Film : Das Hospital der Bilder

Die ersten Kinopioniere hießen ausgerechnet »Licht«. Den Brüdern Lumière folgten Eisenstein, Welles, Godard und Scorsese. Im Bunker des New Yorker Museum of Modern Art sind die Werke aller Meisterregisseure versammelt – zur Rettung vor dem Verfall

Es gibt kein Schild, keine Markierung, nicht den winzigsten Hinweis. Nur Wälder, Wiesen, Angelteiche. Schwer vorstellbar, dass sich hier, in Hamlin, Pennsylvania, im Nirgendwo der amerikanischen Provinz, eine wahre Schatztruhe der Kinogeschichte verbirgt. Ganz genau: 22.500 Filme in 100.000 Blechdosen, das Filmarchiv des Museum of Modern Art, eine der bedeutendsten Sammlungen der Welt. Am Steuer sitzt der junge Rajendra Roy, seit einem Jahr Leiter der Filmabteilung des Museums. Er war schon einige Male an diesem Ort und verpasst die Einfahrt trotzdem. Irgendwann passieren wir zwischen Kuhweiden ein Metallgatter, das sich wie von Geisterhand öffnet.

Und da liegt er, elegant an einen Hügel geschmiegt: Der MoMA-Bunker, ein flaches, hochmodernes Gebäude aus Beton, Glas und Stahl. Man könnte auch sagen: der wohl sicherste und luxuriöseste Ort, an dem sich eine Filmkopie auf diesem Planeten aufhalten kann. Auf den ersten Blick wirkt die 1996 gebaute Anlage mit ihren Bewegungsmeldern, den automatischen Türen und dem ständigen leisen Elektrobrummen wie die Hightech-Trutzburg eines James Bond-Bösewichts. Begrüßt werden wir aber nicht von Blofeld, sondern von einem ausnehmend freundlichen älteren Herrn mit weißem Schnurrbart, der in einem klassischen Western den ausgefuchsten Sheriff spielen könnte: Arthur Wehrhahn, genannt Artie, seit vierzig Jahren Archivleiter des MoMA.

Die Führung durch sein Reich hat Wehrhahn als liebevoll aufgebauten Parcours angelegt. Zur Einstimmung führt er uns in die akribisch geordnete Asservatenkammer des Archivs, eine Art Zauberland der Filmgeschichte. In verschiebbaren Metallschränken lagern vergilbte Plakate, Originaldrehbücher mit Notizen, Korrespondenzen zwischen Regisseuren und Studios. An der Wand stehen Vorführgeräte, auch aus den frühesten Jahren des Kinos. Stolz zeigt Wehrhahn den Vorläufer des Filmprojektors, ein 1893 gebautes Kinetoscope der Edison Company. Nach dem Einwurf einer Münze konnte man sich durch einen Sehschlitz kurze 35-Millimeter-Filmaufnahmen von Boxkämpfen, Akrobatikshows, Tänzen anschauen. Es war die Geburt des Kinos aus dem Geist des Jahrmarkts.

Bevor er uns in die Tresorräume und damit ins Herz des Bunkers lässt, erklärt Wehrhahn die elektronische Katalogisierung, eine mit dem MoMA-Hauptgebäude in Manhattan vernetzte Datenbank, in der sich die Informationen über technische Details, Herkunft, Regisseure, Format und Zustand der Filme finden. Ganz Zeremonienmeister, landet Wehrhahn mit einem Tastendruck erst einmal bei: Lumière.

Es ist ein schöner Zufall, dass der Name der allerersten Kinopioniere Licht bedeutet. Licht im Sinne einer klassischen Kinovorstellung wurde es zum ersten Mal am 28. Dezember 1895, als die Brüder Louis und Auguste Lumière in Paris mit ihrem Kinematografen, einer Mischung aus Kamera, Kopiergerät und Projektor, eine öffentliche Filmvorführung gegen Geld organisierten. Die Veranstaltung im Keller des Grand Café auf dem Pariser Boulevard des Capucines war nicht nur der Beginn des Kinos, sondern auch einer seiner Hauptströmungen. Von Anfang an sahen die Lumières die Kamera als Instrument zur Aufzeichnung von Alltag, Leben, Wirklichkeit. Sie filmten Arbeiter, die ihre Fabrik verlassen, eine Mutter, die ihr Kind füttert, oder wenig später auch die berühmte, in den Bahnhof von La Ciotat einfahrende Lokomotive, vor der manche Zuschauer noch in panischem Schrecken davonliefen.

