Evolution Der sanfte AtheistDer sanfte AtheistSeite 3/3
Der Anthropologe bestellt sich einen Salat und ein großes Mineralwasser und lehnt sich ermattet in seinem Stuhl zurück. Er sei solcher Diskussionen inzwischen ein wenig müde, bekennt er. »Die Debatten zwischen Wissenschaftlern und Theologen sind leider sehr vorhersehbar. Da wird stets gesagt, dass Wissenschaft mit Fakten, Religion aber mit Sinn und Bedeutung zu tun habe – und damit hat sich’s dann meist.« Natürlich müsse er eingestehen, dass auch er die letztgültige Struktur des Universums nicht kenne und daher nicht sagen könne, ob es da noch »etwas Höheres« gebe. Aber mit schwammigen Bezügen auf irgendwelche transzendenten Wahrheiten will sich der Forscher eben nicht zufriedengeben. »Ich möchte gerne eine klare Antwort vonseiten der Theologen, wie sie das, was außerhalb der wissenschaftlichen Beschreibung liegt, bezeichnen.«
»Manche Religionskritiker tun so, als hätten Gläubige gestörte Hirne«
Boyer selbst glaubt, dass auch die meisten »Sinnfakten« letztlich mentale Phänomene sind, deren Ursache psychologisch und neurobiologisch erklärbar sei. Aber für andere Perspektiven ist er durchaus offen. Fröhlich erzählt er davon, dass sein Kollege, der Evolutionspsychologe Justin Barrett, ein überzeugter Christ sei. »Dass Gott existiert und dass es der Sinn des Lebens ist, einander zu lieben – davon ist Barrett, anders als ich, felsenfest überzeugt. Dennoch sind wir zwei uns, wenn es um die wissenschaftliche Erforschung der Religion geht, witzigerweise in allem einig.«
Nein, so leicht lässt sich Pascal Boyer in keine Schublade stecken. Und genauso, wie er religiöse Weltbilder dekonstruiert, hinterfragt er auch die Prämissen von Gottesgegnern wie Richard Dawkins. Von dessen militantem Atheismus sei er »ziemlich irritiert«, bekennt Boyer am Ende unseres Gesprächs. »Diese Religionskritiker scheinen zu behaupten, dass Menschen religiös werden, weil ihre Gehirne sozusagen nicht richtig funktionieren oder weil sie zu begrenzt sind oder weil sie einer Gehirnwäsche unterzogen wurden. Und die ›Lösung‹ bestünde demnach einfach darin, die Menschen aufzuklären, damit sie die Welt wieder ›richtig‹ – also atheistisch – interpretieren. Mir scheint, jeder einzelne Schritt dieser Argumentation ist falsch.«
Schließlich lehre doch gerade die Evolutionsbiologie, dass der religiöse Glaube ganz natürlich sei, »dass es die normale Funktionsweise des Gehirns ist, religiöse Vorstellungen zu entwickeln«, sagt der Anthropologe. Wie man daraus folgern könne, religiöses Denken sei eine Art »falsches Denken«, das sei ihm einfach nicht klar, bekennt Pascal Boyer. »Entweder hat Dawkins mein Buch nicht richtig gelesen – oder nicht richtig verstanden.«
Dass er sich mit solchen Argumenten weder bei bibeltreuen Gläubigen noch bei fundamentalistischen Gottesgegnern beliebt macht, scheint den Wissenschaftler nicht zu stören. Er vertraut bei der Erforschung der Religion offenbar seinem eigenen Kompass. Wäre er nicht so areligiös, müsste man wohl sagen: Der Mann hat ein unerschütterliches Gottvertrauen.
- Datum 17.09.2009 - 16:20 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 14.08.2008 Nr. 34
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... der Hunger auf mehr macht. Allein ich glaube, dass wenn man Religion bzw. ihren Ursprung im Menschen erforschen will, man die Frage nach dem Vorhandensein oder Fehlen einer zentralen Gottesfigur verzichten muss. Natürlich resultiert daraus eine Restunsicherheit der Theorie aber das Gebilde, das wir Religion nennen hat den Gottesglaube meines Erachtens nach nur als, wenn auch wichtigen, Kern alles drumherum müsste sich dann doch aber klären lassen, oder? Ein tolles Thema zum nachdenken.
