Joschka Fischer Ich bin immer noch ein Linker!

Als Sponti verehrte er Bob Dylan und kämpfte gegen die Vietnam-Politik Amerikas. Als Minister arbeitete er mit US-General Colin Powell. Zuletzt lehrte er in Princeton und sehnte sich nach deutschen Würsten. Ein Gespräch mit dem Privatier Joschka Fischer über Glückssuche und das Hoffen auf Barack Obama

Mehr grün geht nicht: Berlin, eine Straße im Grunewald. Hildegard Knef hatte hier ihr Haus, die deutsche Fußballnationalmannschaft während der letzten Weltmeisterschaft ihr Hotel. Rostroter Backstein unter dichtem Baumbestand, wer hier wohnt, ist aus dem Gröbsten raus. Joschka Fischer ließ sein neues Heim im Sommer 2006 renovieren, dann zog er ein. Im Souterrain befindet sich das Büro von Joschka Fischer Consulting. Der Rest des Hauses ist privat, worauf ein türkischer Hirtenhund namens Benno temperamentvoll achtet. Fischer wartet an einem Tisch auf der Terrasse, die Buche inmitten seines Gartens schätzt er auf mehr als hundert Jahre. Dann zeigt er auf das Nachbarhaus keine zehn Meter entfernt. Während der Weltmeisterschaft hatte sich dort Bild eingemietet, um die deutschen Fußballer zu beobachten. Fischer und seine Baustelle bekamen sie die ganze Zeit nicht mit. Freut ihn noch immer. Die Sorgenfalten in seinem Gesicht sehen plötzlich wie Lachfalten aus.

DIE ZEIT: Alle Welt redet von Barack Obama, kennen Sie ihn?

Joschka Fischer: Persönlich? Nein. John McCain dagegen habe ich öfters getroffen. Der Aufstieg von Barack Obama begann, als ich sozusagen schon dabei war, die Tür hinter mir zuzumachen.

ZEIT: Ist Obama ein Typ Politiker, den nur die USA hervorbringen, oder könnten den auch die nüchternen Deutschen produzieren?

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Fischer: Also die These, Politik muss möglichst langweilig sein, eine Mischung aus Lateinunterricht und Gebetsstunde, diese These teile ich nicht. Ich meine, das gegenwärtige Personal in Deutschland ist anders als Obama, aber ich bin nach wie vor der Meinung, Politik muss Menschen auch begeistern. Trotzdem können Sie Politik natürlich auch in der Art und Weise machen, wie das gegenwärtig die Kanzlerin demonstriert und der Parteivorsitzende der SPD oder wie sie alle heißen. Na, und ihr Journalisten seid in der Mehrheit wie üblich gnadenlos opportunistisch. Wer hat nicht alles geschrieben, dass Gott sei Dank die testosterongeschwängerte Generation Schröder und Fischer endlich weg ist? Dann kommt ein Obama mit seinem Charisma, und jetzt sind sie alle begeistert. Die Generation Merkel hingegen wird als langweilig runtergeschrieben.

ZEIT: Über Obama glauben wir viel zu wissen. Was müssen wir über McCain wissen?

Fischer: Na ja, einer seiner wichtigsten außenpolitischen Berater, Randy Scheunemann, steckt tief bei den Neokonservativen drin, das darf man nicht vergessen. Dennoch: Es geht gar nicht anders, auch McCain wird ein Stück weit zum Multilateralismus, zur internationalen Zusammenarbeit zurückkehren. Nur, er ist halt schon sehr alt, und ob er die Welt von heute wirklich versteht, wie dies der Präsident der USA eigentlich sollte, weil vor allem er diese Welt eben führen muss, das weiß ich nicht, da habe ich meine Bedenken.

ZEIT: Wie fanden Sie denn die Bemerkung eines McCain-Sprechers über die »kriecherischen Deutschen« angesichts deren Obama-Begeisterung?

Fischer: Ach, das ist amerikanische Innenpolitik. Da sage ich nur: So what? Dass wir nicht mehr kriecherisch sind, wissen wir selbst. Sich darüber aufzuregen, finde ich albern. Dazu sagt man einfach souverän: nichts. Das hätte übrigens auch der großen SPD gutgetan im Umgang mit Wolfgang Clement. Da redet einer Unsinn, na und? Clement ist, wie er ist. Weil die SPD es zum Thema gemacht hat, hat sie jetzt ein Problem. Aber zurück zu den USA: Mir hat die Begeisterung der Deutschen gut gefallen, das war eine echte Demonstration des Proamerikanismus. Wenn auch deutlich geprägt von dem Wunsch: Bitte erlöse uns von George W.!

ZEIT: Haben Sie sich die Berliner Rede Obamas angehört?

Fischer: Ja, im Fernsehen in Südfrankreich.   

ZEIT: Von Ihnen stammt der Satz: Wer sich in Richtung Illusionen verabschiedet, wird seinen Preis bezahlen. Es gibt Kritiker, die finden Obamas Reden ziemlich unkonkret, wie Nebelschwaden. Richtig?

