Im Südpolarmeer blühte einst das Leben. Seefahrer beschrieben vor rund hundert Jahren in Logbüchern, wie gigantische Krillschwärme das Meer verfärbten, »so weit das Auge reicht«. Das Wasser war stellenweise »dick wie Erbsensuppe«. Dutzende Wale durchsiebten die Suppe.

Die polare Blüte ist zerstört. Rund zwei Millionen Wale endeten als Tran und Hundefutter. Dem Massaker fielen die wichtigsten Krillfresser zum Opfer: an die 300000 Blauwale. Von den größten Tieren aller Zeiten überlebten nur wenige Hundert. Trotz jahrzehntelangen Schutzes hat sich ihr Bestand kaum erholt. Auch der Krill schwächelt. Das ist seltsam. Denn wenn Räuber verschwinden, nimmt der Bestand ihrer Beutetiere normalerweise massiv zu. Offenbar nicht beim Krill. Früher fraßen die Wale jährlich rund 180 Millionen Tonnen Krill – das ist mehr Biomasse, als alle Fangflotten und Aquakulturen pro Jahr an Meerestieren auf den Weltmarkt bringen. Meeresbiologen sprechen vom antarktischen Paradox.

»Die Krillbestände sind zwar extrem schwer zu schätzen«, sagt Victor Smetacek vom Alfred Wegener Institut für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven, »aber nach den besten vorliegenden Daten haben sie in den vergangenen drei Jahrzehnten um rund 80 Prozent abgenommen.« Manche Forscher begründen dies mit dem Klimawandel. Doch im Südpolarmeer haben sich die Temperaturen wenig verändert. Smetacek sieht die Hauptursache in der Biologie: »Die vielen Wale hielten als Umweltgärtner ein sehr produktives Ökosystem aufrecht. Mit ihrer Dezimierung verfiel es.« Ihren Meeresgarten bestellten die Riesensäuger und Kleinkrebse durch intensives Recycling lebenswichtiger Nährstoffe in der oberen Wasserschicht. Dazu gehört besonders Eisen, ein wachstumsbestimmendes, weil sehr rares Element in weiten Teilen der Ozeane. Bleibt der essenzielle Dünger im Kreislauf erhalten, gedeihen üppige Algenfelder – und von den Algen viele Minitiere. Diesen Plankton weiden die Krillkrebse radikal ab. Die Krebse wiederum werden von den Walen gefressen.

Wir fangen die großen Fische weg und ignorieren die ökologischen Folgen

Sie laden ihren flüssigen Kot an der Oberfläche ab, düngen so neue Algenfelder – perfektes Recycling. Eine plausible Hypothese – doch warum sollte sich die Menschheit für düngende Wale interessieren? Smetacek nennt drei Gründe: »Erstens wäre es wichtig zu wissen, wie die natürliche Produktivität im Südpolarmeer so extreme Höhen erreichen kann«. Auf relativ kleiner Fläche »ernteten« die Wale viel mehr Biomasse, als die Menschen mit zerstörerischer Technik aus allen Meeren fischen. Vielleicht könnten wir von den Walen lernen. »Zweitens hat die Eisendüngung im Ozean globale Bedeutung für das Klima«, sagt der Meeresbiologe. Algen liefern ebenso wie Landpflanzen die Basis allen Lebens; sie bauen aus dem Treibhausgas CO₂ Zucker, Eiweiße und Fette auf. Diese sonnenbetriebene Riesenpumpe und das Meerwasser haben rund die Hälfte des gesamten von Menschen emittierten CO₂ aus der Luft geholt.

Als dritten Grund für das Studium der gärtnernden Wale nennt Smetacek den unterschätzten Einfluss von Großtieren, der Megafauna, auf Ökosysteme: »Wir plündern die Ozeane, fangen systematisch Haie, Thunfische und andere Großtiere weg, ohne zu wissen, welche Folgen dies für das Gesamtsystem hat.« Bevor der Mensch auftauchte, prägte die Megafauna die Umwelt, zu Wasser und zu Lande. In Fachkreisen finde dieses environmental gardening zunehmend Beachtung (siehe nächste Seite). Am bekanntesten sind Beispiele aus dem terrestrischen Leben. »Früher prägten Mammuts, Elefanten, Bisons, Hirsche oder Wildpferde gewaltige Steppen- und Savannengebiete in Eurasien, Amerika, Afrika und Indien«, sagt Smetacek. Auch diese Megafauna habe die Vegetation zu ihren Gunsten gestaltet, etwa Bäume und Wälder zurückgedrängt. »Das förderte das Wachstum von Gräsern, der Hauptnahrung dieser Tiere.«

Wie Megafauna auch die Ozeane prägt, beschreibt Smetacek am Beispiel der Seeotter. Diese großen Marder werden bis zu anderthalb Meter lang. Sie leben im kalten Nordpazifik und besitzen das wohl feinste Fell im Tierreich. Das wurde ihnen zum Verhängnis. Pelzjäger hatten sie von Russland über Alaska bis Kalifornien fast ausgerottet. Da die Otter hauptsächlich Seeigel fressen, die wiederum die ärgsten Schädlinge von Tang- und Kelpwäldern sind, folgte dem Otterschwund eine Seeigelschwemme – und vielerorts ein Niedergang der Tangwälder. Diese submarinen Wälder bestehen hauptsächlich aus dem Riesentang Kelp. Er wächst auf Stängeln bis zu 30 Meter vom Meeresgrund hoch und bildet an der Oberfläche flache Wedel aus, quasi die Baumkronen. Kelpwälder sind sehr artenreich, sie gelten als submarines Gegenstück der Regenwälder. Als sich die Jagd auf die selten gewordenen Seeotter nicht mehr lohnte, wurden sie unter Schutz gestellt. Sie erholten sich – und damit auch viele Kelpwälder.