Von den Lumière-Brüdern führen die Linien der Filmgeschichte zu all jenen Regisseuren, die – ob im Spiel- oder Dokumentarfilm – reale Lebensumstände und gesellschaftliche Wirklichkeiten abbilden. Der Geist der Lumières weht in den experimentellen Gesellschaftsporträts von Dsiga Wertow, im italienischen Neorealismus, im amerikanischen Direct Cinema der sechziger Jahre. Er findet sich im klassenkämpferischen britischen Free Cinema wie im engagierten Gegenwartskino der belgischen Brüder Dardenne und des Briten Ken Loach.

Fast zeitgleich mit den Lumières schickte der Franzose Georges Méliès das Kino mit einem Kontrastprogramm auf seine zweite große Reise. Schon die Titel der im MoMA-Archiv lagernden Méliès-Filme sprechen vom erfinderischen Geist, der hier am Werke ist: Reise zum Mond (1902), Illusionist, Jahrhundertwende (1899) oder auch Der Palast der 1001 Nacht (1905). Im Gegensatz zu den dokumentarisch arbeitenden Lumières erzählte der Schauspieler, Artist und Theaterproduzent Méliès fantastische Geschichten. In rührend gebastelten Dekors schickte er Züge zum Mond, erfand Zauberer, die Puppen zum Leben erwecken, oder Schneeriesen, die Wissenschaftler auffressen. Bei Georges Méliès ist der Film Magie, Fiktion, Illusion. Und auch wenn rund hundert Jahre Tricks und technische Entwicklungen dazwischen liegen, ist es letztlich doch nur ein kleiner Schritt von Méliès’ Monstern und Fantasiegestalten zu Terminator, Indiana Jones und Harry Potter, zu den Superhelden- und Fantasy-Spektakeln unserer Zeit. Oder auch zu 007. Gerade eben sei eine Sendung mit dem neuesten James Bond-Film angekommen, sagt Arthur Wehrhahn gespielt beiläufig. «Wollen Sie sie sehen?« Auf den Filmdosen, die wir im Nebenraum betrachten, steht der Tarnname Alcazar – in Hamlin, das zeigen auch die Lichtschranken und Videokameras, schützt man die Filme nicht nur gegen die Zeit, sondern auch vor dem unrechtmäßigen Kopiertwerden.

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Kommentare

2 Kommentare Kommentieren

Der Geist ist bereits entfleucht.....

Da man heute bei der Filmindustrie hauptsächlich auf Hollywood schaut, kann ich nur folgendes anmerken:1. Der europäische Film lebt, man bekommt ihn aber nicht (kaum) zu sehen.2. Der europäische Film ist in Teilen noch gut.3. Der internationale Film lebt auch noch.4. Der internationale Film bringt teilweise sehr gut Ergebnisse hervor (z.B."Persepolis")Der amerikanische Film dominiert den Markt unda) unterscheidet sich NOCH durch die Genres KOMIK, COMIC, DRAMA, KATASTROPHE, KRIEG, MUSICAL, HORROR, KRIMIb) ist aber innerhalb dieser Genres völlig Stereotyp und nur Ort, Zeit und Personen wechseln, sind aber idR völlig farblos. Der Filmverlauf ist statisch.Damit ist der Filmmarkt zu 90% tot, weil die alternativen Filme wegen des Kommerzgedankens nicht in die Kinos kommen, oder wenn, dann nur in den Metropolen Europas. Damit haben 90 % der Menschen keinen Zugang oder müssen die Filme teuer erstehen.Hier sei nur ein Beispiel genannt: Der international bekannte Regiesseur Youssef Chahine ist am 27. Juli in Cairo gestorben. Er hat viele renommierte Filme gedreht und ist in Frankreich recht bekannt. Seine Filme kann man noch nicht mal bei AMAZON Deutschland kaufen! Geschweige denn, im TV oder im Kino sehen.Aber wenn Madonna Migräne hat, wird das gleich medienwirksam überall verbreitet und vermarktet. Noch Fragen?