Fischer: Obama umgibt überhaupt kein Nebel. Ich teile das überhaupt nicht. Seine Rede in Berlin war Klartext. Er hat den Europäern gesagt: Mit mir wird in Zukunft gemeinsam entschieden und dann gemeinsam gekämpft, und wenn es sein muss, auch gemeinsam gestorben. Die Arbeitsteilung: Wir kämpfen und ihr baut auf, die wird so nicht mehr funktionieren.

ZEIT: Und wie finden Sie das?

Fischer: Ich war mit dem SPD-Politiker Ulrich Klose der Einzige, der sich getraut hat, öffentlich dafür einzutreten, dass wir uns im Süden Afghanistans mehr engagieren sollten, wissend um die Risiken. Faktisch treiben wir die Allianz in eine coalition of the willing mit unserer Verweigerung. Gerade für Deutschland ist das ein großer Fehler, wir werden international sehr viel Einfluss verlieren, ja, haben ihn schon verloren. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie sehr mir diese Geisteshaltung auf die Nerven geht, diese Form der billigen Kritik der Europäer an den USA, um dann sofort wieder auf das Trittbrett aufzuspringen und sicherheitspolitisch mitzufahren…

ZEIT: …alles nur billige Kritik?

Fischer: Man kritisiert die USA, aber unternimmt nichts bis kaum etwas, um die europäische Macht zu entwickeln und dafür mehr Verantwortung und mehr Risiken in Kauf zu nehmen. Das ist Kritik aus dem Lehnstuhl heraus, wissend darum, dass, wenn es ernst wird, der große Bruder von der anderen Seite des Atlantiks uns schon helfen wird. Das geht mir völlig gegen den Strich. Da verstehe ich die Kritik der Amerikaner und bewundere sie, dass das nicht sehr viel mehr in Verachtung gegenüber den Europäern umschlägt.

ZEIT: Was könnten die Europäer denn als zusätzliche Weltpolizisten unternehmen, um in Iran die Produktion von Atomwaffen zu verhindern?

Fischer: Es geht nicht um Weltpolizei, sondern um unsere eigene Sicherheit. Zum Iran: Das können die Europäer nicht allein, das müssen wir gemeinsam mit den USA und den anderen Mitgliedern des Sicherheitsrates zu lösen versuchen. Niemand bestreitet das Recht des Iran, seine souveränen Entscheidungen zu treffen, und das heißt, gemäß den Regeln des Nichtverbreitungsvertrages zivile Atomtechnologie zu entwickeln. Als Grüner bin ich dagegen, aber der Iran hat dieses Recht. Man sollte ihm sogar helfen, dass er dieses Recht wahrnehmen kann, ohne dass ein nukleares Weiterverbreitungsrisiko entsteht. Wenn der Iran klug ist, wird er darauf eingehen, wenn nicht, haben wir ein Riesenproblem.

ZEIT: Das bedeutet?

Fischer: Dann droht eine sehr harte Konfrontation, möglicherweise bis hin zu einem Militärschlag. Die Folgen davon wären kaum noch beherrschbar.   

Leser-Kommentare
  1. Wir sollten schnellstens die "europäische Macht" entwickeln, nicht obwohl sondern weil uns der "grosse Bruder von jenseits des Atlantik" vielleicht in naher Zukunft zu Hilfe eilen könnte.Es geht darum, unseren grossen Bruder (und auch andere Brüderchen) eventuell auf Distanz halten zu können.

  2. 2. (...)

    Als repräsentant der eliten der zweidrittelgesellschaft mag fischer vieles sein - eines ist er nicht: Links. (entfernt. Bitte verzichten Sie auf persönliche Angriffe. Die Redaktion/jk)

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    Ich glaube der Fischer wurde schon von einer ganz anderen Elite auserchoren,jedenfalls wurde er schon von den Bilderbergern,von deren Treffen man seltsamerweise in den gängigen Medien nichts erfährt,obwohl auch der stellvertretende Chefredakteur der Zeit auf der Gästeliste stand.

    Ich glaube der Fischer wurde schon von einer ganz anderen Elite auserchoren,jedenfalls wurde er schon von den Bilderbergern,von deren Treffen man seltsamerweise in den gängigen Medien nichts erfährt,obwohl auch der stellvertretende Chefredakteur der Zeit auf der Gästeliste stand.

  3. Links haben inzwischen schon die  unterschiedlichsten Akteure für sich in Anspruch genommen, dass bei diesem Etikett langsam nur noch die Frage bleibt, wofür es als Entschuldigung dienen soll. Fischer ist zweifellos ein Ausnahmetalent in der politischen Landschaft. Um  so weniger befreit eine solche Begabung vor einer stringenten Rechtschaffenheit in den politischen Entscheidungen.  Gute Erklärungen können nur so viel wert sein, wie die Handlungskonsequenzen denen nutzen, denen der Einsatz angeblich gilt.