Richard Dawkins und Christopher Hitchins sind bekannte Beispiele von Religionskritikern. Ganz im Einklang mit Pascal Boyer wird Religion zusammenfassend bei ihnen als ein ideologisierter Aberglaube gesehen - also nicht als Menschen mit Gehirn-Fehlfunktionen wie Pascal Boyer hier behauptet. Der Hauptkritikpunkt liegt nicht im Glauben an transzendenten Wesen, sondern an den Auswirkungen von unaufgeklärtem Gedankengut. Folter, Kriege, unterlassene Hilfeleistung sind historisch (also auch aktuell) direkte Kinder einer bedingungsloser Religiösität.Religionskritiker raten eher Max Frisch als die Bibel zu lesen um für's Leben zu lernen. Kinder sollen keine Angst vor einem strafenden Gott haben, sondern motivierte Moral entwickeln. Frauen nicht beschnitten werden und Aidskranke beim Geschlechtsverkehr nicht Kondome meiden. Predigern soll nicht unkritische Glauben geschenkt werden, aufgrund ihrer konfessionellen Autorität. Das Gehirn soll im vollem Maße benutzt werden, denn es ist immernoch das wunderbarste Instrument der Weltgeschichte.Die gängigen Religionen sollten durch eine Tradition des aufgeklärten, humanistischen Geistes ersetzt werden. Sich jeden Sonntag treffend und nicht einen unantastbaren Gott preisen, sondern den Humanismus der uns ein freies Leben ermöglicht.
Nun, der aufgeklärte, humanistische Geist soll `s also richten. Aber der hat doch auch schon ein paar Jährchen auf dem Buckel. Und als es mit der Aufklärung so richtig vorwärts ging, in der französischen Revolution, gabs da nicht auch ein paar Geschädigte?Hat sich nicht auch Erich Mielke (völlig zu recht) als Humanist bezeichnet?, schließlich waren er und seine Genossen im Besitz der einzigen wissenschaftlichen Weltanschaung, die die Menschheitsentwicklung von der Höhle bis zum Sieg des Sozialismus objektiv und luzide erklären konnte.
Nun, der aufgeklärte, humanistische Geist soll `s also richten. Aber der hat doch auch schon ein paar Jährchen auf dem Buckel. Und als es mit der Aufklärung so richtig vorwärts ging, in der französischen Revolution, gabs da nicht auch ein paar Geschädigte?Hat sich nicht auch Erich Mielke (völlig zu recht) als Humanist bezeichnet?, schließlich waren er und seine Genossen im Besitz der einzigen wissenschaftlichen Weltanschaung, die die Menschheitsentwicklung von der Höhle bis zum Sieg des Sozialismus objektiv und luzide erklären konnte.
zumindest soweit er dazu verhelfen kann, zwischen dem bedürfnis nach spiritualität und dem bedürfnis danach, immer auf auf der richtigen seite stehen zu wollen, nämlich der macht, zu unterscheiden und weiter unterscheiden zu lernen. je mehr es um macht und teilhabe an bzw. übernahme von macht selbst geht, so meine these, umso stärker die tendenz zu mono- als mono-kausalität, monotheismus. einerseits.
denn andererseits nimmt auch das denken in mono-formen immer mal wieder recht freiheitliche züge an. beispielsweise in einem islam, der jeden menschen of all three sexes als statthalter des 'einen' in seiner undenkbaren vielheit versteht und von da ausgehend der menschlichen unter- wie entscheidungsfähigkeit einen so hohen stellenwert einräumt, dass jede/r einzelene sich in anbetracht seiner direkten verantwortlichkeit ständig die frage stellen muß, ob oder ob nicht er/sie gegenüber diesem oder jenem ausdruck von organisierter macht in gedanken wie taten in die knie geht oder nicht. beispielsweise.
was bleibt übrig? zum einen die spiritualität. die lebt jede/r ganz höchstpersönlich und meistens, wie mich die erfahrung gelehrt hat, ziemlich synkretistisch. was anders wohl auch garnicht geht. weil die schönheit, die der welt, der menschen und beider ausdrucksmöglichkeiten, immer wieder überwältigend ist. und zum anderen die menschlichen organisationsformen. die sind oft genug ziemlich erschreckend und haben mit schönheit wenig bis garnichts zu tun. und zum dritten der gedanke, dass es möglich sein muß, nicht nur in gedanken sondern auch in taten über das denken in mono-rabumsich hinauszukommen. ohne alle anderen besoffen zu reden.
