»Aber Herr Doktor, ich war tot!« – »Nicht ganz: Ein halber Schatten, Shade.«

Nicht nur das Leben imitiert die Kunst, auch der Tod. Als Vladimir Nabokov am 2. Juli 1977 in einer Lausanner Klinik starb, hinterließ er ein unvollendetes Manuskript mit dem Titel The Original of Laura. Noch auf dem Krankenbett hatte er fieberhaft an der Fertigstellung des Romans gearbeitet, dem er mit charakteristischem Hintersinn den Untertitel Dying Is Fun (»Sterben macht Spaß«)gab. Es sei ein regelrechter Wettlauf mit dem Tod gewesen, erklärt sein Sohn Dmitri, 74: »Mein Vater fühlte, dass er bald sterben würde, aber er wollte unbedingt vor dem Tod an der Ziellinie sein.«

Eigentlich war der Roman längst fertig. Nabokov hatte nämlich die Angewohnheit, seine Werke erst dann auf Karteikarten niederzuschreiben, wenn er sie schon vollständig im Kopf ausgedacht hatte. Doch geschwächt von Krankheiten und den Strapazen anderer Projekte, machte er bei der Niederschrift von Laura nur langsame Fortschritte: mal drei Karten täglich, mal fünf oder sechs. Es war, wie üblich, eine literarische Puzzlearbeit.

Am Ende reichte die Kraft nicht. 138 Karteikarten hatte der berühmte Autor mit seiner säuberlichen Handschrift gefüllt, bevor ihn der Tod einholte und so »das Werk eines großen Poeten unterbrach«, wie es in Nabokovs Roman Fahles Feuer über den Dichter John Shade heißt. Der Inhalt des Manuskripts ist eines der bestgehüteten Geheimnisse der jüngeren Literaturgeschichte. Nur eine Handvoll Menschen kennt ihn, und dass wir der geheimnisvollen Laura überhaupt begegnen dürfen, ist ein kleines Wunder. Denn um ein Haar wäre sie ein Opfer der Flammen geworden.

Als abzusehen war, dass er sein letztes Werk nicht mehr würde beenden können, verfügte Nabokov, dass der Fragment gebliebene Roman nach seinem Tod verbrannt werden sollte. Doch sowohl seine Frau Véra als auch Sohn Dmitri zögerten mit der Durchführung des literarischen Nero-Befehls und behüteten das mysteriöse Manuskript jahrzehntelang in einem Schweizer Banksafe vor den neugierigen Augen der literarischen Öffentlichkeit, die heftig das Für und Wider der angeordneten Einäscherung debattierte.

Der ungewöhnlichste Selbstmordplan der Literaturgeschichte

Und wie das bei Schweizer Bankgeheimnissen so ist: In kürzester Zeit kursierten alle möglichen Verschwörungstheorien und Vermutungen. Gefüttert wurde die Debatte nicht nur durch gelegentliche Äußerungen Dmitris und Indiskretionen Vertrauter, sondern vor allem durch die unerschöpfliche Fantasie von Nabokov-Enthusiasten weltweit, die sich an jedem nach außen dringenden Wort entzündete und in einschlägigen Internetforen entlud. Wie ein delphisches Orakel wog die Fangemeinde des Schriftstellers jede Äußerung von Dmitri (»das konzentrierteste Destillat der Kreativität meines Vaters«) oder des Nabokov-Biografen Brian Boyd, der vor wenigen Monaten in einer australischen Talkshow von »wunderbaren Einfällen« und »völlig neuen erzählerischen Kunstgriffen« im Manuskript schwärmte.