Joschka Fischer Ich bin immer noch ein Linker!Seite 6/6

ZEIT: Der hessische CDU-Politiker war nur ein politischer Gegner. Als Außenminister kreuzte sich Ihr Weg doch mit wirklich üblen Figuren. Wer auch immer Ihnen gegenüberstand, Sie behielten die Contenance?

Fischer: Es war nicht einfach, dem nordkoreanischen Außenminister die Hand zu schütteln. Gleiches gilt, wenn Ihnen beim Besuch im Sudan der dortige Botschafter zuflüstert, dass der gegenübersitzende Geheimdienstchef beim Foltern gerne selbst mit Hand anlegt. Aber als deutscher Außenminister müssen Sie eben manchmal Leuten die Hand schütteln, bei denen hinterher die Seife fast nicht ausreicht, um die Hände wieder sauber zu kriegen.

ZEIT: Am Ende machten Sie auch Frieden mit Dregger?

Fischer: Frieden heißt nicht, dass man alle Ansichten teilen muss, dass ist nicht der Punkt. Frieden heißt, dass man zusammen leben kann, und die Voraussetzung dafür ist, dass man miteinander spricht und den anderen Standpunkt zu verstehen versucht. So gesehen finde ich die aktuelle Debatte um 68 ziemlich langweilig. Viel spannender ist die Auseinandersetzung mit den 45ern, der eigentlichen Gründungsgeneration der Bundesrepublik und der DDR, die jetzt Schritt für Schritt ins Grab gehen. Ich denke an die Überlebenden der KZs, an die Soldaten, die alle in jungen Jahren schon ein Grauen erlebt hatten, das für viele Leben reichen würde, an die Generation der Flakhelfer und von Hitlers letztem Aufgebot. Und die dennoch die Voraussetzungen geschaffen haben für den geglückten Neuanfang in Deutschland.

ZEIT: Da klingt viel Dankbarkeit durch.

Fischer: Helmut Schmidt, Rudolf Augstein, Günter Grass, Jürgen Habermas, Ralf Dahrendorf – sie alle gehören zu einer Generation, mit der wir uns auseinandergesetzt haben und der wir zugleich unendlich viel zu verdanken haben. Spannend dabei ist die Ambivalenz dieser Generation. Es ist eine Generation, die in der Ideologie der Nationalsozialisten erzogen wurde. Nicht wenige Angehörige der Kriegsgeneration haben sich an den grauenhaften Verbrechen Hitlerdeutschlands beteiligt. Und viele, die damals zwanzig waren, sind nicht oder beschädigt an Körper und Seele zurückgekommen. Und es war zugleich die Generation des Aufbaus der deutschen Demokratie. 

ZEIT: Einerseits, und andererseits? 

Fischer: Es war auch die Generation des »Nie wieder«, »Schnauze voll«, »Das passiert uns nicht ein zweites Mal«.

ZEIT: Spüren Sie auch Bewunderung? 

Fischer: Der Respekt jedenfalls wächst, je älter ich werde. Auf der Leistung dieser Generation stehen wir alle.

ZEIT: Hätte man mehr miteinander sprechen, besser zuhören sollen? War das ein Fehler der 68er?

Fischer: Ja. Aber es gab auch sehr ernste Gründe für unsere Schwerhörigkeit. Meine Generation ist groß geworden im Schatten des großen Krieges, seiner Ruinen und mit konkreter Kriegsangst. Und dennoch waren es Friedenszeiten. Wir haben von den Älteren immer nur gehört, was für tolle Hechte sie waren, was für tolle Kämpfer, wie toll der Wiederaufbau war. Wir haben nie gehört, wie beschissen es ihnen ging, wirklich nie. Und auch nicht die Wahrheit über das Ausmaß der Verbrechen Deutschlands. Das musste irgendwann zur Konfrontation führen.

ZEIT: Hat Ihr Vater erzählt vom Krieg?

