Claudia Langer war mal die Frau, vor der ihre bürgerbewegten Eltern sie immer gewarnt hatten. Weil sie von deren »ewigen Weltuntergängen« als Schülerin in den achtziger Jahren irgendwann genug hatte, gründete sie eine Event-Agentur und später eine Werbefirma; alles vom hedonistischen Zeitgeist beflügelt. Ökos? Die fand Langer »granaten-unsexy«. Dann, letzten Sommer, sah die 43-Jährige Eine unbequeme Wahrheit, Al Gores Klimafilm . Bestürzt gründete sie »diesmal etwas gesellschaftlich Relevantes«: Utopia! Genauer: eine Internetplattform »für strategischen Konsum« namens »utopia.de«.

Mit Tusch und Tabus, eben den Mitteln ihres Fachs, die den CO₂-trächtigen Lebensstil lange so wirkungsvoll angeheizt haben, will Langer nun die Konsumgesellschaft klimatauglich umbauen. Zielgruppe sind all jene Genussmenschen, die gern viele Quadratmeter beheizen und hemmungslos dem Slogan der Autovermietung Hertz frönen: »Gas geben und Meilen sammeln«. Provozierend und witzig stellen die Unternehmerin und ihre Mitstreiter Empfehlungen für »ökorrekte« Waschpulver, Autos und Bio-Smoothies ins Netz; Orientierungshilfen durch die verwirrende Vielfalt der Energiebilanzen und Fair-Trade-Labels.

»Wir fangen dann schon mal an«: Der soziale Druck klingt milde, der utopia-Slogan »Kauf dir eine bessere Welt« wie die Auflösung aller Widersprüche. Aber lässt sich das große, identitäts- und kulturprägende Konsumvergnügen tatsächlich allein durch den Austausch der Waren in eine kohlenstoffärmere Welt hinüberretten? Oder bleibt das utopisch, unerreichbar eben? Solche Fragen stellen sich, seit alles Grüne in ist, nicht nur Claudia Langer. Sie treiben auch viele andere, neuerdings bewegte Ökos um. Längst haben ja Klima- und Artenschutz weit über die Leser von Schrot und Korn hinaus so gut wie alle Milieus und Institutionen erreicht.

Energieprojekte, die »mehr als grüne Petersilie auf dem Schweinebraten« sind

In der »Mitte der Gesellschaft« aber geraten die neuen Ökos unweigerlich in Kollision mit den alten Gewohnheiten, Interessen und Strukturen. Biospritbauern können ein Lied von solchen Zerreißproben singen: Erst waren sie Ökoengel, weil man mit Biosprit glaubte, ruhigen Gewissens Auto fahren zu können. Dann wurden sie als Naturzerstörer und Verursacher von Hunger verdammt, weil Mais und Raps Nahrungspflanzen verdrängten. Wie viel Kompromiss und Anpassung ist also nötig, wie viel ist möglich, ab wann bleibt nur mehr ein grüner Anstrich übrig?

Ob auch utopia.de bloß »lukratives Ökotrendsetting« für die neuen Biobranchen bietet, diskutieren die bisher 18000 »Utopisten« indes auch selbst. Auf dem virtuellen Marktplatz räsonieren zudem Kolumnisten wie der taz- Redakteur Peter Unfried alias »Dr.Dilemma« über die neuen Werte- und Gewissensfragen: »Flugreisen, der Liebe wegen – ist das ok?«

Anders als jedes frühere Utopia liegt dieses mitten im Öko-»Megatrend«, den Anlegermagazine ausrufen. Überall wird das, was früher fundi oder realo war, jetzt normalo. Bionade findet den x-ten Nachahmer, der Bosch-Konzern setzt auf Effizienz- und Solartechnik, Zahnärzte und Handwerker kaufen wie in Singen oder Tauberbischofsheim Anteile an den Solar-Gesellschaften früherer Ökofreaks. Und der Widerstand gegen die klimaschädliche Kohle braut sich nicht mehr allein in linken Gruppen wie der Aktion Gegenstrom zusammen oder in Bürgerinitiativen, die nur die Luft vor der eigenen Haustür rein halten wollen. In Konstanz etwa lehnte jüngst der Gemeinderat, der schon den Abschied vom Atomstrom aus der benachbarten Schweiz beschlossen hatte, auch die Beteiligung am geplanten Kohlekraftwerksneubau in Brunsbüttel ab. Stadträte aus allen, einschließlich der bürgerlichen, Parteien wollten sich auf weitere 40 Jahre fossiler Emissionen nicht mehr festlegen.