Die Luft steht im alten Senatssaal der Universität Frankfurt. An diesem Sommertag herrschen schon vormittags drückende Temperaturen. Dennoch bewahren die versammelten Theologen, Philosophen und Naturwissenschaftler Haltung. Niemand lockert die Krawatte oder legt das Jackett ab – bis auf einen. Ausgerechnet der Hauptredner gibt sich lässig. Kurzärmelig tritt Pascal Boyer ans Rednerpult, erläutert gestenreich seine Ideen und stört sich auch nicht weiter daran, dass dabei allmählich das Hemd aus der Hose zu rutschen beginnt.

Schon optisch wird der Unterschied zwischen Boyer und seinen Zuhörern deutlich: hier der französischstämmige Religionsanthropologe, der auf erfrischend unverkrampfte Art über religiöse Fragen nachdenkt; dort die deutschen Fachleute, die sich an die althergebrachte akademische Ordnung halten und das vielschichtige Thema Religion streng in theologische, soziologische und philosophische Aspekte trennen. Da wirkt ein Forscher wie Boyer, der über solch disziplinäre Grenzen hinausdenkt, wie ein Hochseilartist auf einem Pfarrgemeindefest.

Für zwei Wochen ist der Professor für »kollektives und individuelles Gedächtnis« von der Washington University in St. Louis nach Frankfurt gekommen, als Fellow ans hiesige Institut für Religionsphilosophische Forschung. Und heute soll Boyer einem größeren Wissenschaftlerkreis Rede und Antwort stehen. Denn evolutionsbiologische Erklärungen der Religion sind derzeit ebenso beliebt wie umstritten. Der britische Biologe Richard Dawkins gründet darauf zum Beispiel sein Buch Der Gotteswahn, mit dem er gegen jedweden religiösen Glauben zu Feld zieht und zu einem militanten Atheismus aufruft. Dawkins zitiert auch Boyer als Kronzeugen. Gehört der Franzose also ebenfalls zu den wissenschaftlichen Gottesgegnern?

Ihm gehe es nicht darum, den Inhalt eines religiösen Glaubens zu beweisen oder zu widerlegen, erklärt Boyer gleich zu Beginn. »Ich bin vor allem daran interessiert, wie religiöse Ideen entstehen, wie sie funktionieren und welche Folgen sie haben.« Er persönlich glaube zwar nicht an Gott, aber anders als Richard Dawkins sei er ein »Atheist ohne Agenda«.

In Kamerun ist die Frage nach der Herkunft des Bösen völlig unbedeutend

Seine Unvoreingenommenheit rührt auch daher, dass der Sohn einer Katholikin und eines Juden selbst »religiös völlig indifferent« aufgewachsen ist. »Der Glaube spielte bei uns zu Hause überhaupt keine Rolle«, erzählt Boyer. »Während meiner Jugend in Frankreich kannte ich niemanden, der auch nur jemanden kannte, der religiös gewesen wäre. Das Thema war sozusagen inexistent.«

Erst während seiner Feldforschung in Afrika, unter anderem beim Volk der Fang in Kamerun, stieß Pascal Boyer auf das Thema Religion. Dort begann er sich erstmals zu fragen, wie sich die erstaunliche Vielfalt religiöser Glaubensvorstellungen rund um den Globus erklären lasse. Zugleich wurde ihm in Afrika bewusst, dass das abendländische Verständnis von Religion keinesfalls universell gültig ist. »Nehmen wir beispielsweise die Grundfrage der Theodizee – warum existiert das Böse? In Kamerun gilt diese Frage als völlig unbedeutend, das interessiert dort niemanden«, erzählt Boyer in Frankfurt, wohl wissend, dass dies für die anwesenden Theologen wie ein Affront klingt. Religion ohne Theodizee – darf man das überhaupt als Religion bezeichnen?

Während einige Zuhörer nervös auf ihren Sitzen hin und her rutschen – ob wegen der Hitze oder der ungewohnten Argumentation, ist schwer zu beurteilen –, kommt der Anthropologe nun erst so richtig auf Betriebstemperatur. Fast fröhlich erklärt er seinem Publikum, dass Theologen und Religionsforscher leider »häufig aneinander vorbeireden«. Während die einen ihre theologischen Auslegungen im Blick hätten, würden Forscher wie er die Religion als »weitverbreitetes soziales Phänomen« betrachten und deshalb ganz andere Aspekte sehen. »Das ist wie in der Literaturwissenschaft: Die einen beschäftigen sich mit Shakespeare, Joyce und so weiter; die anderen studieren die Auslagen der Bahnhofsbuchhandlungen, weil diese Massenliteratur weiter verbreitet und für die meisten Menschen wichtiger ist.«