Singapur Vergesst Spanien!

Gonzalo Fuentes kann nicht verstehen, was die Deutschen an seiner Heimat lieben. Zu chaotisch, findet er. Sein Traumland ist Singapur. Da parkt keiner in zweiter Reihe

Die ZEIT: Herr Fuentes, Spanien ist eines der beliebtesten Urlaubsländer der Deutschen. Sie sind von dort nach Singapur geflohen. Warum?

Gonzalo Fuentes: In meiner Firma wurde ein Posten in Singapur frei, da habe ich zugegriffen. Meine Frau und ich sind sehr glücklich über diesen Entschluss. Zu Hause ging uns vieles auf die Nerven, was die Deutschen an Spanien lieben.

ZEIT: Zum Beispiel?

Fuentes: In Spanien wird alles der Improvisation überlassen: Es wird trotz Verbots überall geraucht und ständig in zweiter Reihe geparkt. Es kann also gut sein, dass Sie einen Tag lang nicht von Ihrem regulären Parkplatz runterkommen, weil irgendein total lässiger Typ Sie in zweiter Reihe zugeparkt hat. Und wenn Sie sich darüber aufregen, werden Sie bloß ausgelacht. So ein kulturloses Benehmen ist in Singapur undenkbar.

ZEIT: Weil es mit drakonischen Strafen geahndet wird. Selbst Kaugummi ist ja bekanntlich verboten, es gilt als unflätig.

Fuentes: Unfug. Sie können Kaugummi in Singapur kauen, ich habe es selbst ausprobiert. Sie können in der Apotheke sogar welches kaufen. Es ist nur verboten, es auf den Boden zu spucken. Die Menschen hier betrachten das nicht als Einschränkung ihrer Freiheit.

ZEIT: Ihnen bleibt ja auch nichts anderes übrig.

Fuentes: Nein, sie sehen ein, dass ihr Land vor allem wegen der in der ganzen Welt belächelten Gesetze so gut da steht: Singapur funktioniert ja in jeder Hinsicht hervorragend. Es ist der sauberste, wohlhabendste Staat der Region! Und der einzige Ort in den ganzen Tropen, in dem Malaria ausgerottet werden konnte. Warum? Weil stehendes Wasser in Blumentöpfen mit hohen Strafen belegt wird.

ZEIT: Dennoch scheint Singapur inzwischen selbst unter seinem Image als effiziente, aber extrem biedere Erziehungsdiktatur zu leiden. Über 40 Jahre nach der Unabhängigkeit werden nun Museen eröffnet, um ein bisschen Kreativität ins Land zu holen. Kann das klappen?

Fuentes: Ich glaube schon. Nehmen Sie meine Heimatstadt Bilbao. Als der Plan aufkam, dort ein Guggenheim-Museum zu eröffnen, war ich sehr skeptisch. Ich hatte mein ganzes Leben lang gut ohne dieses Museum gelebt und war der Meinung, es handele sich lediglich um ein kostspieliges Prestigeprojekt. Aber ich habe mich geirrt. Das Museum hat eine graue Industriestadt zum Reiseziel für Kulturinteressierte gemacht. Viele Amerikaner kommen für ein paar Tage, um sich eine Ausstellung anzuschauen. So etwas verändert eine Stadt grundlegend.

ZEIT: Auf Geheiß der Staatsführung wurden in Singapur in den letzten Jahren sogar Table-Dance-Bars und Kasinos eröffnet.

Fuentes: In Singapur denkt eben niemand, dass Kultur wachsen müsse. Seit der Unabhängigkeit in den sechziger Jahren wird dieses Land wie eine Firma regiert: Man stellt einen Businessplan auf, der dann umgesetzt wird. So wurde zuerst das Lebensniveau gehoben, westliche Verhaltensnormen und Hygienestandards wurden eingeführt. Vor ein paar Jahren hat die Führung dann beschlossen, dass die Gesellschaft reif für Erwachsenen-Vergnügungen ist.

ZEIT: Die richten sich wohl auch an die vielen Touristen, die über Singapur nach Europa oder Asien fliegen und hier ein paar Tage länger bleiben sollen. Wer geht denn ausgerechnet in Singapur ins Kasino?

Fuentes: Vor allem Inder und Chinesen. Asiaten lieben das Glücksspiel. In Macao wird heute mehr Umsatz gemacht als in Las Vegas, auf diese Klientel zielen die neuen Resorts mit integriertem Kasinobetrieb. Für Deutsche ist das nichts.

ZEIT: Warum nicht?

Fuentes: Ihr Land ist Singapur einfach zu ähnlich. Wenn Deutsche auf Reisen gehen, wollen sie nicht, dass die Dinge funktionieren. Sie wollen den spanischen Schlendrian, vietnamesisches Chaos oder das verruchte Nachtleben von Bangkok. Das kriegen sie in Singapur natürlich nicht.

ZEIT: Hier geht es sogar in den chinesischen Garküchen am Ostufer so gesittet zu wie im Speisesaal eines Mädcheninternates. Das wirkt wirklich nicht besonders authentisch.

Fuentes: Das hätte ich mit 19, als ich mit dem Rucksack durch die Welt trampte, auch gesagt. Heute frage ich mich, warum Menschen weniger authentisch sein sollen, weil sie nicht auf den Boden spucken und nicht beim Essen rauchen. Man muss wohl ein bisschen was von der Welt kennen, um Singapur zu schätzen. Meine Frau und ich haben die Erfahrung gemacht, dass Leute, die auf dem Weg nach Vietnam oder Thailand hier einen Zwischenstopp einlegen, oft enttäuscht sind, weil es gar nicht so fremd ist, wie sie gedacht haben. Ich empfehle deshalb immer, Singapur erst im Anschluss an eine ausgedehnte Asienreise zu besuchen. Nach drei Wochen in einem weniger entwickelten Land merken Sie, wie angenehm es ist, dass jeder Fahrplan eingehalten wird und dass Sie überall sehr zuvorkommend behandelt werden.

ZEIT: Wie lange kann ein Tourist bleiben, ohne sich zu langweilen?

Fuentes: Drei bis vier Tage. Sie genießen die großartige asiatische Küche ohne Reue, besuchen den botanischen Garten, legen sich in Sentosa an den Strand, gehen auf der Orchard Road shoppen. Und wenn Ihnen das alles zu sauber vorkommt, verbringen Sie einen Nachmittag in Chinatown oder Little India. Da geht es dann schon vergleichsweise chaotisch zu.

ZEIT: Welchen Rat würden Sie einem Singapurer mit auf den Weg geben, der nach Südeuropa fährt?

Fuentes: Habt Geduld, Freunde, dort dauert alles sehr, sehr lange, die Busse kommen entweder gar nicht, oder sie kommen viel zu spät, es ist schmutzig in den Straßen, überall liegt Hundescheiße herum, und egal, wo ihr hinkommt, man gibt euch das Gefühl, wahnsinnig zu stören. Dienstleistungsberufe werden in Europa nicht ernst genommen.

ZEIT: Sie vermissen in Singapur also gar nichts?

Fuentes: Doch. Gebackene Blutwurst und ein gutes Glas Rotwein, das nicht gleich ein Vermögen kostet. Und die Geschichte. Außer ein paar Gebäuden aus britischer Zeit ist hier nichts älter als 20, 30 Jahre.

Interview: Stefanie Flamm

 
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