Fischer: Mein Vater war ein sehr schweigsamer Mensch. Nur wenn damals in den fünfziger Jahren Verwandte und Freunde uns besuchten, dann wurde geredet. Die Frauen saßen hier, die Männer da. Ich saß dann bei den Männern. Da wurde geraucht, noch ein Schnaps getrunken oder ein Weinbrand und halt über Politik geredet. Alles tolle Hechte. Und die Opfer waren immer Deutsche, die Täter hingegen die anderen gewesen. 

ZEIT: In einem Porträt über Sie, das Mitte der achtziger Jahre in der Brigitte zu lesen war, hieß es, Ihr Lieblingstier sei die Wildgans. Nun haben Sie den Hund, dem Sie sich offenbar sehr verbunden fühlen. Was ist aus Ihrer Liebe zu den Wildgänsen geworden?

Fischer: Ich finde sie großartig. Freie Tiere. Im Frühjahr und im Herbst fliegen sie über unser Haus in Berlin. Wenn ich früh mit dem Hund draußen bin, dann höre ich die Schreie, sehe sie im Formationsflug ziehen. 

ZEIT: Das fällt Ihnen wieder auf? 

Fischer: Das fällt mir auf, jedes Mal.

Das Gespräch führten Hanns-Bruno Kammertöns und Stephan Lebert

 
Leser-Kommentare
  1. Wir sollten schnellstens die "europäische Macht" entwickeln, nicht obwohl sondern weil uns der "grosse Bruder von jenseits des Atlantik" vielleicht in naher Zukunft zu Hilfe eilen könnte.Es geht darum, unseren grossen Bruder (und auch andere Brüderchen) eventuell auf Distanz halten zu können.

  2. 2. (...)

    Als repräsentant der eliten der zweidrittelgesellschaft mag fischer vieles sein - eines ist er nicht: Links. (entfernt. Bitte verzichten Sie auf persönliche Angriffe. Die Redaktion/jk)

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    Ich glaube der Fischer wurde schon von einer ganz anderen Elite auserchoren,jedenfalls wurde er schon von den Bilderbergern,von deren Treffen man seltsamerweise in den gängigen Medien nichts erfährt,obwohl auch der stellvertretende Chefredakteur der Zeit auf der Gästeliste stand.

    Ich glaube der Fischer wurde schon von einer ganz anderen Elite auserchoren,jedenfalls wurde er schon von den Bilderbergern,von deren Treffen man seltsamerweise in den gängigen Medien nichts erfährt,obwohl auch der stellvertretende Chefredakteur der Zeit auf der Gästeliste stand.

  3. Links haben inzwischen schon die  unterschiedlichsten Akteure für sich in Anspruch genommen, dass bei diesem Etikett langsam nur noch die Frage bleibt, wofür es als Entschuldigung dienen soll. Fischer ist zweifellos ein Ausnahmetalent in der politischen Landschaft. Um  so weniger befreit eine solche Begabung vor einer stringenten Rechtschaffenheit in den politischen Entscheidungen.  Gute Erklärungen können nur so viel wert sein, wie die Handlungskonsequenzen denen nutzen, denen der Einsatz angeblich gilt.

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    • eluutz
    • 17.08.2008 um 12:27 Uhr

    Unabhängig von Herrn Fischers Werdegang oder sonstigen Feinheiten. Mich würde Ihre Definition von 'Links' interessieren. Herr Fischer spricht von einem Egalisierungsanspruch. Also davon, dass er einen Ausgleich zwischen Kapital und Arbeit (um in der Ideologoie zu bleiben) anstrebt. Was meinen Sie und warum kann Herr Fischer nach seiner Regierungsbeteiligung nicht mehr 'links' sein?

    • eluutz
    • 17.08.2008 um 12:27 Uhr

    Unabhängig von Herrn Fischers Werdegang oder sonstigen Feinheiten. Mich würde Ihre Definition von 'Links' interessieren. Herr Fischer spricht von einem Egalisierungsanspruch. Also davon, dass er einen Ausgleich zwischen Kapital und Arbeit (um in der Ideologoie zu bleiben) anstrebt. Was meinen Sie und warum kann Herr Fischer nach seiner Regierungsbeteiligung nicht mehr 'links' sein?

