, um die deutschen Fußballer zu beobachten. Fischer und seine Baustelle bekamen sie die ganze Zeit nicht mit. Freut ihn noch immer. Die Sorgenfalten in seinem Gesicht sehen plötzlich wie Lachfalten aus.

DIE ZEIT: Alle Welt redet von Barack Obama, kennen Sie ihn?

Joschka Fischer: Persönlich? Nein. John McCain dagegen habe ich öfters getroffen. Der Aufstieg von Barack Obama begann, als ich sozusagen schon dabei war, die Tür hinter mir zuzumachen.

ZEIT: Ist Obama ein Typ Politiker, den nur die USA hervorbringen, oder könnten den auch die nüchternen Deutschen produzieren?

Fischer: Also die These, Politik muss möglichst langweilig sein, eine Mischung aus Lateinunterricht und Gebetsstunde, diese These teile ich nicht. Ich meine, das gegenwärtige Personal in Deutschland ist anders als Obama, aber ich bin nach wie vor der Meinung, Politik muss Menschen auch begeistern. Trotzdem können Sie Politik natürlich auch in der Art und Weise machen, wie das gegenwärtig die Kanzlerin demonstriert und der Parteivorsitzende der SPD oder wie sie alle heißen. Na, und ihr Journalisten seid in der Mehrheit wie üblich gnadenlos opportunistisch. Wer hat nicht alles geschrieben, dass Gott sei Dank die testosterongeschwängerte Generation Schröder und Fischer endlich weg ist? Dann kommt ein Obama mit seinem Charisma, und jetzt sind sie alle begeistert. Die Generation Merkel hingegen wird als langweilig runtergeschrieben.

ZEIT: Über Obama glauben wir viel zu wissen. Was müssen wir über McCain wissen?

Fischer: Na ja, einer seiner wichtigsten außenpolitischen Berater, Randy Scheunemann, steckt tief bei den Neokonservativen drin, das darf man nicht vergessen. Dennoch: Es geht gar nicht anders, auch McCain wird ein Stück weit zum Multilateralismus, zur internationalen Zusammenarbeit zurückkehren. Nur, er ist halt schon sehr alt, und ob er die Welt von heute wirklich versteht, wie dies der Präsident der USA eigentlich sollte, weil vor allem er diese Welt eben führen muss, das weiß ich nicht, da habe ich meine Bedenken.

ZEIT: Wie fanden Sie denn die Bemerkung eines McCain-Sprechers über die »kriecherischen Deutschen« angesichts deren Obama-Begeisterung?

Fischer: Ach, das ist amerikanische Innenpolitik. Da sage ich nur: So what? Dass wir nicht mehr kriecherisch sind, wissen wir selbst. Sich darüber aufzuregen, finde ich albern. Dazu sagt man einfach souverän: nichts. Das hätte übrigens auch der großen SPD gutgetan im Umgang mit Wolfgang Clement. Da redet einer Unsinn, na und? Clement ist, wie er ist. Weil die SPD es zum Thema gemacht hat, hat sie jetzt ein Problem. Aber zurück zu den USA: Mir hat die Begeisterung der Deutschen gut gefallen, das war eine echte Demonstration des Proamerikanismus. Wenn auch deutlich geprägt von dem Wunsch: Bitte erlöse uns von George W.!

ZEIT: Haben Sie sich die Berliner Rede Obamas angehört?

Fischer: Ja, im Fernsehen in Südfrankreich.   

ZEIT: Von Ihnen stammt der Satz: Wer sich in Richtung Illusionen verabschiedet, wird seinen Preis bezahlen. Es gibt Kritiker, die finden Obamas Reden ziemlich unkonkret, wie Nebelschwaden. Richtig?

Fischer: Obama umgibt überhaupt kein Nebel. Ich teile das überhaupt nicht. Seine Rede in Berlin war Klartext. Er hat den Europäern gesagt: Mit mir wird in Zukunft gemeinsam entschieden und dann gemeinsam gekämpft, und wenn es sein muss, auch gemeinsam gestorben. Die Arbeitsteilung: Wir kämpfen und ihr baut auf, die wird so nicht mehr funktionieren.

ZEIT: Und wie finden Sie das?

Fischer: Ich war mit dem SPD-Politiker Ulrich Klose der Einzige, der sich getraut hat, öffentlich dafür einzutreten, dass wir uns im Süden Afghanistans mehr engagieren sollten, wissend um die Risiken. Faktisch treiben wir die Allianz in eine coalition of the willing mit unserer Verweigerung. Gerade für Deutschland ist das ein großer Fehler, wir werden international sehr viel Einfluss verlieren, ja, haben ihn schon verloren. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie sehr mir diese Geisteshaltung auf die Nerven geht, diese Form der billigen Kritik der Europäer an den USA, um dann sofort wieder auf das Trittbrett aufzuspringen und sicherheitspolitisch mitzufahren…

ZEIT: …alles nur billige Kritik?

Fischer: Man kritisiert die USA, aber unternimmt nichts bis kaum etwas, um die europäische Macht zu entwickeln und dafür mehr Verantwortung und mehr Risiken in Kauf zu nehmen. Das ist Kritik aus dem Lehnstuhl heraus, wissend darum, dass, wenn es ernst wird, der große Bruder von der anderen Seite des Atlantiks uns schon helfen wird. Das geht mir völlig gegen den Strich. Da verstehe ich die Kritik der Amerikaner und bewundere sie, dass das nicht sehr viel mehr in Verachtung gegenüber den Europäern umschlägt.

ZEIT: Was könnten die Europäer denn als zusätzliche Weltpolizisten unternehmen, um in Iran die Produktion von Atomwaffen zu verhindern?

Fischer: Es geht nicht um Weltpolizei, sondern um unsere eigene Sicherheit. Zum Iran: Das können die Europäer nicht allein, das müssen wir gemeinsam mit den USA und den anderen Mitgliedern des Sicherheitsrates zu lösen versuchen. Niemand bestreitet das Recht des Iran, seine souveränen Entscheidungen zu treffen, und das heißt, gemäß den Regeln des Nichtverbreitungsvertrages zivile Atomtechnologie zu entwickeln. Als Grüner bin ich dagegen, aber der Iran hat dieses Recht. Man sollte ihm sogar helfen, dass er dieses Recht wahrnehmen kann, ohne dass ein nukleares Weiterverbreitungsrisiko entsteht. Wenn der Iran klug ist, wird er darauf eingehen, wenn nicht, haben wir ein Riesenproblem.

ZEIT: Das bedeutet?

Fischer: Dann droht eine sehr harte Konfrontation, möglicherweise bis hin zu einem Militärschlag. Die Folgen davon wären kaum noch beherrschbar.