äh selektion? das mit der selektion habe ich so nicht gefunden. kann aber auch daran liegen, dass mein begriff von evolution nicht mit dem öden,schnöden,blöden darwin für den kleinen mann endet. kann allerdings auch daran liegen, ich habe es überlesen, weil ich von anderen immer erst mal nicht gleich das allerschlimmste annehme. nu - geh ich eben noch mal lesen... falls aber in der redaktion wer gedacht hat, der artikel selbst müßte noch ein bißchen aufgepeppt werden, kann ich jetzt schon sagen, war's ein mißgriff und reine buhlerei um die gunst des publikums.
wird es ja wohl nicht sein, wenn Sie, werte Rahab, Ihren Begriff von Evolution ins Spiel bringen, der nicht mit "dem öden,schnöden,blöden darwin für den kleinen mann endet" und der, wenn ich das richtig verstanden habe, ohne Selektion auskommt. Vielleicht könnten Sie ja mal bei Gelegenheit in drei mittellangen Sätzen erklären, worin sich der Evolutionsbegriff der großen Frau von dem des kleinen Mannes unterscheidet? Würde mich echt interessieren.
wird es ja wohl nicht sein, wenn Sie, werte Rahab, Ihren Begriff von Evolution ins Spiel bringen, der nicht mit "dem öden,schnöden,blöden darwin für den kleinen mann endet" und der, wenn ich das richtig verstanden habe, ohne Selektion auskommt. Vielleicht könnten Sie ja mal bei Gelegenheit in drei mittellangen Sätzen erklären, worin sich der Evolutionsbegriff der großen Frau von dem des kleinen Mannes unterscheidet? Würde mich echt interessieren.
Nun, der aufgeklärte, humanistische Geist soll `s also richten. Aber der hat doch auch schon ein paar Jährchen auf dem Buckel. Und als es mit der Aufklärung so richtig vorwärts ging, in der französischen Revolution, gabs da nicht auch ein paar Geschädigte?Hat sich nicht auch Erich Mielke (völlig zu recht) als Humanist bezeichnet?, schließlich waren er und seine Genossen im Besitz der einzigen wissenschaftlichen Weltanschaung, die die Menschheitsentwicklung von der Höhle bis zum Sieg des Sozialismus objektiv und luzide erklären konnte.
Schön ists zu reden, wenn man nur so strotzt voller Kraft und nicht ums tägliche Brot ringen muß. Nun, die alten Griechen haben da schon auf diesem Feld kräftig geackert. Die Chinesen sowieso. Die Christen haben sich dann viele Glaubenswahrheiten von den alten Griechen und Juden ausgeliehen. Nach Heraklit, viel Wissen heißt noch lange nicht Erkenntnis haben. Viel hat man schon erreicht den anderen zuzuhören. Ein ewiger Menschheitstraum, woher komme ich und wohin gehe ich! Was ist der Mensch im nicht endenden Weltall. Meine naive Meinung zu den Religionen ist, sie wollen den Menschen irgendwie einen Sinn geben im kommen und gehen der Generationen. Doch wie immer überall, Fanatiker legen Nagelbretter mit den Spitzen nach oben. Das schlimmste im Menschenleben ist, wenn er vom Menschen ausgebeutet und drangsaliert wird. Haben wir das nicht jeden Tag irgendwie unterschwellig. Wenn mir der sanfte Atheist garantiert, dass er es abschafft, hat er eine neue Religion gegründet. Warum nicht!
Gerhard S. - nur so am rande kleine einsprengselung:Sie sagen dawkin hätte gesagt, ein vollkommenes Wesen könne nur vollkommenes schaffen und da wir unvollkommenes vor uns hätten, gäb es ihn nicht.Gegenfrage: kennen sie denn eine andere welt noch, als diese einschließlich all ihrer und aller anderen menschen träume und vorstellungen?Wenn nicht - woher wissen sie denn, dass das Universum nicht vollkommen eingerichtet ist, sondern unvollkommen? Sie benötigten doch dazu einen Vergleich, also ein anders universum, nicht?Von daher taugt diese dawkinische 'beweisführung' nur als amüsement etwas - dawkin, den ich selbst nun schon erleben durfte , ist ein typischer verschmitzter Brite, dem der Schalk aus den Augen leuchtet und der es liebt zu streiten und auch einmal 'gewagte' positionen um des diskurses willen in den raum zu schmeissen.