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    • eluutz
    • 17.08.2008 um 12:27 Uhr

    Unabhängig von Herrn Fischers Werdegang oder sonstigen Feinheiten. Mich würde Ihre Definition von 'Links' interessieren. Herr Fischer spricht von einem Egalisierungsanspruch. Also davon, dass er einen Ausgleich zwischen Kapital und Arbeit (um in der Ideologoie zu bleiben) anstrebt. Was meinen Sie und warum kann Herr Fischer nach seiner Regierungsbeteiligung nicht mehr 'links' sein?

    • eluutz
    • 17.08.2008 um 12:27 Uhr

    Unabhängig von Herrn Fischers Werdegang oder sonstigen Feinheiten. Mich würde Ihre Definition von 'Links' interessieren. Herr Fischer spricht von einem Egalisierungsanspruch. Also davon, dass er einen Ausgleich zwischen Kapital und Arbeit (um in der Ideologoie zu bleiben) anstrebt. Was meinen Sie und warum kann Herr Fischer nach seiner Regierungsbeteiligung nicht mehr 'links' sein?

  4. Der Fischer, ein Linker - lächerlich! Der im Chor Schröders das Lied der Amerikanisierung unserer Wirtschaft gesungen hat, mitverantwortlich für die Politik Staat raus aus der Sozialverantwortung d.h. Sozialausgaben fast auf Null fahren und die Steuern für die reichen und Superreichen heruntergedrückt, Arbeitsplatzverlagerung ins Ausland, Lobbyisteneinflüsterer im Bundestag weiter präsent, ex Grüne heuern bei den Wirtschaftsbossen an. Die Arbeitsplatzangst geht um, Einleitung der Krankenkassenreform mit Verelendung des Patienten, von seinen Kriegsabenteuer wollen wir hier nicht sprechen u.s.w.! Kann da Herr Fischer ein Linker sein? - Nein, er kann es gar nicht sein!
     

    • eluutz
    • 17.08.2008 um 12:27 Uhr

    Unabhängig von Herrn Fischers Werdegang oder sonstigen Feinheiten. Mich würde Ihre Definition von 'Links' interessieren. Herr Fischer spricht von einem Egalisierungsanspruch. Also davon, dass er einen Ausgleich zwischen Kapital und Arbeit (um in der Ideologoie zu bleiben) anstrebt. Was meinen Sie und warum kann Herr Fischer nach seiner Regierungsbeteiligung nicht mehr 'links' sein?

    Antwort auf "Links ?"
    • marxo
    • 17.08.2008 um 13:18 Uhr

    "Dass wir nicht mehr kriecherisch sind, wissen wir selbst."Ui. Der deutsche Nazi verstand sich nie als kriecherisch, sondern als loyal und widerständig. Nun gut. Wie aber kommt Fischer dazu, den "Verhandlungen" mit Iran noch irgendeine zukünftige Form anzugedeihen? "Wenn der Iran nicht darauf eingeht, haben wir ein Riesenproblem" - soso. Seit fünf Jahren Verhandlungen u.A. durch Fischer geht Iran niemals nicht auf nichts ein. Jeder Vorschlag wird abgeblockt. Überdies hat Iran kein "Recht" auf eine irgend "zivile" Nutzung der Atomkraft, weil es sämtliche Verträge dahingehend hintergangen hat und über 20 Jahre ein geheimes Atomwaffenprogramm betrieb. Ein Joschka Fischer wusste übrigens noch vor seiner Regierungszeit durchaus darauf hinzuweisen, dass Atomenergie und Atomwaffenproduktion nicht trennbar sind, dass es ergo keine ausschließlich zivile Nutzung gibt und die Option Atomwaffen auch in Deutschland auf dem Tisch liegt: Binnen zwei Wochen kann Deutschland Atommacht sein, wenn es will. Dass "niemand" Irans Souveränität anzweifelt, sei hier auch nochmals widersprochen: Ich und nicht wenige andere haben gewaltige Probleme damit, in diesem Konglomerat von untereinander konkurrierenden religiösen Banden und Terroristen überhaupt einen Staat zu sehen. http://myblog.de/nichtide...

  5. Ja, Fischer war mit Abstand der talentierteste deutsche Politiker der letzten Jahre - Schön.
    Trotzdem erfüllt mich jedes Mal diese verherrlichende Selbstdarstellung mit Ekel. Das, was ihn beim Weinbrand an den väterlichen Kriegsgeschichten gestört hat, ist bei ihm selbst zwischen jeder Zeile zu lesen.
    Trotzdem schaffe ich es nicht, seine Interviews "links" liegen zu lassen und ärgere mich über mich selbst.

    • Anonym
    • 17.08.2008 um 15:44 Uhr

    "wer hier wohnt, ist aus dem Gröbsten raus"könnte man auch so verstehen, dass er noch im groben drin ist (was fehlt noch?)wo sind wir dann, die dort nicht wohnen?schöner kann fehlende journalistische distanz nicht gezeigt werden, welch unkritisches wohlwollen.so was möchte ich in bunten lesen, nicht hier

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