  4. Der Fischer, ein Linker - lächerlich! Der im Chor Schröders das Lied der Amerikanisierung unserer Wirtschaft gesungen hat, mitverantwortlich für die Politik Staat raus aus der Sozialverantwortung d.h. Sozialausgaben fast auf Null fahren und die Steuern für die reichen und Superreichen heruntergedrückt, Arbeitsplatzverlagerung ins Ausland, Lobbyisteneinflüsterer im Bundestag weiter präsent, ex Grüne heuern bei den Wirtschaftsbossen an. Die Arbeitsplatzangst geht um, Einleitung der Krankenkassenreform mit Verelendung des Patienten, von seinen Kriegsabenteuer wollen wir hier nicht sprechen u.s.w.! Kann da Herr Fischer ein Linker sein? - Nein, er kann es gar nicht sein!
     

    • eluutz
    • 17.08.2008 um 12:27 Uhr

    Unabhängig von Herrn Fischers Werdegang oder sonstigen Feinheiten. Mich würde Ihre Definition von 'Links' interessieren. Herr Fischer spricht von einem Egalisierungsanspruch. Also davon, dass er einen Ausgleich zwischen Kapital und Arbeit (um in der Ideologoie zu bleiben) anstrebt. Was meinen Sie und warum kann Herr Fischer nach seiner Regierungsbeteiligung nicht mehr 'links' sein?

    Antwort auf "Links ?"
    • marxo
    • 17.08.2008 um 13:18 Uhr

    "Dass wir nicht mehr kriecherisch sind, wissen wir selbst."Ui. Der deutsche Nazi verstand sich nie als kriecherisch, sondern als loyal und widerständig. Nun gut. Wie aber kommt Fischer dazu, den "Verhandlungen" mit Iran noch irgendeine zukünftige Form anzugedeihen? "Wenn der Iran nicht darauf eingeht, haben wir ein Riesenproblem" - soso. Seit fünf Jahren Verhandlungen u.A. durch Fischer geht Iran niemals nicht auf nichts ein. Jeder Vorschlag wird abgeblockt. Überdies hat Iran kein "Recht" auf eine irgend "zivile" Nutzung der Atomkraft, weil es sämtliche Verträge dahingehend hintergangen hat und über 20 Jahre ein geheimes Atomwaffenprogramm betrieb. Ein Joschka Fischer wusste übrigens noch vor seiner Regierungszeit durchaus darauf hinzuweisen, dass Atomenergie und Atomwaffenproduktion nicht trennbar sind, dass es ergo keine ausschließlich zivile Nutzung gibt und die Option Atomwaffen auch in Deutschland auf dem Tisch liegt: Binnen zwei Wochen kann Deutschland Atommacht sein, wenn es will. Dass "niemand" Irans Souveränität anzweifelt, sei hier auch nochmals widersprochen: Ich und nicht wenige andere haben gewaltige Probleme damit, in diesem Konglomerat von untereinander konkurrierenden religiösen Banden und Terroristen überhaupt einen Staat zu sehen. http://myblog.de/nichtide...

  5. Ja, Fischer war mit Abstand der talentierteste deutsche Politiker der letzten Jahre - Schön.
    Trotzdem erfüllt mich jedes Mal diese verherrlichende Selbstdarstellung mit Ekel. Das, was ihn beim Weinbrand an den väterlichen Kriegsgeschichten gestört hat, ist bei ihm selbst zwischen jeder Zeile zu lesen.
    Trotzdem schaffe ich es nicht, seine Interviews "links" liegen zu lassen und ärgere mich über mich selbst.

    • Anonym
    • 17.08.2008 um 15:44 Uhr

    "wer hier wohnt, ist aus dem Gröbsten raus"könnte man auch so verstehen, dass er noch im groben drin ist (was fehlt noch?)wo sind wir dann, die dort nicht wohnen?schöner kann fehlende journalistische distanz nicht gezeigt werden, welch unkritisches wohlwollen.so was möchte ich in bunten lesen, nicht hier

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