Den Artikel finde ich persönlich im großen und ganzen gut - nur eine Sache, eine ernstgemeinde Kritik daran:Sie reden von Evolution - und behandeln das thema eigentlich nicht wirklich, außer das gesagt wird, dass eigenschaften, die einen evolutionären Vorteil generiert haben sollen, zugleich grundeigenschaften für eine religiöse auffassung seien.Auch dies hier bereitet mir Probleme:"Schließlich lehre doch gerade die Evolutionsbiologie, dass der
religiöse Glaube ganz natürlich sei, »dass es die normale
Funktionsweise des Gehirns ist, religiöse Vorstellungen zu entwickeln«,
sagt der Anthropologe. Wie man daraus folgern könne, religiöses Denken
sei eine Art »falsches Denken«, das sei ihm einfach nicht klar, bekennt
Pascal Boy"Von was wird hier geredet, wenn von 'religiös' geredet wird?Heisst hier: a.) 'religiös' steht für irgendeine transzende macht (?), deren man sich auch bewußt ist und denen man bestimmte wie auch immer geartete eigenschaften zuspricht - was bereits auf soetwas wie Astrologie, Kartenlesen usw.. zutreffen würde, oderb.) ist 'religiös' hier einfach ein synonym für 'sympathisch' (Mitleidend - eine weltauffassung, in der man gegenständen und verhältnissen 'natürlich' anthropomorphisiert - also so tut, als ob sie gefühle hätten und bnewußt handeln könnten, was einem selbst aber nicht bewußt sein muss) ?Was gar nicht beruhrt wurde, war evolution innerhalb von verschiedenen denkgebäuten, die man als religiösen oder religiöse weltanschauungen bezeichnen könnte und die bzl. von Menschengruppen diese einen selektionsvorteil verschaffen können (und somit auch sich selbst).Sozusagen um die Metapher aufzugreifen im Artikel: welche Bücher auf dem bahnhofskiosk werden lieber gelesen, warum ist das so, und nach welchen Regeln verändert sich Angebot und Lesergeschmack :PSo wird leider in meinen Augen auf die fundamentale bedeutung von Religion/Weltanschauung zu wenig eingegangen in dem Artikel, vor allem, da nicht genau geklärt wird, was alles unter das soziale Phänomen 'Religion/Religiösität' fällt; z. b. in Hinblick darauf, inwieweit auch Ideologien und sonstige denkgebäute, z. b. politische ebenfalls darunter fallen (können).Mit freundlichen grüßenZagreus
Die Vorstellung von Gott gemäß den Weltreligionen ist eine sehr einfache.
Wie eine Vaterfigur straft und belohnt er, stets mit erhobenem Zeigefinger.
Ob diese Vorstellung Wahr ist, ist für mich keine Diskussion wert.
Für mich ist viel interessanter, woher diese Autoritätssucht eigentlich kommt, die immer einher geht mit dem Wunsch nach GERÄCHTigkeit.
Ich denke, dass der Glaube eine wichtige Funktion im menschlichen Leben ist und es viele Menschen gibt, die das einfach brauchen, um nicht total auszuflippen.
Wie könnte sonst der Bauer in der "3.Welt", bei 40°C, 14 Stunden auf dem Feld ackern? Ohne ein happy end vor Augen, könnte ihm die Arbeit und das ganze Leben ein noch viel bittereres sein. Ich glaube eines solchen Menschen Gott zu "töten" ist keine Hilfe, wenn man das entstandene Hoffnungs-Vakuum nicht füllen kann.
Eine riesige Hilfe wäre es aber für die Menschen der "1.Welt". Diese Menschen müssen sich klar darüber sein, dass die Zukunft unserer Welt in unseren Händen liegt und sich nichts erhalten lässt, wenn wir es zerstören.
Wie zB Glaubenshaltung in Sachen Wirtschaft, die besagt, dass uns der Markt von alleine eine bessere Welt schafft, wenn wir ihn nur machen lassen.
Oder der Glaube im Alltag, der die Menschen dazu verurteilt mit ihrem allmächtigen Gewissen ständig im Konflikt zu stehen, denn "Gewissensbisse erziehen zum Beißen ( Zitat F.Nietzsche )".
Wenn es geschafft ist, den Glauben da zu überwinden, wo er unnötig und hinderlich ist, kann man auch dem Menschen der "3.Welt" in die reale Welt holen, in dem man ihm die ernstgemeinte Grundlage auf eine reale Hoffnung gibt.
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