Leinwände in Lichspielhäusern + Großbildschirme in Privaträume

Ich möchte vorausschicken, dass ich ein großer Film-Fan bin und mich für gut gemachte Werke absolut begeistern kann (z.B. "Departed", Martin Scorcese). Auf einzelne Genres beschränke ich mich dabei nicht, mich können auch gut gemachte sog. "Horrorfilme" begeistern (z.B. "Shining", Stanley Kubrick) und am schwierigsten zu drehen finde ich Komödien, die auch nach Jahren noch begeistern können (z.B. von Lubitsch).
Es gab und gibt immer wieder großartig gespielte und gedrehte Filme. Woran mache ich nun fest, ob ich einen Film als gut oder nicht gut bewerte? Wenn ich (wenigstens vorrübergehend) so in den "Bann" gezogen werde, dass ich vergesse ... "um die gerade laufende Szene stehen diverse Beleuchter, Kameraleute, Assistenten, Maskenbildner und, und, und herum und alles ist nur eine Illusion" ... dann, ja dann nehmen mich Handlung, Schauspielkunst und Regie so gefangen, dass ich den Film "geniessen" kann.
Und dann gibt es da diese Filme, die fast ausschließlich aus sog. "Special-Effekts" bestehen. Meist ist die "Handlung" (wenn man überhaupt davon sprechen kann) Nebensache und 'digitale' Effekte und Stunts sind die eigentlichen "Hauptdarsteller". Ich fange meist sofort an mich zu langweilen und fühle mich "massiv unterfordert".
Filme, die ich "in mein Herz geschlossen" habe, (von Polanski, Scorcese, Visconti, Fellini, Chabrol, Spielberg - ja, der auch! und auch von etlichen der jüngeren Regisseure), setzen für mich höchstens "Patina" an, aber sie werden mit zunehmendem Alter nicht "lächerlich". Wenn ich dagegen einen Film erneut ansehe, den ich schon bei der Erstbetrachtung nicht so besonders fand, dann stellt sich bei mir häufig so etwas wie ungläubiges Staunen über derartigen "Schrott" ein.
Und dann gibt es da noch "jüngere" Regisseure, die meinen "Zuschauer hätten ja sowieso schon alles gesehen und man könne sie nur noch mit super-realistischen bzw. super-schockierenden Details ins Kino locken" (Beispiel: "Hostel 1 + 2", Roth). Darüber ärgere ich mich und vermute sie werden wohl in einigen Jahren höchstens noch als "Geldbringer" geschätzt werden, aber wohl kaum als ernstzunehmende "Kulturschaffende" (ja, ich weiß, das ist ein bißchen hochgestochen).
Zum Stichwort "Großbildschirme" ... Wenn ich einen (relativ hohen) Eintrittspreis im Kino bezahle und als Gegenleistung dafür eine schlampige Projektion, über- oder untersteuerten Ton und ein ungepflegtes Ambiente geboten bekomme, dann werde ich dieses Kino künftig meiden. An Kinobetreiber kann ich daher nur die Bitte richten (in ihrem eigenen Interesse) für Qualität zu sorgen, denn Filmfreunde haben heute die nicht zu unterschätzende Alternative DVD-Filme in bestechender Bild- und Ton-Qualität zu Hause auf einem Großbildschirm anzusehen. Es liegt (auch) an den Kinobetreibern diesen Trend zumindest abszuschwächen.
Ansonsten sehe ich "den Geist" als "nicht totzukriegen" an ...
Gute Regisseure und Schauspieler/innen wachsen immer wieder nach, die muss man einfach nur aus der Masse der "Mittelmäßigen" oder "Nichtskönner" heraussuchen. Also, kulturell sind wir noch nicht am Ende.