Belletristik Wo bist du, Adam?

Ingo Schulze hat eine sehr leichte und erotisch entzündete Geschichte über die Wiedervereinigung geschrieben

Man hinkt beim Lesen leicht hinterher, ist mit dem Verstand immer etwas zu spät; man denkt nach, ergänzt und komplettiert das Gelesene, bis die Szene stimmt; viel Zeit hat man nicht, denn man wird fortgerissen von den knappen Sätzen, den schnellen Dialogen, den kurzen Kapiteln; den Sprüngen der Romanhandlung; den Sprüngen der geschichtlichen Ereignisse. Adam und Evelyn spielt im Sommer und Herbst 1989, da ging in historischer Perspektive alles rasend schnell, und die Helden des Romans rasen mit. Ihr Treibstoff ist das Begehren der Geschlechter, sie sind in einer fiebrigen Unruhe wie die rotierenden Pärchen in Mozarts Così fan tutte. Und wie in der Oper ist in Adam und Evelyn alles hochallegorisch; nichts, von den sexbegleitenden Trauben, Feigen und Quitten des Anfangs bis zum Brandopfer der Schlussszene, entgeht der Mehrdeutigkeit. So haben wir drei ständig ineinander verschlungene schiefschnelle Wege zu durchlaufen: den der biblischen Schöpfungsgeschichte, den der Maueröffnung und den der Liebeshändel zwischen sieben, acht meist jungen Menschen. Das ist viel, das geht schnell, man hat das Gefühl, lesend in launiger Gesellschaft zu tanzen. So leicht und luftig ist das Ganze, dass man ganz anstrengungslos dieser Etüde in Weltschöpfung und Weltenwandel folgen mag.

Wie macht Ingo Schulze das, der mit seinem mächtigen Wenderoman Neue Leben schon ein groß gedachtes und konstruiertes Wiedervereinigungsepos vorgelegt hat? Was er in Neue Leben expliziert, ausgemalt und kommentiert hat, ist jetzt umgewandelt in einen volatilen Stimmenchor, der alle »Fakten« in Reden auflöst über das Naheliegende, Alltägliche, Greifbare. Über Gefühl und Stimmung des Sprechenden verraten die Reden viel, über das Ereignis aber nur Indirektes: Geschichte, verkappt in einem Reigen erotisch entzündeter Sprechakte. Das ist dem Theater nicht fern. Und selbst die biblische Mythologie spielt mit: Denn die Auslegungsvarianten sind unerschöpflich, und jeder darf sich Adam und Eva und die apokryphe Lilith (im Roman die dralle Lilly) so zurechtschneidern, wie es ihm mit den anderen Variablen des Romans elegant zusammenzupassen scheint. Er darf sogar die böse flüsternde Schlange finden: geschrumpft zur lieben Elvira, Elfi genannt, der Schildkröte, die den Roman von Anfang bis Ende fressend begleitet, die Ewige eben, schon phonetisch der Eva/Evelyn näher als Adam, der in Wirklichkeit Lutz Frenzel heißt. Der hinkende Leser, der sich gelegentlich als Tänzer fühlt, darf sich also seinen Roman selber bauen, auf ähnliche Weise, wie sich der zentrale Adam, Damenschneider und Hobby-Fotograf in der DDR-Provinz, ganz zu Anfang des Romans in der Dunkelkammer seine Bilder macht von seinen Frauen. Er schöpft aus dem Entwicklerbad und bringt ans Licht jene von ihm luxuriös von Hand bekleideten und offensichtlich mit anderen Körperteilen des Weiteren beglückten Frauen.

Anzeige

So kommt, wie bei erotischen Komödien üblich, die Handlung in Gang: Adams Freundin Evelyn ertappt ihn und Lilly in flagranti und macht ihm eine Szene. Das passt ihr und dem Roman in den Plan, denn Evelyn hat Stress mit dem Staat, der sie nicht studieren lassen will. Sie will weg, und der Roman will auch weg, weil er es auf jene Schwebezeit abgesehen hat, die entstand zwischen der Öffnung der ungarischen Grenze nach Österreich vom Mai 1989 an und dem Fall der Berliner Mauer.

Hier, nein, dort, damals, nein, jetzt ist die Möglichkeitsform das heitere Medium der Erzählung: Es tun sich Optionen auf, die das eigene Leben in Vergangenheit wie Zukunft ins Rutschen bringen. Ins Gleiten und ins Tanzen oder ins Fallen und in Fallen? Alle Versionen haben ihren Platz und ihre Vertreter im Roman. Doch zunächst ist alles Ambivalenz und Schweben, ganz nah, ganz warm, trotz oder wegen des politischen Handlungsdrucks fast reine Gegenwart, fast Paradies. Das Paradies und die Ambivalenz? Wie geht das zusammen? Zum Beispiel im süchtigen Beharren des so sinnlichen wie generösen Lebensliebhabers Adam auf seiner Lebensform in der DDR, die er mitnichten als Nische, sondern als Glück des vom abstrakten Tauschzwang befreiten, zeitenthobenen Daseins erlebt. Tatsächlich tauscht er seine Arbeitskraft gegen sexuellen Genuss oder später bei Frau Angyal in Ungarn gegen gutes Essen, feine Seide und einmal mehr gegen Sex. Aber will Adam nicht doch heimlich weg? Kann er es sich nur nicht zugestehen? Wird erst richtig verführerisch, was zur Disposition steht? Immerhin folgt er seiner Geliebten in den Westen!

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    Service